48 . Jahrgang.
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Ko. 22.
Fernsprecher No. 52.
Sonntag, den 14. Januar. Fernsprecher»«° 52
1900.
Morgen-Ausgabe.
politische Webers,ch».
Der Reichstag hat feine Arbeit wieder ausgenommen, die mnächst den Etatsdcbatten gewidmet ist. Eine» besonders lebhaften Ton verspricht diese Debatte zu Beginn der nächsten Woche anzu- nehmen, wo die Berathung des Etats des Reichskanzlers dazu benutzt werden wird, um eine Besprechung des Vorgehens Englands gegen die deiltschen Schiffe herbeizuführcn, die sich vielleicht zit einer Debatte großen Stils über die auswärtige Politik Deutschlands ausdehnen wird.
Ein noch größeres Interesse als de» Verhandlungen des Reichstag« ist.der Eröffnung des preußischen Landtags zu- getvandt worden, dessen Tagung gleichzeitig mit dem Wiederbeginn der Reichstagsverhaudlungen begonnen hat. Die Session des preußischen Landtags steht diesiual. wie schon die vorige Session, im Zeichen des Kampfes um die Kanalvorlage, die dem Landtag aufs Neue in einer durch vermehrte Kompensationen erweiterten Gestalt zngegangen ist. Die Thronrede, mit der der Landtag eröffnet wurde, hat über die Entschiedenheit, mit der die Regierung diesmal ihre Forderungen zu vertreten gedenkt, nichts verrathcn. Das allgemeine Urthcil über die mit so großer Spannung erwartete Thronrede geht dahin, daß sic mehr verschwiegen als vcrrathen hat und daß sie farbloser ist, als bei diesein besonderen Anlaß füglich zu erwarten war.
Um so lebhafter gestalteten sich die Verhandlungen des Abgeordnetenhauses, das am Donerstng über die Maßregelungen der politischen Beamten, welche bei dem Streit um die Kanalvorlage gegen die Politik der Regierung gestimmt hatten, zu Gericht saß. Die Verhandlung endete nnt einer Niederlage der Regierung, deren Politik in diesem Fall auch nicht die Billigung einer einzigen Partei fand. Die preußische Regierung wird aus den Verhandlungen des Abgeordnetenhauses entnommen haben, daß sie für eine gute Sache mit schlechten Mitteln gekämpft hat, und zwar deshalb, weil sic sich gescheut hat, die guten und zweckentsprechenden Mittel in Anwendung zu bringen. Mit Interesse aber wird abzuwarten sein, welchen Einfluß die intime Aussprache im Abgeordnetenhaus auf das Verhältniß zwischen der Regierung und der Rechten haben wird.
Aber mit noch angespannterem Interesse als diese Vorgänge auf dem Gebiet der inneren Politik wurde in dieser Woche allüberall in Deutschland die weitere Entlvicklung des deutsch-englischen Konfliktes verfolgt. Die gewaltigen Schlappe», welche England zu Lande gegenüber den Buren erlitt, auf die man in England mit so unangebrachter Geringschätzung herabgesebe» hatte, schienen dort das Bedürfniß geweckt zu haben, wenigstens auf der Sec irgend welche Triumphe zu ernten. Aber die Entschiedenheit und Entschlossenheit, mit welcher die deutsche Regierung sich der bedrohten Interessen der deutschen Seeschiffahrt annahm und den englischen Ilebergriffcn zunächst in den üblichen Formen des diplomatischen Verkehrs cnt- gegentrat, scheint ihre Wirkung nicht zu verfehlen. Nachdem bereits zwei Reichspostdampfer von den Engländern frcigegeben wurden und damit der Beweis erbracht worden ist, daß die englischen Kriegskommandanten einen schweren Mißgriff begangen haben, steht zu hoffen, daß England volle Entschädigung und volle Genugthuung für die der deutschen Flagge zugefügten ttngcbührlicbkeiten geben und so eine gütliche Beilegung des Konfliktes ermöglichen wird.
Zn einem solchen Entgegenkommen batte man in England umso mehr Anlaß, als die verantwortlichen Leiter der englischen
f olitik kaum Neigung empfinden dürften, zu dem südafrikanischen onflikt, dessen Ausgang doch mindestens zweifelhaft ist, noch einen neuen zu provoziren, über dessen Tragweite man sich in England keinem Zweifel h,„geben kann. Wenn die verantwortlichen Männer I
in England wirklich Verantwortlichkeilsgefühl haben, dann müßten sie angesichts des schroffen Gegensatzes zum Zweibnnd Alles vermeidcn, was England auch noch zu Deutschland in einen tiefen und unüberbrückbare» Gegensatz treiben könnte.
Wenn dieser Gegensatz zwischen England und dem Zweibund auch im bisherigen Verlauf des südafrikanischen Krieges noch nicht in die Erscheinung getreten ist, so hat doch die russische „Probe- mobil isirnng" nach der afghanischen Grenze den Engländern die Augen darüber geöffnet, daß Rußland nur aüf den völligen Zusammenbruch der englischen Kriegsmacht wartet, um seine' wcitausschauendcn und gut vorbereiteten Pläne auf Kosten des englischen Kolonialbesitzes zu verwirklichen. Und wenn wir auch nicht daran zweifeln, daß Rußland nichts sehnlicher wünscht, als eincii Zusammenstoß zwischen Deutschland und England, der beide Staaten in gleicher Weise schwächen könnte, so kann man sich in England doch kaum verhehlen, daß die alsdann in Europa vor sich gehende Machtverschiebung zu Gunsten des Zweibunds in erster Reihe auf Kosten Englands erfolgen würde, nach dessen weit ausgedehntem Kolonialbesitz Rußland seit langen Jahren mit wachsender Lüsternheit blickt.
Die fieberhaft gesteigerten Rüstungen, die jetzt in England betrüben werden, sind ein Zeichen des schlechten englischen Gewissens. Die Lage aus dem südafrika nischeu Krieg ssch aupla tz ist so ungünstig wie nur möglich, und ob sich mit dem Eintreffen der neuen' Heerführer und der neuen an Zahl reichen, in Bezug auf die Qualität aber recht zweifelhaften Truppen auf dem Kriegsschauplatz die Sachlage ändern wird, das wird man nach dem bisherigen Verlauf des Feldzugs doch immerhin als recht zweifelhaft hinstellen dürfe». Aber England hat nicht nur den Buren, sondern auch den anderen Mächten gegenüber ein böses Gewissen, weil überall, auch da, wo die Regierungen aus Gründen der höheren Staaksraison sich neutral verhalten, die Sympalhieen auf Seiten der Buren sind, da diese eben für eine gute und gerechte Sache kämpfe». Das Ilrtheil der Geschichte über den südafrikanischen Krieg siebt schon jetzt fest. Aber nicht nur die Geschichte, sondern auch der bessere Theil des englischen Volkes wird Abrechnung halten mit dem Kabinett, welches aus den verwerflichsten Gründen diesen frivolsten aller Kriege Provocirt hat.
Aber auch manche andere europäische Kabinette befinden sich zur Zeit in prekärer Lage. Da« Ka b i n e t t W a l d e ck- R o u s se a u in Frankreich hat durch die Wahl Deschnuels zum Präsidenten der Kammer eine kleine Schlappe erlitten, die zwar noch nicht offen cingestanden wird. Aber das Kabinett sicht sich genöthigt, in Bälde eine grundsätzliche Abstimmung in der Kammer hcrbei- zusühre», um die Probe auf das Exempel zu machen, ob cs noch die Mehrheit der Kammer hinter sich hat. Das Kabinett Pelloux in Italien kämpft einen schweren .Kampf um sein Dasein und cs hat das Rcgicrungsschiff soeben nur noch dadurch vor dem Schiffbruch bewahren können, daß es den Kriegsminister Mini als gefährlichen Ballast über Bord warf. In Oe st erreich endlich sucht das Ka bi n ett Witt ek nur nach dem geeigneten Moment, um in anständiger Forni abzutrctcn und einem vielleicht, vielleicht auch nicht dauerhafteren Kabinett zu weichen. Die „Kabi»etts"-Photographieen in Oesterreich werden bald ein stattliches Album füllen.
Aus Kindt und Lund.
Wiesbaden. 14. Januar.
— Geschick,tslralender. 14. Januar. 1896: f Eberhard, Graf von Württemberg, zu Wien. 1890: ch Karl Friedr: v. Gerok zu Stuttgart (* 29. Ja». 1815 zu Vaihingen). 1880: ch Friedrich, Herzog zu SchlcSw.-Holst.-Sonderb.-Augustenburg, in Wiesbaden, der Vater der deutschen Kaiserin (* 6. Juli 1829). 1874: ch Philipp Reis, Erfinder des Telephons (* 7. Januar 1884 zu Gelnhausen).
1871: König Wilhelm zeigt den deutschen Fürsten die Annahme der Kaiserkrone an. 1871: Stiftung des Waldeckschen Verdienstordens durch Fürst Georg Victor. 1871: Ausfall der Pariser gegen Le Bourget. 1858: Attentat Orsinis auf Napoleon III. 1830:
* Friede. Kiefer zu Mappach, bad. Politiker (ch 2. September 1895 zu Freiburg, Baden). 1821: * Salomo» Ritter v. Moscnthal zu Cassel, dramat. Dichter („Deborah" u. a., ch 17. Februar 1877 zu Wien). 1814: Friede zu Kiel zwischen Dänemark und Schweden und Großbritannien. 1797: Sieg Bonapartes bei Riooli. 1742: ch Edmund Halley zu Greenwich, berühmter Astronom (* 29. Oktober 1656). 1301: ch Andreas HI. v. Ungarn, mit ihm erlosch der Mannesstamm der Arpaden.
— Knnftsalon Hanger (Tannusstraße 6). Neu ausgestellt-
Kollektion Professor WilhelmTrübner-Frankfurt a. M., 30 Oelgemälde:
„Christus im Grabe". „Aniazoncnschlacht", „Wachtparade in München", „Gorgonenhanpt", „Singender Mönch", „Mohr mit Blumen", „Ccnta'urenpaar", „Kavallerie", vier Landschaften, zwei Hundeportraits, sechzehn Portraitstudien.
— Wicvliadrner Kunstsäle $. Hanger (Luisenstraße 9). Neu ausgestellt: Hundert Aquarelle jdentscher Künstler wie: Eugen Dückcr, R. Friese, C. GchrtS, H. .Hartung, H. Hermanns, E. Kampf. H. Kley, H. Krczzcr, H. Linde, A. LinS, R. LippS, Hugo Miihlig, E. Rikutomski, Henr. Nordenberg, H. Petersen- Flcnsbnrg, E. Schultz, Schulte vom Brühl, Storni van's Grave- sandc, Otto Striizzcl, F. Bezin, Hans Völcker, F. v. Wille; ferner Oelgemälde: C. Lützow-Münchcn, „Stillleben". H. Klingender- Cronberg, „Fuchs und Hunde", M. Schnberg-Berlin, „Fasan", R. Sichel-Berlin. „Studienkops"; Karl Ottos Copie nach Tizian, „Himmlische und irdische Liebe", ist von heute ab wieder in den „Kunsisälen" ausgestellt.
— Touristisches. Der „Wiesbadener Rhein» und Taunus- Klub" unternimmt heute Nachmittag eine kleinere Wintertour in die westlichen Berge. Der Abmarsch findet um 12 1 /a Uhr von der Ecke der Schwalvachcr- und Emserstraßc statt, der alten Schwal- bacher Chaussee hinan über Clarenthal und Chausseehaus zur Hohen Wurzel. Von dem hier befindlichen Aussichtsthurm wird nach dem nahegelegenen Gebirgsdörfchen Seitzenhahn gewandert, wo bei Wirth Rossel eine Stunde gerastet und dann nach Bleidcn- siadt hinabmarschirt wird, wo ein längerer Aufenthalt vorgesehen ist. Von Bleidenstadt aus wird die Bahn zur Heimfahrt benutzt. Die Marschzeit beträgt 3 bis 3',» Stunden; die Berge haben wieder etwas Schnee, die Feldwege, die auf kürzeren Strecken zu benutzen sind, sind gefroren, sodatz der Marsch nicht zu anstrengend sein wird; trotzdem ist Damen und Kindern die Betheiligung nicht an- znrathe».
— Urrlchötteruno»-Verein. Die Freitag Abend im „RathSkeller" siattgchabte Generalversammlung de« „Verschönern,igs- Verein" war nur mäßig besucht. An Stelle des durch Unwohlsein verhinderten Präsidenten, Herrn Landgerichtsdirektor Geheimen Rcgicrungsrath v. Reichenau, hielt der zweite Vorsitzende, Herr Wahl, die Versammlung ab. Herr B e u t t c n m ü ll e r verlas den Jahresbericht des Herrn v. Reichenau. Derselbe lautet: In dem abgelaufencn Jahre ist der Verein bemüht gewesen, neben Unterhaltung des ausgedehnten Netze? von Promenade, wegen nebst Bänken, Tischen und Schutzhallen in unseren schonen Waldungen diese Wegc-Nnlagen zu vervollständigen, wo sich ein Bedürfniß dafiir ergab. An der Plattcrstraße wurde der neue Promenadeweg von dem Schützenplatz Unter den Eichen neben der Kasianicnplantage bis zu dem Weg nach dem Adamsthal vollendet, im Rabengrund wurde ein Verbindungsweg von den. Weg längs der Rabenköpfe aner über die Wiesen nach dem Promenaden- weg auf der Nordseite des Münzbergs neu hergestellt und ein solcher von der Melibacnseiche nach der Wirthichaft ain Jdstemer- weg, Distrikt Bahnholz, angelegt. Für diese« Jahr in Aussicht ist eine Wegeanlage von der Straße nach dem Neroberg durch den
(Nachdruck verboten.)
Berliner Stimmnngslnlder.
Von Paul Lindettbrrg.
nii neuer Hohenzollernsproß. — Prinz Heinrich und Berlin. — )ie Hoffestlichkeiten. — Was sie nutzen können. — Drei jUttUtoneu irancs Verlust. — Der Fürsten und Frieden liebende Schneider. — udwig Knaus und die Ausstellung seiner Werke. — Ein Königliches Wagner-Theater.
Gli'lckverhcißend für das Hohcnzollernhaus hatdas^neuc jahrhundert begonnen, das der Hcrrscherfamilie einen neuen «protz eschcerte, einen jungen Prinzen, dessen im fernen Ostasien »eilender Vater nun auch zu seinen übrigen Würden die eines )oktor-Jngcnienrs erhalten, zufällig an dem gleichen Tag, an »elchem ihm der dritte Sohn geboren wurde. Früh am Morgen hon erhielt Berlin Mittheiluug von den, frohen Ercigniß, donnernd erkündercn es die ini Lustgarten ausgefahreuen Geschütze, deren Herne Stimmen an dem klaren, sonnigen Tage weithin durch die ewaltige Stadt hallten, ihre zweiundsiebzig Grüße abgebend, iiesmal konnte man gut die Zahl verfolgen, bei der schönen, Hellen Witterung erging's Einem nicht so, wie lenem Schusterjungen, der as letzte Mal, vor mehreren Jahren, mit der seinem Stande eigen- sinnlichen Wißbegierde de» Salut aufmerksam zählte, bei dem cbligen, rcgenschwercnWetter aber cinigeSchüsse nicht gehört hatte nd schiießliäi halb verwundert, halb entrüstet ansrief: „Nanu, mch ml'ne Prinzessin!" — . ..
Prinz Heinrich und seine amnnthrelche Gcmahlm erfreuen ch übrigens der besonderen Sympathie«! der Berliner, auch gerade mer Kreise, die nicht vor jeder Hofkntschc Front niachen und in -dem adlerbetreßten Bedienten ein Wesen höherer Art erblicken. Sas frische, freundliche Wesen des Prinzen, sein schlichtes, dabei ets männliches Auftreten, sein echtdeutschcs Aussehen, welches :bhaft an das seines verewigten Vaters gemahnt, haben ihm hier ie wärmste Verehrung eingetragen; dazu kommt die ausgeprägte Vorliebe der Berliner für Alles, was mit der See, was mit der starine znsammenhängt — dies bietet ihrer Phantasie wilttonnnenen Spielraum, es intpouirt ihnen, denn es ist nnt kühnem Wagemuth, iit dem Einsetzen der ganzen Persönlichkeit, mit allerhand Gefahren erknüpst. Die Zeiten, wo man in Berlin die damals nur ver- nzelt dort austauchenden Marine-Offiziere wegen ihrer gmd- ordirten Mützen häufiger mit Hotelportiers verwechselte,, sind ingsi vorüber, und die einfachen, so kleidsamen blauen Uniformen er Vertreter unserer Seemacht haben sich seit Langem bei uns ihr »eimathrecht erworben. „
Dieser Tage ist der Kaiserliche Hof völlig nach Berlin uber- esiedelt, und bald beginnen ja auch die Hoffestlichketten, eren Liste soeben erschienen ist. Zahl und Art der Vergnügungen
weichen nicht von denen der vergangenen Jahre ab, ob sic aber innegchalten werde» köiiiicii, das ist eine fragliche Sache, da irgend eine aus noch so entfernten Gründen ungesagte Hoftrauer zahllose Hoffnungen und Erwartungen jäh zerstören kann. Am größten ist stets die'Trauer auf Seiten Jener, denen diese Feste einen mehr oder minder reichen Verdienst abwerfen, und ihrer ist Legion. Man kann anuehmen, daß ein einziger großer Hofbatt hunderttauscnde von Mark in Bewegung setzt und daß Hunderte dadurch eine nute Einnahme erzielen, nicht nnr die großen Modcgeschäfte, sondern auch zahllose andere Berufe. Und da bereitet dann eine Hostraner arqc Enttäuschungen. Man berechnet beispielsweise den Schaden, den das Hinschcideil des,Herzogs von Clarcnce, des ältesten Sohnes des Prinzen von Wales, im Januar 1891, also inmitten der Pariscr und der Londoner Saison, den französischen, ans englische Abnehmer beträchtlich angewiesenen Modezweigcn gemacht, auf etwa drei Millionen Francs. Weit größer aber dürste noch der Nachtheil sei», den die belhciligten Industrie«! durch den Krieg in Südafrika erleiden. Kein Wunder, daß all die von der Mode lebenden Geschästslentc und Händler die begeistertsten Friedensfrennde, die trcncstcn Anhänger der Fürstcn'geschlechtcr und ärgsten Feinde von Krieg »nd Kricgsgeschrei sind. Eine hübsche Anekdote drückt dies sehr bezeichnend aus: In ein Pariser Cafö kam Abend für Abend ein Herr, der eifrig alle Zeitungen verschlang und oft freudig ausrief: „Gott sei Dank, der Königin von England geht cs gut!" — „Herrlich, herrlich, der junge Prinz von Rumänien ist in der Genesmig!" — „Der Himmel sei gelobt, der Kaiser von Oesterreich hat sich von seiner Erkältnng erholt!" — „Welch frohes Glück, der König von Spanien ist einem Eisenbahnunfall entronnen!" — „O. wie schön, wie schön, man ist
tu Berlin friedfertiger, denn je!"-„Wer ist denn dieser
eifrige Fürstenfrcnnd und Friedensanhänger?" erkundigte sich ein Gast bei dem Kellner, „ist cs ein Legitimist, ein bekannter Politiker, ein Senator?" — „Nein, mein Herr", erwiderte der Serviettcn- schwinger, „das ist ja der berühmte Damenschneider Worth!" —
Nach Paris richten sich, je mehr sich die Eröffnnng der Welt- Ausstellung nähert, mit stets gespannterem Interesse die Blicke, und in vielen Werkstätten und Fabriken wird jetzt mit fieberhaftem Eifer gearbeitet, um die für die deutsche Abtheilung angemcldeten Gegenstände rechtzeitig fertig zu stellen, da unseren Neichsbehördcn viel daran liegt, daß die deutschen Aussteller pünktlich am Platze sind. Bon unsercn Künstlern werden kaum mehr wie dreißig am Seinesirandc vertreten sein, und namentlich in der jüngeren Künstlerschaft hat es ob der Auswahl manche Enttäuschungen gegeben, da, wie es in der Natur der Sache liegt, mehr die älteren Meister berücksichtigt werden mußten als Vertreter der hauptsächlichsten Kiinstströmungen während der letzten Hälfte des knapp abgeschlossenen Jahrhunderts.
Das Lebcnswerk eines Mer Meister, welchem die neuere deutsche
Kunst ungeniein viel besrnchiende Anregung wie weitreichenden Nildm verdankt, tritt uns übersichtlich in der soeben ,n den «alen der Akademie der Künste «öffneten Ludwig Knaiis-Ans- stellung entgegen, die anläßlich des zwei Monate schon znrilck- licgenden 70. Geburtstages des Künstlers veranstaltet ward. Knaus, in Wiesbaden geboren und auf der Düsseldorfer Akademie vor- gcbildet, ging schon in jungen Jahren nach Paris, wo er sich längere Zeit aufhiclt und sich schnell Geltung zu verschaffen wußte, eine Geltung, die mit den Jahrzehnten beträchtlich znqenommcn, denn neben Menzel gilt Knaus auch heute noch als der geschätzteste und hervorragendste deutsche Künstler der Gegenwart. Lernte Knaus viel von den Franzosen in technischer Beziehung, so blieb er doch bei Wahl und Durchführung wie Auffassung seiner bildnerischen Vorwürfe deutsch bis ins innerste Mark hinein, und das ist's denn auch, was uns all seine Werke so nahe führt und was" ans ihnen so sehr zu unserem Gemüth, zu nnserem Herzen spricht. Von Neuem empfinden wir dies beim Besuch seiner Ausstellung, bei». Betrachten all lener meist bekannten Gemälde, in denen sich oft sinnige Aninutl, mit liebenswürdigem Humor vereint, in denen wir stets, welchen Gegenstand sie auch behandeln mögen, ein tüchtig Stück des beschaulichen, abgeklärte», tiefen Wesens ihres Meisters finden, der als Mensch sich der gleichen Verehrung wie als Künstler erfreut. Seit 1874 wohnt Knaus, der vordem bloß vorübergehend hier geweilt, dauernd in Berlin, nur seiner Kunst, seiner Familie, seinen wenigen, dafür desto treueren Freunden sich widmend, und in seinem behaglichen Heim, das er sich in der stillen, dem Thiergarten benachbarten Hildebrandstraße errichtet, ein arbeitsreiches, sorgenfreie«, glückliches Leben führend. Mit frischen Augen schaut der Siebzigjährige noch fröhlich in die Welt, in das volle Braun seines Haupthaars haben sich bisher nur wenige silberne Fäden gemischt, und wer ihn beobachtete, wie er mit gelassener Freundlichkeit, mit ruhiger Sicherheit die letzten Anordnungen in den Ausnellinigsräumen, welche die stolze Reihe seiner ihm dauernden Ruhm verbürgenden Schöpfungen beherbergen, gab, der wird ihm noch manches Jahr und manches Werk zumessen.
Aus unserem übrigen Kunstlcben ist nicht viel zu melden. Der Gerüchte müssen wir jedoch erwähnen, welche die Errichtung eines Königlichen Wagner-Theaters in Berlin verkünden, um das Opernhaus, dessen völliger Umbau beschlossen ist, zu entlasten »nd den vorhandenen ersten Kräften unserer Oper einen weiteren Wirkungskreis zu schaffen. „Die Botschaft hör' ich wohl" — -c., denn wir haben es wohl nur mit Fühlern zu thun, die erkunden sollen, wie ei» solcher Plan von den verschiedenen, hier in Betracht kommenden Gesellschaftskreisen ausgenommen wird. Die Idee eines derartigen Theaters ist so neu, so überraschend, daß man ernstlich noch nicht zu ihr Fühlung genommen, ja, daß nian sie an den meisten Stellen noch für-Zukunftsmusik Haiti
