(12. Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)
Zer Geheimpolizist.
Kriminalerzählung von G. v. Grwakd.
Wäre er nicht durch Weltli und Dorsat vorher informirt gewesen so würde er zweifellos Mais im Wesentlichen Glauben geschenkt haben. Aber mit der Zähigkeit des Elsässers hielt er an der ihm von dem jungen Polizeibeamten eingeflöhten Meinung um so fester, je mehr Umstände dieselbe zu erschüttern versuchten. Er bereitete sich nun auf den eigentlichen Angriff vor.
„Sie sprechen die drei Hauptsprachen Europas gclauftg , sagte er, „das ist viel für einen Mann in Ihrer Stellung!"
Mais verbeugte sich geschmeichelt..
„Aber leider genügt das nicht, um ihre Identität^festzustellen. Haben Sie hier in Paris Niemand, der für Sie einstehen kann? Irgend eine sichere Person, die Sie
legitimiren kann?" w ,. _ .
„Ach, mein ganzes Leben hindurch bin ich ans der Landstraße gewesen, und wenn wir uns irgendwo längere Zen aufhielten so war es bei Jahrmärkten, Volksfesten und
dergleichen!" , .
„Sie sagten vorhin, daß Sie zuletzt mit einem Mister Throughton herumgezogen seien. Was ist das für ein
Mann?" . . „ ,
O ein sehr wohlhabender Mann, der mindestens
tweimalhunderttausend Francs besitzt, und sehr ehrenhaft!"
„Schön! Dieser Mann kann ja doch Zeugniß zu Ihren Gunsten ablcgen. Er wird schon aufzufinden sein!"
Gewiß! Mister Throughton kann nur Gutes über mich berichten, und ihn zu finden wird nicht schwer sein, da ersieh großen Rufes in der Artistenwelt erfreut. Nur wird es ziemlich lange dauern!"
„Warum?" .. .
Weil er jetzt auf dem Wege nach Amerika ist! Deswegen bin ich ja von ihm weggegangen. Ich hatte Angst vor der Seekrankheit!"
„Hm, hm!" machte der Untersuchungsrichter.
„Aber es ist möglich," fügte Mais lebhaft hinzu, „daß er noch gar nicht abgereist ist. Man müßte rasch nach Hamburg lelegra^iren. mir uns trennten, bereitete
er Alles zur Abreise vor." ^ , 0 „
„Mit welchem Schiff wollte er fahren?"
„Das hat er mir nicht gesagt."
..Wo trennten Sie sich?"
In Köln!"
„Wann?" .
„Am letzten Sonnabend."
„Also Sie behaupten, am letzten Sonnabend noch in Köln gewesen zu sein. Schön! Seit wann sind Sie denn in Paris?"
„Seit Sonntag Nachmittag um 5 Uhr."
„Können Sie das beweisen?"
An der Art und Weise, wie der Angeklagte das Gesicht verzog, sich hinter den Ohren kratzte, bald zur Decke aufblickte, bald zum Fußboden nieder, sah man, welche Muhe er sich gab, seine Gedanken zu konzentriren.
Wie soll ich das beweisen?" murmelte er vor sich hin.
^ Ich will Ihnen helfen," sagte der Untersuchungsrichter,
„Die Leute in der Herberge, in die Sie in Köln abgcstiegen sind, müssen Sie doch bemerkt haben!"
„Wir sind aber in keiner Herberge abgestiegen!
„Wo haben Sie denn gegessen und geschlafen?"
„Wie immer in Mister Throughtons großem Wagen, der als Wohnraum diente, während die anderen Wagen dao
Gepäck aufnahmen." . _ __ .,
„Nahm Mister Throughtons denn auch diese Wagen mit
nach Amerika?" m
„Nein, sie waren verkauft, aber er hatte sich das Recht der Benützung bis zur Abreise Vorbehalten."
„In welchem Hafen wollte er sich emschlffen?
„Das weiß ich nicht genau. Wahrscheinlich in Hamburg.
„So können Sie aso ihre Aussage durch nichts, durch rein "gar nichts unterstützen?"
„Warten Sie einen Augenblick! Mein Koffer! ^ch habe ja doch meinen Koffer mitgcbracht!"
„Nun, nun?"
„In diesem sind Kleidungsstücke, em guter schwarzer Anzug und Wäsche, Alles mit M. gezeichnet. Da sind auch meine Kostüme!"
„Und wo ist dieser Koffer?" . .
„Ich habe ihn, als ich hier in Paris ankam, m ein Hotel garni bringen lassen, nicht weit vom Bahnhof!
„Wie heißt dieses Hotel?" o
,We„n ich das nur noch wußte! Aber ev ist kein Wunder, daß ich bei dem, was mir passirt ist, den Namen vergessen habe. Uebrigens, wenn man mich hinfuhren wollte nach dem Bahnhof, ich fände es bestimmt wieder. Ich glaube auch, daß die Leute dort mich wieder erkennen wurden. Und'dann ist ja auch mein Koffer da!" ,
„Schön! Es ist möglich, daß man einen solchen Versuch mit Ihnen macht. Nun aber eine Frage: Wie kommt es, daß Sie, da Sie im Koffer gute Sachen hatten, m so schlechter Kleidung ausgingen?" .
„Für die Reise, wo man seine Sache immer leicht ruin'irt, hatte ich das Schlechteste angczogen, was ich besaß. Als ich aber in Paris angekommen war zum Karneval, hatte ich mit einem Male so mächtige Lust mich zu amüsiren, daß ich nicht erst lang mich mit Umziehen aufhalten mochte.
„Wie geriethen Sie aber in jenes übclberüchtigte Etablissement, die Anißkapclle? Man muß doch schon sehr ortskundig sein, um es im Dunkel der Nacht überhaupt zu
finden!" ^
„Nichts einfacher als das! Im Eldorado hatte ich mich früher schon einmal amüsirt; ich fuhr mit dem Omnibus dahin. Dort machte ich Bekanntschaft mit ein paar jungen Leuten. Wir tranken zusammen, dann aber fingen sic an zu tanzen. Da ich nicht tanzen kann, sah ich eme Weile zu. Es wurde mir aber bald langweilig. Nun, denke ich, dann gehen wir in ein anderes Lokal. Ich war in einem zweiten, dann ging ich, da es dort auch langweilig war, wieder weiter. So kam ich, nach links statt nach rechts gehend, auf die „leeren Felder." Ich merkte tvohl, daß ich mich verlaufen hatte, aber es war Niemand da, den ich nach dem richtigen Wege hätte fragen können. Endlich sah ich ein Licht, gehe darauf zu und komme in jene verdammte Kneipe."
„Und was passirte nun hier?
„Ich trete ein, ich rufe, ein altes Werb kommt, ich laste
mir ein Glas Branntwein geben, weil mir ganz unbehaglich zu Muthe geworden war von dem Umherstampfen m dem Schnee, setzte mich hin und brenne mir eine Cigarre an. Daß mir der Ort gefallen hätte, kann ich gerade nicht sagen. An einem andern Tische saßen drei Männer und zwei Frauen, die leise mit einander sprechen. Wiederholt zeigten sie auf mich. Es schien ihnen nicht zu passen, daß ich gekommen war. Endlich stand einer von ihnen auf kam auf mich zu und sagte: „Du, Du bist vonder Polizei! .Nein!" sage ich. „Doch!" sagt er. „Nein!" „Doch! Ich sehe es an deinem falschen Bart!" Er faßte mich an dem Bart und zieht daran. Das that mir natürlich weh. Ich gab ihm einen Stoß vor die Brust, daß er auf den Rücken fiel. Aber gleich darauf sprang er wieder auf und fiel mit den Andern über mich her. Ich reiß meinen Revolver heraus — na, das Andere wissen Sie ja!"
Und was thaten währenddeni die beiden Frauen?
”3cf) hatte Wichtigeres zu thun, als mich um die zn
kümmern! Sie entflohen jedenfalls!" _ , ,
„Aber beim Kommen haben Sie sie gesehen! Wie sahen
",Ein paar häßliche alte Schachteln, groß wie die Gardemänner und mst ganz schwarzen Haaren!"
Wenn Herr Schund durch den Ton der Aufrichtigkeit, den die Worte des Angeklagten trugen, sich irgendwie zu dessen Gunsten hatte einehmen lassen, so genügte diese offenbare Lüge, um den günstigen Eindruck vollkommen zu verwischen. Sie zeigte klar das Einverständnis zwischen Mais und Mutter Clupet, sie bewies, daß man ein Märchen verabredet hatte, um die Justiz irre zu führen.
Mit Recht konnte man schließen, daß umso gravirendere Geheimnisse vorhanden sein mußten, je mehr Mühe man sich gab, dieselben zu verbergen. „
Hätte Mais gesagt: „Eine der Frauen war blond, so hätte der Untersuchungsrichter nicht mehr gewußt, was er von der ganzen Sache halten sollte.
Sein Gesicht verrielh von seiner Genugthuung ebensowenig wie seine Stimme: letztere hatte im Gegentheri einen durchaus wohlwollenden Klang, als er sagte:
Sie begreifen, wie wichtig es wäre, wenn die beiden Frauen aufgefunden werden könnten. Wenn Ihr Zeugniß sich mit ihren Aussagen deckt, so würde das ^hre Lage wesentlich verbessern."
„Das begreife ich sehr wohl. Wie soll man ec- nur
machen, um sie aufzufinden?"
Dafür ist die Polizei da! Ihre Beamten stehen zur Verfügung, wenn es sich darum handelt, die Unschuld eines Angeklagten festzustellen. Haben Sie gar keine Beobachtungen gemacht, welch« dazu beitragen könnten, das Singnalement festzustellen und die Recherchen zu erleichtern?"
Weltli, der den Gefangenen mit unablässiger Aufmerksamkeit beobachtete, glaubte zu bemerken, daß etwas wie der Schatten eines Lächelns über seine Züge huschte.
„Ich habe gar nichts beobachten können!" lautete die in fast traurigem Ton gegebene Antwort.
In diesem Augenblicke öffnet der Untersuchungsrichter die Schublade seines Schreibtisches, und, das gefundene Schmuckstück dem Angeklagten vor die Augen haltend, frug.er: „Diesen Ohrring haben Sie bei keiner der Frauen bemerkt?
(Fortsetzung folgt.)
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