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*S. Jahrgang.
Erscheint in zwei Ausgaben. — Beznqs-Preis- durch den Verlag !»,» Pfg. monatlich, 'durch die Post L Mk. ««» Pfg. vierteljährlich für beide Ausgaben zusammen.
Verlag: Langgasse 27.
Avonneuten.
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(Nachdruck verboten.)
Englische Gewaltpolitik gegen Urenßen.
Lange hat die Legende von der natürlichen Freundschafl Englands und Deutschlands sich in der öffentlichen Meinung bei uns aufrecht erhalten können. Das ist nur natürlich; denn oft genug wiesen seit dem siebenjährigen Krieg die Verhältnisse England eine Stellung zur Seite Deutschlands an, und solche Momente des vereinten Kampfes gegen einen gemeinsamen Gegner wie in der napoleonischcn Epoche haften im Gedächtnis; fest und bestimmen für lange Zeit auch die Auffassung der gegenwärtigen Dinge. Was damals hinter den Conlissen sich abspielte, welche Mittel angewandt wurden, um mit kaltem Egoismus Englands Sonder- intcressen, auch wo die gemeinsame Sache schwer leiden mußte, zu kultiviren, um die Machtentwickclnng des Bundesgenossen zu hemmen, das ist den Wenigsten bekannt. Aber die neuesten Ereignisse haben das Gedächtniß geschärft, vergangene Dinge, von denen nur die Historiker zu berichten wußten, sind aktuell geworden und in das öffentliche Bewußtsein eingetreten, überall finden wirAnalogieen zu den gegenwärtigen Ereignissen heraus. Ein Moment mag hier zunächst hervorgehoben werden, der unseres Wissens bis jetzt in der öffentlichen Diskussion unserer Tage noch nicht er- wähnt wurde und doch ein besonders interessantes Beispiel bietet, wie England auch Preußen gegenüber vor unerhörter Gewaltthat nicht zurückschreckte.
Es war im Jahre 1806. in der Zeit, wo Preußens Politik vorübergehend sich an Napoleon angeschlosscn hatte, um dann nach hülfloscm Schwanken dem verhängnißvollsten aller Kriege zuzustcuern. Zu Schönbrunn hatte Graf Haugwitz, jener Sündenbock preußischer Kabinettspolitik, dem allein gewöhnlich die unheilvolle Wendung zugeschrieben wird, an der doch auch des Königs Unentschlossenheit ihren Antheil hatte, sich durch Napoleon einen Bündnißvertrag diktiren lassen. Preußen erhielt Hannover, das seit 1803 von den Franzosen occupirt war, und verlor dafür alte Stammlande seines Gebietes. Sicher ein materieller Vor- thril, eine lange erstrebte Abrundung de? preußischen Staates, aber zugleich eine Abmachung von den bedenklichsten politischen Folgen. Einen schweren Konflikt mit England mußte die Besitzergreifung Hannovers unbedingt im Gefolge haben. Das sah man in Berlin ein, und so versuchte Hardenberg an dem Vertrage herumzudoktern. Er verwarf das Schutz- und Truhbündniß mit Napoleon und machte die Erwerbung Hannovers abhängig von einem künftigen Friedensschlüsse Frankreichs mit England. Denn ganz wehrlos stand Preußen dem mcerbeherrschcnden Albivn gegenüber, wenn dieses seine Rache nehmen wollte für einen so jähen Gesinnungswechsel des bis dahin verbündeten Staates.
Aber es war zu spät; in unbegreiflicher Unklarheit befand man sich über die eigentliche Lage, es galt, anznnehmen »der abzulehnen, Frieden oder Krieg zu wählen, ein Anberes
gab es nicht, und als nun die Frist abgelaufen war, die Napoleon zur Unterzeichnung des Vertrags bestimmt hatte, da ging es wie mit jenen sibyllinischen Büchern des Königs Tarqninius, der Preis wurde höher, das Erkaufte geringer. Denn der neue Pariser Vertrag, den nun Napoleon oktroyirte, strich eine Entschädigung, die Preußen ursprünglich von Bayern für die Abtretung Ansbachs erhalten sollte, und stellte neue Bedingungen, die nun den Krieg mit England unvermeidlich machten. Nach dem 4. Artikel verpflichtete sich Preußen, in seinen allen und neuen Landen alle Häsen an der Nordsee, die Flüsse und Slrommündungen, tvelche in die Nordsee fallen, ferner den Hafen von Lübeck dem Handel und der Schiffahrt der Engländer zu schließen. Und nachdem die preußische Regierung in übergroßem Optimismus die Rüstungen des Jahres 1805 wieder rückgängig gemacht hatte, war eine Ablehnung dieser drückenden Bestimmungen nicht mehr möglich.
Während man mm in England beruhigende Versicherungen gab und ängstlich den verhängnißvollen Konflikt zu vermeiden suchte, mußte man sich doch dem Willen des Siegers fügen. Am 27. Januar 1806 wurde die vorläufige Administration Hannovers verfügt, am 1. April die wirkliche Besitzergreifung der hannoverschen Lande ausgesprochen. Zum Unglücke Preußens aber war gerade damals, am 23. Januar, der große Sir William Pitt, der Vertreter einer energischen Koalitionspolitik gegen Frankreich, gestorben. Das Ministerium Fox aber verhandelte schon seit den, Februar im Geheimen mit Napoleon, und bald ivaren Frankreich und England sich einig, daß die Preußen aus Hannover wieder Vertrieben werden müßten. Nicht die Besetzung des deutschen Slammlandes ihrer Dynastie allein konnte das englische Volk zum Acnßersteu erregen, wenn auch der Hof von St. James wüthend war, wohl aber die Schließung der Nordscehäfen.
Damit war das Krümervolk in seinem Heiligsten getroffen. ihm war das Geschäft seine Ehre, und eben so furchtbar wie unriiteriich, ja brutal war die Rache.
Im Oberhaus ließ König Georg verkünden, daß nicht die schwere Unbill, die den Interessen des Königreichs in Hannover zugefügt sei, sondern einzig die Ehre der britischen Flagge und die Freiheit der britischen Schiffahrt ihn zur Anrufung der Nation veranlaßt habe, und im Hanse der Gemeinen sagte Fox. nur mit Mitleid und Bcrachinng könne man von Preußens Verfahren seit dem 15. Februar sprechen „Alles, was in der Sklaverei verächtlich ist, habe sich darin vereinigt mit Allem, was die Räuberei Gehässigkeit hat." Wir verstehen diese Entrüstung über die, wenn auch durch die bittere Noth veranlaßte, so doch schwache und zweideutige Politik des preußischen Kabinetts, was aber nun vlgte, war nicht mehr und nicht minder als eine organi- irte, ad majorem gloriam der englischen Flagge unternommene Seeräuberei im großen Stile der Flibustier. Ohne Kriegserklärung, ohne Warnung, ohne Ermächtigung auch des Parlaments wurden auf einfachen Beschluß eines Ministerraths vom 4. April sämmtliche preußischen Handelschiffe, die in englischen Häfen lagen, etwa 3 -400 an der
Zahl, mit Beschlag belegt. Auf eine Million Pfund Sterling, also 20 Millionen Mark, wurde der Gesammtwerth der konsiszirten Maaren geschätzt, und Ende April berechnete man, daß binnen Kurzem 28 M illionen Thaler ans dem p r e n ß i s ch e n Handel verschwunden sein w ü r d e n.
Ein Akt rücksichtsloser Gewaltpolitik, der sich wohl nur msi dem noch brutaleren Bombardement Kopenhagens im Jahre 1807 vergleichen läßt, aber eben nur dem entsprach, was England damals überhaupt seinen Gegnern gegenüber als sein gutes Recht betrachtete. Es ist jetzt Manches anders geworden, aber das Prinzip ist dasselbe geblieben, und wenn jetzt der Versuch, die Seeherrschaft zur Vergewaltigung des neutralen Handels zu mißbrauchen, scheiterte und England den Rückzug mitteten mußte, so liegt die§ nicht an seinem Gerechtigkeitsgefühl, sondern an dem Bewußtsein der gefahrvollen Weltlage. „ r>
Deutsches Reich.
Zur Sache Krupp.
Die „Kreuzzeitung" hat eine Entdeckung gemacht. Sie behauptet, daß die bekannte Haltung der Firma Krupp von der liberalen Presse „im Großen und Ganzen theils gar- nicht, theils in sehr vorsichtig zurückhaltender Weise" gewürdigt worden sei. Darauf folgt dann die übliche konservative Sclbstverherrlichung, das aufdringliche Kokcttiren mit einem besonders feinen Gefühl für Takt, Vaterlandsliebe :c. Die unschöne Manier baut sich in diesem Falle auf einer Unwahrheit ans. Gerade von liberaler Seite ist die leidige Krnpp-Gcschichtc mit gebührend derber Deutlichkeit besprochen worden, und gerade konservative Blätter, wie die „Post" und die „Berliner N. N.". sind über diese heikle. Sache möglichst sanft und schonend hinwcagcglitten.
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* Aof- und Pe,-so„al-Uachri<«,tr„. Das Befinden der Herzogin Friedrich von Schleswig-Holstein, der Mutter der Kaiserin, ist, dein „Lokal-Anzeiger" zufolge, kein annstigcs. Die Kaiserin ist zni» Besuch ihrer Mutter in Dresden eingctröffe». — Der „Schlesischen Zeitung" zufolge entbehrt die Nachricht, daß der Erbprinz vo n Sachsen-Mei ntilgen das Kommando des
6. Arineecorps iiicdcrlegcn imb' ‘'feinen Wohnsitz nach Meüiingen 'sichtige, jeder Begründung. — Die „Köln. Volks-
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zu veilegen beabsichtige, ,wu. «smies
Seltung erfahrt aus angeblich guter Quelle, daß an Stelle des von Munster i. W. scheidenden komiuandirenden Generals des 7 . Armeecorps, v. Mi kn sch-Buchberg, der jetzigeKriegsministcr Goßler treten wird. Kriegsininiltcr werde Frhr. v. Ge min in gen.
* Kerlin. 16. Januar. Die „Nordd. Allg. Ztg." schreibt: In cm,gen Blattern wird die Rcije des Vicc-Adinirals Freiherrn v. S c n d e n - B, b r a n nach London mit einem besonderen politischen i"-Bnln"dl,ng gebracht. Diese Annahme trifft nicht zu. Der V,ce-Admiral habe sich, wie in jedem Jahre, zum Gesandten v Elsendcckcr und zu>u Regien,ngsrath Professor Bnsley nach London begeben, ausschließlich um dort der alljährlich einmal statt- ftndcnden Sitzung des deutsch-englischen Helgoland-Regatta-ComitL» dciznwohnen. Von einer besonderen Mission ist nicht die Rede.
,. , * Pund/chan im Reiche. Wie aus Danzig gemeldet wird, finden daselbst Dienstag und Mittwoch unter Thcilnahme des Ober- prasidenten v. Goßler und des Oberpräsidentcn v. Bitter Konferenzen wegen .Gründung in b u ftrie1 1 er Unternehinungen großen Stils in Wcstpreußcn und Posen statt.
(Nachdruck verboten.)
Das Duett.
Novellctte von Jean Nichepin. Deutsch von Wilhelm Thal.
I.
Lange, sehr lange Zeit hatten sie sich und die ganze Natur um sich her entzückt, wenn sie das unvergleichliche Lrebesduett sangen.
Nicht, daß die Musik so außergewöhnlich gewesen wäre! W-nWens nicht für den Kenner! Weit entfernt! ES war eine sehr einfache, stark veraltete Melodie von ziemlich banaler Inspiration. Es war einem, als hätte man sie stets gehört. Mau errieth sie schon beim ersten Takt; schon im Voraus kannte man sie auswendig, und was die Harmonie betraf, so hätte sie ein Kind erfinden können.
Auch die beiden Sänger waren nicht mit prächtigen Stimmen begabt. Ja, man mußte sich sogar gestehen, daß ihre Stimmen, wenn man sie einzeln nahm, nicht einmal angenehm klangen. Der Bariton des Mannes schnappte leicht in rauhes Kreischen über, und der Sopran der Frau artete in piepsendes Pfeifen aus.
Doch diese Fehler verschwanden, sobald die beiden Stimmen zusammen sangen. Aus der Vereinigung dieser Unvollkommenheiten entstand ein Accord idealer Vollkommenheit.
Uebrigens muß ihnen die Gerechtigkeit widerfahren, sie sangen ihr Duett wunderbar im Takt, und so hatten sie jene Meisterschaft des Vortrags erreicht, daß die ganze Natur an ihrem Sang sich zu begeistern schien.
Die Vorübergehenden blieben unter der Terrasse stehen und sagten bewundernd: „Welche herrlichen Klänge!"
Auf den Bäumen des Parkes versuchten die Nachtigallen zuerst zu wetteifern, schmetterten ihre triumphirendsten Rouladen und trillerten ihre herrlichsten Noten, doch bald schwiegen sie wie besiegt. Dort oben schien der Mond gleichzeitig zu lächeln und vor Rührung zu «einen, und die Sterne des Himmels
ließen an ein Parterre von Engeln glauben, deren Diamant- angen vor himmlischer Ekstase schimmerten.
Dann sanken sich die beiden Sänger verzückt in die Arme, hielten sich lange umschlungen und riefen in aufrichtiger gegenseitiger Bewunderung: „Nie. nie hat Jemand so schön gesungen wie wir!" Und in gutem Glauben hielten sie sich für die ersten Künstler der Well.
II.
Eines Tages zwangen sie die Verhältnisse, sich zu trennen. Sie empfanden darüber einen großen Kummer, trösteten sich aber, indem sie sich fortwährend wiederholten: „Wie glücklich werden wir sein, wenn wir uns Wiedersehen?"
Uebrigens waren sie im Grunde garnicht böse, sich ein wenig zu erholen, wenn sie es sich auch nicht eingestanden. Man hätte sie sicherlich sehr erzürnt, hätte man ihnen gesagt, sie müßten es müde werden, immer das unvergleichliche Duett zu singen. Aber sie waren es nicht, denn jedesmal, wenn sie es sangen, enipfanden sie einen neuen Genuß, dessen Monotonie sogar ihren Reiz hatte, wenn cs auch schon zur Gewohnheit geworden war.
Und gerade, weil diese Gewohnheit ihnen thcncr war, hatten sie den seltsamen und doch so natürlichen Wunsch, eine Zeit lang mit ihr zu brechen. Sie verließen sich also ohne allzu großen Schmerz und sagten sich sogar mit einer gewissen inneren Zufriedenheit: „Auf Wiedersehen!"
III.
Als sie sich getrennt hatten, erkannten sie erst, wie sehr sie sich liebten, und Jeder sang für sich das unvergleichliche Liebeslied.
Doch ach, die Wirkung war eine andere geworden. Niemand schien ihre Begeisterung mehr zu theilcn. Im Gcgentheil! Alle Welt schien sich darüber lustig zu machen.
Die Vorübergehenden lachten, wenn sie an dem offenen Fenster vorüberkamcn. Wenn sie den Bariton allein hörten, sagten sie: „Welch'Gekrächze!" Wenn sie dagegen den Sopran allein vernahmen, riefen sie: „Welch' gräßliches Miauen!"
Und der Bariton und der Sopran dachten jeder für sich: „Man kann also ein Duett doch nicht allein singen!"
Da machte sich der Bariton eines Tages auf die Suche nach einem passenden Sopran und der Sopran machte sich ans die Suche nach einem Bariton. Und nun verband sich der Bariton aus reiner Knnstliebe ohne Hintergedanken des Verraths mit irgend einem Sopran und der Sopran mit irgend einem Bariton.
Wir brauchen nicht erst zu erwähnen, daß der Bariton, wenn er mit dem neuen Sopran sang, an den fernen Sopran dachte, und zwar nur an sie, ebenso unnütz ist es, zu erwähnen, daß die stets treue Sängerin, wenn sie mit dem fremden Bariton sang, nur die geliebte Stimme des andern hörte.
Und der Mann und die Frau schrieben sich in bestem Glauben:
„Fürchte nichts für unser unvergleichliches Duett. Jeden Tag wiederhole ich es und denke an Dich. Ich habe keine Nuance verloren, weit entfernt, ich glaube, neue Schönheiten entdeckt zu haben. Oh, Kleinigkeiten! Aber doch Kleinigkeiten, auf die wir nicht geachtet hatten. Wie wirst Du mir danken, unsere „Traditionen" so gut gewahrt und ihnen neue Effekte hinzugefügt zu haben. Du wirst ja sehen. Du wirst ja sehen!" '
Und wieder geriethen beide in Entzücken und die ganze Natur um sie her gcricth in Entzücken, wenn sie das unvergleichliche Duett sangen. Denn der fremde Sopran und der neue Bariton waren ebenso bedeutend, wie ihre Vorgänger; und obwohl der Rhythmus des Musikstückes sich ver- ändert hatte und die Nuancen jetzt andere geworden waren, entzückte heute wie ehedem jedes Säugerpaar die Vorübergehenden, brachte die Nachtigallen zum Schweigen und sah am Himmel den nachsichtigen Mond lächeln und vor Rührung weinen, während die DiamaMaugcn der Engel in der himmlischen Ekstase der Sterne schillerten.
