Beilage Min Wiesbadener Tngblalt.
Wo. 11. Abend-Ausgabe.
Montag, den 8. Januar.
48. Jahrgang. 1900.
# Nickt raste» und nicht rotten, »
^ Wnbrbcit und Sckiönbeit kosten. *
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Nickt rasten und nicht rosten,
Wahrheit und Schönheit kosten,
Durst löschen, wo er brenm;
Die Sorgen versingc» mit Scherzen —
Wer's kann, der bleibt im Herze»
Zeitlebens ein Student.
I. V. v. Scheffel.
(20. Fortsetzung.)
(Nachdruck verboten).
„Die Gnrasierin".
Roman aus der indischen Neuzeit von ßark Harter«.
„Aber, mein Herr, ist cs Ihnen denn nicht Beweis genug, daß Miß Conningham so genau in die Verhältnisse dieser Erbschaft eingeweiht ist, wie es eine Fremde gar nicht sein kann?"
„Nein, eben dies ist uns kein Beweis, denn diese Dame zeigte sich gar nicht sehr eingeweiht. Sie wußte sehr wenig von der Größe der Conninghamschen Erbschaft."
Wiederum trat eine peinliche Pause ein. Westfeld sah ein, daß der Beamte vollständig in seinem Rechte mar.
In diesem Augenblick kam der Diener mit einem Zettel zurück. Der Bankbeamte warf einen Blick auf letzteren und äußerte dann geschäftsmäßig: „Sie, Herr Graf, sind nun vollständig lcgiiimirt. Es kommt uns noch darauf an, auch diese Dame zu legitimiren."
„Glauben Sie denn, daß eine telegraphische Ordre an den Rechtsanwalt Schüler, er solle einen schriftlichen Auszahlungsantrag hierher senden, von Erfolg sein wird?"
„Keinesfalls. Denn auf eine Depesche reagirt kein vorsichtiger Geschäftsmann, außer Sie haben ein bestimmtes Siegelwort ausgemacht, welches dem Adressaten genau an- giebt, daß der Absender auch wirklich der ihm bekannte Absender ist."
Fragend wandte sich der Graf an seine Braut, ob sie rin solches Wort mit dem Rechtsanwalt ausgemacht habe. Sie schüttelte verneinend das Haupt.
„Daun wird uns nichts übrig bleiben, als schriftlich Herrn Schüler zu bitten, auf Grund Deiner Handschrift zu bestätigen, daß Du wirklich seine Klientin Miß Conningham bist. Dann," damit wandte sich der Graf an den Beamte», „wird die Bank wohl zufrieden sein und die Erbschaft endlich auszahlen."
„Darüber habe ich nicht zu entscheiden."
„Und wir können vorläufig hier nichts weiter thun!" —
Auf die Worte Westfelds erhoben sich die Damen und verließen mit dem Grafen nach einem formellen Gruße das Zimmer und das Bankgebäude.
Siebentes Kapitel.
Im Hotel angekommen, äußerte sich die Baronin und lheilwcise auch Alice in ziemlich erregten Worten über diese durch die Bank gemachten Schwierigkeiten. Westfeld war zwar auch sehr ärgerlich hierüber, aber er erkannte das rechtlich,. Verfahren des Beamten und eittschuldigte ihn gegenüber den Damen. „Wenn ich an dessen Stelle wäre, könnte ich trotz besten Willens auch nicht anders handeln."
Da rief Alice in vorwurfsvollem, ja sogar erschrockenen: Tone: „Wie, Enrico, Du würdest mir auch nicht glauben, daß ich Miß Conningham bin?"
Statt aber Antwort umarmte und küßte er sie zärtlichst. Erst dann entgegnete er: „Als Mensch, als Graf Westfeld, glaube ich Dir Alles. Wenn Du mir heute sagst: „Ich
bin kein irdisches Mesen, ich bin eine Fee aus einem Zauberland; ich bin eine Houri des Paradieses, ein Engel des Himmels, eine aus dem Nirvana zurückgekehrte Göttin!" bei Gott, ich glaube cs Dir. Ach, ich glaube es ja fast, ohne daß Du cs sagst, denn ich sehe in Dir eine überirdisch schöne, holde, wonnespendende Erscheinung vor mir, deren Anblick mich selbst der Erde entrückt und deren Kuß mich in die Vorhalle des Paradieses versetzt und den Himmel selbst-ahnen läßt. Aber der Mensch und der Bankbeamte sind zweierlei Geschöpfe. Was jenem sein Herz mit apodiktischer Gewißheit offenbart, darf dieser trotz seiner innersten lleberzeugung nicht glauben. Für ihn gilt nur der geschriebene Nachweis, den er noch nach Jahren jedem Zweifler vor das Gesicht halten kann, um diesem dem Buchstaben des Gesetzes nach umständlich irgend etivaö zu beweisen, was jedem Kinde durch den einfachen Augenschein klar ist. Höre, mein süßes Lieb, welch unangenehnie, ja sogar fast verletzende Lehre mir im Anfana meiner kaufmännischen Laufbahn zu Theil wurde, yn) vertrat in Colombo hier und da den Geschäftskassirer. Für alle eiu- gegangencu Beträge wurde ein Notirungszettel mit Angabe der vereinnahmten Summe auf einen bestimmten Platz gelegt. Ich vereinnahmte unter Anderem die kleine Summe von 5 Rupies und 8 Annas, schrieb meinen Zettel und legte ihn auf die Stelle. Es lagen schon viele solcher Zettel dort und neue kamen, darauf. Als am Abend die Kasse mit den Zetteln verglichen wurde, ergab sich die Summe von 5 Rupies und 8 Annas als zu viel an Geld, denn mein Zettel dafür fehlte. Da meinte der Kassirer, ich hätte wohl übersehen, diese kleine Summe zu notiren, und forderte mich auf, einen neuen Zettel zu schreiben. Ich weigerte mich, da ich ja kein Versehen begangen hatte. Er glaubte mir nicht und schien anzunehmen, ich habe mich, ohne es zu wollen, selbst getäuscht. Dies brachte mich so in Erregung, daß ich mich in Erinnerung an meinen früheren Stand als Offizier Hinreißen ließ, zu sagen: „Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, ich habe den Zettel geschrieben." Du weißt, mein Liebling, wie unantastbar hoch das Ehrenwort eines deutschen Offiziers steht."
„O, gewiß weiß ich dies."
„Und trotzdem antwortete mir der Kassirer: „Ihr Ehrenwort, Herr Graf, mag in Offizierskreisen den höchsten Werth haben. Im kaufmännischen Leben hat es keinen Werth. Ein geschriebener Zettel ist ein Nachweis, ein Ehrenwort ist rasch verwehter Windhauch." Er fügte jedoch bei, daß er mir als Mensch absolut glaube, aber als Kassirer müsse er den Zettel als Nachweis haben. Daraufhin entschloß ich mich, einen zweiten zu schreiben. Anderen Tages brachte ein Hindu den ersten Zettel. Er hatte ihn im Garten gefunden. Wahrscheinlich war er durch einen Windhauch des Panka aus dem Fenster geweht worden, als ich gerade nicht Acht gab. Von da an wußte ich, wie sehr der Mensch als solcher und ein Beamter im Dienste verschieden sind. Darum verstehe ich das Verhalten des Bankbeamten."
„O, nun begreife ich es auch. Wir müssen also jetzt beweisen, daß Deine Silke Conningham, mein geliebter Enrico, wirklich Deine Sllice Conningham ist."
„Nein, nein und tausendmal nein, Du holde, süße Braut. Daß Du meine Alice bist, das beweist mir mein Herz, und einen anderen Beweis giebt es nicht. Slber wir müssen beweisen, daß meine Sllice Conningham auch die Klientin des Rechtsanwalts Schüler in Stuttgart und darum die Tochter des Generals Conningham ist."
„Aber wie, wie denn?"
„Du mußt heute, jetzt gleich, einen Brief an den An- walt schreiben und ihn bitten, auf Grund Deiner Handschrift des Briefes Dir hierher zu bestätigen, daß Du seine Klientin bist und also das Recht hast, selbstständig über Deine hier in Kalkutta bei der Bank of Bengal liegende Erbschaft zu verfügen."
„Gut, das soll gleich geschehen. Es wird das Beste sein, Du diktirst mir den Brief."
Es geschah, wie sie wünschte. Eine Stunde später brachten sic den Brief zur Post. Westfeld verwahrte sorg, faltig den dafür erhaltenen Schein.
„Wie lange wird es dauern, bis wir Antwort bekommen können, Enrico?"
„Im günstigsten Falle achtundvicrzig Tage. Wenn aber das Schreiben des Anwaltes zufällig gerade einen Tag nach Slbgang der indischen Post in Brindisi eintrifft, dann dauert es noch acht Tage länger."
„Was fangen wir denn in dieser langen Zeit an?"
„Ich habe mir schon einen Plan entworfen, der das Nützliche mit den: Angenehmen verbindet. Wie wäre es, wenn wir nach Darjeeling reisten, dort Deine Theeplantagen in Augenschein nähmen und dabei einige Wochen in der herrlichen Luft des Hochgebirges am Fuße des großartigen Kinchinjanga zubrächten?"
„O, das ist herrlich, das ist bezaubernd. Was meinst Du dazu, Tante Gertraud?"
„Ich bin mit dem Vorschläge Deines Bräutigams überaus einverstanden und möchte je eher desto lieber nach Darjeeling reisen."
„Ausgezeichnet, Baronin. Wir können schon morgen Früh dorthin fahren. Wollen Sie aber nicht vorher sich in Kalkutta noch mehr nmsehen?"
„Slufrichtig gesagt, würde ich am liebsten schon morgen abreise». Ich fühle mich nicht recht wohl. Die drückende Luft von Kalkutta liegt mir in den Gliedern. Ich möchte gern wieder einmal so aus voller Brust aufathmen können."
„Tantchen, liebes bestes Tantchen, Du bist doch nicht krank? Ja, ja, jetzt bemerke ich es, Du siehst matt und blaß ans. Ach verzeihe nur, daß ich das nicht eher erkannte. Du warst auch in der letzten Zeit so still. Wenn Du nur nicht das Malariafieber bekommst! Gott wie unrecht von mir, daß ich mich so wenig um Dich kümmere!" Damit eilte sie auf die Baronin zu und streichelte und küßte sie.
„O, sorge Dich nicht, liebes Kind. Es wird mir bald wieder besser gehe»."
„Jedenfalls reisen wir morgen früh," fügte der Graf ein. „Ich werde schnell das nöthige Geld wechseln und die Eiscnbahnplätze bestellen. Heute Nachmittag fahren wir nur nach dem Botanischen Garten, weil er die beste Luft von Kalkutta hat, und morgen verlassen wir diese hitz- erfüllte Gegend."
Nun mußten noch geschäftliche Gänge nnternommen werden. Man trat in die National Bank of Jndia, wo Westfeld für sich und die Damen größere Banknoten wechseln lassen wollte. Hier herrschte ein ungemein reges Leben. Dutzende von Beamten, meist Indier, waren beschäftigt, die Kunden zu bedienen, und zahlreiche Diener liefen fortwährend hin und her. Man mußte unendlich lange warten, bis nur zwei Scheine von je 500 RnpieS gewechselt waren.
(Fortsetzung folgt.)
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