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1. Anlage zum Wiesbadener Tagblatl.

(15. Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)

Der Geheimpolizist.

Krimiualerzählung von E- v. Grwald.

5. Kapitel.

Als Mais hinaus war, ließ der Untersuchungsrichter sich erschöpft in seinen Sessel fallen, von dem er bei der letzten an jenen gerichteten Ermahnung anfgestanden war.

Gegen fünf Stunden hatte das Verhör gedauert; er fühlte sich auf das Aeußerste erschöpft. Seinen ganzen Scharf­sinn hatte er aufgeboten — es war.ihm nicht gelungen, ein Resultat zu erzielen.

„Was für ein hartgesottener Schurke!" rief Grasouillet, dem vom Schreiben die Finger noch weh thaten.

„Nein! Der Mann ist kein Schurke!" verteidigte ihn der Richter in ruhigem Tone. „Als ich ihm zuletzt in das Gewissen redete, war er bewegt und weinte. Er war nahe daran, mir Alles anzuvertraucn!"

„Er ist von einer bewunderungswürdigen Geistesgegen­wart!" rief Weltli in aufrichtiger Anerkennung. „Und dieses Schanspieltalent! Wie vorzüglich machte er den Aus­rufer! Die größten Schauspieler bedürfen, um ihre Wirkungen zu erzielen, der Bühne mit ihren Hülfsmitteln; er hatte kein solches, und ein wie schwer zu gewinnendes Publikum!"

„Sie haben recht, Herr Weltli!" stimmte ihm der Unter­suchungsrichter bei: „Und wissen Sie auch, was aus Ihren Bemerkungen folgt?"

„Nun l"

",Dieser Mann ist entweder wirklich Mais, der Ausrufer, oder er gehört den höchsten Schichten der Gesellschaft an. Ein Drittes giebt es nicht. Diese rücksichtslose Energie findet man nur in den höchsten oder in den tiefsten Klassen. Ein anderer hätte längst Alles gestanden!"

„Aber ein Ausrufer ist er nun und nimmermehr!"

„Ganz recht. Sie wissen also nun, in welchen Sphären Sie ihn zu suchen haben. Was mich betrifft, ich gestehe es zn: Wäre ich nicht durch Sie vorbereitet gewesen, dieser große Künstler hätte mich getäuscht!"

Der junge Beamte neigte sich freudestrahlend.

Welcher Unterschied zwischen diesem wohlwollenden, ihm seine Verdienste zuerkennenden Richter und dem sinsteren Dorsat. Für jenen wäre er durch das Feuer gegangen; hätte er nur mit der Wimper zu zucken brauchen, um damit den gebrochenen Arm Dorsats zu heilen, wer weiß, ob er cs gethan hätte. Sicherlich nicht, so lange noch die Befürchtung bestand, daß Dorsat die Untersuchung in dieser Sache wieder übernehmen könne!

Aber seine Frende über die ihm gewordene Anerkennung hinderte ihn nicht, einzuschen, daß der Erfolg, nachdem das so geschickt geleitete Verhör keinerlei Fortschritte gebracht hatte, noch unwahrscheinlicher war als vorher.

„Herr Untersuchungsrichter", begann er, „darf ich mir erlauben, einen Vorschlag zu machen?"

„Ich bitte darum!"

„Bei dem Verhör jener Wittwe Clupet war auch von ihrem Sohne Eduard die Rede, einem ganz schlechten Subjekt, das sich ebenfalls in Haft befindet. Wäre es nicht vielleicht gut, ihn zu verhören? Er kennt die Gäste der Aniskapelle

Freitag» Ken 12. Januar.

und kann uns vielleicht über Gustav oder Ballandaye Aus ! u»tft geben. Da er in Haft ist, wird er schwerlich für den Komplicen erreichbar gewesen sein!"

„Sehr gut! Daß ich daran nicht gedacht habe! Morgen will ich ihn verhören, für heute habe ich genug von der Sache; mein Kopf schmerzt nicht wenig. Es ist auch viel­leicht gut, seine Frau zu befragen. Grasouillet, füllen Sie eine Citation aus!"

„Geben Sie mir dieselbe, Herr Untersuchungsrichter I" bat Weltli.

„Gern. Hier haben Sie auch den Ohrring und den Brief, der in der Tasche des verkleideten Soldaten steckte Sehen Sie zu, was Sie erreichen können!"

Es war bereits dunkel geworden, als Weltli hinaustrat. Betäubend schlug ihui der Lärm der Großstadt entgegen, von dem in dem stillen, auf einen Hof hinausgehenden Bureau des Untersuchungsrichters höchstens ein leises Sunimen zu vernehmen gewesen war. Auch über ihn kam ein Augen­blick der Entmulhigung bei dem Gedanken, wie schwer es doch sei, in dem Treiben dieser Millionen von Menschen die schwachen Spuren zu verfolgen, welche die Untersuchung bis jetzt geliefert hatte. Und doch mußteer es! Eine Stimme in seinem Innern rief ihm zu: Es ist deine Zukunft, um die es sich handelt! Vorwärts!

Er begab sich zunächst nach der Polizeipräfektur, wo er Vater tzalbundhalb oder doch wenigstens Nachricht von dem­selben zu finden hoffte. Keins von Beiden. Aber Spöttereien von seinen Kameraden wurden ihm zu Theil, aus denen er unschwer den Einfluß des eifersüchtigen Inspektors heraus­hörte, der ihn in der That allen Kollegen als einen vor Ehrgeiz toll gewordenen, Hirngespinnsten nachgehenden Phan­tasten schilderte. ,

Auch in der Morgue war Vater tzalbundhalb mcht zu finden. Niemand hatte sich gemeldet, der eine der Leicben erkannt hätte.

„Das fängt nicht sehr vielversprechend an!" sagte er sich, und gleichzeitig machte sich auch ein physisches Unbehagen geltend. Natürlich; seit heute Morgen war er auf den Beinen; jetzt brach die Nacht herein, und er hatte noch nichts gegessen.

Ein einfaches, aber gutes Mahl, mit einer halben Flasche guten Weines gewürzt, gab seinen Gliedern die jugendliche Spannkraft wieder. Er machte sich nun auf die Suche nach dem Hotel, in welchem Mais seinen Koffer abgesetzt haben wollte. Wie er es erwartet hatte, wurde ihm in mindestens einem Dutzend Hotels die Antwort, daß dort Niemand logirt oder einen Koffer abgegeben habe, der dem von ihm gesuchten ähnlich sehe. Um sichrer zu gehen, und nicht überall seine Eigenschaft als Polizeibeamter nennen zu müssen, in welcher er wohl weniger erfahren hätte, als wenn er als Privat­mann käme, setzte er seinen Hut auf das Hinterhaupt und sprach das Französische mit einem deutlichen englischen Accent.

So kam er nach dem kleinen „Hotel garni de Calais"/ in dessen Büreau eine Blondine, etwa in der Mitte der dreißiger Jahre stehend, damit beschäftigt war, in einem großen Buch zu blättern. „ . , „„

„Könnte ich den Eigcnthümer des Hotels sprechen? frug Weltli.

„Es gehört mir, mein Herr!"

,Ahl Ich komme nämlich deshalb: Ich hatte nämlich einem Mann aus Köln, den ich in Paris erwarten wollte, den Auftrag gegeben, mit uns am Sonntag Abend auf dem

48. Jahrgang. 1900.

Bahnhof zusammenzutreffen Leider mußte ich meine Abreise von London verschieben und konnte erst heute hier eintreffen. Ist er vielleicht hier abgestiegen? Er heißt Mais!"

„Mais! Mais!" wiederholte sie nachdenklich, „nein, tch erinnere mich nicht! Wann sollte er hier angekommen sein?"

„Am Sonntag Nachmittag!"

„Warten Sie! Ist es vielleicht ein ziemlich ärmlich gekleideter Mann von mittlerem Alter, hohem, schlankem Wuchs, mit dunklem Haar und ebensolchem Vollbart?"

Weltli bekam Herzklopfen. Das war allerdings das Signalement des Angeklagten.

„So sieht er aus!" brachte er mühsam hervor. „Hat er nicht vielleicht seinen Koffer hier gelassen?"

„Aber gewiß! Er kam Sonntag Nachmittag an, frug nach einem ganz bescheidenen Zimmer, trug, nachdem ich ihm ein solches im fünften Stock gezeigt hatte, weil der Portier gerade nicht hier war, seinen Koffer selbst hinauf, zahlte fünf Francs im Voraus und ging dann fort!"

Wissen Sie, wo er jetzt ist?" ,

„Ich habe keine Ahnung davon! Paris ist so gefährlich itr Fremde! Er ist allerdings Franzose, denn er sprach ohne fremden Accent! Uebrigens habe ich schon gestern Abend den Herrn Polizeikommissar benachrichtigen lassen'/ So! Schon gestern Abend!"

„Ja! Hoffentlich ist mein Befehl auch ausgeführt worden! Ich will mich gleich darnach erkundigen!"

Während sie in das Nebenzimmer ging, um von dort ans dem Portier zu rufen, stand Weltli wie erstarrt. Sollte Mais doch nur der einfache Ausrufer sein, für den er sich ausgab? Sollte der Inspektor recht haben? Sollte auch der Untersuchungsrichter sich getäuscht haben? Nein, nein, es durfte nicht sein, es mar unmöglich!

Der Portier erschien, ein großer, starker Bursche mit gutmüthig-dummem Gesicht.

Hast Du gestern Abend den Kommissar benachrichtigt, Jean, daß der Fremde von Nr. 47 nicht wieder gekonimen ist?" „Ja, Madame!"

„Was sagte er?" _ _

„Madame sollen unbesorgt sein, er würde sich schon wieder einstellen; er wäre wohl . . ."

Nun?"

"Mt einem hübschen Mädchen zusammengckommen!"

„Es ist gut, geh!" Und nun zu Weltli gewandt, ,uhr sie fort: „Sie sehen, daß von meiner Seite Alles geschehen ist, was geschehen konnte!" ^ ,

Wenn ich nur genau wüßte, ob der VerschwUttdene auch' der ist, den ich erwartete. Seines Namens können Sie sich nicht mehr entsinnen?

Nein!"

„Und der Name Mais erweckt gar keine Erinnerungen in Ihnen?"

„Gar keine!" .

Welli hätte gar zu gern das Register erngesehen, tn welches nach den für Paris geltenden Polizeivorschriften die dortigen Wirthe alle bei ihnen ankommenden Gäste täglich eintragen müssen, fürchtete aber, Verdacht zu erregen, wenn er dies direkt forderte. „Schade l" sagte er, sich zum Gehen wendend, „daß man hier nicht auch ein Fremdcnrcgifter führt, wie in England!"

(Fortletznng folgt.)

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