1. Beilage nun Wiesbadener Tagblatt.
Uo. 14. Morgen-Ausgabe. Mittwoch, den 10. Januar. 48. Jahrgang. 1900.
(13. Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)
Der Geheimpolizist.
Kriminalerzählung von tz. v. Hrwakd.
Ein fast unmerklichcs Zucken ging über das Gesicht des Mörders. Er nahm den Ohrring in die Hand, sah sich ihn genau an, ließ, ihn gegen das Licht wendend, dessen Strahlen sich in ihm brechen und sagte dann nachlässig: .Ein hübscher Ring, aber er ist mir nicht ausgefallen!"
„Dieser Stein ist ein Diamant!" bemerkte der Richter.
„In der That?"
„Er ist mehrere Tausend Francs werth!"
„Donnerwetter!"
Dieser Ausruf war ganz im Geiste seiner Rolle, nur ettvas übertriebe». Wer so viel in der Welt umhergekommen war, wie Mais nach seiner eigenen Erzählung, der mußte auch wissen, daß ein so großer Diamant hohen Werth halte.
„Nun etwas Anderes!" fuhr der Untersuchungsrichter fort. „Als Sie Ihren Revolver wegwarfen und riefen: „So fangt mich, wenn Ihr könnt!" — was war da Ihre Absicht?"
„Zu fliehen natürlich!"
„Wo hinaus?"
„Na, durch die Hinterthür!"
„Ganz recht, durch die Hinterthür. Wollen Sie mir nun frcundlichst erklären, wie es kam, daß Sie, der Sie noch nie vorher in diesem Etablissement gewesen sein wollen, von der Existenz dieser Hinterthür wußten?"
Wieder huschte ein kaum bemerkbares Zucken über das Gesicht des Angeklagten, und es dauerte einen Augenblick, ehe er mit einem gemacht klingenden Lachen erwiderte: „Die Frauen waren ja doch auch durch diese Hinterthür entwischt!"
„So! Sie sagten aber vorher, daß Sie nicht wüßten, wo die Frauen geblieben seien, daß Sie Wichtigeres zu thun gehabt hätten, als sich um diese zu kümmern!"
„Das habe ich gesagt'?"
„Allerdings! Grasouillct, lesen Sie die betreffende Stelle vor!"
Es geschah, allein nun bestritt Mais, daß man seine Worte korrekt wiedergegeben habe. Möglicherweise habe er sich auch falsch ausgedrückt.
Weltli fühlte eine freudige Genugthuung. Du fängst an zu debattiren, mein Junge, dachte er, jetzt wirst Du Dich nicht mehr lange halten können.
„Genug hiervon!" fuhr der Richter fort. „Wie kam es, daß Sie, da Sie doch nur ausgingen, um sich zu amüsiren, einen Revolver bei sich trugen?
„Ich hatte ihn unterwegs bei mir geführt, und in der kurzen Zeit im Hotel nicht daran gedacht, mich seiner zu entledigen."
„Wo haben Sie ihn gekauft?"
„Es ist ein Geschenk von Mister Throughton."
„Dieser Mister Throughton kommt Ihnen vortrefflich zu Passe. Nun aber weiter: Zwei Schüsse aus dieser Waffe wurden abgefeuert, und drei Todte wurden vorgefunden. Sie haben uns das Ende noch nicht erzählt!"
„Es ist sehr einfach! Ich faßte ihn an der Brust und
warf ihn zurück; er siel mit dem Hinterkopf gegen die Tischkante und ist nicht wieder aufgestanden!"
Der Untersuchungsrichter hatte den von Weltli gezeichneten Plan vor sich ausgebreitet und forderte nun Mais auf, an der Hand desselben ihm die Situation zu erklären. Letzterer kam dieser Aufforderung mit einer Präzision nach, die bei einem Manne, der bis dahin wohl nie mit Situationsplänen zu thun gehabt halte, in der That auffallcn mußte.
„Ich muß gestehen," sagte, als er geendet, der Richter, „daß dies genau mit dem Leichenbefund übereinstimmt I"
„Warum sollte ich denn die Sache anders darstellen, als sie war!" enlgcgnete Mais achselzuckcnd.
„Ich möchte nun noch," fuhr der Richter fort, „den Sinn eines Wortes erklärt haben, das Sie sprachen, als Sie von dem Beamten hier festgenommen wurden."
„Welches Wortes?"
„Sie sagten: Die Schlacht ist verloren, die Preußen kommen!"
Ein flüchtiges Roth bedeckte die Wangen des Angeklagten. Es war klar, daß, wenn er auf alle Fragen gefaßt gewesen war, wie es schien, doch diese ihm unerwartet kam.
„Das soll ich gesagt haben?" frug er zögernd.
„Das haben Sie gesagt!"
„Ich glaube es kaum!"
„Die sümmtlichen Polizeibeamten haben es gehört!"
„Sonderbar! Na — möglich ist es immerhin. Bei Mr. Throughton war als Kassirer ein alter Gendarm, der als Jüngling die Schlacht bei Waterloo mitgemacht hatte und jene Phrase häufig im Munde führte!"
Diese Erklärung kam etwas spät; unglaubwürdig war sie trotzdem gerade nicht. Aber weiter: „Sie hatten sich Ihrer Gegner entledigt, als die Polizei eintraf?"
„Gewiß!"
„Warum blieben Sie dann in dem Restaurant, statt die Flucht zu ergreifen, was Ihnen doch ein Leichtes geivesen wäre?"
Wieder ließ die Antwort auf sich warten.
„Ich war ganz verivirrt von dem Geschehenen. Ich dachte im ersten Augenblick gar nicht an Flucht!"
„Und warum bedrohten Sie nachher mit Ihrem Revolver die eindringenden Polizisten!"
„Konnte ich wissen, ob es Polizisten waren oder vielleicht Freunde derer, die ich getödtet?"
„Ihr Interesse gebot Ihnen aber in beiden Fällen zu fliehen. Und trotzdem blieben Sie auf Ihrem Posten!"
Mais schwieg.
„Hat das nicht den Anschein," frug der Untersuchungsrichter ruhig, aber mit scharfer Betonung weiter, „als ob Sie sich mit vollem Wissen und Wollen der Gefahr ausgesetzt hüllen, arrelirt zu werden, nur um die Flucht der beiden Frauen zu ermöglichen?"
„Ich soll mich den schlimmsten Gefahren ausgcsetzt haben, um zwei Frauenzimmern zur Flucht zu verhelfen, die ich gar nicht kannte?"
„Ich habe gewichtige Gründe für die Annahme, daß Sie diese beiden Damen sehr wohl kannten!"
„Das wäre! Das soll man mir beweisen!"
„Ich werde es! Also Sie behaupten, Niemand von denen gekannt zu haben, die sich in dem Restaurant befanden?"
„Niemand!"
„Sie haben auch niemals einen gewissen Ballandaye gekannt?"
„Ich hörte diesen Namen zum ersten Mal von den Lippen des sterbendon Soldaten! Armer Kerl! Ich hatte ihm den tödtlichcn Stoß gegeben, und mit seinen letzten Worten bezeugte er meine Unschuld!"
„Sie nehmen also ein Zeugniß an?"
„Warum sollte ich nicht?" frug Mais langsam, als wittere er eine Falle.
„Gut. Sie wissen, daß dieser Soldat sich an Ballandaye rächen wollte, der ihn unter dem Versprechen, ihn viel Geld verdienen zu lassen, zu einem Verbrechen eingeladen hatte. Gegen wen richtete sich dieses Verbrechen? Gegen Sie augenscheinlich, gegen Sie, der Sie Ihrer Behauptung nach eben erst in Paris angekommen und durch einen ganz sonderbaren Zufall nach der Aniskapelle gerathen waren. Wie reimt sich das zusammen?"
Mais zuckte mit den Achseln.
„Mir erscheint die Sache anders," sagte er kalt. „Diese Leute planten ein Verbrechen gegen Gott weiß wen, und weil ich ihnen hinderlich war, suchten sie Streit mit inir!"
Der Angriff war scharf gewesen, die Vertheidigung war nicht minder gut.
„Gehen wir nun zu dem über, was Ihrer Verhaftung folgte", fuhr der Untersuchungsrichter fort. „Warum verweigerten Sie allen Fragen die Antwort?"
„Ich habe sie Ihnen nicht verweigert; Jedem Auskunft zu geben, glaubte ich nicht nöthig zu haben."
Der Untersuchungsrichter holte jetzt aus seinem Schreibtisch das Päckchen mit der Hälfte des Schmutzes, das Weltli von den Füßen des Gefangenen gekratzt hatte.
„Kennen Sie dies?" frug er ihn.
„Jawohl. Das ist das Päckchen, das der Gerichtsschreiber versiegelt hat, als ich in das Untersuchungsgefängniß gebracht wurde."
„Sic wissen, was es enthält. Der Beamte hier" — er deutete auf Weltli — „hat in dem Polizeiposten der Barriöre d'Jtalie Staub gesammelt und gefunden, daß derselbe mit dem Schmutz an ihren Füßen ganz identisch ist!"
Mais sperrte den Mund auf, wie Jemand, der nicht weiß, was man von ihm will.
„Sie haben demnach dort auf dem Polizeiposten mit Absicht Ihre Füße beschmutzt. Warum?"
„Weil . . ."
„Ich will eS Ihnen sagen. Weil Ihre wohlgepflegten Füße nicht mit dem übereinstimmen, was Sie uns aufbiuden wollten, daß sie ein Ausrufer für Seiltänzerbanden seien. Sie sahen voraus, daß Sie sich würden entkleiden müssen — da kamen sie auf das Auskunftsmittel, Wasser aus dem Krug in ihrer Zelle auf den Boden zu gießen und so lange in dem Schmutz hernmzutreteu, bis Ihre Füße von demselben bedeckt waren!"
Es war interessant, das Gesicht des Angeklagten bei dieser Eröffnung zu beobachten. Erst drückte es Erstaunen aus, dann gewann es mehr und mehr den Ausdruck der Heiterkeit und schließlich brach er in ein herzlich klingendes Lachen aus.
(Fortsetzung folgt.)
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