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BeUage Mm Wiesbadener Tagblall.
Po. 1. Abend-Ausgabe.
Dienstag, den 2. Januar.
48. Jahrgang. 1900.
Ewig klar und rein »
Wohnt da« Licht allein »
In der Dichtung hohem Göttersaal. £
E. Eckstein.
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(15. Fortsetzung.)
(Nachdruck verboten).
„Die Gurasterin".
Roma» a»S der indischen Neuzeit von ßark Uanera.
Nach einer kleinen Panse begann wieder Westfeld:
„ES ist mir leid, noch eines Umstandes gedenken zu müssen, der meine Landsmännin, die Baronin von Heimbach, und mich sehr peinlich berührte. Es war eine gemeinsanie Korsofahrt von Mount Lavinia nach Colombo zurück geplant, und als wir Lei den Nädern eintrafen, mar die ganze Gesellschaft mcggeradelt, und ohne uns nur etwas wissen zu lassen."
„Dies beruht aut einen Jrrthum, Herr Graf," antwortete sofort Mr. Matthews. „Ich selbst habe einen Boy in daS Hotel gesendet, um Sie von unserem Ausflug zu benachrichtigen. Derselbe brachte mir die Meldung, erhübe Sie nicht im Hotel gefunden. Nun nahm ich an, Sie wollten vielleicht absichtlich mit der Baronin Heimbach und Mist Conningham bis nach unserer Abfahrt zurückbleiben. Darum habe ich nicht zum zweiten Male nach Ihnen geschickt."
„Ich erkenne Ihre Erklärung als befriedigend an. Nun ersuche ich, mich zu entschuldigen, wenn ich die Herren gleich wieder verlasse. Ich will Mist Conningham sofort von dem, was Sie mir mitthcilten, verständigen."
Damit erhob er sich und verneigte sich formell. Ebenso antworteten Mr. Matthews und der Offizier. Mr. Thompson aber ging auf den Grafen zu, gab ihm die Hand und sprach: „Good bye, Westfeld" und fügte hinzu: „Nicht wahr. Sie haben mich recht verstanden und sagen ihr Alles so, wie ich Sie darum bat."
„Ich werde Ihre Worte genau überbringen. 6ooä bye, Thompson." Damit verließ der Graf das Zimmer. —
Eine Stunde später stand er in elegantem Gesellschaftsanzug an dem Grand-Oriental-Hotel und ließ sich bei den Damen anmelden. Er durfte sofort eintretcn. Sie empfingen ihn in der jedem Zimmer dieses comfortablen Hotels angebauten Veranda. Der Tisch war schon gedeckt.
„Guten Abend, lieber Graf," begann die Baronin. „Wir freuen uns sehr. Sie zu sehen."
Miß Conningham bemerkte nur: „Guten Abend, Graf Westfeld." Aber ihr Händedruck ergänzte, was an Herzlichkeit den Worten fehlte.
„Guten Abend, meine Damen. Ich bringe Ihnen so gute Nachrichten, wie es eben unter den sonderbaren englischen Verhältnissen möglich ist."
„Bitte, nehmen Sie nur erst Platz."
Er setzte sich auf den für ihn bereit gestellten Stuhl, die beiden Damen ließen sich ihm gegenüber auf einer Strohmattenbank nieder. Jranamadu servirte das Dinner. Nun wollte er ausführlich erzählen, was er bei Mr. Matthews erreicht hatte. Miß Conningham unterbrach ihn aber mit den Worten: „Darf ich Sie um eine große Gefälligkeit bitten?"
„Gewiß, Alice. Was nur in meinen Kräften steht, bin ich bereit zu thun."
„Gut, dann sagen Sie mir kurz, ob die Erklärung,
welche Sie von Mr. Matthews erhalten haben, nach Ihrer Ansicht genügend war oder nicht."
„Ja, sie war genügend. Unter den eigenthümlichen Verhältnissen, welche hier herrschen, konnte Mr. Matthews, wie ich glaube, sich nicht entgegenkommender aussprcchen."
„Dann bin ich vollständig befriedigt, und die Angelegenheit ist für mich erledigt."
„Bitte, lassen Sie mich nur die Worte Mr. Thompsons, der bei unserer Unterredung zugegen war, wiederholen. Ich habe ausdrücklich versprochen, sie Ihnen mitzutheilen."
„Sprechen Sie."
Er erzählte nun Alles, was ihm der junge Engländer für sie aufgetragen hatte.
Sie hörte stillschweigend zu und verrieth durch keine Silbe, wie sie darüber dachte. Als er geendet, bemerkte sie ruhig: „Jetzt ist es aber genug. Bitte, berühren wir die ganze Sache mit keinem Worte mehr. Meine Tante und ich werden über die hier gemachte Erfahrung mit der Zeit schon hinwcgkommcn, besonders wenn wir der Insel Ceylon de» Rücken gekehrt haben."
„Wollen Sie denn schon bald abreisen?"
„Alice hat gewünscht," ergriff jetzt die Baronin das Wort, „daß wir mit dem nächsten Dampfer Colombo verlasse». Wir haben uns schon Plätze auf der „Katoria" bestellt, um morgen Früh nach Taticorin zu dampfen. Von dort aus wollen >vir mit der Eisenbahn direkt nach Kalkutta weiter reisen."
„So schnell schon!"
Der Graf wechselte die Farbe. Es klang eine liefe Trauer aus diesen seinen Worten.
Miß Conningham antwortete sanft und herzlich:
„Es ist besser, wenn wir die Insel Ceylon bald verlassen. Dies gebietet nicht allein die unerquickliche Lage, in welche ich gerathen bin, sondern auch die Rücksicht auf Hie, mein Freund. Daß Sie uns nicht wie die Andern plötzlich im Stich lassen würden, weiß ich. Allein Ihre Unterstützung kann uns nichts mehr nützen, würde Sie aber sehr schädigen. Sie müssen es doch selbst zugeben, daß man Ihnen den Umgang mit einer Enrasierin nicht Nachsehen wird."
„Das läßt mich vollständig gleichgültig. Uebrigens glaube ich, daß man mich als Deutschen nicht mit dem gleichen Maße mißt, wie einen Engländer. Und wenn auch, was liegt daran?"
„Viel, wenigstcns in meinen Angen. Ich will nicht, daß Sie Ihre angesehene Stellung in der hiesigen Gesellschaft wegen meiner Pcrßm verlieren; -ich will nicht, daß Sie von diesen EngländeHi schief angesehen werden. Auch fürchte ich, daß uns trotz Ihres Schutzes mene Beleidigungen bevorstchen, sobald mir uns in gewohuter Weise in der Oeffentlichkeit zeigen würden. Das könnte ich selbst kaum mit Gelassenheit ertragen, und noch weniger möchte meine gute Tante Gertraud solchen Wahrscheinlichkeiten anssctzcn. Darum," — bei de» folgenden Worteii nahni ihr Auge einen herzlichen, fast zärtlichen Ausdruck an — „so leid es mir auch ist, mich von Ihnen, Graf Westseld, zu trennen, cs geht nicht anders, es muß sein. Halten Sie mich nicht für undankbar. Ich schulde Ihnen unendlich viel uckd werde das nie vergessen. Ich hoffe und wünsche aufrichlig, daß wir uns bald Wiedersehen. Aber trotzdem bitte ich Sie, in der nächsten Zeit uns nicht nachzureiscn. Ich muß den erlittenen Schlag erst etwas überwunden haben, ich muß erst mein Gleichgewicht wieder erlangen. Dieses geschieht am ehesten, wenn ich«suche, selbst mit mir fertig zu werden. Jede, und wäre es auch die liebevollste, Be-
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einflussnng würde den Kanips in meinem Innern erschweren Also, lieber Freund, überlassen Sie zunächst mich mir selbst. Tante Gertraud, meine.zweite Mutter, ist mir Hülfe genug."
Sie reichte ihm die Hand. Er ergriff dieselbe zwar und behielt sie in seinen beiden Händen, aber, er sprach mit trauriger und theilweise vorwurfsvoller Stimme: „Sie weisen niich also zurück, und ich würde doch Alles, selbst mein Leben daran setzen, Ihnen beizustehcn und zu stützen!"
„Ich weiß es, mein Freund, und ich weise Sie gewiß nicht zurück. Aber für die nächste Zeit ist es besser, wenn ich mich allein durchringe. Ich will versuchen, ruhig zu werden, ich will prüfen, ob nicht vielleicht die Gesellschaft von Ceylon strenger und einseitiger ist, als jene von Kalkutta und Indien überhaupt, kurz, ich will Erfahrungen und Lehren sammeln, die ich bis jetzt noch gar nicht kannte, weil ich ja nicht wußte, ivas eine Enraßerin ist und daß ich selbst eine solche bin." . *.
„Und wenn diese Erfahrungen Sie noch niehr verbittern, wenn Sie dadurch Indien so hassen lernen, daß Sie es plötzlich zu verlassen wünschen?"
„Das tritt nicht ei». Ich verspreche Ihnen feierlich Sie sollen sofort Nachricht erhalten, wenn ich fühle, einer männlichen Unterstützung zu bedürfen, oder wenn wir Indiens müde sind. Uebrigens können ivir Bengalen nicht so schnell verlassen, denn ich fürchte, unsere geschäftlichen Verhältnisse werden ebenfalls verwickelter sein, als wir vermutheten. Auch wenn wir hierhin keinen Ausweg finden, sollen Sie der erste sein, den ich zu Hülfe rufe. Sind Sie nun beruhigt, mein Freund?"
Der Graf blickte trübe vor sich hin und antwortete nicht. Da ergriff die Baronin das Wort: „Lassen Sie sie Händeln, wie sie will, Graf Westfeld. Alice ist ein eigenartiges Mädchen. In manchen Dingen kommt sie mir oft vor wie ein Kind. Da weiß sie nicht ein und aus und schiniegl sich an mich wie ein scheues Lamm. In anderen Sachen aber zeigt sie eine Selbstständigkeit wie ein starker Mann. Sie hat jedenfalls voit ihrer Mutter jene Weichheit geerbt, welche man der indischen Frau im Allgemeinen nachsagt, und trotzdem kommt manchmal die außerordentliche Energie ihres Vaters zum Durchbruch. So war sie schon in frühester Jugend. Trotz kannte sie als Kitid nie, und hatte sie einmal einen kindlichen Fehler begangen, so war sie selbst so scheu und ängstlich und machte sich solche Vorwürfe, daß man wirklich Mitleid mit ihr haben und sie trösten mußte, statt sie zu strafen. Und doch hat sie einmal wochenlang getrotzt und mit starrem Eigensinn alle nur erdenkbaren Strafe» lieber ertragen, als ihrer Erzieherin, die sic in die Finger gebissen hatte, um Verzeihung zn bitten. Sie glaubte sich dann im Recht, weil diese sie nach ihrer Ansicht unberechtigt geschlagen hatte."
„Ich schenkte dem kranken Töchterchen eines Tagelöhners mein Vesperbrod, und weil ich dabei, freilich ohne zu fragen, das arme Kind in seiner elenden Stube besucht und es gestreichelt hatte, schlug mich die hartherzige Person."
„Nun,. Sie sehen daraus, Graf Westfeld, ivie in meiner lieben Alice zwei verschiedene Naturen leben. Aber sie Hai eine Eigenschaft, die ich ohne Scheu auch in ihrer Gegenwart eine goldene nennen kann. Sie ist durchaus ehrlich und wahr. Wenn sie Ihnen verspricht, Sie int Falle der Roth zn Hülfe zu rufen, bnmi thut sic es frei von jeder falschen Scheu oder unberechtigtem Hochmuth. Ich fürchte leider, nach dem, was ich heute erfahren, daß wir bald an die Grenze unseres Könnens gelangt sein werden und in nicht ferner Zeit auf Ihre Hülfe angewiesen sind."
(Fortsetzung folgt.)
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