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418. Jahrgang.

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Morgen -Ausgabe.

Zur Mittelstands-Bewegung.

Unter Mittelstands-Bewegung versteht man alle auf Erhaltung und Befestigung des Mittelstandes gerichteten Bemühungen. Bevor von diesen die 'Siebe sein kann, ist zunächst klarzustellen, was man unter dem Mittelstand versteht und wie, d. h. in welchem Umsang, er sich in der Gegenwart darstellt. Es ist nicht leicht zu sagen, was der Mittelstand ist; denn der Begriff umschließt eine Reihe verschiedener Seiten und Merkmale. Er knüpft in erster Lime an die Vermögens- und Einkommens-Verhältnisse, aber auch an die Vorstellungen der Standcsehre, der socialen Stellung, der allgemeinen und technischen Bildung, der Lebenshaltung an. Auch für ver­schiedene Zeiten ist der Begriff ein wechselnder. Für die Gegen­wart können wir nach dem Vorgang Schmollcrs zum oberen Mittelstand die mittleren Grundbesitzer und Unternehmer mit 5 bis 50 Hektar Grundbesitz, bez. 2 bis 10 Hülfsarbeitern, die meisten höheren Beamten, viele Angehörige der liberalen Berufe, die 2700- 8000 Mk. Einkommen und 6-100,000 Mr. Vermögen besitzen, rechne». Schmoller nimmt an, daß zu dieser Gruppe in Deutschland etwa 2,75 Mill. Familien, zur zweiten etwa 3,75 Mill. Familien zu zählen find. Was den oberen Mittel­stand anlangt, so giebt cs nämlich nach Ausweis der jüngsten Statistik rund 2,2 Mill. Betriebsleiter mit 5—50 Hektar Grund­besitz. bez. 2 -10 abhängigen Personen; ferner nach der Vcrmögens- steuerstatistik über 1 Mill. Personen mit -6—100,000 Mk. Ver­mögen. Wenn in Preußen 1895 96 nur 665,000 Personen zu eiirem Stencreinkoinmen von 3000—9500 Mk. veranlagt waren, so ist diese Zahl wohl zu niedrig. Alles in Allem ge- genommen wird, wenn auch nicht die sämmtlichen 2,2 Will. Betriebs­leiter das vorausgesetzte Einkommen erreichen, durch Hinzuzählung der zahlreichen Beamten, Künstler, Schriftsteller rc. die Sunime von 2 75 Mill Familien sich ergeben. Den unteren Mittelstand berechnet Schmoller auf ca. 3,3 Mill. Familien. Er zählt hierzu die kleinen Bauern, die Handwerker, Kleinhändler, die Subalternbeamten, besser bezahlte Arbeiter — Leute mit einem Einkommen von 1800 bis 2700 Mk. und meist noch einigeni Vermögen, lieber dem Mittel­stand stehen 0,25 Mill. Familien, die man als vermögende Gruppe bczeichnen kann, größere Grundbesitzer und linternchmer, Rentiers, höhere Beamte, Künstler, Aerzte. Zu den unteren Klassen zählen 5,25 Mill. Familien, hauptsächlich Lohnarbeiter, aber auch viele untere Beamte, ärmere Handwerker uild Kleinbauern.

Die Frage, ob der Mittelstand zu- oder abgcnommcn hat, labt sich nur durch Vergleiche mit früheren Zeiten beantworten. Wir folgen hier im Wesentlichen Schmoller, mit dem auch von diesem gemachten Beifügen, daß die folgenden Angaben nur ein allgemeines Bild, keine vergleichbaren Zahlen geben sollen. Rach den Be­rechnungen von Dieterici gab es 1816 für Altpreußen: 186,612 Fabrikarbeiter, 880.041 Handarbeiter, 1846 : 553,542 Fabrik- und

1895 ergaben in Landwirthschaft, Gciverbe und Handel:

1882 : 5.1 Will. Selbständige, 11,2 Mill. Gehülfen und Arbeiter, 1895 : 5,4 ., „ 13,3 . .. „ , , t

Diese Zahlen, wenn sie auch nicht direkt miteinander vergleich­bar sind, geben doch ein Bild der großen socialen Veränderung, die sich in dieser Zeit vollzogen hat. Die Betriebsweise ist nunmehr viel konzentrirter, auf Massenproduktion und -Absatz eingerichtet;

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die Stelle der Hausindustrie ist vielfach die Fabrik getreten, werk ist thellweise beseitigt, theilweife in seinem Bestand ht. Durch feie Verkehrs- und

an

das Handwerk bedroht. Durch

Entwicklung der großen Industrie, des modernen Bankwesens ist ein breites Großbürgerthum ent­standen, das an Macht, Ehren und Einfluß die alte Grund­aristokratie überflügelt hat. Was die Frage der Zu- oder Abnahme des Mittelstandes m dieser Zeit aulangt, so beanspruchen am meisten Interesse hierbei die landwirthschaftlichen und gewerblichen Theile desselben. . ^

Was die Landwirthschaft betrifft, so gab es in Preußen:

Rittergüter

Spannfähige

Bauerngüter

Bäuerliche Klcin- stellen

Zahl

Umfang in Mill. Mrg.

Zahl

Umfang in Mill. Mrg.

Zahl

Umfang in Mill.Mrg.

1816

351,607

34,4

_

—

1837

12015

25,0

853,454

35,7

459,345

3,9

1865

11827

28,6

349,836

82,7

701,258

5,2

Ans diesen Zahlen ist ersichtlich, daß bis 1865 der spannfahige Bauernstand sich wenig verändert, der Stand der Kleinbauer» zu­genommen hat, der Umfang der Rittergüter wohl gewachsen ist, aber nicht so, daß dadurch der Aufbau der agrarischen Gesellschaft ein wesentlich anderer geworden wäre. Auch die landwirthschaft- liche Betriebszählung von 1895 ergiebt ein ähnliches Bild: es gab in ganz Preußen 528,729 Betriebe mit 5—20 Hektar. 188,114 niit 20—100, 20,390 mit über 100 Hektar laudwirthschaftlich benutzter Fläche. Die Zahlen für ganz Deutschland lassen sich nicht in ähn­licher Weise rmtcinander vergleichen; doch ergiebt ein Vergleich der Ergebnisse von 1882 mit denen von 1895 keine Abnahme der mittleren Güter. Man zählte

Betriebe mit 5—20 Hektar 20—100 Hektar 1882 .... 926.605 281.510

1895 .... 998.804 28.767

Die laudwirthschaftlich benutzte Fläche betrug:

bei den Betrieben mit 5—20 Hektar 20—100 Hektar 1882 .... 9.158.398 9,908,170

1895 .... 9,721.875 9.869,837

Die Zahl der kleinsten Betriebe (unter 2 Hektar) ist von 3,061,831 auf 3,236,367 gestiegen, ihr Areal von 1,825,938 auf 1,808,444 zurückqcgangen, was eine Verkleinerung der einzelnen Betriebe bedeutet; die Zahl der Kleinbetriebe mit 2 bis 5 Hektar ist von 981,407 auf 1 , 016 , 318 , ihr Areal von 3,190,203 auf 3,285984 gewachsen. Bei den Gütern von über 100 Hektar

haben sich nur unwesentliche Aenderungen ergeben; sie haben von 24,991 auf 25.061, ihr Areal von 7,786,263 auf 7,831,801 Hektar zugenommen. Gin Vergleich der Procentzahlen beider Aufnahmen erarebt, daß die Antheile der kleinen und inittlerenBanernguter an der gesummten landwirthschaftlichen Fläche von 10,01 auf 10,11, bezw von 28.74 auf 29,90 pCt. gewachsen sind. Der mittlere Grundbesitz von 5—100 Hektar insbesondere hat sich auf Kosten der Parzellen- und Großbetriebe verstärkt. Auch für Preußen allem,

zucht, Forstwirthschaft und Fischeren ^

Selbständige und Betriebsleiter 1,235,167 Verwaltnn'gs-, Aufsichtspersonal 41,666 Familienangehörige, inderWirth- schaft des Haushaltungs-Vor­standes thätig ...... 849,037

Landwirthsch. Knechte und Mägde 849,432

Landwirthschaft!. Taglöhner . . 1,613,217 -,-~~ -

Die Zahl der landwirthschaftlichen Haupt- und Rebenbetriebc ist 1882—95 von 3,0 Mill. aus 3,3, also um rund 300,000 die der Hauptbetriebe allein von 1,118,067 ans 1,200,660, also um 82,493 gestiegen. Dieselbe Entwickelungstendenz ergiebt auch die Betriebs­statistik. Man zählte , „ , - . ,

Haupt- und Rebenbetriebc

1895

1,361,284

60.555

954,662

894,221

1,362,333

-s- oder — st- 126,117 st- 18,889

st- 105,625 st- 44,789 — 250,884

1882

unter 2 Hektar. 2,048,113

von 2—5 Hektar. 522,780

. 5-20 Hektar. 528,729

„ 20-100 Hektar. 188,114

100 Hektar und mehr. 20,390

1895 1,865,158 493,254 474,387 186,958

.... , 20,439

Es haben"also von 1882- 95 die großen Betriebe als Hauptbetriebe abgcnommcn, nur als Rebenbetriebe in etwas zugenommen; die Betriebe mit 1—2 Hektar etwas abgenommc»; dagegen ist die Zahl der mittleren Betriebe von 5—100 Hektar nicht unerheblich gewachsen. Wen» diese Erscheinung in einer der Landwirthschaft nicht günstigen Zeit einaetreten ist, so liegt der Schluß nahe, daß der landwirthschaftliche Mittel- und Kleinbetrieb in der Hauptsache dem Großbetrieb technisch und wirthschaftlich nicht uachstehe, und daß eine Aufsaugung des ersteren durch den letzteren auch in Zu­kunft nicht wahrscheinlich sei.

Etwas anders liegen die Verhältnisse beim inrttleren Gewerbe­betrieb. Die allgemeine Meinung schon neigt dahin, anznnkhmen. daß hier die kleinen und mittleren Betriebe sich weniger gehalten haben als in der Landwirthschaft. Namentlich gilt dies vom Hand­werk. Die Statistiken voii 1882 und 1895 ergeben für Industrie (Gewerbe) und Bergbau im Hauptberuf

1882 lSJo

Ueberh. thätige Personen 6,396,465—100 pCt. 8,281,230—100 pCt.

. 2,201,146= 84,4 . 2,061,870= 24,9 .

“iS'tft/®'?“'"': . 4,195»= 65,6 . 6,219,860= 75.1 .

Es gab demnach 1895: -140,000 selbständige Betriebsleiter weniger, über 2 Millionen Abhängige mehr als 1882. lieber die Handwerker, die in diesen Zahle» mit enthalten sind, ist damit nichts Bestimmtes gesagt. Nach den Zahlen der amtlichen Hand- werkcrenqncte von 1895 (sieheHandwerkcrstatistik) kann angenommen werden, daß zur Zeit rund 1,3 Millionen Handwerksmeister in Deutschland vorhanden sind. Ans 1000 Seelen kamen 1816-61 in Preußen:

1816: 24,9 Meister und 38,8 Meister und Gehülfen znsannnen 1861: 28,9 „ „ 59,1 „ „ „ „

1895 gab es in Deutschland pro Mille 26,7 Meister und 56,9 Meister und Gehülfen zusainmeu. I» der Zeit von 1816—61 hat die Be­völkerung um ein Drittel, die Zahl der Meister um das Doppelte zugenommen, 1861—95 die elftere um SO pEt., die letztere um 38 PCt. Anderweitige Untersuchungen ergaben, daß die Handwerke infolge der Gewerüefreiheit vielfach bis in die 70er und 80er Jahre zu- genonunen, von da ab aber abgenommen haben. Vielfach mag es sich bei den Gründungen selbständiger Handwerksgcschäfte der letzten Jahrzehnte um kleine, auf die Dauer lebcnsnnfahige Betriebe ge­handelt haben. Eine Reihe von früheren Handwerke» ist überhaupt verschwunden, andere sind sehr znrückgcgangen; manche kleine Kundenbetricbe sind durch modernisirte Mittelbetriebe mit einigen Hülfskräften ersetzt worden; mancher Handwerker, oder genauer. Mancher, der nach den frühere» Verhältnissen ins Handwerk iiber- getreten wäre, ist unter die Hülfsarbciter gegangen, womit freilich durchaus nicht immer eine Verschlechterung seiner »iatcr>cllcn Lage verbunden sein muß. Ucbrigens ist die Entwickelung in Stadt und Land nicht gleichmäßig verlaufen; während dort eine Abnahme des Handwerkerstandes nicht in Abrede gestellt werden kann, hat er sich liier erhalten. Zweifellos ist die Entwickelung heute »och nicht abgeschlossen; aber daß auch heute ein breiter Mittelstand im Gewerbe vorhanden ist, wenn auch theilweise auf anderer Grund­lage wie früher, sucht Schmoller durch folgende Zahlen zu erweisen. Es wurden 1895 gewerbliche Betriebsleiter im Hauptberuf (ohne die Hailsindustriellcn) gezählt in Betrieben

mit über 100 Personen 8,877 . 21-100 „ 33,864

' 11- 20 . 31,200

. 6- 10 „ 67,976

„2-5 „ 586,014

„ 1 Person _1,035,580

Zusammen:

Dazu hausindustrielle

73,441 Großbetriebe

653,980 Mittelbetriebe Allcinbetriebe

1,763,011

X'CISU nuii»mi>uiimui Betriebsleiter 285,929. Es kommen demnach auf 73,441 Großindlistrielle 653,980 Mittelindustrielle und

1.3 Mill. Klein- und Hausindnstrielle. Zweifellos kann man von den in Alleinbetrieben Thätige» auch noch den größeren Theil zum Mittelstand rechnen.

Reben den, Zusammenbruch und wirthtchaftlichen Rückgang Tausender von Existenzen, die man sich von den Zeiten fehlender Großindustrie her gewöhnt hat unter den Mittelstand zu rechnen, stehen sehr erfreuliche Ansätze zur Bildung eines neuen Mittel­standes, der trotz seiner Abhängigkeit sich weit über das Niveau eines bloßen Arbeiters erhebt. Es sind das in erster Linie die technisch und kaufmännisch gebildeten Beamten und Angestellten der größeren Betriebe. Wir finden, daß ihre Zahl in Deutschland in Landwirthschaft, Industrie und Handel von 1882—95 um

102.3 pCt., nämlich von 307,268 auf 621,825, gestiegen ist. Hierher sind aber auch Tausende von eigentlichen Arbeitern zu rechne». d,e sich durch ihre Leistungen eine überdurchschnittliche Bezahlung und ebenso sichere Stellung errungen haben, als wenn sie Kleinmclstcr geworden oder geblieben wären. Uebcrhanpt ist nach obigen Aus­führungen anz»nehmen, daß der Mittelstand mehr in einer inner­lichen Ümbildung als in einem förmlichen Weichen begriffen ist. Namentlich ist, trotz einer uiiverkennbareu Verschärfung des Gegen­satzes zwischen Besitzenden und Nichtbesitzenden, nicht zu vergessen, daß gleichzeitig die Lebenslage der unteren Bevölkerungsklassen sich wesentlich verbessert hat, sowohl in Bezug auf die Entwicklung des Einkommens und der Löhne, als nach ihrer ganzen wirthschaftlichen Lage. Die sächsische Eiukonunensteuerstatistik, die bis 1894 alle

Personen mit 300 Mk. Einkommen umfaßt, ergrebt z. B., daß von 100 eingeschätzten Personen ein Einkoinmen hatten:

1879 1894

unter 300 Mk. . 7,1 5.6 800-1400 Mk.

300-800 „ . 69,3 59,7 1400-2200

1879 1894 13,2 21,3 5,2 6,7

Bei einem Bevölkerungszuwachs von im Ganzen 28 pCt. und einer Zunahme der überhaupt cingeschätzten Bevölkerung von 37,5 pCt. vermehrte sich 1879-94 die Zahl der Eingeschatzten mit einem Einkommen von unter 300 Mk. um 8,5 pCt., ÄX>—Mk. um 18 3 pCt Dagegen bei einem Einkommen von 800—1400 Mk. um 122,5 pCt., 14Ö0—2200 Mk. »m 122,7 pCt.

Aus diesen Zahlen erhellt klar die Zunahme der kleineren Ein­kommen. In Preußen nahm 1892 93 bis 1898B9 die Zahl der der

kommen. OU mu/m xuuu viv t L v r -

Einkommensteuer unterworfenen physischen Personen, d. h. derjenigen mit luindcstcns 900 Mk. Einkonlnicn um 19,5 pCt. zu, wahrend der Jnwachs der Bevölkerung überhaupt 8,2 pCt. betrug. Die Zahl der Steuerpflichtigen mit 900—1500 Mk. hat um 21 PCt. zu- genoiumen. Auch der außerordentliche Aufschwung des Sparkassen­wesens ist ein Beweis für das Aufrückcn immer zahlreicherer Theile der unterste» Klassen in bessere Verhältnisse. In Sachsen betrug bei allen Sparkassen 1879 1898

die Zahl der Sparkassenbücher . . . 861,600 l,942,oÜ0

d. h. auf 100 Einwohner. 29,0 51,4

im Betrag von Mill. Mk. 318,3 741,9

Die Zahl der Sparkassenbücher in Preußen betrug:

1882 : 3,342 Mill. — 12,1 auf 100 Einwohner

1897 : 7,643 „ = 23,4 „ 100 ,,

Der Werth der Guthaben stieg in derselben Zeit von 1697 auf 4967 Mill. Mk. . .

Läßt sich so einEmporsteigen cuicr immer großer»Anzahl von Arbeitern in geordnetere Lebcnsverhältnisse nicht wohl in Abrede stellen, so ist ebenfowcnig zu verkennen, daß, wie erwähnt, einzelne Theile des Mittelstandes m ihrer bisherigen Gestaltung im Ver­schwinden und in der Umbildung begriffen sind. Und es ist er­klärlich, daß diese bestrebt sind, Maßregeln in«Leben zu rufen, um sich in ihrem bisherigen Zustand zu erhalten und zu kräftigen. Dem Beispiel der Arbeiterklasse folgend, traten zuerst die landwirth- schnftlichcn Produzenten, größere wie kleinere Grundbesitzer, dann die Handwerksmeister, fchueßlich die Kleinhändler zum Zweck der Erhaltung ihrer Lebensfähigkeit, zur Wahrung ihrer Interessen zu­sammen. Die beiden letztgenannten Stände, an die mau zunächst denkt, wenn von Mittelstand die Rede ist, ,haben schon früher kraft ihrer rührige» Organisation und des Umschwnugs der öffentlichen Meinnilg die staatliche Gesetzgebung in Bewegung, gesetzt; hier soll nur von den nenestcu Bestrebungen auf diesem Gebiet die Rede sein. Vor Allem ist es in Berlin gelungen, einen Bund der Handel- und Gewerbtreibenden zu gründen, der eine lebhafte Agitation »n Sinn 'einer Mittclstandspolitik entfaltet. Neben diese erste Organisation ist dann »och eine zweite getreten, indem die in Berlin nicht lange vorher ins Leben gerufenen Vereine selbständiger Gewerbtreibender znsamme» mit einer Anzahl Innungen einen Centralverband der selbständigen Gewerbtreibenden Berlins begründet haben, der aber bisher an Rührigkeit hinter dem vorhin erwähnten Bund zurucksteht. Die Agitation dieser Verbände und anderer provinzieller Ber­einigungen mit gleichen Zielen hatte im Jahr 1898 in erster Lime die großen Waarenhäuser in« Auge gefaßt und „i der kurzen, Zeit ihres Bestehens schon erhebliche Erfolge erzielt. So nahmen bei zwei Interpellationen, im sächsischen und im preußischen Landtag, die Regierungen prinzipiell den Standpunkt ein. daß eine koimnunale Unisatzsteucr für große Waarenhäuser gerechtfertigt sei. In Preußen ist ein darauf bezügliches Gesetz in Vorbcrcltnilg. In, Bayern sucht man bei der eben im Gang befindlichen Steuerreform die Großbazarc »nd Waarenhäuser höher zu belasten als die anderen Gewerbebetriebe. Auch die Bestrebungen der Banhandwcrker zur Sicherung ihrer Lage sind insofern von Erfolg gekrönt, als die deutschen' Regicrnngen bestrebt sind, sie durch Schaffung eines be- fonderen Gesetzes wirksamer als bisher in ihren aus Arbeiten und Lieferungen an Reu- und Umbanten erwachsende» Forderungen zu schützen. Auch die Vcrhandlnngen eines Handwcrker- deleairtcntnqes, der im November 1898 in Schöneberg stattfand, beschäftigten sich mit Fragen der Mittelstandspolitik. Durch dre großen Waarenhäuser mit der Vereinigung zahlreicher Branchen würden viele Tausende kleiner selbständiger Existenzen des Hand­werker- und GewerbestandeS ihrer Existenz beraubt; innerhalb der letzten Jahre feien gegen 50,000 Kleinhandels- und Handwerks­betriebe in Deutschland cingegangcn. Der Dclegirtentag erklärte da« Fortbestehen der Großwaarcnhänscr, Bazare, Filialgeschafte, Konsum-, Rabattspar- und Beamten-Vereine, sowie den Straßcn- hansirhandel für eine große Gefahr und glaubt daß der Mittelstand seiner Auflösung entgegcngchc, wenn nicht baldigst Seitens der Regierung Schritte zu feiner Erhaltung gethan würden.

Wir entnehmen die vorstehenden interessanten Ausfuhrungen dem in Vorbereitung befindlichen „Ersten Jahres-Supplemcnt" zur fünften Auflage von Meyers Konversations-Lexikon. — Vermöge ihrer eigenartigen Einrichtung und Bearbeitung entsprechen diese Meyerschen Jähres-Supplemente nicht nur vollkommen der Be­stimmung, das abgeschlossene -Hauptiverk bis auf die unmittelbare Gegenwart fortznführcn, sondern mit der archivalischenNnfstapelimg des vielseitigen Stoffes, mit der Festhaltung der inarkantesten Er- scheiniingeu unserer Tage in bildlicher Darstellung

...... ist auch zugleich

eine umfassende werthvolle Encyklopädie des Jahres geschaffen worden für Alle, welche über die treibenden Kräfte und Strömungen ein klares Urtheil gewinnen, sich über die Fortschritte auf, allen Gebieten menschlichen Wissens und Könnens, über die Ereignlffe der jüngsten Zeit unterrichten wollen.

Ans Stadl «nd Land.

Wiesbaden, 10. Januar.

— Die Stadtverordneten sind ans Freitag, den 12. Januar l. I., Nachmittags 4 Uhr, in den Bürgersaal des Rathhauses zur Sitzung eingeladen. Tagesordnung: 1. Einführung und Ver­pflichtung der aus den Ergänzungswahlen hervorgegaiigeneu Mlt- glieder der Stadtverordnete»-Versammlung. 2. Neuwahl der ständigen Ausschüsse, sowie der, der Stadtverordneten-Versammlung augehorigen Mitglieder der Verwaltungs-Deputationen und gemischten Kommisfionen. 3. Antrag des Magistrats auf Bewilligung von 12,00ÖMk. zur Anschaffung von weiteren 6 Mineralwassei -Trink­hallen, sowie ans Aciidernng des Vertrags mit dem Pachter derselben. 4. Bericht des Finanzausschusses über den Antrag des Magistrats auf Bewilligung vor, 11,000 Mk. zurAitsführung bau- licher Aenderungen rc. der Pavillons 1 und IV des städtischen Krankenhauses. '5. Bericht der bestellten Kommission, betreffend die Ausführung der technischen Vorarbeiten zur Erlangung der Konzession für den Bau und Betrieb der Vorort-Bahnlinie»