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Mittwoch, 31. März 1913.

Abend-Ausgabe.

Nr. 152. . 63. Jahrgang.

Oer Urreg.

von den östlichen Kriegsschauplätzen.

Die russischen Greuel im Landkreise Memel.

Von unserem zum Ostheer entsandten Kriegsberichterstatter.

SWctncI, 29. März.

Man sucht in Petersburg die Schande des ta - tarischen Raubzuges auf Memel Kreis und Stadt a b- zuschwächen durch die Behauptung, dah die Bevölkerung den russischen Horden Widerstand geleistet hätte. Wie es bei dem friedherzigen Charakter der Bevölkerung von vornher­ein anzunehmen war. ist diese russische Erklärung glatte Er­findung. die uns beweist, daß man sich auch in Petersburg nachträglich der ganzen Ungeheuerlichkeit dieses Unternehmens, das in der Geschichte der Kulturstaaten kaum seinesgleichen hat, bewußt lvird.

Auf einer ausgedehnten Fahrt durch den Landkreis Memel, die mich bis auf russisches Gebiet führte, gewann ich die Überzeugung, daß diese arme Menschen, die im Frieden alle Freunde und Verwandte jenseits der Grenze haben, nicht im entferntesten daran gedacht haben, irgend welche feindliche Handlungen gegen die Bedrücker zu unternehmen. Diest Bauern, Handwerker, Tagelöhner, die mir die Geschichte ihrer Leiden erzählten, waren ruhig geduldige Menschen, aus deren Erzählungen man nur den einen Eindruck gewann, daß unser deutscher amtlicher Bericht von den neuerdings zutage gekom­menen Einzelheiten noch überholt wird.

Auch der Landrat des Kreises Memel Geheimrat Cranz versichert mir, daß leider die eingehenden Berichte eine Zu­nahme von niederträchtigen Einzelheiten, die all eh bisher Glaubliche übertreffen, erkennen lasten. Die Zahlenangaben stehen noch nicht fest, da die weitläufige Anlage der litauischen Dörfer in Einzelgehöften, die in großer Entfernung vonei'.iander stehen, die Untersuchungen sehr erschwert, außerdem die armen betroffenen Frauen be­greiflicherweise mit der Anzeige ihrer Schmach zurückhaltend sind. Besonders tragisch ist der Fall einer Zimmermanns, tochter, die in Gegenwart ihrer Eltern von den russischen Tieren vergewaltigt wurde. Die Mutter nahm sich das Leben (wir berichteten gestern schon über diesen Fall. Schriftl.), und der Vater verübte einen Selbstmordversuch durch Öffnung der Pulsadern. Er befindet sich jetzt im Memeler Krankenhaus. Ähnlich liegt der Fall einer Weichen­stellersfrau, die in Gegenwart ihres Mannes und ihrer zwei Kinder gemißbraucht wurde. Eine andere Frau wurde, als sie eine Eierspeise nicht schnell genug bereiten konnte, erst in den angeblich ungeschickten Arm geschnitten und dann nieder- geschlagen, ebenso wie ihr Mann, der schwer krank war. Diese Fälle sind keine Übertreibungen der geängstigten Bevölke­rung, sondern mit Namen belegbare Tatsachen. Wie un­erhört schändlich das Treiben der Plünderungshorder. war. geht daraus hervor, daß zahlreiche Einwohner den ent­setzlichen Eindrücken geistig nicht standhielten und in erne Nervenheilanstalt übergeführt werden mußten. Man wird eher zu niedrig greifen, wenn man die Zahl der Ge­töteten auf 100 angibt.

In der Stadt Memel ist nichts verbrannt. Die ziel- und planlosen Mordbrennereien und Zerstörungen erstrecken sich aber auf den ganzen Landkreis Memel, der bisher vom Kriege so gut wie unberührt geblieben war, da die ge- ringen Schäden der ersten russischen Einfälle inzwischen mit Energie beseitigt worden waren.

Nur der s: n n l o s c Haß eines sich geschlagen fühlenden Gegners kann diesen Tatarenzng, der mit militärischen Operationen gar nichts gemein hat, er­klären. Die befferen Elemente der Tobolsker Reichswehr und der Libauer Garnison, die hier der russischen Armee unver­wischbare Schande zufügte, baben sich denn auch, wie ein­wandfrei feststebt, dieses Raubzuges geschämt, und Unter­offiziere wie Mannschaften haben erklärt, daß sie nicht gegen Memel hätten marschieren wollen. Ein Unteroffizier hat! z. B. das ganze Stadtviertel am Turnplatz und seine Bewoh­ner vor jeder Belästigung durch die Horden seiner Kameraden beschützt. Als die befreienden und rächenden deutschen Trup­pen nabten, ließ er sich gefangen nehmen, da er zwischen die­sem russischen Gesindel nicht mehr dienen wollte.

Einzelheiten meiner Eindrücke behalte ich weiterem Be­richt vor. Man konnte in den bisher vom Kriege betroffenen Teilen Ostpreußens vielleicht größere tatsächliche Ver­wüstungen feststellen, aber sie waren wenigstens zum Teil durch militärische Operationen bedingt. Hier in Memel, wo der kleinste Vorwand zum Brenuen, Morden, Plündern, Fortschleppen fehlt, wirken die Spuren der un­disziplinierten Banden, die ihren eigenen Offizieren frech und disziplinlos gegenübertraten, doppelt erschütternd.

Die Anwesenheit unserer Flotte hat auf die Be­völkerung beruhigend gewirkt. Die Spuren der schweren Schiffsgeschütze sind entlang der russischen Küste überall zu bemerken. Vorgestern brannten überall am Hürizont die russischen Dörfer, die ber der Verfolgung mit Artillerie be­legt worden waren. Die Furcht vor deutschen Repressa­lien hat weiter bis L i b a n um sich gegriffen, während in Memel allmählich Ruhe cintritt.

Rolf Brandt, Kriegsberichterstatter.

Aus russischen Berichten.

Br. Wien, 31. März. (Eig. Drahtbericht. Ktr. Bln.) Wie aus Petersburg gemeldet wird, schreibt Oberst «chuski in der „Birschewija Wjedomosti": Die Deutschen bieten alles auf, um ihre beiden Hauptaufgaben zu erfüllen, neue Armeen unter die Waffen zu bringen und den günstigen Augenblick zum L o s s ch l a g e n zu benützen. Der militärische Mitarbeiter des „Rjetsch" legt dar, daß die russischen Operatio­nen bei Praschnüsch nur l a n g s a m vor sich gehen, weil einer­seits die klimatischen Verhältnisse ungünstig seien, ande­rerseits die Deutschen große Hartnäckigkeit bekunde­ten. An der Pilica habe eine starke deutsche Offen­sive eingesetzt. An Lomza und Suwalki seien die deutschen Unternehmungen noch nicht beendet. . Vor April Jet an eine Unternehmung g r o tz e n Stils am linken Weichsel­ufer ntcht zu denken.

Ein »eurr russischer Armeeführer.

Pest, 30. März. General Ascheberg erhielt, wie der „Deutschen Tagesztg." aus St. Petersburg gemeldet wird, das Kommando über eine neu formierte ruffische Armee, deren Operationsgebiet nicht genannt wird.

Erhöhung der rusiischen Zölle.

W. T.-B. Stockholm, 30. März. (Nichtamtlich) Das Ministerium des Äußern erhielt die Mitteilung, dah die russi­sche Regierung eine Erhöhung der gegenwärtigen Zollsätze für cingeführte Waren beschlossen habe. Welche Waren vcn der eingetretenen Erhöhung betroffen werden, wird noch nicht mitgeteilt.

Die gefangenen österreichischen Offiziere aus przemqsl in Kietü.

Br. Mailand 30. März. (Eig. Drahtbericht. Ktr. Bln.) Der Berichterstatter des „Corriere della Sera" meldet aus Petersbtirg: Eine Gruppe österreichischer Offiziere aus

Przemysl ist in Kiew eingetrosfen. Sie sind beinahe alle jung und werden wegen ihrer tadellosen Haltung angestaunt. Ihr Äußeres erinnert kaum ait dw-Leiden einer langen Belagerung. General v. K u s m a n e k ist im Palast des Generalstabs untergebracht und hat zwei Zimnter zu ferner Verfügung. Er macht den Eindruck eines hoch- mtelligenten, aber verschlossenen Mannes.

Die Rümpfe am Dnjestr.

Der „Berl. Lokalauz." meldet aus Tschernowitz Die Russen, welche hinter die Dnjestrlinie zurückgetrieben worden sind, haben sich hrnter feftungsmäßig ausge­baute Stützpunkte unwett Zaleszczyki verschanzt. Mit zäher Hartnäckigkeit wird ihnen von den Unserigen Gelände abgerungen. An einigen Stellen haben die flnserigen den Dnjestr überschritten. Um andere Positionen wird noch ge­kämpft. Bei Nowosrelica dauert der Artilleriekampf an. Die Ruffen haben hinter ihrer Grenze starke Ver­teidigungsstellungen errichtet.

Das heftige Ringen in den ttarpathen?

Furchtbare Verluste der Russen.

Br. Wien, 31. März. (Eig. Tracht,bericht. Ktr. Bin.) Die .Kriegsberichterstatter ber -Blätter melden, daß in den Karpathen das heftige Ringen unter furcht­baren Verlusten der Russen andaure. Nament­lich zwischen ber D u k l a s e n k -e und dem U z s o k e r- Patz seien Kämpfe von bisher nicht erreichter Heftigkeit. Die Russen griffen in mehreren Linien an und verschwendeten ihr Menschen- material rücksichtslos. Auch scheiterte der Anprall des Feindes überall an dem undurchdring­lichen Wall ber verbündeten Truppen.

300000 galizische Flüchtlinge in (vesterreich- Ungarn.

Br. Wien, 31. März. (Eig. Drahtbericht. Ktr. Bln.) Nach -einer Statistik halten sich in W i e n 250 000 geflohene Galizier auf, im übrigen Niederösterreich 125 000, in Ober- österreich 22 000, in Steiermark 30 000, in Böhmen 115 000 and in Mähren 35 000. Rechnet man noch die galizischen Flüchtlinge hinzu, die in Ungarn und anderweit zerstreut sind, so ergibt sich die Summe van 500 000.

Bandcnunruhen im Kaukasus.

Kopenhagen, 30. März. (K. Z.) In Grosnij im Kauka­sus griff eine bewaffnete Bande von 50 Bergbewohnern die Postansta-lten an. Als Soldaten ankamen, zogen sie sich in das Bergdorf Sakanurt zurück, tvo sic Verschanzungen errich­teten. Dort wird zwischen den Soldaten und den Bergbewoh­nern heftig gekätnpft.

vom französisch-belgischen Kriegsschauplatz.

Oie französischen Tagesberichte.

W- T.-B- Paris, 31. März. (Nichtamtlich.) Amtlicher Be­richt von nachmittags: Der 29. März verlief auf der ganzen Front ru yi g. Die deuffchett Flugzeuge warfett Bomben auf Reims. Zwei Personen wurden getötet. Ein Geschoß fiel auf den Kreuzgang -der Kathedrale. Das gutgezielte Feiner unserer Artillerie zwang den Feind, das Dorf H e n - dicourt, nordöstlich von St. Mihiel, zu raumen.

W. T.-B. Paris, 31. März. (Nichtamtlich.) Amtlicher Be­richt von gestern abend: Während der Nacht vom 30. März

beschoß der Feind weiter die Brücke von Nieuport erfolg­los. Auch am 30. März setzte die Kanonade auf der ganzen Front zwischen dem Meere -und der A i s n e aus. In der Champagne fand im Gebiet von Perthes, Beau- Sejour und Ville-snr-Tourbe Artillerie- und Nah­kampf statt, in welchem wir die Oberhand gewannen. In den Argonnen dauert der Kampf an einigen Stellen der Front mit Zähigkeit und Heftigkeit fort, ohne ein bemerkenswertes Ergebnis. Gestern fielen in das Fort Donaumont nörd­lich von Verdun einige 21-Zentimeter-Granaten. Unsere Artillerie brachte die deutschem Geschütze sofort zum Schweigen. Das.Fort hat keinen Schaden (?) genommen. Im West- teile' -be§ Priest er Waldes nahmen wir eine Reihe von Schützengräben und machten etwa 100 Gefaitgene, darunter einen Offizier und drei Unteroffiziere. Trotz heftiger Gegen» angriffe behaupteten wir den größten Teil der eroberten Gräben. Westlich von Pont-L-Mausson nahmen wir auf der Straße vom Gasthof St. Pierre nach Regnieville nt der Nacht vom 30. März die deutsche Stellung und wiesen, drei Angriffe ab. Auf dem Kampfplatze am Hartmanns» weilerkopf habein wir 700 tote Deutsche gezählt.

Lin weiterer französischer Bericht von der Westfront.

W. T-B. Paris, 31. März. (Nichtamtlich.) „Tcmps" meldet: Eine Taube überflog am 29. März Castle und warf 6 Bomben ab, die nur Sachschaden anrichteten,. 'Die Taube überflog sodann Hazebrouck und Bailleul. Das Flugzeug wurde heftig beschossen, entkamt jedoch unver­sehrt. Das Dorf Vlamertinghe bei Upern würde am Donnerstag wahrscheinlich von einem deutschen Panzerzug beschossen. Die französischen Verluste und der angerichtete Schaden sind nur gering. Im Gebiet von Nancy zeigen die deutschen Flieger infolge des schönen. Wetters lebhafte Tätigkeit In der Umgebung von Nancy wurden viele Bomben abgeworfen, d« zum größten Teil in weichem Boden krepierten, ohne Schaden zu verursachen. Pont-ü- Mousson wurde wiederum heftig beschossen. Der Sach­schaden scheint beträchtlich zu sein. Personen würden nicht verletzt.

Der Raiser und die Elsäsier.

Aus S t r a ß b u r g, 26. März, wird der „Köln. Volks­zeitung" geschrieben: Mit großer Genugtuung wird hier das Lob vermerkt, welches, wie aus direkten Feldpostbriefen her­vorgeht, mehreren Elsässern, die an der großen blutigen Winterschlacht in der Champagne teilgenommen, aus dem Munde des Obersten Kriegsherrn zuteil geworden ist. So schreibt ein Gardist aus WittiSheim im Kreise Schlettstadt: Bei Perthes stürmten die Franzosen mit großer Übermacht vor. Sie durchbrachen die deutschen Vorpoftenlinien, da kam aber im Sturme unser Garderegiment ihnen entgegen. Zehn­mal griffen die Franzosen wütend an, und elfmal jagten wir sie zurück, über Hügel von Toten und Schwerverwundeten. Als -der Kaiser nachher das Regiment besuchte, war er tief ergriffen. Er fragte itach meiner Heimat und sagte, ich solle r.'u-r so tapfer w-etterkämpfen, und drückte den Wunsch aus, ich möchte wieder glücklich ins schöne Elsaß heimkehren! Auch zwei Kämpfer aus dem Kreise Zabern, aus dem Dörflein Ernolsheim, wurden dort ausgezeichnet. Auch sie fragte der Oberste Kriegsherr in leutseliger Weise nach ihrer Heimat, und als sic mit fester Stimme sagtett: aus Ernolsheim im Kreise Zabern, da ging ein heiteres Lächeln über die ernsten Züge des Kaisers. Er schüttelte ihnen kräftig die Hand. Diese Anerkennung der Elsässer durch den Mund unseres Kaisers ist am besten geeignet, Redensarten über di-e Elsässer ent­gegenzutreten.

Englische Kriegsschiffe von Secbrügge.

Amsterdam, 30. März. (Ktr. Bln.). Der „Telegraaf" be­richtet aus S l u i s : Heute zwischen.10 und 11 Uhr erschienen mehrere englische Kriegsschiffe vor Seebrugge. ES wurde ge­schossen und matt sah die W a s s e r s ä u l e n der explodieren­den Geschosse. Ein Fesselballon hinter Seebrügge schwebte den ganzen Vormittag signalisierettd in der Luft. Flieger kreuzten über Hey st und Knocke.

Die selbstverständliche Ehrlichkeit unserer Soldaten.

In der „Kriegszeitung für das 15. Armeekorps" liest man: Am 21. März 1915 fanden der Unteroffizier Weber und die Musketiere Sck-,neider, Porschke, Froböse und Becker vom In­fanterie-Regiment Nr. 136 im Backofen eines zerschosseneit Gehöfts ein Kapital von 63 000 Frauken in belgischen Schuld­scheinen, anscheinend nach bett Bankabrechnungen dem Besitzer gehörend. Die Leute lieferten das Geld sofort ab, und der Besitzer kann sich bei unseren deutschen Feldgraueti bedanken, wenn er nach dem Friedensschluß wieder zu seinem Eigentum kommt.

Umfangreiche Unterschlagungen in Frankreich.

W- T.-B. Paris, 30. März. (Nichtamtlich.) Wie „Matin" meldet, wurden bei Haussuchungen, die in Chatillon- sur-Seine bei Kaufleutcn vorgenommen wurden, be­trächtliche Mengen militärischer Lebensmittel ge­sunden,. Zahlreiche Soldaten wurden verhaftet.

Mangel au landwirtschaftlichen Arbeitern in Frankreich.

\Y. T.-B. Paris. 30. März. (Nichtamtlich.) „Petit Journal" schreibt: Nach den dem Ackerbaumimsßerium vor­liegenden Berichten kann ntan hoffen, daß > die Frühjahrs­arbeiten für die Ernte unter verhältnisniäßig gutett Be­dingungen fortschreiten. Es herrscht jedoch großer Mangel an

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