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orgen.veilage der Wiesbadener Tagblatts, i» •■=■)
Nr. 76.
Mittwoch. 31. März.
1415.
(6. Fortsetzung.)
Das aMt(}$ §retyail$. Mtud verboten.
Roman von Albert Petersen.
Ass Lene Jepsen und Grethenfraucke jetzt Arm in Arm auS dem „Hotel zum Weltmeer" traten, flog ein Schneeball gegen die Kogge über der Straßen- tür, und das Schiff schaukelte, daß ein Sperling der gerade auf der Kogge eine Weltreise machte, aufflog, um nicht seekrank zu werden.
Korporal Nis Havemaird kam von der anderen Straßenseite eilend herüber, hielt die Linke am Säbel, die Rechte fuhr an den Tschakoschirm, und mit Äeganrer Verneigung sagte er ritterlich: „Ja, meine Frockens,
Ließe Schineiherie vun die Ingens, ich bitte, darf rch Sie beßütsen un biß nach ihr Hjem bringen.'
„Na, danke, da würden wir wohl noch mehr mit Schneebällen bombardiert werden", antwortete Lene Jepsen höhnisch. ' „ r . _
„Dank, besten Dank. Havemand", sagte Grethen- francke und nickte ihm freundlich lächelnd zu.
Des Korporals Äugen leuchteten froh.
„Ja, ja, Fräcken. Sie ßein die Beste vun ßie alle" antwortete er, schluckte ein wenig und fuhr begerstert fort, „ich Hab' immer hu meine Frau gehagt: dre Frocken Wilmsen — jammerschade, daß ßie die — das — Un- glück dmnalß hatte."
Grethenfraucke lacfVeltc wreder, doch Zitate Wehimit über ihr Gesicht. „Ja, ja, die Narben .
„Komm", flüsterte Lene, „der närrische Kerl."
Die andere nickte noch einmal freundlich zurück, und die beiden Mädchen schritten die „große Straße" hin- auf, gingen beim Rathaus durch den breiten Torbogen Zmn Stadtpark hinaus. ,, .
Lene sah sich zn Grethenfrauckes Unwillen dann und wairn um. „Du — Primaner Lorenzen kommt hinter uns l>er". flüsterte sie,wichtig.
„Meinetwegen tut er es mcht", sagte Grethenfraucke.
„Deinetwegen?" fragte Len« mit verletz«rdem Er» stimmen, „nein, deinetwegen tut er es nicht."
Eine breite Allee hoher Kastanien führte in den Park, der nmt seinen weiten Rasenflächen, «dein dichten dunklen Zweiggawirr seiner kahlen Bäume still da lag.
„Wie matschig sind die Wege", sagte Grethenfraucke und blieb stehen. ^ „ ,
„Pah, wenn wir kerne Galoschen anhatten, cnrt- wartete Lene ärgerlich und vergewisserte sich durch «inen Blick, daß ihr Verehrer ihnen noch folgte.
Langsam, die trockensten Stellen aussuchend, schrrt- tan sie durch den Park. Immer näher kam ihnen der Schritt ides Schülers.
Jetzt hatte er sie erreicht. ,
„Wollen die Damen auch noch dre scheidende Winter- landschaft genießen?" fragte er.
,-Scheidende Wiuterlandschaft . . . dummes Zeug', dachte Grethenfraucke. . . „ . ,
„Wie poetisch Sie sind", antwortete Lene Jepsen, «ist es wahr, ich hörte, daß Sie selbst auch Gedichts schreiben?"
Primaner Karenzen errötete geschmeichelt.
„Ich finde es nicht recht von meinen Mitschülern, das zu verraten", sagte er, scheinbar erzürnt.
Man plauderte. Das heißt Lorenzen wandte sich immer an Lene Jepsen und Grethenfraucke ging stumm nebenher.
„Ich gehe nie wieder mit Lene", nahm sie sich vor, denn wenn sie es auch für selbstverständlich hielt, daß inemand sich für sie interessierte, so war diese unartige Rücksichtslosigkeit doch verletzend.
Langsam näherten sie sich wieder dem Ausgang, und Gretheiifrancke blieb stehen.
„Wir wollten nur einmal durch den Park, Lene."
„Ach, es ist noch so schön", meinte der Primaner bedauernd.
„Wenn du schon fort willst —" antwortete Lene Jepsen, „ich möchte noch einmal den Rundweg machen."
’ Nach kurzer Verabschiedung verließ Grethenfraucke den Stadtpark und ging die stille Allee entlang.
Auf den Straßen >war es stiller geworden, die Arbeit war getan, und nur einige Jungen preßten noch den letzten Schnee zn Wurfgeschossen.
Als das Mädchen das elterliche Hans anr Zingel erreicht hatte, stieg gerade Henning Tiedenrann mit hochroten: Gesicht und freudig blickenden Augen die Treppen herunter.
Er sah Grethenfraucke ein wenig verlegen an und zog stumnr den Huk.
„Guten Tag, Henning", begrüßte sie ihn freundlich, „na, hast du uns besucht."
„Ich — ich habe mich bei deinem — Ihrem Vater — bei Herrn Wilmsen vorgestellt", stotterte er, „und — und ich kann nach Palmarum als Lehrling eintreten."
„Da gratuliere ich, Henning. Hoffentlich wird cs dir bei uns gefallen."
Und Grethenfraucke trat, ihm nochmals freimbliiV Wnickend, ins Haus.
Während Henning durch die Straßen ging, war seine stolze Siegerstimmung gewichen. Er fühlte, wie verlegen und ungeschickt er sich benommen habe, und er ärgerte sich Wer seine Urrbeholfenheit.
„Pah, vor der —" redete er sich jetzt vor, „wenn ich erst was bin, ist die mir als Frau lange nicht gut genug. Mit den ollen Narben — lange nicht."
„.Heu Henning", rief «in« kecke Stinune hinter ihm, und gleichzeitig traf ein Schneeball seinen Rücken.
Henning wandte sich unwillig um und erkannt« seinen Schulkameraden Klaus Matthießen, der im Waisenhaus« erzogen wurde.
„Du — was schmeißt du mich, wo ich meinen neuen Anzug anhabe", sagte Henning grollend.
„Mensch, das habe ich nicht gesehen. Aber was rst denn los heute?"
Der andere tat sehr wichtig und antwortete stolz: „Ja, ich habe mich bei Kaufmann Wilmsen vorgestellt: ich koinme Ostern zu ihm als Lehrling. Aber weißt du — Lehrling ist man nur drei Jahre, dann wird man Kontorist und dann — na, dann später noch mshr."
