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1. Beilage zum Wiesbadener Tagblatt.

Uo. 22. Morgen An»gabe.

Sonntag, den 14. Januar.

48. Jahrgang. 1900.

<17. Fortsetzung.)

(Nachdruck verboten.)

Der Geheimpolizist.

Kriminalerzählung von tz. v. Hrwakd.

Von Vater Halbundhalb begleitet, machte er sich auf den Weg, um Mutter Clupets Schwiegertochter aufzusuchen. Aus dem Polizeikommissariat des Viertels, in dem sie wohitte, erfuhr er. daß sie. nachdem sie ans der Aniskapelle geflohen, um sich den Zudringlichkeiten der Gäste derselben zu entziehen, sich als Näherin mühsam einen kargen Lebens­unterhalt verdiene. Vom Lande stammend, war sie schon im Alter von 12 Jahren von ihren armen Eltern nach Paris gesandt tvordcn, um sich hier Brod zu suchen. Sie fand es in einer Fabrik, ttnermüdet fleißig und sparsam hatte sie Sons für Sous sich etwa 1500 Francs gespart, als sie die Bekanntschaft Eduard Clupets machte.' Der Tag, an dem dies geschah, war wohl der unheilvollste ihres Lebens. Er war schon damals ein abgefeimter Hallunke, der dem unerfahrene» Mädchen durch seine großstädtischen Allüren so zu imponiren wußte, daß sie bald gänzlich von ihm bezaubert war. Er hatte es natürlich nur auf ihr Geld abgesehen, mochte vielleicht auch den Gedanken hegen, baß sie eine gute Anziehungskraft für die Aniskapellc werden könne kurz, er heirathcte sie. So lange das Geld reichte, ein paar Monate, ging Alles gut. Dann st-Ute er ihr Zumuthungen, gegen die sich ihre ganze noch unverdorbene Seele empörte, und sie fand schließlich keinen anderen Ausweg, als zu fliehen. Ihr Mann ließ sie ruhig ziehen, sie war ihm zur Last geworden mit ihren Moral­predigten. Nur von Zeit zu Zeit, wenn er dachte, daß sie wieder etwas gespart haben könne, besuchte er sie, um es ihr abzunehmen und sie gab cs her, einmal, weil sic ihn noch immer liebte, und sodann, weil sie, als sie sich einst geweigert hatte, ihm das zu einem Anzug für ihren Kleinen zusammengesparte Geld zu geben, von ihm Mißhandlungen schlimmster Art zu erdulden gehabt hatte und die Wieder­holung derselben fürchtete.

Als die beiden Beamten bei ihr eintrate», fanden sic sie inmitten des Zimmers, unmittelbar unter dem Dach sitzend, wo sie das beste Licht für ihre Arbeit hatte, und eifrig nähend. Das Mobiliar des Zimmers beschränkte sich, wie Weltli mit einem Blick in die Runde bemerkte, auf das Nolhwcndigste, aber es war reinlich gehalten, und sie selbst, so tiefe Furchen auch der Gram in ihre Züge gegeben hatte, zeigte noch immer etwas Gewinnendes. Der Blick ihrer großen schwarzen Augen glich dem eines treuen Hundes. Ihr Kind dagegen, rin Junge von etwa fünf Jahren, der, in einem warmen Tuchanzug gekleidet, während sie trotz der noch recht kalten Witterung nur ein dünnes Kattunkleid trug, auf der Erde spielte, hatte einen nichts weniger als einnehmenden Gesichtsausdruck. Wahrscheinlich ähnelte er dem Vater, dessen Photographie an der Wand hing, einem Burschen mit niederer Stirn, tiefliegenden Augen mit lauerndem Ausdruck, schmalen, den Stempel ungezügelter Leidenschaft tragendem Gesicht und einem frechen Lächeln unl die zusammengekniffenen, von starkem, schivarzem Schnurrbart beschatteten Lippen.

Sie haben", begann Weltli,jedenfalls auch schon etwas von dem Verbrechen in der Aniskapelle gehört?"

Allerdings! Aber mein Mann war nicht daran betheiligt, er ist schon seit etwa vierzehn Tagen in Haft!"

Ich iveiß es!"

Ganz ungerechter Weise, ich versichere es Ihnen! Er ist von seinen Freunden, von schlechten Menschen verführt worden. Wenn er ein Glas getrunken hat, dann weiß er nicht mehr recht, was er thut; sonst ist er aber ein guter Mensch!"

In diesem Augenblick wurde leise die Thür geöffnet und ein Kopf erschien in derselben, der sich sofort wieder zurückzog.

Mit lautem Schrei sprang Vater Halbmidhalb auf die Thür zu.

Was giebt es?" frug Weltli, der mit dem Rücken gegen die Thür gesessen und den Kopf nicht gesehen hatte.

Der Komplice!" heulte Vater Halbundhalb mehr, als er sprach, vergeblich sich bemühend, die Thür zu öffnen, die der seltsame Besucher mittelst des von außen im Schloß steckenden Schlüssels rasch geschlossen halte.

Mit einem Schrei der Wuth warf sich Weltli gegen die Thür sie ividrrstand der Wucht seines Anpralls.'

Haben Sie nicht irgend etwas zum Ausbrcchen?" wandte er sich dann an die ganz verblüfft zuschcnde Frau. Einen Haken, eine Schaufel, eine Brechstange oder sonst etwas dergleichen?"

Sie stand einen Augenblick rathlos.Vielleicht geht es mit dem Feuerhaken?" meinte sic dann.

Wo ist er? Rasch her mit ihm!"

Sie brachte ihn und mit seiner Hülfe gelang es endlich, die Thür aufzusprengcn.

Die beiden Beamten stürzten die Treppe hinab, aber auf der Straße war von dem, welchen sic suchten, nichts mehr zu sehen. Er hatte eben ungefähr fünf Minuten Vorsprung gehabt und das war für ihn ja mehr als genügend gewesen.

Bald sah Weltli ein, daß es vergeblich sei, die Jagd fortzusetzcn. Er war im Innern nicht weniger erregt, als der laut schimpfende Vater Halbundhalb, aber er wußte sich besser zu beherrschen, so empfindlich auch seine Eigenliebe von dem Gedanken betroffen wurde, daß nun schon z»m dritten Male dieser ebenso, schlaue als kühne Mensch der Polizei entwische.

Er ist ein wahrer Dämon", sprach er halb zu sich, halb zu seinem Genossen.Wo ich hinkomme, überall treffe ich auf ihn und seine Schliche. Alles wäre vielleicht schon entdeckt, wenn er nicht wäre!"

Ja, es ist ein höllisch schlauer Bursche. Aber jetzt, da ich ihn kenne, soll er mich nicht zum zweiten Male hinter das Licht führen. Wehe ihm, wenn er cs jetzt noch einmal versuchen wollte!"

Weltli lächelte trübe.Das bliebe doch noch abzuwarten", erwiderte er.Dieser Mann ist nicht nur schlau im höchsten Grade, sondern er besitzt auch große Geistesgegenwart. Der Gedanke, den Schlüssel umzudrehen, rettete ihn. Hätte er es nicht gethan, so wäre er jetzt in unserer Macht. Aber er riecht förmlich, was ich thun will. Sein Besuch hier bei Frau Clupct hatte doch sicher keinen anderen Zweck, als sie zur Verschwiegenheit zu veranlassen. Es gicbt also etwas, was sie verschweigen soll. Gehen wir wieder hinauf, es zu erfahren I"

Ums Himmels Willen", empfing die erschreckte Frau sie bei ihrer Rückkunft,was gicbt es denn? Was bedeutet das Alles?"

Wir sind auf der Jagd nach den Mördern der Anis­kapelle", erkürte ihr Weltli kurz.Der, welcher eben hier den Kopf zur Thür hereinsteckte, gehört zu ihnen. Er hoffte. Sie allein zu finden, und floh, als er uns sah."

Aber was konnte solch ein Mensch von mir wollen? Ich habe doch mit der ganzen Sache nichts zu thun."

Glücklicher Weise nicht. Und sie sollen auch nicht in dieselbe verwickelt iverdcn, wenn Sie verständig sind und uns unsere schwere Aufgabe erleichtern. Dadurch lenken Sie am besten jeden Verdacht von ihrem Manne ab, der, wenn er auch jedenfalls an der Mordthat selbst unbetheiligt war, doch, wie Sie selbst sagten, sehr schlechte Menschen zu Freunden hat."

Ich will gern Alles sagen, was ich weiß!"

So nennen Sie mir zunächst die Freunde Ihres Mannes!"

Sie zögerte. Sie mochte wohl so mancher Scene bei­gewohnt haben, in Bezug auf welche ihr strengste Verschwiegenheit unter schweren Drohungen zur Pflicht gemacht worden mar.

Sprechen Sie ohne Furcht!" redete Weltli ihr freundlich zu.Niemand wird erfahren, aus welcher Quelle unsere Mittheilungcn stammen. Sie müssen doch da unten eine Menge Leute kennen gelernt haben und gewiß nicht solche von bester Sorte. Denn wegen diesen Leuten sind Sie doch da draußen fortgelaufcn, wie ich hörte! Ist cs nicht so?"

Allerdings! Aber weniger um meinetwillen bin ich

fvrtgelaufen, als des Kindes wegen!

Um des Kindes wegen?"

Gewiß. Man suchte ihn zum Branntweintrinken, zu allerhand Schlechtigkeiten zu verleiten oh, es war abscheulich!"

So, also deswegen! Aber nun. bitte, erzählen . . ."

Theodor!" Der Schrei der jungen Mutter klang so janimcrvoll, daß Weltli sich rasch umwandtc, der Richtung ihres Blickes zu folgen. Da sah er, wie der Kleine, auf den Niemand Acht gegeben hatte, hinter seinen Rücken gekrochen war und mit einer weit über sein Alter hinans- gehcnden Gewandtheit ihm die Taschen ausräumte. Er begriff nun, wovor die Unglückliche ihr Kind hatte bewahren wollen: vor der Erziehung zum Taschendieb, der leider in Paris so manches jugendliche Wesen anheim fällt. Die Eltern dressiren noch ganz kleine, kaum vier bis fünf Jahre alte Kinder darauf, Fremden den Inhalt ihrer Taschen zu stehlen. Werden die Kleinen dabei ertappt, so schelten die Eltern sie mit dem Ausdruck höchster sittlicher Entrüstung und schlagen sie; gelingt der Diebstahl unbemerkt, so bekommen die Kleinen zur Belohnung für ihre schönen Handlungen süße Näschereien.

Frau Clupet brach in Thränen ans.Das war es eben, was ich am meisten fürchtete", schluchzte sie.Wenn ich nicht zu Hause war, ging man mit dem Kleinen auf solche Fahnen aus. Ich will aber nicht, daß mein Sohn ein Dieb werde, darum floh ich mit ihm!"

Weltli war von dem Schmerz der verzweifelnden Mutter so tief gerührt, daß er seinen Aufenthalt bei ihr möglichst abznkürzen suchte.

(Fortsetzung folgt.)

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