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Bliitwran^cn,

süsse Fracht, empfiehlt 81

E. II. Klein, 1 . Kleine Burgstrasse 1

1. Beilage au» Wiesbadener Tagblatt.

Ua. 32. Ulorgett-Ausgabe.

Samstag, den 20. Jamrar.

48. Jahrgang. 1900.

( 22 . Forlfetzuiig.)

(Nachdruck verboten.)

Der Grk)elmpo!l;;st.

Kriminalerzähliilig von ß. v. Hrwakd.

. „So ließe sich die Sache in der Thal ermöglichen. Und bei Nacht?"

„Ist die Sache noch viel einfacher. Der Anfscher bekleidet den Gefangenen, zu dessen Zelle er ja den Schlüssel hat, i»lt einem zn diesem Zweck mitgebrachten Dicnstmantcl Käppi, und kein Wachtposten wird zwei uniformirte Ansseher, die das Losungswort zn geben wissen, anhalten'"

„Haben Sie bestimmte Anhaltspunkte für die Voraussetzung, daß etwas Achnlichcs im Werke sei?"

„Sie wissen wohl, daß unsere Gegner zn schlau sind, «m sich so leicht ertappen zn lassen. Was mir bange macht, ist vor Allem die immer heiterer werdende Slimmuiig des Angeklagten. Bei seiner letzten Vorführung warf er mir einen Blick zu, als wollte er sagen: Du wirst bald Dinge erleben, die Dich wundern werden!"

„Diese Heiterkeit hat mich auch schon lebhaft beunruhigt. Sie wäre ganz erklärlich, wenn man annehmen wollte, daß er Mais, der Ausrufer, sei, ein Mann, der schon öfters im Gefängniß war und überzeugt ist, daß die Sache nicht mehr lange dauern kann."

„Da er dies aber nicht ist . . ."

„Ist seine Heiterkeit ein sehr bedenkliches Sympton, ich gebe cs zu."

„Handeln wir nicht rasch, so kommt er uns zuvor!"

Der Untersuchuiigsrichtcr ging unschlüssig ans und ab. „Angenommen, man ließe ihn hinaus, was dann?"

„Dann würde ich ihm folgen wie sein Schatten!"

„Das beste Mittel, ihn vor jedem unklugen Schritt zu beivahren!"

„O, er würde mich nicht erkennen!"

„Glauben Sie sich so gut verkleiden und verstellen zu können?"

„Ich wäre ein schlechter Polizist, wenn ich diese Dinge, die znni A-B-C unseres Metiers gehören, nicht verstünde!"

„Wollen Sie mir eine Probe davon geben?"

. „Mit dem größten Vergnügen! Zwar bin ich noch weit davon entfernt, diese Kunst in dem Grade zu beherrschen, in welchem ich mir sie zn eigen machen möchte, aber ich mache mich doch anheischig, innerhalb der nächsten Tage eine Viertelstunde mit Ihnen zu reden, ohne daß Sie mich erkennen!"

„Das wäre!"

„Herr Untcrsnchungsrichter haben nur zu befehlen, wenn Sie wünschen, daß ich Ihnen den Beweis liefere!"

„Gut! In den nächsten Tagen also!"

„Und wenn es gelingt?"

„Werde ich mir Ihren Vorschlag reiflich überlegen!"

Wcltli ging, froh, daß er nun so weit gekommen war.

Am nächsten Morgen wurde dem Untersuchungsrichlcr ein Gärtncrgehülfe gemeldet, der ihn in einer wichtigen Sache zn sprechen wünschte. Er ließ ihn vor.

Ein Bursche von etwa vier- bis fünfundzwanzig Jahren, mit jenem dummschlancn Gcsichtsausdruck, wie ihn die ländliche Bevölkerung der Brctaigne anfzuwcisen pflegt, trat ein und machte einen linkischen Kratzfuß.

„Was wollen Sie?" frug der Richter.

Der Bursche lächelte. „Euer Gnaden haben da eine Untersuchung vor gegen den Mörder in der Aniskapelle," begann er, „und da könnte ich am Ende Euer Gnaden auf die Sprünge helfen!"

„Was wissen Sie davon?"

„Halt, Euer Gnaden, so schnell geht das nicht! Wenn ich das sage, was ich weiß, dann könnte ich noch am Ende meine Stelle los werden, rmd von unserm Obergärtner noch eine Tracht Prügel dazu kriegen."

„Es würde Ihrem Obcrgärtncr sehr schlecht bekommen, wenn er Sie deshalb mißhandeln sollte, weil Sie der Justiz einen Dienst leisten!"

„Wenn Sie ihn auch ein paar Tage ins Loch stecken, davon würde mein Rücken nicht wieder heil, und meine Stellung wäre ich auf alle Fälle los!"

„Dann wird sich leicht eine andere für Sie finden lassen!"

„Ja, ja! Mit Versprechungen sind die Herren immer rasch bei der Hand, aber versprechen und halten ist zweierlei!"

„WaS wollen Sie für eine Garantie haben?"

„Eine, die in der Tasche klingt so laut, daß man nicht einmal die kräftigsten Schcltworte dabei hören kann!"

„Wenn Sie uns tvirklich eine Aufklärung von Wichtig­keit geben, so sollen Sie auch eine entsprechende Belohnung erhalten."

„Wieviel?"

„Das hängt davon ab, was Ihre Miltheilung werth ist!"

„Tausend Francs?"

„Das ist viel verlangt!"

„Unter dem thue ich's nicht!"

„Ich sage Ihnen, ich muß erst wissen, ob Ihre Mit- theilnng wirklich von solcher Wichtigkeit ist, daß sie eine Belohnung von solcher Höhe verdient!"

„Na ja, die Katze im Sack können Sie freilich nicht kaufen. Also meine Herrin, oder vielmehr die Frau von meinem Herrn, die hat einen Ohrring verloren mit einem sehr großen Brillanten!"

„Wer ist Deine Herrin?"

„So dumm werde ich sein, und das sagen! Erst das Geld!"

„Wofür? Für die Mittheilung, daß Deine Herrin einen Ohrring verloren hat?"

„Sie lassen einem ja nicht ausreden! In der Kneipe, wo ich Abends immer hingehe, im blauen Anker, da ist auch manchmal ein alter Polizeibeamter, der Vater Halbnudhalb, wie sie ihn nennen, weil er immer gern einen Gemischten trinkt!"

„Hm!"

„Na, und der frng mich, sowie ich erzählte, daß meine Herrin, oder vielmehr die Frau von meinem Herrn, einen Ohrring verloren hat, wann das gewesen wäre. Na, und da sagte ich cs ihm, und da kam es heraus, daß cs an dem Tage gewesen ist, wo der Mord in der Aniskapclle auch gewesen ist! Und da . . ."

„Ist das sicher?"

„Sonst hätt's doch keinen Zweck, daß ich zu Ihnen käme! Na, und der Vaier Halbnudhalb, wie ich den Ohr­ring beschrieb, so wie mir ihn die Frau von unserm Herrn beschrieben hat, weil sie meinte, sie könnte ihn wohl im Garten verloren haben, ja, der Vater Halbundhalb, der war ganz aufgeregt und meinte, das wäre sehr wichtig und ich

sollte heut Früh gleich zu Ihnen gehen, Herr Untcrsuchungs» richlcr! Na, und da bin ich!"

„Ich werde bei dem Generalprokurator beantragen, daß Ihnen eine entsprechende Belohnung zu Theil werde. Und dieses Hundertfrancsbillct erhalten Sie gleich, wenn Sie mir jetzt den Namen Ihres Herrn sagen! Wem gehört der Ohrring?"

„Wenn ich das wüßte!" rief der Bursche in ganz ver­ändertem Ton.

„Wcltli! Sie sind c« ?"

„Allerdings, Herr Untersuchungsrichter! Ist es nun immer noch Ihre Ansicht, daß Mais mich erkennen würde?"

„Nein! Sie haben mich völlig überzeugt. Aber ich habe noch ein anderes Bedenken!"

„Welches?"

„Sie haben gleich mir genügend Gelegenheit gehabt, sich von dem durchdringenden Scharfsinn des Angeklagten, von seiner überraschenden Geistesgegenwart zu überzeugen. Meinen Sie, er werde nicht bemerken, daß wir ihm eine Falle stellten?"

„Zweifellos wird er das!"

„Nun also!"

„Und wenn er es bemerkt, was thnt cs? Ich erwarte nicht, daß er, kaum dem Gefängniß entronnen, sich zu seinem Komplicen begeben wird. Aber er hat kein Geld! Er ist auch nur ein Mensch, und wenn er dcni Hunger eine ganze Weile Widerstand zu leisten vermag, schließlich wird derselbe sich doch geltend machen. Was dann? Dann wird er gezwungen sein, sich denen zu nähern, mit denen er früher in Verbindung gestanden hat. Im Augenblick aber, in dem er das thnn wird, ist er mir verfallen!"

„Wenn er nun aber flieht, in das Ausland geht?"

„Ohne Geld? Das dürfte ihm schwerlich möglich sein!"

„Und wenn er auf irgend eine Weise sich Geld verschafft, ohne daß Sie das zu hindern im Stande wären?"

„So folge ich ihm, und auf einen von Ihnen, Herr Untersuchungsrichter, anszustellenden Haftbefehl hin würden auch die Behörden deS Auslandes ihn festnehmen!"

„Wenn er Ihnen nun aber doch noch entschlüpfen sollte?"

„Meinen Kopf möchte ich znm Pfände setzen, daß ihm das nicht gelingt!"

„Wenn Sie im Stande sind, die Billigung Ihres Vorgesehen zu diesem Schritte zn erlangen, so will ich mcinestheils keine Einwendung erheben."

„Ein Versuch nach dieser Nichlnng hin würde mir freie Fahrt nach dem Jrrcnhause in Mazas eintragen! Sie wissen, Herr Untersuchungsrichter, wie Inspektor Marschal gegen mich gesonnen ist, glauben Sie nicht, daß er jede Gelegenheit benützt haben wird, mich nach oben hin anzu- schwärzcn?"

„Es ist wohl möglich! Das wäre allerdings zu berücksichtigen!"

„Und daß man jetzt in der Polizcipräfcktur überzeugt ist, daß ich ein Phantast bin, wenn nicht noch etwas Schlimmeres?"

„Was denn noch?"

„Ein Betrüger, der selbst den Untersuchungsrichter .. /

„Sprechen Sie es aus!"

„Selbst den Herrn Untersuchungsrichter hinter das Licht geführt hat!"

(Fortsetzung folgt.)

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