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«8. Rahraana
Verlag: Langgasse 27.
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Abend -Ausgabe»
Die Beschlagnahme deutscher Schiffe.
Das von deutsch-offiziöser Seite wiederholt betonte und von englischer Seite in geradezu überschwänglicher Welse gefeierte deutsch-englische „Frcundschaftsverhältniß" scheint sich in der Praxis nicht recht bewähren zu wollen, eine Erscheinung, die uns bei unserer seitherigen Auffassung dieses Verhältnisses nicht sonderlich überraschen konnte. Der Beschlagnahme des Reichspostdampfers „Bundesrath", welche in Deutschland allgemeine Entrüstung erregt hat, ist nicht etrva ein Einlenken der englischen Behörden, die sich allem Anschein nach einen schweren Hebelgriff haben zu Schulden kommen lassen, sondern die Beschlagnahme eines zweiten deutschen Schiffes, des Hamburger Dampfers „Hans Wagner", gefolgt. Es ist selbstverständlich, daß dieser zweite Fall den allgemeinen Unwillen über die Handlungsweise der Engländer, welche in Ansehung dieser Vor- kominilisse und ihrer begleitenden Umstände als ein Akt grober Unfreundlichkeit gegen Deutschland erscheinen rmß, noch wesentlich gesteigert hat. Und es ist zu wünschen und zu hoffen, daß die bereits eingcleiteten diplomatischen Vorstellungen der deutschen Regierung mit derjenigen rücksichtslosen Energie durchgeführt werden, wie sie den Engländern gegenüber, die sich niemals durch schwache Nerven ausgezeichnet haben, angebracht sind.
Was die Rechtsfrage selbst betrifft, um die es sich hier handelt, so sind darüber vielfach irrige Ailschauungen verbreitet. Laut der Pariser Scerechisdeklaration vom Jahre 1856, welche heute von allen Staaten anerkannt wird (denn auch die Vereinigten Staaten von Amerika, welche ihr nicht beitraten. haben sich in der Praxis an sie gehalten), deckt die neutrale Flagge feindliches Gut, während neutrales Gut auch unter feindlicher Flagge frei ist. Neutrale Schiffe dürfen nur dann beschlagnahmt werden, wenn sie entweder eine Blockade gebrochen haben oder Kriegskontrebande mit sich führen. Der erstere Fall, nämlich der Bruch der Blockade, kann in dem Krieg zwischen England und den Buren überhaupt nicht in Betracht kommen, da die Burenrepubliken keine Häfen besitzen, mithin auch keine Blockade eröffnet werden kann. Bei der Beschlagnahme der beiden deutschen Schiffe konimt der zweite Fall in Betracht, nämlich das Milführcn von Kriegskontrebande.
Das Vorgehen der englischen Behörden wäre nur in dem einen Falle halbwegs zu rechtfertigen gewesen, wenn die deutschen Schiffe nicht nur Kriegskontrebande an Bord geführt Hütten, sondern wenn auch der Nachweis geliefert werden könnte, daß dies mit Wissen und Willen der Schiffsführer geschehen ist. Es kommt häufig vor, daß ohne Wissen deS Kapitäns und der Schiffseigener Kriegskontrebande an Bord gebracht wird, indem sie unter harmlosen Verpackungen durchgeschmuggelt wird. In solchen! Falle ist es Sec- brauch, daß der kriegführende Staat die Kontrebande konfiSzirt, dagegen kann von einer Beschlagnahme des
Schiffes garnicht die Rede sein. Was den Fall des Reichspostdampfers „Bundesrnth" betrifft, so liegt die strikte Erklärung der Eigcnthümerin, der „Deutsch-Ostafrika-Linie", vor. daß der „Bundesrath" keine Kriegskontrebande an Bord führte. Sollte trotzdem solche gefunden sein, so würde mithin zweifellos der Fall eingeschmuggelter Kontrebande vorliegen, wenn es sich nicht etwa überhaupt nur um englische Chicanen handelt. In jedem Fall widerspricht die Art, mit der England hier vorgcgangen ist, nicht nur den internationalen Höflichkeitsformen, sondern sie muß angesichts des Verhältnisses zwischen Deutschland und England auch als ein Akt der Unhöflichkcit gegen die deutsche Regierung betrachtet werden, und England hat alle Ursache, für diese Unhöflichkeit unverzüglich volle Genugthuung zu geben.
Ein entschiedenes Vorgehen der deutschen Regierung ist um so erforderlicher, als wir zu dem Prisengericht in Durban, welches über die Berechtigung der Beschlagnahme entscheidet, wenig Vertrauen haben. Durch die Opposition Englands gegen eine Regelung des Seekriegsrechts ist sowohl die Rechtsprechung der Prisengcrichte auf einem sehr rückständigen Standpunkt geblieben, als es auch bisher nicht ermöglicht wurde, den 'dehnbaren Begriff der „Kriegskontrebande" in fest umgrenzter Weise zu definiren. Auch auf der Friedenskonferenz hat England sich entschieden geweigert, einer Einbeziehung des Seekriegsrechts zuzustiinmen, wodurch jeder Fortschritt auf diesem Gebiet vereitelt worden ist.
Je rückständiger die Formen des Seekriegrechts sind, umso dringender ist es erforderlich, daß die deutsche Regierung die größte diplomatische Entschiedenheit an den Tag legt, um zu verhindern, daß durch den von England in frivolster Weise heraufbeschworenen Krieg deutsche Interessen geschädigt werden. Und das Interesse Deutschlands fällt hier mit dem anderer Mächte, so Rußlands und Frankreichs, zusammen, da die Engländer auch schon russische und französische Schiffe beschlagnahmt haben, die aber wieder freiqegeben wurden. Ein Zusammenhalten der anderen Mächte wäre umso wünschenswerlher — wodurch es freilich leider nicht wahrscheinlicher wird — weil Englands Absichten allem Anschein nach darauf gerichtet sind, sich unter irgendwelchen Vorwänden der Delagoa-
Bai zu bemächtigen, uni auf diesem Wege, nachdem seine Landmacht sich als leistungsunfähig erwiesen hat, den Buren Republiken durch die Verhinderung der Nahrungsmittel- und Munitionszufuhr beizukommen. Sollte England einen solchen Handstreich wagen, der mit dem ominösen deutsch-englischen Geheimvertrag jedenfalls in keinem Zusammenhang steht, so wird man die Probe auf das Exempel machen können, inwieweit die europäischen Großmächte gewillt sind, der eng lischen Gewaltpolitik einen Riegel vorzuschiebcn. Dr. jur. P.
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hd. Berlin» 3. Januar. Der Direktor der Ostafrika-Lime, Konsul Wörinami, war, dem Lok.-Auz." zufolge, gestern bei dem Dezernenten des Auswärtigen Amtes, traf aber den Reichskanzler nicht an. Er erhielt die Versicherung, daß die deutsche Regierung sich auf das Eifrigste bemühe, die Interessen der Gesellschaft wabr- zunehmen. Etwas Entscheidendes in der Angelegenheit der beschlagnahmten Schiffe sei aber noch nicht erfolgt, und cs konnten immerhin noch einige Tage vergehen, ehe über die Entscheidung der
Angelegenheit eine Meldung hierher käme, se bst wenn die englische Regierung, wie es den Anschein habe, diese Sache mit größter Loyalität zu erledigen trachte.
Da» zweite beschlagnahmte Schilf. Die Meldung von der Beschlagnahme des „Hans Wagner" ist, wie der „Hamburgische Korrespondent" nunmehr meldet, dahin zu berichtigen, daß es sich nicht uni einen Dampfer, sondern uni die hambuMsche Bark Hans Wagner" handelt, deren Beschlagnahme an, 28. Dezember erfolgte.
Das Jahr 1899.
Belgien
begann das Jahrhundert als französischer Vasallenstaat, um nach dem Wiener Kongreß wieder ein Theil des Königreichs der Niederlande zu werden. Erst der Aufstand von 1830 machte das Land zu einem selbständigen Königreich mit katholischem Herrscherhaus aus dem Hause Coburg. Im letzten Drittel des Jahrhunderts wurde Belgi.u mit seiner hochentwickelten Industrie ein vanpt- herd des internationalen Socialismus. Im letzten Jahrzehnt erkämpfte sich der vläinische Volksstamm auf allen Gebieten Gleichberechtigung mit dem bisher herrschenden Wallonenthum. Einen großen Theil des innerpolitiichcn Lebens nahm rm Jahre 1899 der Kampf um die Reform des Wahlrechts ein. Das klerikale Ministerium de Smet de Naher hatte einen Ge,etzentwurf em- icbracht. der vor Allem die Herrschaft desLleriknlismus sichern sollte und keine der voll den Liberalen und ^oclausten erhobenen Forderungen erfüllte. Selbst König Leopold gab seiner Un- zufriedcnhcit mit diesem Gesetze so deutlichen Ausdruck, daß sich das Ministerium an, 23. Januar zum Rücktritt veranlaßt sah. An seine Stelle trat ein Ministerium van den Peereboom, das eine neue, ebenfalls stark rückschrittliche Wahlvorlage entwarf. El» Sturm der Entrüstung erhob sich niuimehr in den gegnerischen Kreisen, der das Land in den Monaten April, Mai und Juni manchmal in geradezu aufruhrähnlichc Zustände versetzt. Die am 3. >;»li m der Kammer beginnende Berathung des Wahlgesetzes ergab selbst innerhalb der klerikalen Partei eine so starke Gegnerschaft, daß auch das Kabinett van den Peereboom am 2. August zur Entlassung genöthigt wurde. Der abernials ans Ruder gestellte Ministerpräsident de Wahlreform 1,,,... .
das verhältnißmäßigc ......... .
Gesetz fand am 25. November Annahme Seitens der Kammer, am 22. Dezcniber durch den Senat. — An Kämpfen auf socialem Gebiete war auch das Jahr 1889 wiederum reich; so brachte der April einen mehrwöchige» Ausstaud sämmtlicher Bergarbeiter.
Holland
ist von seiner jungen Königin Wilhclmina noch immer nicht mit einem königlichen Gemahl beglückt worden, obwohl an Anwärtern auf diesen begehrenswertheil Posten kein Mangel ist.
Der Anregung des Czaren Nikolaus II. cntsprnngeu, versammelte sich am' 18. Mai int Haag die von allen selbständigen civilisirtcn Staaten beschickte internationale Abrüstungskonferenz, die bis zum 29. Juli tagte. Sie erfüllte jedoch die der Erhabenheit des Gedankens entsprechenden Hoffnungen, die man auf sie gesetzt hatte, nicht und begnügte sich mit einer Reche von Abänderungen des Kriegsrechts und Beschlüssen, die auf eine »lenschen- freundlichere Kriegsfiihrung zu Lande und zu Wasser hmausliese».
Grssibritaunici» und Irland
nahm au der Bekämpfung und Niederwerfung Napoleons I im Ansanq des Jahrhunderts staikcu Antheil und beraubte bei dieser Gelegenheit Frankreich seiner schönsten Kolouice». Das britische Reich entwickelte sich im ncunzehiiten Jahrhundert zu dem riesigen Kolonialreiche, das es heute ist, und das in allen Erdtheilen große und reiche Lande,masscii besitzt. Im Jahr 1899 feierte es am 24 Mai unter Entfaltung großen Pompes den 8V. Geburtstag der greisen Königin Viktoria. Aus der „glänzenden Vereinsamung , m der sich das britische Königreich seit langen Jahren infolge seiner selbstsüchtigen und neidischen Politik befindet, konnte es auch die im kubanischen Kriege erworbene Freundschaft der Vereinigten Staaten
(Nachdruck verboten.)
Berliner Theater-Kries.
(Von unserem eigenen Korrespondenten.)
Ich will dem alten Jahrhundert nichts Schlechtes Nachreden. Es ist hinüber (nicht nach unserer Ansicht. D. R.). Es schlummere in Frieden. Aber nett hat es sich zum Schluß wirklich nicht benommen. Vor Allem nicht gegen die Feuilletonistcn. Und ganz besonders nicht gegen mich.
Optimistisch, wie ich als Feuilletonist bin (als Mensch bin ich's schon erheblich weniger), hatte ich gehofft, diese letzte Monatsbilanz des scheidenden Jahrhunderts zu einem pomphaften Carmen saeculare zu gestalten. Ich war geneigt, pathetisch zu werden und mit begeistertem Federschwung anzuheben:
Wie schön, o Mensch, nnt Deinem Palmenzweige Stehst Du an des Jahrhunderts Neige In edel stolzer Männlichkeit
Der reifste Sohn der Zeit.
Und dann würde ich dem vielgeliebten, theilnahmsvollcn Leser mit feurigen Zungen verkündet haben, wie noch in letzter Stunde eine große künstlerische Offenbarung gekommen sei, das Werk, die Dichtung des Jahrhunderts.
Ich bin tief beschämt und arg zerknirscht. Schiller, als Spektator der Jahrhundertswende, hatte es bei Weitem besser. Mir ist es nicht gelungen, an der Schwelle einen schönen Menschen in edel stolzer Männlichkeit zu erblicken. Und um den reifsten Sohn der Zeit Ihnen zu nennen, habe ich mir so lange vergeblich den Kopf zerbrochen, daß ich (wen der Termin interessirt, dem sei er verrathen, genau am Morgen nach Sylvester begann'L) noch heut das allerheftigste Schädelgebrumm verspüre. Und nur mein musterhaftes Pflichtgefühl veranlaßt mich, „mit Vergnügen die Feder zu ergreifen." Aber es wird kein Lärmen saeealare werden, das Merke ich schon lange.
Manchen Sohn der Zeit sah ich in diesem Monat an die Rampe kommen, aber dem Schillerschen Jüngling mit der Palme sahen sie Alle verwünscht wenig ähnlich.
Einige Mal kamen gleich zwei Söhne auf einmal, dramatische Zwillinge, aber dies Dioskurenbild weckte nie jene tröstliche Erkenntniß: „Freut Euch, daß Ihr gleich zwei solcher Kerle, wie wir sind, habt."
Auch hat, soviel ich weiß, Niemand in dieser nachdenklichen Zeit tiefsinnige Betrachtungen darüber angestellt, wer von beiden größer ist: Kraatz oder Stobitzer, Heinrich Lee oder Wilhelm Meyer-Förster, Kren oder Schönfeld.
Man genießt vom ersten Paar das „Flottenmanöver", vom zweiten „Busch und Reichenbach", vom dritten den „Himmelshos". Drei Schwänke, jeder verschieden gewürzt.
Der erste ist die patriotische Posse, der zweite die blödsinnige Groteskposse, der dritte die dekorative Posse.
„F l o t t e n m a n ö v e r" betrachtet die Bühne als politische Bildungsanstalt und versucht mit Lachgasbetäubung den Leuten die Marincvorlage beizubringcn. Die beiden politischen Witzbolde, die alte Scherze auf der neugestimmten Leyer machen und mit dieser Leyer, Arion gleich, kühn auf dem Strom der Zeit schwimmen, kamen glücklich in den Hafen.
Auch „Busch und Reichenbach" von Lee und Meyer- Förster, die Quadrupel-Firma, fand Gegenliebe.
Das sind gcwaltthätige Herren, die Verfasser. Mit Kleinigkeiten geben sich die nicht ab. Sie lassen einfach in ihrem Stück den schon im vernünftigen Zustand urkomischen Alexander als vermeintlich Wahnsinnigen alle Gangarten moderner Jrrenbehandlung bis zn der großen Douche in der Gummimanne exekutiren. Und „Alexander unter Wasser" ist der clon am Ende des Jahrhunderts.
Wie schön, o Mensch, mit Deinem Palmenzweige . . . Die dritte im Bunde, die Posse „Im Himmelshof", ist die neue Auflage des alten Adolf Ernst-Ausstattungsstückes, bei dem der Stoff Nebensache und. die Stoffe, noch mehr
natürlich was drinsteht und 'rausguckt, die Hauptsache sind. — DaS wären die Chefs d’oeuvres unserer Doppelgestirne. Der reifste Doppelstern der Zeit, die Fratelli Blumenthal und Kadelburg, sind freilich noch nicht wiedergekomme». Sie liegen und besitzen. Das große Wecken zn Beginn des neuen Jahrhunderts mag sie daran mahnen, was sie ihrem Volke schuldig sind.
Dem letzten Jahrhundertsmonat kann man dann noch nachrühmen, daß seine Gedächtnißtafel besonders reich an klangvollen Namen ist.
Wen überschauert nicht ein Hauch der Ehrfurcht, hört er von Döbber oder gar von Kuhlenkampf. Oder irre ich mich, sind diese Namen Schall und Rauch?
So will ich denn ihr Herold sein.
Döbber schrieb eine Oper „Die Grille" und Kuhlen kampf schrieb eine Oper „König Drosselbart". Jeder für sich allein.
Das ist an sich nicht sonderbar. Das Sonderbare kommt erst. Denn beide wurden aufgeführt. D. h. die Grille hat schon ansgezirpt, und vom König Drosselbart, der nach dem zweiten Akt Erfolg hatte, mird's wohl bald heißen: Vive le roi — le roi est mort!
Die Oper hat in ihrem ganzen Wesen etivas durchaus Weibliches. Nur in einem Punkt stimmt nichts. Die beste Frau soll die sein, von der sich nichts sagen läßtl Gelte der Satz auch von der Oper, so wäre Grille wie Drossel, bart des höchsten Preises werth. Denn beiden kann man nicht das Allergeringste nachsagen.
Das eine, das den Birch-Pfeiffer-Stoff noch mehr verweichlicht, als die würdige Drameutante selbst es that, wie das andere, das jenes bekannte Märchen mit einer trockenen schulmeisterlichen Musik belastete, ist so neutral und gleichgültig, daß selbst bei der bissigsten und bösartigsten Kritikerkreuzotter die Giftdrüsen sich nicht regten. Sie könnte übrigens schon vor Gähnen nicht zuschnappen.
