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1, Beilage utm Wiesbadener Tagblatt.
Uo. 8. Morgen-Ansgol»e.
(10. Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)
Der Geheimpolizist.
Kriminalerzählung von G. v. Grwakd.
Wenn sie sich nur eines Besseren besinnen und bei ihrem nächsten Verhör sprechen möchte!" rief Weltli.
Ich glaube cs kaum," antwortete der Untersuchungsrichter. „Eher gestehen zehn Männer die Wahrheit, als eine Frau. Den Mann schmettert das Gewicht der That- sachen nieder, er sieht die Unmöglichkeit des Sieges, er er- giebt sich. Die Frau — was sind ihr Thatsachen! Zeigt man ihr die Sonne, so schließt sie die Augen und sagt: Es ist Nacht!" Leugnen und Weinen, das ist das System der Frau! Was sie nur zu einem so energischen .und gefährlichen Widerstande bestimmen mag?"
„Wahrscheinlich glänzende Versprechungen!"
„Und wenn sie diesen Versprechungen Glauben schenkt, so geschieht es, weil sie weiß, daß der, von dem sie ausgehen, ein Mann ist, auf dessen Worte sic bauen kann!
Der Eintritt eines Gerichtsdieners unterbrach die Unterhaltung. Er überbrachte ein Schreiben, das der Untersuchungsrichter las, um sodann den Boten mit einem: „Es ist gut!" zu verabschieden.
Er las dann Weltli daö Schreiben vor. Es war von oem Gefängnißdirektor und lautete folgendermaßen:
„Dem Herrn Untersuchungsrichter kann ich nicht genug empfehlen, beim Verhör des Angeklagten Mais alle Vorsichtsmaßregeln obwalten zu lassen. , , , _ . .
Seit seinem vereitelten Selbstmordversuch befindet sich derselbe in einer solchen Gemüthsaufregung, daß man ihn in der Zwangsjacke lassen mußte. Er hat die ganze Nacht hindurch kein Auge geschlossen und macht fast den Eindruck eines Wahnsinnigen, spricht jedoch kein Wort.
Ihm heute Morgen gereichte Nahrungsmittel hat er mit Abscheu von sich gewiesen, und ich glaube nicht fehl zu gehen, wenn ich annehme, daß er entschlossen ist, Hungers
zu sterben. „ , ,, ,
Ich habe selten einen gefährlicheren Verbrecher hrer gehabt und warne nochmals auf das Ernstlichste!"
„Soll ich Wache holen?" srug der ganz bleich gewordene
Grasouillet. , , _ .
„Sie fürchten sich, Grasouillet, Sie als alter Gerichts-
schre'iber?" srug der Richter.
„Nicht fürchten . . . Nein . . . Aber . . ."
„Ich werde schon mit ihm fertig!" erklärte Weltli ruhig.
Der Schreibtisch des Untersuchungsrichters, an welchem er gerade saß und von dem aus er das Verhör zu leiten pflegte, bildete eine natürliche Schutzwehr zwischen ihm und den Vorgeführten. Damit es nicht scheine, als fürchte er sich, stand er auf und setzte sich wieder an den Kamm, hierauf den Befehl ertheilend, den Angeklagten eintreten zu lassen
Gleich darauf öffnete sich die Thür und mit einem Satze stürzte Mais herein.
Grasouillet wurde bleich hinter seinem Pult, und Weltli machte sich zum Eingreifen bereit.
Aber mitten im Zimmer blieb der Mörder plötzlich stehen.
„Wo ist der Richter?" rief er mit rauher Stimme.
„Ich bin es!" antwortete Herr Schmid ruhig.
Samstag» den 6. Januar
„Nein . . . der Andere!"
„Welcher Andere?"
„Der gestern hier war!"
„Er hat einen Unfall erlitten, sich den Arm gebrochen!" „Oh!"
„Ich bin an seine Stelle getreten."
Mit einem Male wurde der Angeklagte bleich und begann zu wanken, während die angstvolle Spannung seiner Züge sich löste.
„Setzen Sie sich", sprach der Untersuchungsrichter m wohlwollendem Ton zu ihm, „wenn Sie sich schwach fühlen!"
Aber mit gewaltiger Kraftanstrengung hatte Mais sich wieder aufgerafft. Einen Augenblick sah Weltli in seinen Zügen einen Ausdruck, den er nicht zu deuten wußte, der fast dem der Freude glich — dann nahm sein Gesicht wieder den früheren Ausdruck an.
„Ich danke Ihnen sehr, mein Herr", sagte er, „aber es hat nichts zu sagen, es war nur wie ein Schwiudelanfallll
„Sie haben seit längerer Zeit nichts gegessen?"
„Nichts, seitdem der dort" — er zeigte auf Weltli — „mir in dem andern Käfig etwas gebracht hat!"
„Wollen Sie jetzt etwas genießen?"
„Nein, indessen . . . wenn Sie so gut sein wollten .... ein Glas Wasser möchte ich trinken!"
„Mit Wein?"
„Reines Wasser wäre mir am liebsten!"
Man brachte es ihm. Er leerte das erste Glas mit einem Zuge, ein zweites langsainer. Es that ihm augenscheinlich wohl.
Nun, da augenscheinlich von einer Gefahr nicht mehr die Rede sein konnte, nahm der Untersuchungsrichter wieder seinen Platz am Schreibtisch ein. Er dachte einen Augenblick nach. Die Situation erschien ihm nicht allzu ungünstig. Von zehn Gefangenen, welche vor den Untersuchungsrichter geführt werden, kommen mindestens neun mit einem in der Stille der Hafizelle wohl ausgcarbeitcten Bertheidigungssystem in das Bureau, Mit dem Eintritt in dasselbe beginnt der Kampf. Dem geübten Kriminalisten sagt oft der erste Blick auf den Eintretenden, was derselbe beabsichtigt. Im vorliegenden Fall war von Heuchelei augenscheinlich keine Rede; in dem Hereinstürzen des Angeklagten lag ebensotvenig etwas Gekünsteltes wie in seinem jetzigen ruhigeren Benehmen, wenngleich der Grund seiner auffallenden Veränderung vorläufig noch unbekannt war.
„Fühlen Sie sich jetzt wohler?" begann der Untersuchungsrichter dann.
„Ganz wohl!"
„Ich hoffe, Sie werden sich jetzt zu mäßigen wissen. Gestern wollten Sie einen Selbstmord begehen, ein neues Verbrechen zu Ihrem bisherigen fügen ..."
Mais unterbrach ihn brüsk. „Ich habe noch kein Verbrechen begangen", rief er mit noch immer rauher Stimme. „Ich habe meine Haut vertheidigt, als ich angegriffen wurde; das Recht hat Zeder. Drei wüthende Burschen sielen über mich her — ich habe sie getödtet, um nicht von ihnen getödtet zu werden. Es ist ein Unglück, und ich gäbe meine rechte Hand darum, könnte ich es ungeschehen machen, aber mein Gewissen ist rein!"
Er schwieg. Als keine Antwort erfolgte, fuhr er fort:
, Aber man hat mich behandelt wie einen Mörder. Als
ich da allein war zwischen diesen düsteren vier Wänden, packte mich die Verzweiflung. Ich sagte mir: Besser, gleich ein Ende machen, als, wer weiß wie lange, hier emgekcrkert zu sein! Ich versuchte mich umzubringen. Ich habe ;a nicht Frau, nicht Kind, überhaupt Niemand, der sich um mich kümmert! Als ich wieder zu mir kam, steckte ich in einer Zwangsjacke wie ein Verrückter. Ein Wunder, daß ich es nicht geworden bin!" ,
Er sprach dies Alles im Tone tiefer Bitterkeit.
„Das erklärt", antwortete der Richter, „wohl den ersten Verzweiflungsakt. Aber Sie haben auch heute Morgen nichts
genießen wollen!" .. . m ,
Das Gesicht des Angeklagten nahm mrt einem Male einen ganz anderen Ausdruck an, den der Heiterkeit, und ein frisches, kräftiges Lachen kam aus seinem Munde ^ zum größten Erstaunen der drei Hörer. .
„Das hat auch seinen guten Grund!' rief Mars, noch immer lachend. „Sehen Sie, die Hände hatte ich in den verfluchten laugen Acrmcln der Zwangsjacke, und nun wollten die Aufseher mich füttern wie ein kleines Kind! Den Teufel auch! Das war mir doch zu toll!"
Der Untersuchungsrichter konnte kaum seine Ucberraschung verbergen. „Sie können es doch den Leuten nichts iibel nehmen", meinte er, „wenn diese Alles thun, um Sie vor sich selbst zu schützen!"
Mais sah nachdenklich aus. „Na, ein bischen böse bin ich ihnen noch", meinte er im Tone voller Ehrlichkeit. „Aber das wird nicht lauge dauern, ich kenne mich, ich habe nicht mehr Galle wie ein Huhn!"
„Es hängt übrigens nur von Ihnen ab, sich die Wiederholung solcher Scenen zu ersparen. Wenn Sie sich ruhig verhalten, wird Ihnen die Zwangsjacke erspart bleiben, aber auch nur dann!" „
„Ich will es versuchen. Aber es ist fürchterlich. ,« ein Geräugniß gesperrt zu werden, wenn man unschuldig ist! Wenn ich noch Kameraden hätte, mit denen ,ch mich unterhalten könnte, daiin würde die Zeit viel rascher vergehen. Aber allein, immer allein in diesem kalten Loch — das ist schrecklich! Feucht ist es auch, von den Wänden tropft das Wasser nieder, wie Thränen, wirkliche Menschenthränen!
„Wenn Sie unschuldig sind, wird man Sie bald loslassen. Aber Sie müssen Ihre Unschuld beweisen!"
„Was kann ich dazu thun?" , , . „
„Die Wahrheit sagen, die ganze Wahrheit! In voller Aufrichtigkeit, ohne alle Hintergedanken auf alle Fragen antworten, die ich Ihnen vorlegen werde!"
„Verlassen Sie sich darauf!" Er hob die rechte Hand in die Höhe, wie um einen Eid zu leisten, und schien sehr erstaunt, als der Richter ihm sagte: „Angeklagte haben keinen Eid zu leisten!"
„Das ist komisch!" brummte er vor sich hm.
Die Absicht, welche der Untersuchungsrichter bis verfolgt hatte, war die, den Angeklagten zu beruhigen, fein Mißtrauen so weit als möglich zu besiegen. Er hielt seinen Zweck jetzt für erreicht. .
„Ich wiederhole Ihnen", begann er das . eigentliche Verhör, „daß ihre Freiheit von Ihrer Aufrichtigkeit abhängt. Wie heißen Sie?"
„Mais!"
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