1. Beilage nun Wiesbadener Taablatt.
§tm 24. Worgen-Attsgabe.
Dienstag, den 16. Januar.
(18. Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)
Zer Geheimpolizist.
Kriminalerzählung von tz. v. Hrwakd.
„Ich will Ihnen nur noch zwei Fragen vvrlcgen", sagte
t'^fand sich unter den Ihnen bekannten Besuchern der Amskapelle auch einer, der Gustav hieß?"
„Nein, ganz gewiß nicht!"
„Oder einer namens Ballandaye?"
„O ja, den kenne ich!"
„Woher?"
. „Er war nur ein einziges Mal in der Nniskapelle, aber lch erinnere nrich seiner ganz deutlich. Er mar ein Mann von sehr respektablem Aenßer».
„Weiler!" drängte Weltli.
„An einem Sonntag kam er im Wagen vorgefahren und verlangte meinen Mann zu sprechen. Als er fort war, sagte Eduard: „Dieser Alte soll uns zu einem Vermögen verhelfen!"
„Schön! Was Sie mir eben sagten und was Sie sonst noch über ihn wissen, müssen Sie nun noch vor dem Richter zu Protokoll geben. Kommen Sie, wir nehmen einen Wagen und fahren rasch zu ihn,. Lassen Sie das Kind hier oder nehmen Sie es mit, wie Sie wollen, nur schnell, schnell!"
Frau Clnpet warf rasch ein altes, wollenes Tuch um, ubergab den Kleinen einer Nachbarin, die inzwischen für ihn Sorge zu tragen versprach, und rollte gleich darauf mit den beiden Beamten dem Jnstizpalaste zu.
6. Kapitel.
Der Untersuchungsrichter Schmid gehörte zu denjenigen Beamten, denen die Liebe zu ihrem Beruf über Alles geht und die alle Kraft ihres Geistes darauf verwenden, den Anforderungen ihrer Stellung nach jeder Richtung hin zu genügen. Setzte er schon bei Sachen gewöhnlicheren Schlages seine ganze Geisteskraft ein, rlm wie viel mehr für eine Angelegenheit, welche nach allen Seiten hin ein so umfassendes Interesse bot, wie diejenige der Mordihat in der Aniskapelle. Hier war ein schweres Verbrechen verübt worden allem Anschein nach wenigstens, und ein fast undurchdringliches Geheimniß umgab mit seinem Schleier sowohl Mörder als Opfer. Selbst ein Zug in das Romantische fehlte nicht; er wurde durch die beiden Frauen reprüsentirt, deren Svur sich durch ein undurchdringliches Dunkel verlor. Schließlich war auch ein starker Reiz für den Ehrgeiz vorhanden: Wenn es ihm gelang, alle diese Schwierigkeiten zu uberwinden, so mußte ein solcher Erfolg im hohen Grade dazu vertragen, den von ihm bereits erworbenen Ruf, einer der geschicktesten Untersuchungsrichter zu sein, zu befestigen. Er brachte daher den Abend nach dem Verhör und ein Thcil der Nacht damit zu, nochmals das Protokoll dnrchzustudircn s. r mort ™. Angeklagten noch einmal nach den verschiedensten Richtungen zu erwägen und nach denjenigen Punkten zu suchen, an denen er das nächste Mal seinen Hebel wieder von Neuem einsetzen konnte. Er glich einem der Belagerer, welcher die schwachen Stellen einer scheinbar unüberwindlichen Festung herauszufinden versuchen wollte.
Am nächsten Morgen begab er sich zeitiger als es sonst der Fall gewesen war, nach dem Justizpalast. Man mar
dort noch mit dem Ausfegen bchhästi^. Grasouillet war auch noch nicht da, als er zehn Minuten nach neun Uhr eintraf wurde er mit einem ironischen: „Ah! Sie kommen wirklich auch schon? empfangen, das ihn um so mehr verwunderte, als se,„ Chef sonst außerordentlich nachsichtig zu sein pflegte.
schien heute wie verwandelt. Wahrend Grnssouillet seine Schreibürniel überstreifte, sein Papier zurechilegte und eine Auswahl unter seinen Federn r . '^Eiüter lebhaft im Zimmer auf und ab,
setzte sich, stand wieder auf, sprach vor sich hin, gestikulirte. karz, schien von einer lebhaften Aufregung ergriffen zu sein.
Mindestens sechs- oder siebenmal schellte er seinem Genchtsdiener, um an diesen immer und immer wieder die ^rage zu richten: „Hat sich Herr Weltli noch nicht sehen lassen?" '
"Ais jetzt noch nicht!" lautete die stereotype Antwort.
„Auch kernen Boten geschickt?"
„Ebensowenig!"
„Auch keinen Brief?"
„Auch das nicht!"
„Sonderbar!"
„Wo kann er nur sein?" frug er sich dann, wenn der Gcrichtsdiencr wieder hinaus war. „Es muß etwas Wichtiges
Kohlen"" Und ich sitze hier wie auf glühenden
Um zehn Uhr sandte er den Gcrichtsdiener nach der Polize,präfektur. Wenn er Weltli dort nicht finde, solle er an c en Orten Nachsehen, wo derselbe gewöhnlich zu verkehren pflegte. _
Dieser Auftrag war dem Gerichtsdiener sehr willkommen. Er nahm sich vor, die seltene Gelegenheit, an einem Wochentage Vormittags in Paris hernmznflnniren, gründlich auSzu- nutzen. Als er nach einer halben Stunde noch nicht wieder zurück war, hielt er es nicht mehr ans, nnthätig dazusitzen.
ürl !iottc gewünscht," sagte er zu Grasouillet, „daß Weltli dabei gewesen wäre, wenn ich diesen Monsieur Clnpet verhöre, um so mehr, als er mich auf die Idee gebracht hat. Aber ich kann deswegen nicht den ganzen Vormittag vertrödeln Hier ist ein neuer Untcrsuchungsbcfchl; sorgen Sie dafür, daß Clnpet hierher gebracht werde.
Grasouillet gehorchte. Einige Minuten darauf wurde Clnpet vorgefnhrt.
„Ein netter Bursche!" dachte der Untersuchungsrichter als er das verschmitzte, geradezu den Typus der Gemeinheit tragende Gesicht des Eintrctenden sah. „Von dem werden wir schwerlich viel erfahren."
Gereizt durch die insolente Haltung, welche Clupet an- nahin, sobald er in das Biirean getreten war, fuhr der Riclfler ihn ziemlich scharf an und machte ihn darauf aufmerksam, daß, wenn er dazu beitrage, daß in einer wichtigen Angelegenheit die Justiz Aufklärungen erhalle, er sich wohl auf eine milde Beurthcilung des ihm zur Last gelegten Vergehens, andernfalls aber auch auf das Gegentheil gefaßt machen köune.
Diese Drohung machte auf Clupet herzlich wenig Eindruck. Er wußte, mit dem Gesetz schon häufiger in Konflikt gekommen, ziemlich genau, daß für ihn etwa ein halbes Jahr Gefänglich herauskommen werde; ob die Sache nun schließlich noch einen Monat länger dauerte oder nicht, war ibm ziemlich gleichgültig.
48. Jahrgang. 1960.
, ^, "3ch wünsche von Ihnen", begann der Richter, „Aufschluß über Gäste der Aniskapelle."
„Da giebt's viele", antwortete Clupet in schleppendem Ton.
„Kennen Sie einen Namens Gustav?"
„Nein!"
„Aber Ballandaye?"
„Den Namen habe ich noch nie gehört!"
„Nehmen Sie sich in Acht! Die Polizei weiß mancherlei!"
Clnpet zuckte nicht mit der Wimper. „Ich sage die Wahrheit", behauptete er, „was hätte ich für ein Interesse, es nicht zu thnn?"
„Also Sie kennen wirklich Niemand, der den Namen Ballandaye trägt?"
In diesem Augenblick öffnete sich die Thür, und Frau Clupet crschieli m derselben, von Weltli und Vater Halbundhalb gefolgt.
,,^ch kenne Ballandaye nicht, und wer behauptet, daß ich thn kenne, der ist mein größter Feind, dem ich nie vergeben werde!" rief Clupet laut und mit eindringlicher Betonung, seine Fra», die sich an seine Brust stürzen wollte, bei Seite schiebend und ihr starr dabei in die Augen sehend.
,,,-? 111 Ochsten Moment riß Weltli die Frau zurück und schloß die Thür wieder.
Er Halle keinen Gerichtsdicner vorgefunden, der ihn hätte anmelden können, da derselbe fortgeschickt worden war, um thn zu suchen. Seine Eile, dem Untersuchungsrichter, der ihm in so liebenswürdiger Weise entgegcngekomnicn ivar. endlich positives Ergcbniß zu bringen, war so groß, daß er im Augenblick gar nicht daran dachte, erst nachzusehen, wer im Zimmer sei, um so weniger, als ein anderer Gerichtsdiener, dem derjenige des Untersuchungsrichters die Ungeduld seines Chefs mitgetheilt Halle, ihm auf der Treppe noch sagte, daß schon mindestens ein halbes Dutzend Mal der Richter sich nach ihm erkundigt habe.
Im Augenblick, in welchem Weltli Clnpet sah, den er nach der Photographie sofort erkannte, bemühte er sich, seine Begleiterin von demselben zurückzureißen, jeden Verkehr zwischen ihr und ihrem Mann zu verhindern. Aber sie klammerte sich so fest an diesen, daß immerhin einige Zeit verging, che es gelang, sie loszureißen, lange genug, um sie den von ihrem Mann gesprochenen Satz hören und dessen Bedeutung erfassen zu lassen.
Der Untersuchungsrichter konnte sich die Scene im ersten Augenblick nicht recht erklären. Während er noch nachsann, brachte im Valer Halbundhalb ein mit Bleistift gekritzeltes Zcttelchcn, auf welches Weltli eine kurze Erklärung des Vorfalls geschrieben hatte.
Jetzt erst wurde ihm klar, einen wie großen Fehler er begangen hatte, als er in Abivesenheit seines Gerichtsdieners, der Weltli jedenfalls zurückgehalten haben würde, Clupet zum Verhör holen ließ.
Wieder ein Fehler, der nicht mehr gut zu machen war! Das Gesicht Clupcts drückte unverkennbar eine freudige Genngthniing über den Vorfall ans, die nicht dazu angethan mar, den Untersuchungsrichter in beste Laune zu versetzen. Er beherrschte sich jedoch.
„Weiter!" sagte er zu Clupet.
Dieser machte eine Bewegung, die etwa bedeuten konnte: „Meinetwegen! Siche zu, ob Du etwas erreichst!" schwieg jedoch.
(Fortsetzung folgt.)
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