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28. Morgen Ausgabe.

( 20 . tfortftfeuiiß.) (Nachdruck verboten.)

Der Oehelmpoli-ist.

Keiminalerzählaiig von tz. v. Grivakd.

..Gehen Sie nach der Gerichtsschreiberei", sagte der Untersuchungsrichter dann zu Weitii. „Erkundigen Sie sich -^ vo„ n.en,e.r 5iollegen den Prozeß Clupet bearbeite.,' und er Mitteln Sie vo n rhm, wie jene Frau zu der Besuchs- erlanbnitz gekommen istl" ' '

Weltli beeilte sich diesen Auftrag anszuführen.

„Der besuch , meldete er, als er zurückkehrte bat auf Sot'unSl ^"5. stnttgefunden, welche die Tan'te"ClupetS ^ c ^ "Et Tagen an den Untersuchungsrichter Gralond zeruhtet hatte Vom Polizeikommissar dcS Viertels, in dem Louise Montard, die Schwester der Wittwe Clupet, wohnt, war bescheinigt, daß sie ihn in einer oringenden Familienangelegenheit zu sprechen wünsche."

„Vor acht Tagen schon! Dann kann der Besuch un­möglich mit unserer Sache in Zusammenhang stehen!"

k c,"v p J "'ächte sogar behaupten, beweisen zu können, daß dies der Fall ist!"

„Sie machen mich neugierig!"

in Aforu** w bis zur Rue Vaugirard ist,

n der die Alte wohnt, begab ich mich dorthin, traf sie aber leider nicht zu Hause, indessen erhielt ich von ihren Nach- barn ihr ungefähres Signalement. Sie ist groß, hager nnd yat, schon über die Sechzig hinaus, graues Haar!" selbst?" SDamt ^ ^ ie "iso nicht identisch mit der Besucherin

„Keinesfalls!"

„Und diese?"

„Müßte ermittelt werden!"

„Aber wie?"

„Vorläufig habe ich Vater Halbundhalb in die Stühe der Wohnung der Alten postirt, damit er mir sofort mittheile wann sie nach Hause kommt. Ich möchte sie zuerst befragen' wie sw dazu gekommen ist, ihre Besuchskarte abzntreten!"

„Sehr gut! Sollten sie nach dieser Richtung etwas ermitteln, so bringen sie die Alte sofort her. Grasouillct.

^ äIIe einen Vorführungsbefehl aus! Wahrscheinlich hat man schon bei der Unterhaltung auf dem Posten der Barriöre d'Jtalie die Nothwcndigkeit bedacht Clupet vor dem Eingestehen seiner Bekanntschaft mit Balau- daye zu warnen, und die Mittel und Wege überlegt, wie dies am besten geschehen könne. Die alte Clupet wird sich der Karte erinnert haben, welche noch im Besitze ihrer Schwester war — ja, ja, so ist die Sache jedenfalls gewesen. Warum mag nur die Alte nicht eher von der Karte Gebrauch gemacht haben?"

„Vielleicht erfahren wir es von ihr, obwohl ich es nicht glaube. Sie wird sicherlich eine Ausrede bereit haben Immerhin muß man den Versuch machen!"

„Thun Sie cs!"

„Noch eins. Ich möchte meinen Kollegen, den Vater Haibundhalb, sobald ich ihn nicht mehr in der Rue Vaugirard brauche, vor dem Hause der jungen Frau Clupet postiren "

„Warum?"

„Um für den Fall, daß der ihm ja bekannte Komplize seinen Versuch wiederholt, zu der jungen Frau Clupet zu gelangen, rhn gleich abfassen zu können."

C.

.,3cf) Werb £ telephonisch die Polizeipräfektur benach­richtigen, daß ,ch des alten Beamten bedarf. Für Sie habe 'ch bereits Urlaub auf unbestimmte Zeit im dienstlichen Interesse ausgewirkt. Sobald Sie etwas erfahren haben sollten, benachrichtigen Sie mich. Vielleicht können Sie auch betreffs des Ohrrings und des von Ballandaye geschriebenen Briefes noch Näheres erfahren."

„Ich hoffe es!"

Damit ging er. Auf der Treppe traf er Vater Halb­undhalb, der ,hn benachrichtigte, daß die Alte nach Hause sandte^" e ' ltn ^ ^ en er nun auf seinen neuen Posten

Auch die Unterhaltung mit der Alten verlief resultatlos. Sie gab an, die Erlaubniß, ihren Neffen zu sprechen, des­wegen verlangt zu haben, weil sich eine gute Gelegenheit gefunden habe, dessen Sohn unterzubringen.

„Wo?"

„In der Zeitung erklärte sich ein kinderloses Ehepaar c «tett Knaben bis zum Alter von sechs Jahren an Klndesstatt^anzunehmen."

„Und L>ie meinen, die Mutter des Knaben würde sich von ihni getrennt haben?"

, rrä^ 1 ' ’i* doch nur zur Last. Sie hat Mühe, sich selbst durchzubringen!"

„Warum haben Sie von der Erlaubnißkarte keinen Ge­brauch gemacht?"

„Ich fühlte mich unwohl, nnd dann verschob ich es von Tag zu Tag, bis ich dachte, es würde nun wohl zu spät sein " „Und wem haben Sie dann die Karte gegeben?" „Gegeben? Niemandem!"

„Sie lügen!"

„Ich lüge nicht. Hier muß sie sein, hier in meinem Kasten . . . Mein Gott! Sie ist fort! Sie ist mir gestohlen worden!

./Me thäten klüger, die Wahrheit zu sagen!" rief un- muthlg Weltll, der diese Komödie wohl durchschaute, aber auch glelchzettlg erkannte, daß jeder Versuch, die Alte znm sprechen zu bringen, unnöthige Zeitvergeudung sein wurde. Er ging.

c K 0 . e i a die Wahrheit, so sicher ein Gott im Himmel

lebt!" rief ste noch hinter ihm her.

Er wollte sich jetzt der Aufgabe widmen, die Eigen- thumerin des Ohrringes zu ermitteln. Zu diesem Zweck begab er sich zunächst zu einem ihm bekannten Goldschmied der, seit mehr als vierzig Jahren in Paris thätig, die Arbeit seiner Kollegen ziemlich sicher kannte.

"Es ist von Sacher, Rue de Murillo, gearbeitet, wenn ich mich nicht lehr irre", erklärte er nach genauer Prüfung des Kleinods.

Weltli begab sich zu diesen,, der seine Arbeit sofort cikannte. Aber an wen er es verkauft hatte, wußte er sich nicht gleich zu entsinnen. Seine Frau kam ihm zu Hülfe.

„War das nicht einer der Ohrringe, welche Du an die Marquise von Brctonville verkauftest?" frua sie

„Ganz recht!" ' J '

^ "Sie zahlte nur sechstausend Francs darauf an, die andern achttausciid Francs blieb sie schuldig und wir hatten noch viel Blühe, zu unserm (Selbe zu kommen."

"Ja, ja, so war es, Rahcl; Du hast recht!"

„Wo wohnt die Marquise?" frug Weltli

,^Jn ihrem Palais in der Rue des Invalides, wenigstens den Winter über ist sie immer in Paris!"

Hocherfreut verließ Weltli den Laden des Juweliers Endlich war eine sichere Spur gefunden, die ihm der Komplize nicht so leicht verwischen sollte.

- ® r J uf) L ra W «ach der ihm bezeichneten Adresse, verließ ledoch den Wagen vorher, um sich erst ein wenig in der Nähe des Palastes zu orientiren.

Der Diener, der ihm öffnete, antwortete ihm auf seine Frage nach der Marquise, daß dieselbe verreist sei.

Welt! vermuthete, daß er Auftrag hatte, alle Fremden, die aussahen, als könnten sie Rechnungen präsentsten wollen, abzuweisen. „Das ist sehr schade." sagte er, „ich wollte der Frau Marquise ein Werthstück überbrinaen."

„Ein Werthstück? Was für eins?"

„Da die Frau Marquise verreist ist, muß ich ebe» später einmal wiederkommen."

„Ich will einmal Nachsehen, vielleicht ist sie noch nicht fort!" rief der Diener und erschien nach zehn Minuten wieder mit der Botschaft, daß er sich in der That geirrt habe, die Frau Marquise sei noch nicht abgereist uud bereit, den Ueberbringer eines Werthstücks zu empfangen.

Weltli wurde in einen großen Salon geführt, der allerdings in Anbetracht der Renten seiner Besitzerin wohl ^'chhaltiger hätte möblirt sein können, als es that- sachlich der Fall war. Im Hinlergrund desselben, vor dem Kamin, saß eine lange, hagere, in ein Neglige von rother Seide gekleidete Gestalt, so stark geschminkt/daß es. selbst ln Halbdunkel, weiches der langen Vorhänge wegen in dem Gemach herrschte, auffaflen mußte.

Das entsprach ganz und gar nicht der Beschreibung, welche der Kutscher von der flüchtigen Dame gegeben hatte, und der Fuß, den sie auf der Kaminstange ruhen ließ, war, wenngleich schmal, doch so lang, daß er keinesfalls in die von Weltli so genau durchforschten Spuren paßte.

Die Freude, die er gehabt hatte, als er ihren Namen erfahren, schwand rasch dahin, und in wenig hoffnungsvollem Tone antwortete er auf ihre Frage, was er ivünsche, daß er einen Ohrring gefunden habe, den sie wohl verloren haben müsse.

„Zeigen Sie einmal, mein junger Herr!" befahl sie.

Er reichte ihr das Kleinod, und ste besah es aufmerksam.

„Dieser Ohrring hat allerdings einst mir gehört," sagte ße dann, „aber nicht lange. Er und sein Zwillingsbruder gefielen einer Freundin von mir so gut, daß sie mi» mit Bitten bestürmte, sie ihr zu verkaufen. Ich habe sie nur einige Tage besessen."

Weltli. ahnte, daß cs sich um eine Finanzoperation handle, wie sie unter Danien der Welt nicht ganz selten ist. Die Marquise hatte jedenfalls Geld gebraucht und den Schmuck, auf den sie nur eine Anzahlung geleistet hatte, unter dem Einkaufspreise gegen baar verkauft, um sich Geld zu schaffen. Aber das ging ihn ja schließlich nichts an.

„Gestatten Frau Marquise," frug er respektvoll, „darf ich mich nach dem Namen dieser Freundin erkundigen?"

„Warum?"

„Ich möchte ihr ihr Eigenlhnm wiedcrbringeu!"

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