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1. Beilage ;um Mieslinüener (Tnglilntt.

26. Wr,rflett-Ansgni»e.

Mittwoch, den 17. Januar.

48. Jakraana. 1906.

(IS. Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)

Der Geheimpolizist.

Krimiiialcrzäblung von K. v. Hrwafd.

„Es war Ihre Frau, die eben hier hereinkam."

,-Ja.

„Sie wollte Sie umarmen. Sie aber stießen sie zurück!" „^jch habe sie nicht gestoßen!"

„Oder zurückgeschvben, das kommt auf dasselbe heraus. Warum?"

„Hier ist nicht der Ort für Gefühlsäußerungen."

„Das war der einzige Grund?"

„Ja!"

„Sie lugen! Ihnen lag nur daran, die Aussagen Ihrer Frau zu bestimmen!"

„Wie könnte ich das!"

„Nur diese Annahme macht Ihre Worte erklärlich!" „Welche Worte?"

Der Richter wandte sich zu Grasouillet: „Lesen Sie ihm seine Worte vor!"

Grasouillet las: „Ich kenne Ballandaye nicht, und wer behauptet, daß ich ihn kenne, ist mein größter Feind, dem ich nie vergeben werde!"

„Nun, was soll das sonst bedeuten?"

„Es ist die Antwort auf die Frage, die Sie an mich gerichtet hatten."

„Lassen Sie doch die Lügen sein! Sie wollten Ihrer

t rau Stillschweigen auferlegen, das ist ganz klar. Warum?

landen Sie, sie könnte uns viel Neues sagen? Glauben Sie. wir wüßten nicht, daß Sie mit Ballandaye in Bezieh­ungen gestanden haben, daß er an einem Sonntag Nach­mittag im Wagen zu Ihnen hinausgefahren kam, daß Sie hofften, er werde Ihnen zu einem Vermögen verhelfen? Gestehen Sie ein! Noch ist es Zeit! Die Gefahr liegt nahe, daß auch Sie, der Sie augenscheinlich die Wahrheit verhehlen, als Komplice des Mörders angesehen werden!"

So frech Clupet war, diese Drohung schien ihn doch zu erschrecken. Er überlegte. Schließlich aber preßte er die Lippen fest zusammen und sah den Richter mit einem Aus­druck an, der diesem sagte, daß es vergeblich sein würde, weiter in ihn zu dringen. Er wurde abgeführt, nachdem die nöthigcn Vorsichtsmaßregeln getroffen waren, daß er nicht noch einmal mit seiner Frau zusammenkommen konnte.

Kaum war er hinaus, so trat Weltli ein, in halb per- jweifelicr Stimmung.

Er überhäufte sich sebst mit Anklagen. „Sie war bereit zu sprechen, Alles zu gestehen, was sie von Ballandaye wußte, und ich Thor habe diese Gelegenheit nicht benützt! Ich wollte Jhinn nicht vorgreifen, Herr Richter, ich dachte mir, daß Sie mich erwarten würden, ich war überzeugt, daß Sie mit Ihrer Gewandtheit mehr aus ihr herausbringen würden als ich!"

„Der Fehler wird sich wohl noch korrigiren lassen!" „Leider nicht! Aus ihrem Munde erfahren wir nichts mehr! Es ist unmöglich, nur noch ein Wort aus ihr heraus­zubringen, seit sie ihren Mann gesehen hat. Sie liebt ihn mit einer unauslöschlichen Treue; sein Wille ist ihr Gesetz. Er hat ihr gesagt, sie solle schweigen, und sie wird schweigen!" Es sollte sich nur zu bald zeigen, daß er Recht hatte.

Nicht ein Wort war in Bezug auf Ballandaye oder auf andere Gäste des Restaurants mehr aus der jungen Frau hcrauszubringcn. Sie fürchtete offenbar, daß ihr Mann doch irgendwie in die Mordaffaire verwickelt sei, und ihr Zeug- niß dazu beitragen konnte, ihn schuldig erscheinen zu lassen, vielleicht gar seinen Tod durch Henkershand herbeizuführen. „Nein!" oder „Ich weiß es nicht!" lauteten ihre Antivorten. Sie leugnete selbst das, was sie erst zu Weltli in Bezug aus Ballandaye gesagt hatte. Sie behauptete, er müsse sie mißverstanden haben. Als der Untersuchungsrichter eindring­licher wurde, ihr drohte, brach sie in ein krampfhaftes Schluchzen ans, und es mar überhaupt nichts mehr aus ihr heranszubringen. Er mußte sie schließlich, der unfruchtbaren Arbeit müde, entlassen.

Der Kampf zwischen Justiz und Angeklagtem hatte sich ent­schieden zu Gunsten des letzteren gewendet, so ungleich er schien.

Der Untersuchungsrichter verfügt über alle Mittel, welche dazu dienen könneu, die Wahrheit zu erforschen. Akten, Register, Polizeibcamte, Alles steht zu seiner Verfügung. Er kann, wenn es ihm nöthig erscheint, mit einem Federstrich eine Nachforschung veranlassen, die sich von einem Ende des Landes bis zum andern erstreckt. Wen er seheit will, uni irgend einen dunklen Punkt aufznklären, der hat sofort vor ihm zu erscheinen; wenn er sich weigert, kann er polizeilich vorgcführt werden. Der Untersuchungsrichter genießt eine fast unumschränkte Macht.

In seiner einsamen Zelle, durch eisenbeschlagene Thüren und Fenstergittcr von der übrigen Welt abgesperrt, ohne Kenntniß dessen, was draußen vorgcht, ohne Mittel, sich mit denen, die ihm helfen könnten, in Verbindung zu setzen, befindet sich der Angeklagte. Welche Zeugen vernoinnien worden sind, was sie für Aussagen gemacht haben, er ivciß es nicht. Er hat keine Ahnung davon, welches Material gegen ihn gesammelt worden ist, wie es mit einander ver­bunden wird, um ihn zu belasten, welche Mittel man an­wenden will, uni ihm ein Geständniß zu entreißen.

Trotzdem trägt bisiveilen der Angeklagte den Sieg davon! Hat er keine gravircnde Spur hinterlassen, so kann er, auf ein System absoluten Lengnens gestützt, nicht überführt werden.

So schien die Sache auch im Falle Mais zu liegen. Alle Hoffnungen, durch die Aussagen von Zeugen etwas zu erfahren, was auf die Spur des Verbrechers führen konnte, waren gescheitert. Der Untersuchungsrichter und Weltli mußten es zugestehen.

„Und doch", rief der elftere mit einer an ihm seltenen Geberde des Zornes, „doch wüßten alle diese Leute etwas von der Sache, wenn sie es sagen wollten!"

„Sie werden es nicht!"

„Warum nicht? Welches Interesse bindet ihre Zunge? Das müßten wir erfahren! Es ist sicher, daß nur die Hoff­nung auf eine hohe Belohnung diese» Clupet dazu bringen kann, zu schweigen, wo Rede» seine Lage so wesentlich ver­bessern könnte, und auch seine Frau in solcher Weise zum Schweigen zu veranlassen! Worauf mag er hoffen?"

„Eine andere Frage beschäftigt mich noch mehr!" gab Weltli zur Antivort.

„Welche?"

„Clupet ist seit mehr als vierzehn Tagen im Gefängniß. Wie kann ein Versprechen zu ihm gelangt sein?"

„Sie haben Recht, das müßte zu allererst aufgeklärt werden!"

„Nur wird diese Aufgabe nicht leicht zu lösen sein! Oder vielleicht doch!"

„Aus welche Weise?"

„Es müßte zuerst festgestelll werden, ob Clupet in den letzten Tage» einen Besuch erhalten hat."

„Das ist sehr leicht zu bewerkstelligen. Kommen Sie mit!"

Sie begaben sich zum Gefängnißdirektor, den sie im Gespräch mit Jnspekior Marechal trafen.

„Sie kommen jedenfalls in der Angelegenheit Mais?" frug der Direktor.

„Allerdings."

„Ich sprach eben mit dem Kriminalinspektor über diesen sonderbaren Mann. Er ist wie umgewandelt. Nicht allein war es unnöthig, ihm noch einmal die Zwangsjacke anzulegen, sondern er ist bei bester Laune, ißt mit Appetit, scherzt mit seinem Aufseher . .

„Die Sache ist ganz klar!" mischte Marvchal sich ein. „Als er abgefaßt war, übermannte ihn die Verzweiflung. Jetzt hat er nachgedacht, ist zu der Ueberzeuguug gelangt, daß die Sache nicht schlimm für ihn werden kann und nimmt sie auf die leichte Achsel; bei einem Burschen seines Schlages nichts Wunderbares!"

Der Untersuchungsrichter und Weltli tauschten einen Blick des Einverständnisses aus. Diese Fröhlichkeit und So.g- losigkeit lag ganz im Charakter der Rolle, welche zu spielen Mais sich vorgenommcn zu haben schien.

„Eigentlich komme ich nicht um des Angeklagten willen", wandte sich der Untersuchungsrichter zu dem Direktor, „sondern, wenn auch in derselben Sache, wegen Clupet. Sie kennen ihn?"

„Gewiß! Ein ekelhafter Bursche!"

„Hat er gestern oder vorgestern einen Besuch empfangen?"

„Mit Bestimmtheit kann ich Ihnen das erst nach einem Blick in das Besuchsregister sagen. Oder halt! Garrond!"

Ein Aufseher trat heran.

„Hat der Untersuchungsgefangene Cluvet kürzlich eine« Besuch empfangen?"

„Ja wohl, gestern erst!"

„Wer mar es?"

„Seine Tante!"

„Wie sah sie aus?" frug der Untersuchungsrichter.

„Mittelgroß, blond, eine hübsche, etwas zur Korpulenz neigende Dame, gut gekleidet."

„Sollte das vielleicht eine der Flüchtigen sein?" konnte Weltli sich nicht enthalten ausznrufen.

„Aha! Eine der beiden Prinzessinnen!" rief Marechal lant lachend.

„Lassen Sie Ihre unpassenden Scherze, Herr Kriminal- inspektor!" rief der Untersuchungsrichter gereizt. „Die An­sicht Ihres Kollegen Weltli über diesen Prozeß habe ich zu der weinigen gemacht, weil sie von weit mehr Scharfsinn zeugt, als Ihre Annahme."

Marechal schwieg, aber der Blick, den er auf Weltli warf, sagte diesem mit nicht mißznverstchender Deutlichkeit, daß er von Stund an in seinem Vorgesetzten einen unver­söhnlichen Feind hatte.

(Fortsetzung fotgt.l

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