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\ Der Roman, t

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i- —-*\ Morgen-Beilage des Wiesbadener Tagblalts. i» ■■ ■■--=■)

Nr 75.

Dienstag. 30. Mörz.

(5. Fortsetzung.)

Das adlige Ae'rhaus. m«*™* *****

Roman von Albert Peterfrn.

Der ölte Herr Lorenz Woldsen Wilmfen lag jetzt nach des Lebens Kangrs und Lust im Erbbegräbnis unter den alten Linden des Gradbyer Kirchhofs. Vom Meere wurde jetzt in jedent Herbst der salzige Seewind fegen, das Kreischen der Mötven, das ängstliche Schreien wandernder Wildgänse zu ihm herabdringen, am Sommer die Rosen auf seinem Grab prangen, rrnd seine Kinder und die Eirkelin würden ihm Erikak ranze auf den Hügel legen. . .

Die Gardbyer, welche dem Begrabnas mit dem großen Gefolge zugesohen hatten, kehrten in ihre Wohnungen zurück, sagten: „So, amn ist er dahin , rieben sich die iraschalten Hände vor dena Torffeuer und freuten sich trotz des täglichen Gezeters über das „Jammerdasein", das; sie noch auf Gottes schöner Erde tvaiodeln durften. Die Männer stellten den Zylmder- hut wieder in den Schrank und kehrten an ihre Arbeit

zurück. t

In, Freihaus waren die trauernden Verwandten und Freunde des Bestatteten beim üblichen Leichen- schmaus.

Vetter Friedrich Klasen wischte sich die letzte Träne aus dcit schmalen Augenfalten und konstatierte noch ein. null: „Er lvar doch ein gilter, lieber Kerl, mein Onkel Lorenz Waldsen", und widmete sich dann mit Andacht dem gereichten Wein.

Tante Lisbeth seufzte elegisch, daß sie nun auch an die große Reise in den Himmel denken müßte. Herr SÜilmsen lächelte allerdings, sie würde nach dem Willen deS Verstorbenen bis Lahm ja einfttveilen gemütlich im Freihams« residieren, und der behäbige Bürgermeister, ein Schalk, meinte gutmütig spotteich: „Es ist kein

Wunder, daß Demoiselle sich nach dem Himmel sehnt, denn man sagt ja, daß dort Ehen geschlossen werden."

Die alte Jungfrau machte ein süßsaures Geisicht. Die Worte des Stadtoberhaupts ärgerten sie, doch der Ge- bartli, daß ihr Vetter Lorenz ihr bis ans Lebensende das Freihaus zur Wohnung bestimmt hatte, tat ihr wohl. Bisher hatte sie sich immer gefühlt, als sei sie in diesem Hause nur eine Angestellte. Und wenn Herr Wilmsen ihr auch nie ein Wort darüber gesagt hätte, hatte sie nie gewagt, irgend etwas Wichtiges selbständig anzuordnen.

Jetzt aber war sie doch Herrin haer, konnte schalten und walten, wie sie wollte. Und sie wollte es. Eigent­lich waren all die Versammelten hier ja schon ihre Gaste. Und unwillkürlich trug Denaoiselle Lisbeth ihren Kaps höher als früher, und ihre hagere Gestalt reckte sich und saß kerzengerade in dem Armstuhl am Ende des Tisches, in welchem sonst der alte Herr ge- festen.

Vetter Friedrich Klasen, der es für seine Pflicht tzegen sich selbst zu halten schien, möglichst schnell und gründlich seiner traurigen Stimmung Herr zu werden, trank wieder aus und schenkte sich wieder ein, dann klopfte er an sein Glas und ließ eine feiner gefürchteten Toaste von; Stapel: „Meine liebe Gemernde, unser

jetzt auch schon gestorbener Dichter Goethe sagt, wie ich früher einmal im Vosjischen Mrisenalnraimch gelesen habe, das Alte stürzt und neues Leben blüht aus den Ruinen —"

„Schiller", unterbrach eine der Damen wichtig.

„Arrs den Ruinen", fuhr Vetter Friedrich Klasen unbeirrt mit verächtlichem Seitenblick auf die Vorlaute fort, „meine liebe Gemeinde, es gibt aber, wie man am Rheine sehen kann, Ruiiren, welche doch noch recht zähe sind. Und so hoffe ich, daß auch unsere Tante Lisbeth iroch recht lange inr Freihause wohnen nröchte. Darauf wollen wir unser Glas leeren"

Die alte Dame bemerkte aus einigen Gesichtern ein recht boshaftes Lächeln, sie sank ein wenig ht sich zu­sammen vor geheimem Arger, aber als man sich unr sie drängte, um mit ihr anzustoßen, dankte sie doch mit gezwungener Freundlichkeit.

Der Bürgermeister aber zupfte den Redner ver­stohlen am Ar-nrel und flüsterte: „Das war fein. Nun aber noch einen Toast auf Doktor KaMsen."

Und Friedrich Klasen stärkte sich zu neuen Daten. Doch während er nachsann, wer der Dichter jenes Liedes sein naochte, in welchen! der Arzt dem Freund Hein die Hälfte seiner Kranken verspricht, legte sich eine schwere Hand auf seine Schulter, sein Vetter beugte sich zu ihm nieder und flüsterte: ,L)itte, keine Toaste mehr, lieber Friedrich, wir feiern doch ein stilles, trauriges Fest."

So kam der Bürgernaeister um seinen Spaß, und Dr. Kallisen konnte nach reichem Mahle und guten» Trunk ungeärgert nach Hause gehen.

In der „großen Straße", von welcher man schnur­stracks zum Marktplatz und zur Kirche sehen und gehen konnte, lag der .Königlich dänischen Post" gegenüber das „Hotel zum Weltmeer", über der breiten Straßen- tür hing das sorgfältig geschnitzte Modell einer alten Hamburger Kogge mit hohen Schiffswändeu und ragenden Masten.

Zu den Seiten der Vordiele befanden sich bas Gast» und Honoratiorenziminer, inr zweiten Stock lagen die Fremdonstuben. Nach hinten hinaus führte eine weiß- gestrichene Doppeltür zum Saal.

Stadt Gardby war sehr stolz auf diesen Saal. Die Lateinschule veranstaltete hier an jedem Winter «inen „Dichtertag", an welchem ein Lehrer einen Vortrag über einen Held der Feder hielt und einige Schüler aus den Werken dieses Dichters deklamierten. Eltern, Ver­wandte und „Freitischgeber" der Schüler wurden zu diesen Veranstaltungen eingeladen, lernten -nicht mar, daß Schiller „auch ein deutscher Dichter" gewesen, son­dern hörten sogar von Lord Byron, von dem damals gerade die Richardfche Übersetzung erschienen war. Der Rektor und Prorektor hielten es zwar für Entwesihung dieses Musentempels, daß zum Pfingst- uaab Michcrek- kvammarkt hier die Fiedel den Geeftbauerjungen und Halligleuten zum Tanz aufspielte. Aber da der Hotel-