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No. 34 48. Jahrgang

Lviesbadener Tagblatt (Morgen-AuSgabe). Bering: Langgasse 27.

81. 1900. Seite 8,

HasideBsfheil desWiesbadener Tagblatt 11 «

Börsenwoche*

(Aas dem Wochenbericht der Deutschen Genossenschafts-Bank von Soergol, Parrisius & Co. Commandile Frankfurt a. M.) frantiCiirt n. M.» 19. Januar. Dia Spannung, mit welcher allenthalben die Vorgänge auf dem Kriegsschauplatz in Südafrika verfolgt werden, hat auf den Verkehr einen lähmenden Einfluss ausgeübt. In London war man über das unbegreifliche Ausbleibon jeder Nachricht beunruhigt und Gerüchte wollten bereits wieder von neuen Schicksalssehlägen wissen, während optimistische Stimmen grosse Siege für die englischen Waffen zu prophezeien wagten. Die Zurückhaltung der Spekulation in einem Moment, der vielleicht die wichtigste Entscheidung im Kriege bringen wird, ist sehr erklärlich. In gleicher Weise ist es begreiflich, dass man in Deutschland noch weit vorsichtiger ist als in England, wo die jüngsten Meldungen über die Opera­tionen in Natal den Optimismus wieder üppig haben in das Kraut schiessen lassen. Ein neuer Misserfolg würde unabsehbare Folgen haben müssen. Schon jetzt ist die Stimmung im Lande schwierig: die Vorwürfe gegen das Kabinett häufen sich; die Beschwichtigungsversuche der Minister haben so wenig Erfolg, dass die neuliche Rede des sonst so hochgeschätzten' Balfoür auf eine recht höhnische Kritik stiess. Nur ein Waffenerfolg wird diese grollende Unzufriedenheit länger im Schach halten können. Noch liegt aber ein solcher nicht vor und die Hausse der Londoner Börse greift daher den Ereignissen voraus. Wenig Ursache für eine Steigerung der Minencourse geben auch die Nachrichten, welche über drückende Besteuerung des Minenbetriebs herüberdringen. Man berechnet, dass diese Steuer den gesummten Reinertrag, den die Minen bisher für die Aktionäre abgeworfen h^ben, konsumiren müsste. Für die letzteren sind das freilich schlimme Aus­sichten, aber es ist wohl nicht zu erwarten, dass noch so laute und bewegliche Klagen den um seine Existenz fechtenden Staat von einer Massregel abschrccken werden, die er zum Zweck seiner Selbsterhaltung für nothwendig erachtet. Auch hier muss also alle Hoffnung auf einen endlichen und völligen Sieg der englischen AVaffen gestellt ./erden. Der allgemeinen Situation des Marktes kam sehr zu Statten, dass die Geldverhältnisse eich weiterhin in ganz überraschender Weise günstig gestaltet haben, und zwar bei uns nicht minder als in London. Es war bei der grossen Spannung zwischen Privatsatz und Bank­rate allerdings vorauszusehen, dass sich der Rückfluss bei der Jteichsbank im Lauf dieser Woche in ungemein schnellem Tempo vollziehen würde. Der Ausweis hat diese Erwartungen noch über­troffen. Die Spannung gegen das Vorjahr ist fast völlig ver­schwunden, wenn man davon absieht, dass der Banksatz heute ein volles Procent höher ist. Auch zeigt der Bestand der Wechsel­anlage, der trotz der Verminderung von 110 Millionen (fast das Doppelte des Vorjahrs) noch um 176 Millionen über den vor­jährigen hinausgeht, dass das Kreditbedürfniss noch immer ein un­gleich höheres ist als im Vorjahr. Aber gleichwohl ist die starke Zunahme des Metallbestands (um 45 Millionen) und der Rückgang d$s steuerpflichtigen Umlaufs von 209 auf 47Millionen ein hoch­erfreuliches Zeichen, das heute schon eine abermalige Herabsetzung des Reichsbankdiskonts in sichere Aussicht stellt. Denn noch in\mer ist die Spannung der offiziellen Rate gegen den Privat­diskont nahezu 2 pCt.; die Bank wird also in der Lage sein, ihre Reserve rasch und ansehnlich weiter zu stärken. Auf der anderen Seite darf sie eine so grosse Differenz gegen den Markt­zinses natürlich nicht auf die Dauer bestehen lassen; sie wird daher wohl bereits bei Beginn der nächsten Woche den Satz auf 5 pÖt. ermässigen, eine Massregel, auf die schon das Vorgehen der Bank von England, deren Rate nur noch 4 1 /* pCt. beträgt, vorbereitet hat. Die letztere hat sich zu diesem Schritt ent­

schlossen, um die Kontrolle über den Markt nicht zu verlieren. Aber obgleich in London zur Zeit eine noch grössere Geld­fülle am offenen Markt herrscht als hier, so mahnen doch die unmittelbaren Aussichten zur Vorsicht. Denn an die Bank sind bereits wieder grosso Ansprüche von Seiten des Auslandes gestellt worden, die sie nur mit Mühe aus ihren Eingängen hat decken können. Besonders ist der starke Goldbegehr für Indien und der andauernd steigende Wechsel- cours besorgnisserregend. Da nun auch bei uns der Cours für Check London sich noch sehr nahe am Goldpunkt bewegt, so wird die Reichsbank der Bewegung der Wechselkurse grosse Aufmerksamkeit schenken müssen. Ein Ereigniss von ziem­licher Tragweite ist die Wiederherstellung der Produktenbörse in Berlin. Es ist noch erinnerlich, wie vor 3 Jahren die Frage der Zusammensetzung des Börsenvorstandes, in welchem land­wirtschaftliche Mitglieder ohne Befragen der Börse delegirt werden sollten, den Anstoss zur Auflösung der Börse gab. In dieser Frage ist man nunmehr den Wünschen der Kaufmann­schaft gerecht geworden und hat dio Wählbarkeit auch dor land­wirtschaftlichen Mitglieder des Börsenvorstandes zugestanden. Auf Grund der erzielten Einigung soll nunmehr eine neue Börsenordnung erlassen werden, dio auch das handelsrechtliche Lieforungsgeschäjt regeln wird. Es steht zu hoffen, dass diese Regelung der Verhältnisse sich nunmehr für alle betheiligten Kreise als segensreich erweisen wird. Trotz der grossen Zurück­haltung, welche während der Woche herrschte, haben die Course doch eine nicht unwesentliche Steigerung erfahren. Der am Wochenschluss von London ausgehenden festen Tendenz konnten sich die inländischen Märkte doch nicht völlig ent­ziehen. An dieser Steigerung haben auch die Bank wert he An­teil, für welche sich regeres Interesse zeigte. Namentlich sind Disconto-Commandit fast 2 pGt. höher als in der Vorwoche. Das Hauptaugenmerk dos Marktes war indessen wieder auf die Montanworthe gerichtet, bei denen sich die alte Vorliebe geltend machte. Insbesondere standen Kohlenaktion in Gunst. Die Nachricht, dass die Staatsbahnverwaltung einen Abschluss von 500,000 Tonnen zu einem um 2 Mark erhöhten Verkaufspreis gemacht habe, lenkte die Aufmerksamkeit auf die führenden Kohlenwerths, von denen namentlich Hibernia um fast 5 pCt. stiegen. Auch Gelscnkircher und Ilarponer sind gebessert. Weniger beachtet waren die Hüttenaktien, bei denen sogar Operationen der Contremine sich bemerkbar machten. Nament­lich Dortmunder wurden unter Berufung auf die angebliche Kapitalserhöhung angegriffen. Nur Bochumer und Laura haben kleine Besserungen zu verzeichnen. Die Renten werthe lagen fest. Spanier setzten ihre aufwärtssteigende Bewegung unauf­haltsam fort. Auch Italiener und Argentinier sind behauptet. Die einheimischen Fonds sind um Bruchtheile gebessert.

Her General-SSireUlor des Norddeutschen Iiioyd Uber die Wirlniug des südafrikanischen Kriegs auf den deutschen Handelsverkehr. Ein

Berichterstatter derTägl. Rundsch. hat kürzlich mit Herrn General-Direktor Dr. Wiegand eine Unterredung über die Wirkung des Transvaalkriegs auf den deutschen Handelsverkehr gehabt, aus der wir Einiges wiedergeben wollen. Was gegenwärtig sich am empfindlichsten geltend macht, und was bei längerer Fort­dauer des Kriegs sich voraussichtlich noch verschlimmern wird, das ist die Steigerung der Kohlenpreise. Da England infolge des Kriegs an seine Kohlenproduktion aussergewöhnliche Ansprüche stellt, ist die englische Kohle im Preis gestiegen. Dio gleichzeitige Steigerung der Kohlenfrachten nach all den Häfen, in denen englische Kohle bei dem Schiffsverkehr zur Verwendung gelangt, macht diese Steigerung der Kohlenpreise doppelt bemerkbar. Empfindlich wird sich für die deutsche

Industrie die Steigerung der Kohlenpreise überhaupt bemerkbar machen, denn die Steigerung der englischen Kohlenpreise wird ihre Rückwirkung auf die deutschen Kohlenpreise ja umso mehr ausüben, als Deutschland in Folge der schnell gewachsenen An­sprüche seiner Industrie z. Z. nicht mehr in der Lage ist, durch seine eigene Produktion seinen Kohlenbedarf zu decken. Eine weitere unangenehme Wirkung für Deutschland, welche der Krieg verursacht, ist ohne Zweifel das Auf bringen deutscher Dampfer durch englische Kriegsschiffe, und die dadurch verursachte Verzögerung der Ablieferung derWaare am Bestimmungsorte. Wiederholte Beschlagnahmen deutscher Dampfer worden zur Folge haben, dass unsere überseeischen Kunden in 8üdafrika es vorziehen werden, ihre Waaren von Produktionsländern zu beziehen, deren Transportverbindungen nach Südafrika nicht gleicher Gefährdung unterliegen. Der­artige Verschiebungen von Handelsverbindungen, dio während eines Krieges eintreten, führen aber leicht dazu, dass dio neue Verbindung dauernd die ältere ersetzt. Vor solchen ein­schneidenden Massregeln eines kriegführenden Staates gegen neutrale deutsche Schiffe sollte uns jeder Zeit eine genügend starke Flotte schützen. Das Gefühl der Ohnmacht, das gegenüber solchen Vorgängen das deutsche Volk ergreift, wird die Ueber- zeugung von der Notliwendigkeit der Flottenverstärkung mehr wie alles Andere zu schnellem Durchbruch bringen. Die Notli- wendigkeit der Versorgung eines stets wachsenden Bruchtheilos unsererBevölkerung mit fremdländischerZufuhr lässt auch nach einer anderen Seite hin als Folge der Erscheinungen des Transvaal­krieges eine energische Vermehrung der deutschen Flotte als unvermeidlich erscheinen, nämlich gerade in Rücksicht auf dio aktuelle Möglichkeit eines Krieges. Indem England das Recht in Anspruch nimmt, den Verkehr neutraler Schiffe zwischen neutralen Häfen unter seine Kontrolle zu bringen und selbst Nahrungsmittel für Kriegscontrobando erklärt, entfällt für uns in Zukunft die Möglichkeit, im Falle einer Blockade deutscher Häfen unsere nothwendigen Zufuhren an Lebensmitteln während der Dauer eines Krieges über Holland und Belgien zu beziehen, ja es wird nicht einmal der Blockade deutscher Häfen bedürfen, um den Verkehr neutraler Schiffe mit diesen Häfen, so%eit sie Lebensmittel führen, lahmzulegen. Die Aufgabe der deutschen Flotte im Falle eines Krieges wird sich daher nicht darauf beschränken können, die deutschen Küstenplätze von einer Blockade freizuhalten, sondern sie muss die Zufuhrwege nach den deutschen Häfen und eventuell denen Hollands und Belgiens offen halten, mit anderen Worten, sie muss unter Um­ständen auch dem Gegner auf offener See fern von der deutschen Küste begegnen können. Damit erwächst ihr eine ganz neue Aufgabe, für welche die gegenwärtige Flotte zweifellos nicht hinreicht.

uc. Itiliaberweclisel tiei einer offenen Handels­gesellschaft. Nach Artikel 113 des Handelsgesetzbuches haftet jeder in eine bestehende Handelsgesellschaft neu ein­tretende Gesellschafter gleich den anderen für alle vor seinem Eintritt eingegangenen Gesellschaftsschulden. Diese Bestimmung findet jedoch keine Anwendung hinsichtlich eines Theilliabers, der in eine nur aus zwei Personen bestehende Handelsgesellschaft gleichzeitig mit dem Ausscheiden des einen Theilhabers an dessen Stelle tritt. (Urtheil des R.-Ger. VI. Civ.-Sen., vom 18. September 1899, Nr. 171/99.)

Telegramme.

Paris, 19. Januar. Dem amtlichen Bericht der Zolldirektion zufolge betrug 1899 der Werth der Einfuhr 4,217,150,000 Francs gegen 4,472,552,000 Francs in 1898, der Werth der Ausfuhr 3,899,142,000 Francs gegen 3,510,900,000 Francs.

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