1. Beilage zum Wiesbadener Tagblatt.
Uo. 4. Morgen-Ausgabe.
Donnerstag, den 4. Januar.
48. Jahrgang. 1900.
(8. Fortsetzung.)
(Nachdruck verboten.)
Der Geheimpolizist.
Kriminalerzählung von (f. v. Grwafd.
Es kostete ihm Mühe, bis in dasselbe zu gelangen. Eine dichte Volksmenge hielt eS umdrängt. Die Nachricht von dem in der Aniskapelle verübten dreifachen Mord hatte, durch alle Zeitungen verbreitet, ein großes Publikum herbei- geiockt, das die Opfer sehen wollte. Vater Halbundhalb war nicht zu entdecken.
Er wandte sich zunächst an den Aufsichtsbeamten, um zu erfahren, ob schon Jeiiiand Angaben bezüglich eines der drei Opfer gemacht habe.
Die Antwort lautete verneinend.
Er wunderte sich hierüber nicht. Einmal war es noch sehr früh am Morgen, und sodann hegte er bezüglich derberen Erschossenen überhaupt wenig Hoffnung, daß sie agnoscirt werden würden. Waren sie, was sie schienen, Vagabunden, so konnten sie nur von ihresgleichen erkannt werden. Diese Leute drängen sich zwar auch oft in die Morgue, allein sie haben eine derartige Furcht vor jeder Berührung mit der Polizei, daß sie ihr selbst dann noch ausweichen würden, wenn, wie dies in seltenen Fällen vorkommt, auf die Ermittelung der Identität einer Leiche eine Belohnung gesetzt wird. Nur um den als Soldat Verkleideten konnte es sich handeln. Wo aber war Vater Halbundhalb? Hatte der Inspektor, absichtlich oder nicht, unterlassen ihn zu senden? Oder was lag sonst vor?
„Hat man nicht einen Polizeibeamten hierher gesandt, um die Leute zu beobachten?" frug er dann.
„Allerdings!"
„Wo ist er? Ich sehe ihn nicht!"
Der Andere maß ihn mit mißtrauischen Blicken. „Gehören Sie dazu?" frug er.
Weltli zeigte seine Legitimationskarte.
„Gut. Sind Sie vielleicht Herr Weltli?"
„Allerdings!" ,
„Dann habe ich einen Brief für Sie, den jener Beamte mir sandte. Hier ist er."
Weltli entfaltete ihn sogleich und las:
Herr Weltli!
Ungefähr eine halbe Stunde nach Eröffnung der Morgue kamen zwei junge Leute, anscheinend den besseren Ständen angehörig. Plötzlich wurde der eine von ihnen leichenblaß und sagte, auf die Leiche des verkleideten Soldaten zeigend, leise zu dem andern: „Das ist Gustav !"
„Schweig!" raunte ihm der andere zu. „Komm fort! Wir haben sonst weiter nichts wie Unannehmlichkeiten."
Ich wollte nicht ohne Ihre Autorisation eiugreifen und begnügte mich daher damit, den jungen Leuten unbemerkt zu folgen. Sie gingen in ein kleines Restaurant. Ich hoffe, bald ihre Identität feststellen zu können und sende dann weitere Nachricht.
Halb.
Das Billet war mit einer fast unentzifferbaren Handschrift geschrieben und wimnielte von orthographischen Fehlern, aber es war nicht mißzuverstehen und gab Hoffnung. Am liebsten hätte Weltli an Stelle des Alten jetzt einen andern
Beamten hierher postirt. Aber er fürchtete, daß der Inspektor, wenn er ihm mit einer solchen Idee käme, ihn auSlachen, ihn fragen würde, ob er denn meine, daß die ganze Pariser Polizei nichts Besseres zu thun habe, als seinen Hirngespinnsten nachzujagcn. Mochte doch der Untersuchungsrichter hierüber beschließen, zu dem er sich jetzt begeben mußte.
Er that eS, nachdem er noch den Beamten der Morgue gebeten, solche, die etwa eine Bekanntschaft mit einem der Opfer zu erkennen gäben, zur sofortigen Aussage zu veranlassen, und begab sich dann nach dem Büreau des Untersuchungsrichters.
„Herr Dorsat schon da?" frug er den Gerichtsdiener.
„Nein, und er wird heute überhaupt nicht kommen!"
„Heute überhaupt nicht?"
„Nein, und morgen und übermorgen auch nicht!"
„Warum nicht?"
„Weil er gestern, beim Aussteigen aus seinem Wagen, den Arm gebrochen hat."
„Gestern?"
„Allerdings!"
„Und der Prozeß ivcgen des Mordes in der Aniskapelle?"
„Den hat Untersuchungsrichter Schmid übernonimen. Haben Sie mit der Sache zu thun?"
„Allerdings."
„Ihr Name?"
„Weltli!"
„Ah! Herr Schmid hat beretrs nach Ihnen geschickt. Gehen Sie gleich zu ihm hinein, Nr. 34."
Gleich darauf befand Weltli sich einem Herrn gegenüber, der fast als Gegenstück Dorsats gelten konnte. Er mochte ungefähr in demselben Alter sein wie dieser, sah aber ebenso jovial aus, als Dorsat düster. Er war Elsässer, und seine großen blauen Augen verliehen ihm einen entschieden gut- müthigen Ausdruck. ES war bekannt, daß einer der schlimmsten Verbrecher einst, vom Verhör bei ihm kommend, gesagt hatte: „Er hat mir die Würmer hübsch aus der Nase gezogen, und es ist nicht unmöglich, daß mir das den Hals kostet. Aber ich nehme es ihm nicht übel, er ist doch ein guter Kerl!" Mit seinem wohlwollenden Wesen, das so lebhaft mit dem rauhen und stolzen Tone seiner meisten Kollegen kontrastirte, brachte er viel mehr zu Wege als diese. Mancher Angeklagte, der sich im Innern beglückwünschte, auf einen so harmlosen Untersuchungsrichter gestoßen zu sein, ivar von ihm bis in seinen innersten Gedaukengang hinein erforscht tvorden, ehe er sich dessen im Mindesten versah.
Sein Gerichtsschreiber, Grasouillet, hatte dasselbe wohlwollende Aeußere wie sein Vorgesetzter, den er jedoch an Embonpoint beträchtlich übertraf.
Herr Schmid war gerade damit beschäftigt gewesen, den Rapport Weltlis zu lesen.
„Mein Kollege Dorsat, von dessen Unfall Sie wohl schon gehört haben werden," begann er. zu Weltli gewandt, „hat mir Sie als einen sehr begabten jungen Mann empfohlen. Ich habe Ihren Rapport gelesen und die Ueberzeugnng gewonnen, daß diese Empfehlung eine wohl verdiente ist."
Weltli verneigte sich dankend.
„Wir stehen hier vor einem großen Räthsel und müssen
versuchen, es zu lösen. Hoffen wir, daß es uns gelingt. Hatte Ihnen Herr Dorsat Aufträge ertheilt? Was ist überhaupt seit gestern geschehen?"
Weltli stattete seinen Bericht ab und legte zum Schluß desselben das Päckchen mit dem im Polizeiposten der Barriere d'Jtalie gesammelten Staub ans den Schreibtisch des Richters. Er erklärte dann, daß er es für wichtig gehalten habe, zu kon- statiren, daß der Schmutz an den Füßen des Gefangenen erst von jener Zelle herrührc, und was bctveise, daß Mais die Rolle eines Mannes unter seinem Stande zu spielen bestrebt sei.
„Sehr gut!" meinte der Richter lächelnd, „Sie haben hiermit von Neuem eine nicht häufige llmsichr dokumcntirt."
Selbst der dicke Gerichtsschreiber konnte sich nicht enthalten, ein „Ausgezeichnet! darauf wäre ich nicht gekommen," vor sich hin zu brummen.
„Es dürfte wohl am besten sein, zuerst die Wittwe Clupet zu befragen", meinte er.
„Darf ich dem Verhör beiwohnen?" frug Weltli.
„Ich halte das sogar für nothwendig," antivortcle Herr Schmid verbindlich. „Vielleicht kommt irgend etwas vor, das Ihnen neue Anhaltspunkte giebt!"
Die Wittwe Clupet wurde vorgeführt. Sie hatte sich so schön wie möglich gemacht, was freilich nicht viel heißen wollte, denn ihr Gesicht, das den Stenipcl böser Leidenschaften unverkennbar ausgeprägt trug, wollte sich nicht recht zur Miene fromnier Demuth bequemen.
„Komödiantin!" sagte der Blick, den der Untersuchungsrichter bei ihrem Erscheinen mit Weltli austauschte.
„Sie sind schon bestraft?" frug ersterer nach Feststellung der Personalien.
„Ich habe Unglück gehabt, lieber Herr Richter!" antwortete sie weinerlich.
„Sogar recht oft," bemerkte Herr Schmid trocken. „Zuerst sind Sie wegen Hehlerei bestraft, wie ich hier aus Ihren Polizcinkien sehe, dann ivegen Kuppelei, dann wegen Diebstahl, dann wieder wegen Hehlerei und so weiter!"
„Es giebt so viele böse Menschen, denen es ein Vergnügen ist. Andere in das Unglück zu stürzen!"
„Indem sie als Zeugen die Wahrheit sagen. Nun, lassen wir das. Gegenwärtig sind Sie also Besitzerin der Schenke, welche Aniskapelle genannt wird, und die Sie mit Ihrem Sohn, der jetzt seine vierte Strafe abbüßt, gemeinsam verwalten. Ihre Schwiegertochter ist aus Ihrem Hause geflohen, weil sie brav bleiben wollte, und hat ihren kleinen Jungen reklamirt. Dieser Reklamation ist schon deshalb Folge gegeben worden, ivcil zu befürchten war, daß Sie ihn sonst ebenso auf die Bahn deö Verbrechens leiten würden, wie Ihren Sohn."
Jetzt hielt die Alte den Augenblick für gekommen, Rührung zu heucheln. Mit dem Taschentuch sich die Augen reibend, schluchzte sie: „Meinen Enkel! Meinen lieben, guten kleinen Enkel sollte ich zum Bösen verführen wollen! Da wäre ich ja schlimmer wie ein wildes Thier! Was man mir auch Alles zntraut! Mir geht es gar zu schlecht! Jetzt werde ich auch wieder verhaftet und habe nicht das Mindeste gethan! Ich habe in meinem einsamen Gefängniß mein Gewissen geprüft nach allen Richtungen hin, ich weiß nicht, was ich gethan haben soll!"
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