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Keila

10. Morgen- Ausgabe.

(11. Fortsetzung.) (Nachdruck verböte,..)

Der Geheimpolizist.

Kriniiualerzählung von ß. »• Hnvakd.

„Welcher Vorname?"

„Ich habe keinen!"

Das ist unmöglich!" . , .

Eine Bewegung des Gefangenen vcrrieth eine schwer zu bemeisternde Ungeduld. „Zum dritten Male seit gestern {aal man mir das!" ries er aus. „Und doch ist c, so. «»Ute ich Ingen, so wäre cs doch das einfachste D,ng von der Welt, Ihnen zu sagen, ich hieße Hans, Peter oder Paul' Ich mag aber nicht lügen. Ich habe keinen Vornamen. Beinamen, ja, das ist etwas anderes, deren habe ich mehr als einen gehabt!"

'jöd Sßöter Guillemet zum Beispiel hieß ich der Telegraph, weil . .

Wer war Vater Guillemet?"

Der erste Thierbändiger der Welt zu seiner Zeit. Bären. Tiger, Schlangen, er zähmte Alles. Nichts konnte ihm Widerstand leisten auf die Dauer — er selbst aber seiner Frau auch nicht; die zähmte ihn so leicht, wie er die wilden Bestien!"

„.Hm! Genug davon! Wie alt sind Sie?

", Sechs- oder siebcilundvierzig Jahrei"

"Wo geboren?"

„Vermuthlich in Oberitalien!".

„Vcrmuthlicb?"

„Allerdings!" , r , , .

„Angeklagter, wenn Sie so fortfahren, so werden wie schwerlich so bald freikommen. Sie scheinen sich über mich lustia machen zu wollen!"

Mais sah mit einem Male sehr bestürzt ans. „Aber ich versichere Sic. Herr Richter, daß ich daran gar nicht gedacht habe! Ich mich über Sie lustig machen! Ich habe doch nur auf Ihre Fragen geantwortet! Lassen Sie mich erzählen, vielleicht geht es dann besser!"

„Meinetwegen!" , . „ t - ... ~ *

Im Innern war Herr Schmid sehr froh, daß die Sache diese Wendung genommen hatte. Wenn ein Angeklagter nur knapp und präzis auf die ihm vorgelegten Fragen antwortet, so kommt er viel weniger in Gefahr, eine Unklugheit zu begehen, als wenn er von selbst mehr oder mnider wm- schweifig erzählt. Darum hüten sich erfahrene Verbrecher sehr wohl vor derartigen Fällen. Daß Mais fast schwatzhaft erschien, konnte als ein ziemlich sicherer Beweis dafür geltes daß er in der Taktik einer'solchen Vertheldiguilg noch

NerUmg war.,^ meine Geschichte erzählen von Anfang

an?" frng Mais noch einmal.

„Nur vorwärts!" , . ,

Mais warf sich in die Brust, räusperte sich und begann

dann folgendermaßen: . ^ , , . . . ...

„Es mag jetzt sechsuildvierzig Jahre her sein, da zog auf der Landstraße zwischen Parua und Mailand ein großer grüner Wagen daher, den der Besitzer, der berühmte Seil­tänzer Pietro Maniello. selbst leitete. Nicht weit, von einem kleinen Dorfe bei Mailand sah er am Rande eines Feldes

Sonntag» den 7. Januar.

ein weißes Packet liegen. Er hob cs auf und stieß einen Schrei der Verwunderung ans: In diesem Packet befand sich ein Kind und dieses Kind war ich!"

Er warf einen Blick auf den Untersuchungsrichter, deßen Züge jedoch so unbeweglich blieben >nie vorher.

„Maria Anna Maniello". fuhr er fort, „die Frau des braven Pietro, der es eine Kleinigkeit war, eine mit einem halben Pfund Pulver geladene Kanone beim Abfeuern auf dem Arm zu halten, nahm mich, der ich damals ungefähr ein halbes Jahr alt sein mochte, auf ihren Schooß, und trotz ihrer Stärke nicht weniger von mütterlichen Gefühlen beseelt als andere Frauen, erklärte sie. mich behalten zu wollen. Von Mailand aus, wo die Truppe einige Tage blieb, ,teilte Pietro Maniello Nachforschungen nach meinen Eltern an. Niemand meldete sich. Da man keinen andern Namen für mich hatte und ich in einem Maisfelde aufgefunden worden war, nannte man mich Mais, — so ist cs bis auf den heutigen Tag geblieben!" ....

Wiederum warf er einen forschenden Blick auf die unbeweglichen Züge des mit seinem Federhalter spielenden Untersuchungsrichters. ,

„Pietro Maniello", fuhr er dann fort, „war ein einfacher Mann, der von den Gesetzen so viel wußte, wie ich. Er meldete mich bei keinem Standesamt an, auch nicht, als er das Feld seiner Operationen nach Frankreich verlegte, weil in Italien die Konkurrenz zu groß wurde. Als ich älter wurde, dachte ich wohl, daß mir der Mangel jeglicher Legilimationspapiere einmal Schwierigkeiten bereiten könne. Aber andererseits hat die Sache auch einen großen Vortheil: Da ich in keine Register eingetragen war, brauchte ich auch nicht Soldat zu werden!"

„Sie haben nicht gedient?" ^ „ .

„Nein! Ich wurde nirgends reklamirt. Allerdings, der Mangel an Papieren hatte zur Folge, daß ich hier imb dort einmal ins Gefängniß wandcru niußte, weil man sagte, ich sei ein Vagabund. Aber da ich nie einen Verflog gegen die Gesetze begangen habe, mußte man mich rmmer bald wieder freilassen!"

Es war zu Ende. Wenn, wie die Moralisten behaupten, die Wahrheit einen ganz besonderen Ton hat, so hatte er ihn getroffen. Auch seine Physiognomie, seine Haltung, sein ganzes Benehmen standen in vollem Einklang nnt dem,

was er erzählte. .. , ^

„Wovon leben Sie nun?" frug der Untersuchungsrichter.

'^Von dem, was mir Vater Maniello gelehrt hat, schon seit "meiner Jugend, hier und im Auslande."

„Sie waren auch im Auslande?"

„Lange Zeit sogar! Ich bin mit der Truppe des Mister Throughton in England und in Deutschland umhergereist.

„Wie kommt es aber, daß, wenn Sie Mitglied einer solchen Truppe waren, Ihre Hände so weiß und gut gepflegt sind?"

Ohne eine Spur von Unruhe bei dieser verfänglichen Fraqe zu verraihen, warf der Angeklagte einen prüfenden Blick auf seine Hände. „Ja, ja", sagte er dann mit einer gewissen Befriedigung, „sie sehen gut aus Das kommt davon, daß ich sie immer so gut gepflegt habe!

Haben Sie denn gar nichts zu thun gehabt? War man" so liebenswürdig. Sie umsonst zu ernähren?"

O nein, nein!" rief Mais lebhaft. „Meine Aufgabe

48. Jahrgang. 1900.

war das Publikum heranzulocken. und, ohne mich rühmen

zu wollen, darin leiste ich etwas!" . m

„§ni! Dann können Sie mir wohl auch eine Probe Ihres Talents geben?"

„Gewiß . . . Aber hier?"

„Geniren Sie sich nicht!"

„Sie scherzen!" „

"Nein! Können Sie es oder können Sie es nicht?

"Wenn cs weiter nichts ist!"

Sein Gesicht nahm einen anderen Ausdruck an, der schwer zit beschreiben ist. Es lag fast etwas Ha"Swnrst- artiges darin. Ein Lineal vom Tisch nehmend und dasselbe in der Rechten cmporschwingend begann er:

„Stille dort die Musik! Meine verehrten H neu und Damen l Der Augenblick ist gckomnien, wo Sie die größt n und wunderbarsten Ex-rcitien auf dem Drahtseil wie auf dem Gebiet der Parterreakrobatik sehen können! Kraft, Geschmeidigkeit und Eleganz vereinigen sich und die berühmtesten

^"'^Genug! "^unterbrach ihn der Untcrsuchungsrichier „So haben Sie also in Frankreich gesprochen. Und m Deutschland?

Ohne eine Sekunde zu zögern, begann Mais. „Einem hohen Adel und verehrten Publikum machen wir h»nnt ie ganz ergebene Mittheilung, daß hier zu sehen 's- was noch Niemand gesehen hat! Auf hochgespann.en, Drahtse,l wird dre unvergleichliche Signora Mariette Stabelliin den geniosesten Pas machen, der stärkste Mann der Welt, der sich schon vor den höchsten Potentaten der Welt produzirt hat . . .

Gut, gut!" unterbrach ihn der Richter, in destcu Heimath man" ebensogut das Deutsche als das Französische spricht.

Kinder unter zwei Jahren und Leute ohne Kopf kommen umsonst hinein!" ließ Mais noch hinzuzufngen sich nicht

ne^i^olen Sie den Sachverständigen für Englisch!" wandte sich der Richter, kaum im Stande, seine Enttäuschung zu ver-

^^°U'veN"englisch!" erlaubte sich W-ltli zu bemerken. „Gut! Nun," wandte der Untersuchungsrichter zu Mais, wie steht es mit der englischen Anrede?" .

Wiederum ohne Zögern, jedoch mit dem Ausdrucke eines echt englischen Phlegmas begann Mais in englischer Sprache. „Meine Damen und Herren! -

Lange lebe unsere geliebte Königin, unter deren Szepter das glorreiche englische Banner über alle Welttheile herrschend vordrinat' Lang lebe und herrsche der ehrenwertste Major dieser Siadt t - Kein anderes Land als Großbritannien ist m Stande, Wunder hervorzubringen. wie diejenigen, welche Sie jetzt hier erblicken werden! Mancherlei Sonderbares mögen Ihre Augen schon gesehen Haben, allem . . .

,,Genug!" unterbrach ihn wieder der Untersuchungsrichter, nachdem ihm Weltli die Versicherung gegeben hat.-. daß die Anrede in tadellosem Englisch gehalten sei, und stutzte das

^"'Seiiw Ucberrcffchung war wirklich E flering. Einen der gefährlichsten Verbrecher hatte der Direktor be, Gefängnisses angekündigt, dessen lange Praxis ihm doch sicher ein t ziemlichen Scharfblick verliehen haben mußte, und er fand einen anscheinend recht gutmnthigen und in keiner Weise

gefährlichen Burschen!

(Fortlehnng sollst.)

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