Viksbsilkner TMsti.
«8. Jahrgang.
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K«. 15.
Fernsprecher Wo. 52.
Mittwoch» den 10. Iammr.
Fernsprecher N». 52.
1900.
Abend -Ausgabe.
Englische Scheinheiligkeit.
In diesem Augenblick, wo die Engländer räuberisch über ein harmloses Hirtenvolk hergefallen sind, alle Welt ihren Raubkrieg aus tiefster Seele verurthcilt und ihnen das von Herzen wünscht, was sie verdienen und in bereits so reichem Matze einheimseu, wird ein Buch wieder besonders aktuell, das, von einem Engländer geschrieben, der englischen Nation einen Spiegel der Wahrheit vor das heuchlerische Gesicht hält. Dies vor mehr als 12 Jahren erschienene Werk ist nicht etwa die MeinungSäutzerung irgend eines Herrn 3E. oder A., es ist vielmehr die tiefgründige Arbeit eines modernen Kulturhistorikers von reicher Erfahrung, eines Kenners des englischen und zugleich des deutschen Wesens, wie es wenige giebr. Sidney Whitman, der Freund Deutschlands und Freund Bismarcks ist es, der die kühne, aber durchaus patriotische That vollbrachte, seiner Nation einmal die Wahrheit zn sagen, die einzige Art, wie man Mitzstände bessern oder ihre Besserung wenigstens anbahnen kann. Die „Kölnische Zeitung" brachte seiner Zeit einen sehr umfangreichen Artikel ihres Londoner Korrespondenten über das grundlegende Werk, und in Anbetracht des negativen Interesses, welches man jetzt den, gniä juris, auf die Finger geschlagenen Krämern des Jnselreichs cntgcgen- bringt, möge dieser Artikel nachfolgend im Auszug folgen:
Max Nordaus „Conventionellc Lügen der Kulturmenschheit" haben soeben hier in einem Werke Sidney WhitmanS: „Conventional Cant“ (Conventional Cant. Ita Resulte and Remedy. By Sidney Whitman. London, Kegan, Paul, Trench & Co. 1887) ihr Gegenstück erhalten. Nur wendet sich Nordan kluger Weise an die gaitze Menschheit und findet daher in Deutschland, welches den Tadel nur als deren Theil empfindet, einen zahlreichen Leserkreis; während Whitman ausschlietzlich seiner eigenen Natron ein Spiegelbild ihrer Heuchelei Vorhalt und daher sich der Gefahr aussetzt, von Presse und Publikum todt geschwiegen zu
^"^Das Wort „oant“ bedeutet heuchlerisches Gewäsch, Gewimmer, Gewinsel, Scheinheiligkeit, Pharisäerthum; und dem eutprechend beginnt das erste Kapitel nach dem Spruche Jesu: „Weh euch, ihr Pharisäer!" „Das Pharisäerthum," sagt Whitman, „stk lws Wesen unseres individueNen und nationalen Dünkels und bildet tu Verbindung mit dem heuchlerischen Gewäsch die v olle Jusel- haftigkcrt unseres.tzochmuthcS. Das Pharisäerthum ist eine wesentlich englische Eigenschaft; eine Art von Einbildung, von falschem Stolze, der aber mit dem harmlosen Stolze des Spaniers nichts zu thun hat; es ist das „Toupet" der blondhaarigen angelsächsischen Rasse. Daß unsere Presse beständig anderen Ländern den Text lesen will, ist nicht so sehr zu verwundern, da uns auch der Text gelesen worden ist. Aber mit unserem Bestreben, an unsere pharisäische Meinung über uns selbst zu glauben, stehen wir einzig da. Natürlich gicbt cs keine Regierung, wie unser Barlamentssystem; kein Familienleben wie das uusrige, keine Reinlichkeit außer durch die englische Pcars' Seife. Unsere
» e und körperliche Reinlichkeit gehört zu unseren ebclltcn äischen Paradepferden . . . Auf allen Pfaden des Leben setzt unser Pharisäerthum uns in den Stand, das Gefühl unserer eigene» Ueberlezenheit über alle anderen Nationen zu empfinden."
Nachdem der Verfasser sich auf diese Weise Luft gemacht, weist er nach, daß trotz der englischen Ueberlegenheit bis jetzt noch kein vornehmer Hindu und wahrsdieinlich auch kein Jude sich zur englischen protestantischen Religion wirklich bekehrt habe. „Haben wir nicht eine Gesellschaft zur Verbreitung der Bibel unter den Juden hier in London? Man denke sich den muskelstarken Angelsachsen, welcher die Verlvaudten Spinozas und Heines bekehren möchte I Wenn das nicht ergötzlich ist, so sind die der Ergötzung Bedürftigen schwer zu befriedigen. . . . Als die Judenhetze in Deutschland zuerst unsere Aufmerksamkeit erregte, gab uns die „Times" einen Leitartikel darüber zum Besten, dessen Alpha und Omega der Dank an den Himmel war, daß wir nicht so wie die Anderen seien . . . Und doch war in England vor noch nicht langer Zeit die Abneigung gegen den Ausländer und den Iren so hervorstechend, wie die festländische Abneigung gegen den Juden."
Gelegentlich zwar erhalten die englischen Pharisäer cmen gehörigen Schlag auf die Nase und beginnen einzugestehen, daß das Ausland nicht durchweg untergeordneten Charakters sei. Whitman weist dies an dem Verhält,riß Englands zu Preußen nach. Früher erlaubten sich die Königin Viktoria und der Prinzgemahl, gegen den König von Prenßeu einen zurechtweiscndeii Ton anzunehmen, wie aus ihrem veröffentlichten Briefwechsel hervorgehe. Heute aber ist die „Times" wirklich im Stande, bei der Jnstallirung des Prinzen von Wales als preußischen Feldmarschalls zu entdecken, daß es für England eine Ehre sei, wenn der Thronerbe ein preußischer Offizier sei. Nichts findet Whitman psychologisch gerechtfertigter, als daß die vielbesprochene Abneigung des Fürsten Bismarck gegen gewisse englische Staatsmänner: „Bismarck, der ernste, starke Mann nach Cärlylcs Herzen, und unsere listigen, geschwätzigen, pharisäischen Nachtis chredncr." Daß Bismarck mehr Hinneigung zu den österreichischen, französischen und russischen regierenden
S m fühlt, welche, gleich der eigenen, mit dem Schwert in der ihr Loos von dem Falle der eisernen Würfel abhängig machten, sei so klar, wie wenn man sagte, das Blut sei dicker als Wasser. „Als wir bei unseren Erörterungen mit ihm herausfanden, daß unsere pharisäische orvia-romanua-aum-Haltuttg nichts ausrichtete, sprangen wir rückwärts und vorwärts über den Sinn unserer Worte, leckten schließlich den hingchaltcncn Lauch und greinten unser „Danke" zu dem Mahle . . . Unsere Pharisäer machten sich wenig aus dieser Demüthigung; es kostete ,a kein Blust sondern nur ein wenig Selbsterniedrigung. Als dann aber Bismarck sich mit Ekel von solchen Kämpfern, die weder kämpfen noch die Hand der Freundschaft ergreifen konnten, abwandte, grinsten unsere Pharisäer wieder und machten uns weis, wir brauchten keine Bundes- aenoAen, sondern nur die Freundschaft aller Völker." „Ihr KroSsdilel" fügt Whitman hinzu. ^ ^ .
In den folgenden Kapiteln deckt der Verfasser die Heuchelei m der Gesellschaft, in n Sitten, in der Presse, in der Politik und in den englischen Gr, dsätzen überhaupt auf. Er unterscheidet dabet
das Pharisäerthum vom „oant“, dem heuchlerischen Gewäsch; ersteres sei bloß das bonibastischc Bewußtsein der eigenen Ileber- Icgcnheit; letzteres aber die organisirte Heuchelei, die allmählich das Bewußtsein der Wahrheit untergräbt und den Menschen aufrichtig unaufrichtig mackit. Die Geistlichkeit der englischen Staatskirche besitze davon ein vollgestrichenes Maß, während die römisch-katholische Priesterschaft, die sich ein Herz und eine Seele mit dem Volke fühle, davon thatsäästich frei sei.
Das gesammte Getriebe der Gesellschaft ist ihm unendlich hohl. „Daß wir' nicht das Messer zum Munde führen oder ui>s mit der Gabel die Zähne stod>ern, ist lange unser Nationalstolz gewesen; aber diese Tugenden sind nur ein sckiwacher Ersatz für andere Rohheiten. Wem ist nicht unsere peinliche Angst und Plumpheit beim Verbeugen oder bei der gesellschaftlichen Vorstellung ausgefallen?" Das Wort „Loyalität" sei in der Gesellschaft zur Bedeutung widriger Aufdringlichkeit herabgesnnken. Die eigentliche Loyalität bestand zur Zeit der Stuarts in Schottland; ferner unter den Berlinern, die den großen Friedrich nach dem siebenjährigen Kriege bcwill- kommncten; unter den Russen von ehemals und von heute. „Wir brandmarken die russische Bestechlichkeit, Angriffslust und Armuth; aber wir vergessen, daß der Erztypus aller nutokratischen Herrscher, der Kaiser Nikolaus, während der Cholera barhäuptig durch die Straßen ging und die Menge aufforderte, niedcrzuknieen und zu beten." In England aber verfolge oft eine fashionable Menge die Mitglieder der königlichen Familie derartig, daß sie gcnöthigt wären, sich in einen Gasthof zn flüchten. Das sei die britische Loyalität der Mittelklassen.
Kein englischer Philister, Smith oder Brown, unterstehe sich, von seiner Frau anders als von Frau Smith und von Frau Brown zn sprechen. Im Krystall-Palast habe einmal der deutsche Kronprinz dem Phllisterthuni eine gute Lehre gegeben, indem er bei der Vorstellung des Herrn Hallö die Kronprinzessin einfach „meine Frau" nannte. Dem Prinzen von Wales würden radikale Anschauungen zugefchrieben, und das sei sehr natürlich gegenüber der Katzenbuckelei und der Anmaßung der oberen Mittelklasse, mit welcher er in beständige Berührung zu kommen habe.
Die feindliche .Haltung Irlands schreibt Whitman zum großen Theil der Widerwärtigkeit der englischen Manieren zu. Nach fünfzehnjährigem Besitze seien die,Deutschen in Elsaß und Lothringen nn Staude, größere Versöhnlichkeit an den Tag zn legen, als die Engländer in Irland nach fast hundertjähriger Union.
Besondere Aufmerksamkeit verdient das Kapitel über die Presse, weil es auf eingehender Beobachtung beruht und für das Festland ein naheliegendes Interesse besitzt. Whitman äußert sich darüber ungefähr wie folgt:
lieber die Vortheilc und Nachtheile einer Autokratie oder einer Demokratie kann man verschiedener Meinung sein, nicht aber über die Gemeinheit eines Publikums, welches sich von einer so verlogenen Presse wie die unsrige beein- flusseil laß t. Wie wohl organisirt, zurückhaltend und verschwiegen sie auch unter gewöhnlichen Umständen ist, sic gerüth bei der geringsten aiiswärtigen politischen Versuchung aiis den Nähten und wird angreifend und gemein.
Ist unser nationales Blut aufgeregt, so legt sich unsere Presse an den Laden. Unsere militärischen Schachbauern sind da»» nicht allein Helden, sondern die Helden der Helden. Unsere Soldaten sind nicht allein tapfer, sondern die tapfersten der Tapfer». Unsere Thaten sind nicht allein glorreich, sondern wir haben ins Alterthum zurückzugehen, ehe wir einen Vei gleich finden. Unsere Feinde werden regelmäßig zu Meuterer», Schurken, Lügnern und betrügerischen Ränkeschmieden; ihre Tapferkeit ist teuflisch und ihre Schlauheit höllisch. Renegaten, welche siä) uns anschließen und ihre Brüder vcrrathcn, werden loyal genannt.,Sobald wir, dann irgend eine Puppe aut den Thron gesetzt, umkleidet sie unsere Presse mit allen erdenklichen Schmeicheleien, besonders milder Eigenschaft, die wirTrcne nennen. Erleiden wir aber bei der Eroberung eine Niederlage, so ist der glänzende Sieg ein vcrrätherischeS Blutbad. Denn wir allein haben das Recht, aufrecht zu stehen mit dem Banner St. Georgs in der Hand, als das Bild vertrauensvoller Wahrheit und Tapferkeit. Sprechen wir von der Politik anderer Rassen und Völker, deren Interessen die unsrige» verletzen, und werfen wir ein, daß andere dieselben Ziele haben können wie wir, so werden wir von der Schcinbeiligkeit ausgelacht; daun gehören jene Völker zn den untergeordneten Rassen, die sich gern voll uns regiren und dreschen lassen: kurzum, cs sind verfluchte Nigger.
Große Fertigkeit bezeigt die englistche Presse bei der Anführung der Aussprüche auswärtiger Blätter. Alles wird ausgelassen, was nicht in unser» Kram hereinpaßt; und Manches wird angeführt, ohne daß der Werth des betreffenden Blattes vermerkt wird. Und doch schwatzen wir von einer auswärtigen bezahlten Presse, einer gefesselten Presse (Reptilienpresse) re. Als wenn unsere eigenen Organe nicht regelmäßig das Eigcnthum einiger reichen Individuen wären, die für ihr Geld ihre Meinungen gedruckt sehen wollen. Im Punkte der Fesselung hat selbst die russische Presse große Vortheile vor uns voraus. Sie besitzt eine größere Unparteilichkeit des Urthcils, und da sie nicht an den Augenblick gebunden ist, läßt sic sich nicht von der Aufregung der Stunde Hinreißen. Während der vorig- jährigen Kriegsangst ward dies sehr deutlich. Jede Tageszeit brachte uns Knude von unseren kriegerischen Vorbereitungen und lieferte uns Stoff zu Prahlereien und Drohungen. Wir arbeiteten uns' wirklich in den Glauben hinein, als erschreckten wir die Russen. Wer aber damals die russischen Zeitungen las, fand sich bald enttäuscht, nicht ob ihrem Wetteifer mit unserer Aufregung, sondern durch ihren ruhigen, nüä>tcruen und ernsten Ton. Kaum trat die Kriegswolke in Sicht, als die einflußreichsten Bewohner Moskaus zur Unterzeichnung einer ungeheuren Summe sich zusammcnthaten, um dem weisen Czaren in der Vertheidigung der heiligen Interessen Rußlands beizustehen. Nein, ihr prahlerischen Druckerschwärzehcldcn, ihr werdet Rußland nicht erschrecken!
Der Abschnitt über die Politik liefert selbstverständlich eine Unmasse von Belegen für die bewußte und unbewußte Tartüfferie des öffentlichen Lebens, und die Beziehungen auf Deutschland nehmen dabei einen hervorragenden Platz ein. So fragt der Verfasser auf nag. 113: „Hatten die Deutschen Unrecht, als sie ihr Land zum Schlachtplatz von Europa während zweier Jahrhunderte machen ließen? Und haben sie Recht, wenn sie die Uebrigen jetzt ihre Hälse, wo sie auch nur wollen, nur nicht auf deutschem Boden, zerbrechen lafsen? Haben die Deutsäien Recht, weshalb will unsere Heuchelei das denn nicht eingestehe»?
Im Allgemeinen empfiehlt der Verfasser, dem „oant“ kräftig zu Leibe zu gehen oder ihn zu verspotten.
Was die Abhülfe und die Heilmittel dieses hervorragenden Nationallastcrs betrifft, so widmet ihnen der Verfasser ein eigenes Kapitel; allein er macht auch selbst kein Hehl daraus, daß er durch einen Morast wandert, in welchem er nach einem Irrwisch hascht und sich schließlich unrettbar verliert.
Mehr als ein Jahrzehnt ist seit dem Erscheinen des bedeutsamen Buches hingegangen. Eben aber ist es aller Welt klarer wie je geworden, daß der „cant“ seinen Höhepunkt erreicht hat. Ob ihn die Prüfung, die schmachvollen Prügel, welche die Buren den Briten so reichlich angedeihe» lassen, ans die Dauer niederzwingen und ducken wird? Wir möchten den sehen, der das glaubt.
Gesetzentwurf über die Zwungsrrrictzuug Minderjähriger.
Seit einer Reihe von Jahren macht sich wie in allen Kulturländern, so auch in Preußen eine bedenkliche Steigerung der Verwahrlosung und der Verbrechen unter der Heranwachsenden Jugend bemerkbar, zu deren Bekämpfung die Mittel des Strafrechts und der Schulzucht nicht ausrcichen. Man hat daher diese Maßnahmen ergänzt durch gesetzliche Bestimmungen, um die Fürsorge für die gefährdete, verwahrloste und verbrecherische Jugend diuch Erziehung unter öffentlicher Aufsicht (Zwangserziehung) sicherzustcllen. ^
Durch die Novelle vom 26. Februar 1876 zum §55 des Strafgesetzbuchs wurden die Bundesregierungen darauf hingciviesen, iandcsgesetzliche Bestimmungen über die Behandlung der Kinder untcr 12 Jahren zu treffen, welche für die Begehung einer Straf- that strafrechtlich nicht verfolgt werden können. Infolge davon ist das preußische Gesetz vom 13. März 1878 über die Unterbringung verwahrloster Kinder erlassen, welches sich jedoch auf die Behandlung derjenigen verwahrlosten Kinder besck>ränkt, die vor dem vollendeten 12. Lebensjahr eine strafbare Handlung begangen haben. Ein großer Theil der Bundesstaaten hat die Zwangserziehung gesetzlich ausgedehnt auf alle Verwahrlosten oder der Verwahrlosung ausgesctzten Jugendlichen, indeul die Einen als obere Altcrs-
..... einige .
diesem Gebiete zurückgeblieben.
Durch die Bestimmungen des bürgerlichen Gesetzbuchs und des Einführnngsgesetzes dazu ist eine erneute Anregung gegeben, die ZwangLerziehnng zu regeln und auszudehnen, um der dringend Abhülfe heischenden Verwahrlosung der Jugend entaegentrctcn zn können. Fast sämmtliche Bundesstaaten sind dieser Anregung gefolgt und haben ihre geltenden Zwangserziehuugsgesctzc im Rahmen der Bestimmungen des bürgerlichen Gesetzbuck,s un,gestaltet, sodaß sie zugleich mit dem bürgerlichen Gesetzbuchc oder bald nachher in Kraft treten. Auch in Preußen kann die Umgestaltung und Erweiterung des Gesetzes vom 13. März 1878 nicht weiter verschoben werden.
Nach den Bestimmungen des bürgerlichen Gesetzbuchs und des Einführnngsgesetzes dazu können der Zwangserziehiing unterworfen werden: . „ „ ,,
1. Kinder unter 12 Jahren, die eine strafbare Handlung be
gangen haben, wegen der sie strafrechtlich nicht verfolgt werden können, wenn das Vormundschaftsgerlcht die Zwangserziehung für zulässig erklärt hat. , _ ,
2. Minderjährige unter elterlicher Gewalt, wenn der Vater oder die Mutter durch Mißbrauch der Erzieht,ngsgcwalt das leibliche oder geistige Wohl des Kindes gefährden; Bevormundete nach freiem Ermessen des Vormundschaftsgcrichts. -
3. Minderjährige überhaupt, wenn die Zwangserziehung zur Verhütung des völligen sittlichen Verderbens nothwendlg erscheint. Nach diesen Richtungen ist die Zwangserziehung in dem dem preußischen Landtag zur verfassungsmäßigen Beschlußfassung vor- zulegenden Gesetzentwurf über die Zwangserziehung Minderjähriger neu geordnet. Für die Ausführung der Zwangserziehung sind die Bestimmungen des Gesetzes vom 13. März 1878, die sich bewahrt haben, im Wesentlichen beibehaltcn worden. Die Zwangserziehung soll auch ferner den Kommunalverbänden untcr staatlicher Aufsicht obliegen, die Kosten der Zwangserziehung sollen wie bisher zur Hälfte vom Staate, zur Hälfte von den Kommunalverbänden getragen werden, während den Ortsarmenverbänden nur die Kosten der' ersten Einlicferung, der Ausrüstung und der Rückreise nach Beendigung der Zwangserziehung zur Last fallen sollen.
Deutsches Deich.
Die preußische Thronrede kann den Konservativen gefallen. Nüchterner, als es in diesem ungewöhnlich trocknen Aktenstück geschehen ist, ließ sich die Kanalvorlage überhaupt nicht ankündigen, und daß sie nun gar erst nach Monaten kommen soll, wird den angenehmen Eindruck steigern, den man auf der Rechten von der merkwürdigen Behandlung dieser großen Kulturaufgabe empfangen muß. Aber niail soll nichts verschwören. Denkbar ist es immerhin, daß die Staatsregiernng von eitler veränderten Taktik bessere Ergebnisse als die vorjährigen erwartet. Damals wurden alle Register der Energie gezogen, ohne daß auf die schöne Musik auch die entsprechende That gefolgt wäre. Diesmal hält man vielleicht eine Politik der Sanftmuth für geeigneter, die Konservativen zu gewinnen, und wenn im Hintergrund doch die Absicht bestehen sollte, im Falle des Mißlingens dieser Taktik mit wirksamer und wirklicher Entschiedenheit vorzugehen, so könnte die Wendung den Freunden der Kanalpolitik ja nur recht sein. Aber der Zweifel hat mehr Grund als die Hoffnung. Die Eisenbahnvorlage wird früher als die Kanalvorlage eiugebracht werden. Der Zusammenhang, der in der vorigen Session zwischen diesen beiden Angelegenheiten bestanden hatte, ist vollstüildig aufgehoben, und wenn die neuen Nebenbahnen erst bewilligt sein werden, dann werden es die Konservativen doppelt ruhig mitansehen können, was aus dem Kanalgesetz ivird. Wenig verständlich ist, was cs heißen soll, daß das neue Gemcindeivahlgesetz in Anlehnung an das Ergebniß der vorjährigen Kommissionsberathung umgearbeitet werderi wird. Der Ausdruck ist bezeichnend für die Flüchtigkeit, mit der neuerdings sogar die wichtigsten Aktenstücke hergestellt werden. Das „Ergebniß" der Kommisstons»
