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«eite 1 ._ Morgen-Ausgabe. Erstes Blatt. _ Wiesbadener Tagblair.

yonnrne Unternehmen so weit durchzuführen, daß zum Herbst dieses Jahres das Alters- nmL> Invalidercheim zunächst mit einem Bestand von 50 Invaliden eröffnet werden kann. Da aber eine Erweiterung der Gebäude für im ganzen hundert Insassen und ferner eine Rendengewähvung für außerhalb lohnende Invalide» ins Auge gefaßt ist, so sind noch weitere Beiträge für die Anstalt, deren Eröffnung gerade zur rechten Zeit erfolgen kann, erwünscht. Neben diesem großzügigen Unternehmen treten die sonstigen Wohlfahrtseinrichtungen des Mottenvereins bescheiden zurück, zumal da die Mittel immer mehr zufammenschmelzen. Hoffen wir, daß der Verein seine bisher so erfolgreiche Arbeit für eine starke Seemacht und da­mit zum Heile des Vaterlandes auch im neuen Jahre fort­setzen möge.

* Di« Reichskriegsanleihc und die Kriegervereine. Bei der Lebensversicherungsanstalt und Sterbekasse des Deutschen Kriegcrbundes, die als Zeichnungsstelle der neuen Reichs- kriegsanleihe für die im Deutschen Kriegerbunde vereinigten Kriegervereine getoirkl hat, sind im ganzen 2,7 Millio­nen Mark (gegen 1,5 Millionen bei der ersten Anleihe) ge­zeichnet worden. Der Deutsche Kriegerbund sowie der Preußische Landes-Kriegerverband und deren Stiftungen haben sich hieran wie bei der ersten Anleihe wieder mit 400 000 M. beteikigt. Besonders erfreulich ist die Tatsache, daß auch eine große Zahl im Felde stehender BundeSange- horiger von der Zeichnungsmöglichkeit Gebrauch gemacht hat.

Die BiSmarckfeier der Münchener Bürgerschaft. IV. T.-B. München, 29- März. (Nichtamtlich) Bei der Bismarckfeier, die die Münchener Bürgerschaft am Samstag im Löwen­bräukeller veranstaltete, sind an Kaiser Wilhelm und König Ludwig. Huldigungstelegramme abgesandt worden, worauf nunmehr folgende Danktelegramme eingelaufen sind:Großes Hauptquartier. Ich habe mich über das fteundliche Gedenken der Münchener Bürgerschaft anläß­lich der Feier der 100. Wiederkehr des Geburtstags des großen Kanzlers gefreut und danke herzlich für den Ausdruck des Vertrauens zu den siegreichen deutschen Waffen im Kampfe für Ehre und Existenz des Vaterlandes. W i l h el tn."Der girr Feier des 100. Geburtstages des Fürsten Otto v. Bismarck versammelten Münchener Bürgerschaft sage ich herzlichen Dank für die treu empfundenen Worte der Begrüßung. Uns alle bewegt an diesem Tage der Erinnerung nur ein Gedanke: Mir wollen das E r b e, das der große Staatsmann uns hinter- ,lasten hat, treu bewahren, wir wollen durchhalten dis zum Siege, der der deutschen Ration auch für die Zu- 1u«rft ihre Größe und dauernden Fri^en sichert. Ludwig."

* Zum Jesuitengefetz bemerkt, anknüpfend an einen Artikel von Dr. I. Bachem imTag", die freisinnigeVoff. Ztg.". die früher der Aufhebung dieses Gesetzes widerstrebte: ®ie Zahl derer, di« der Beseitigung des letzten Restes zustim- Mend oder gleichgültig gegenüberstanden, wuchs immer mehr, wie sich insbesondere in der Reichstagssitzung vom 4. Dezem­ber 1812 zeigte. Es kann daher nicht wundernehmen, daß sich auch jetzt in der verstärkten Budgetkommission eine er­hebliche Mehrheit für die Aufhebung des Gesetzes fand, wäh­rend di« bisherige Minderheit auf die Fortsetzung ihres Widerstandes verzichtete. Der Gesehestorso, der noch übrig ist, hat fnherlich weder für Freunde noch für Gegner eine solche Bedeutung, daß er verdiente, in einer Zeit umstritten zu werden, wo das deutsche Volk in geschloffener Einheit einer Walt von Feinden gegenübersteht. Ob die Aufhebung des Jesreitengesetzes sofort erfolgt, ob fie hinausgefchoben wird, bis gleichzeitig andere ausnahmerechtliche Bestimmungen in den Orkus wandern, niemand wird sich darüber aufregen, niemand wird insbesondere die Urheber des Antrages mit der Vermutung verletzen, als wollten sie dre Not des VateÄandeS zu einer Nötigung mißbrauchen oder für eine Haltung, die die Pflicht gebietet, einen Lohn beanspruchen. Von alled«« kann keine Rede sein.

8. H. Die erste Schule für einarmige Kriegsteilnehmer in Deutschland ist in Heidelberg eröffnet worden. Sie ist für ehemalige Angehörige des 14. Armeekorps bestimmt und hat ihre Tätigkeit mit 35 Teilnehmern begonnen, die sich auf 31 frühere Berufe verteilen. Nachdem zunächst in Österreich- Ungarn Graf Zichh theoretisch und praktisch nachgewiesen h«»t, daß das Los der einarmigen Krieger sehr wohl durch eine geeignete Unterweisung so erleichtert werden kann, daß st«

wieder frischen Lebensmut schöpfen, haben ähnliche Bestie- bungen in Deutschland eingesetzt, die sich schon nach kurzer Zeit zu der Errichtung der Schule verdichteten. Es ist beab­sichtigt, die Teilnehmer an dem Werkstattunterricht der Ge­werbeschule teilnehmen zu lassen, um handwerkliche Fähig­keiten zu übe». Als Unterrichtsfächer sind vorgesehen. Schönschreiben, Maschinenschreiben, Buchführung, Zeichnen, ja sogar Stenographie. Die bisherigen Erfolge zeigen, daß es möglich ist, Leuten, die den rechten Arm verloren haben, in einigen Tagen die Fähigkeit beiznbringen, einigermaßen wenigstens mit der linken Hand zu schreiben. Die Leitung der Schule hat Privatdozent Dr. Freiherr v. Künßberg von dort übernommen, der zuvor die entsprechenden Ein- richtnngen einer Einarmigenschule in Wien studiert hat. Da man damit rechnen muß, daß die Zahl der Teilnehmer im Wachsen begriffen sein wird, ist eine Erweiterung der Schule schon jetzt in Aussicht genommen.

* Eine Bekanntmachung der bayerischen Ministerien über die Ausübung von Nebenämtern oder Nebengeschäften durch Beamte. In Meisen selbständiger Sachverständiger hat der folgende, bislang noch wenig bekannte Erlaß der bayerischen Staatsministerien vom 12. Oktober v. I. lebhafte Befriedigung hervorgerufen: Durch die allgemeine Stockung des Wirtschaftslebens, die der Krieg im Gefolge hat, werden alle erwerbstätigen Schichten der Bevölkerung schwer getroffen. Die Rücksicht auf das allgemeine Wohl macht es in einer Zeit den Beamten des Staates, deren Existenz durch die staatliche Anstellung gesichert ist, zur Pflicht, sich aller Nebenbeschäftigung zu ent­halten, durch die berufsmäßige Gewerbetreibende in ihrem Erwerb geschmälert werden können. Die Erlaubnis zum Be­trieb eines Gewerbes oder zu einer Nebenbeschäftigung, mit der eine Entlohnung verbunden ist, darf daher bis auf wei­teres nur noch ausnahmsweise und dann erteilt werden, wenn eine Benachteiligung fteier Gewerbetreibender und freier Erwerbstätiger ausgeschlossen ist. In den Fällen, >n denen eine solche Erlaubnis schon erteilt ist, soll geprüft werden, ob die Rücksicht auf die erwerbstätigen Stande nicht die Zurücknahme der Erlaubnis notwendig oder wünschenswert macht. Die Beobachtung dieser Bestimmungen ist sorgfältig zu überwachen." Wie bekannt, hat eine größt Anzahl verschiedener Berufsstände, wie Architekten, Inge­nieure, Landmesser, Chemiker, darunter besonders der Bund unabhängiger selbständiger deutscher Analytiker mit dem Sitz in Wiesbaden, zur Abwehr und Verteidigung ihrer Arbeits­gebiete wiederholt in Eingaben an die maßgebenden Behör. den Preußens und des Reiches auf die überhandnehmende Konkurrenztätigkeit durch Beamte, Behörden und öffentliche Einrichtungen hingewiefen und drin­gend um Abstellung dieses Übelstandes ersucht, durch den zahlreiche Gewerbetreibende in ihrer Erwerbstätigkeit empfindlich geschädigt werden. Es ist erfreulich. daß der zweitgrößte Staat Deuffchlands jetzt hierzu den Anstoß ge- geben hat. Wenngleich die Bekanntmachung der bayerischen Ministerien erst infolge der durch den Krieg hervorgerufenen Notlage erfolgt ist, so ist doch wohl zu erwarten, daß fie auch nach Beendigung des Krieges rechtskräftig bleiben wird, und daß andere Staaten sich diesem Vorgehen anschließen werden. Im Anschluß daran dürfte dann auch über kurz oder lang die reichsgesetzliche Regelung einer Reihe von Wirtschaft- lichen Fragen, die besonders dringend von verschiedenen Interessenten verlangt wird, erfolgen. Ein gleicher Erlaß der preußischen Ministerien wird angestrebt und aller Voraussetzung nach mit Erfolg.

* Bier-reiSerh»hung in Berlin. W. T.-B. Berlin, 29. März. Infolge einer Vereinbarung zwischen dem Verein der Brauereien Berlins und den Vorständen der Berliner Gastwirtevereine ist eine mit Wirkung vom 1. AprA d. I. in Kraft tr-tende Preiserhöhung von 5 M. für das Hektoliterfaß unid Flaschenbier beschlossen worden. Damit beträgt die PreiSerhöhüng gegenüber anfangs Februar 7 M. für den Hektoliter.

* Die ZeitschriftDokumente deS Fortschritts", heraus- gegeben vom Institut für internationalen Austausch fort­schrittlicher Erfahrungen durch Professor Broda, erscheint vom Jahrgana ISIS ab nicht mehr im Vertag von G»rg Reimer rn Berlin., Der SerauSgeber ist bei Ausbruch. des Krieges als österreichischer Staatsangehöriger aus Frankreich ausge- wiefen worden, hat feinen Wohnsitz in Lausanne genommen

Dorf, nachdem wir die Skerhaue zerstört haben. Da hörte inan vorne rechts Maschinengewehrfeuer, immer weiter ging es vorwärts, und da merkten wir erst, daß unsere Mörser­batterie auf unsere eigenen Maschinengewehre schoß. Der Feind hatte das Feuer anscheinend ganz eingestellt. Jetzt be­kamen wir auch von rückwärts Artilleriefeuer. Es war unser eigenes. Ich zog mich mit meinen Leute links heraus, da schrie mich der Stabshauptmann Dementjew an. In dem­selben Augenblick fiel auch in seiiwr Nähe eine Granate, und ßr kam mit all seinen Leuten zu mir. Es wurde wieder star­kes Gewehrfener hörbar. D«e Kugeln pfiffen an uns vorbei. Hier bedeckten sehr viele den Boden, die meisten waren tot «der schwer verwundet, fie stöhnten und baten um Hilfe. Aber wie helfen? ES lagen ja deren so viele. Man konnte diese Wiese die Wiese des Todes nennen. Ich sah einen Mann mit zerschmettertem Arm, das Mut floß in Strömen, ich rief ihm zu:Halten Sie den Arm hoch!" Er stöhnte:Ich

kann nicht." Ich konnte nicht helfen, meine Leute gingen vor und ich mnßte mit. Am nächsten Dorfe sehe ich, da liegt ein ve rwun deter deutscher Offizier, mit der einen Hand hält er die Wunde, mit der anderen sucht er etwas in der Tasche, sehe aber, daß er keinen Revolver hat. Der deutsche Offizier, der in mir einen Offizier erkannte, stöhnte leise und bat um Hilfe.

Dabei ging aber der Gegner fluchtartig zurück. So rückten wir vor bis zum Dorf Werdeln und steckten es an Wir gruben uns dann in der Nähe ein und blieben in den Schützengräben. Dann wurden die Leute meiner Kompagnie beerdigt. Ein langes großes Loch, da wurden sie alle hinein- gelegt. Anffällig ist eS, daß fast alle Toten die Hand an der Stirne halten. Ob es von starken Schmerzen herrührt oder di« Leute sich noch im TodeSkampf bekreuzigen? Der Arzt fasste min das entstünde durch den letzte« TodeSgedanken des Menschen.

ES war ein schreckliches Bild. Ich dachte mir, wenn d« Angehörigen dieser Gefallenen jetzt hier wären und das sehen könnten, dann könnten sie wohl mit ihren Tränen dieses so wenig tiefe Loch mrt den Toten füllen, und das Herz könnte zerreißen vom Weinen der Angehörigen dieser vielen Toten. Jetzt weint keiner um fie. Mit ernsten Gesichtern auf Be- fehl des Vorgesetzten werden fie nebeneinander von ihren Kameraden gelegt Der Kommandeur und der Geistliche ssehau von «nem Grab zu dem ander«.

Ich wende mein Pferd und reite zur Stellung zurück, ich bewundere die schöne deutsche Natur. Wie schön ist nur die Welt! Aber warum schlachten sich die Leute so sinnlos gegen­seitig ab? So roh, so gemein! Diese schöne Natur Gottes so zu entheiligen! Ich bin nicht um mein Leben besorgt. Ich ergebe mich in mein Schicksal. Ich würde mich aber doch fteuen, wenn ich mit dem Leben davvnkäme. Ins Gefecht muß man mit dem Gedanken gehen, daß man fallen wird Das Günstigste ist noch, man wird verwundet. Alles ist Zu­fall und Schicksal.

Wir waren 107 Kilometer marschiert, und man sagte, wir hätten schon ganz Ostpreußen im Besitz. Die Bahn ging bis Insterburg, dort hatten wir Lazarette und Bäckereien eingerichtet.

In einem Waide machten wir Halt. Außer unserem Regiment war noch hier das Regiment 97. Vorposten wurden am ganzen Waldrand aufgestellt. ES war sehr wenig schön wir hatten hier weder Fleisch noch Wasser, auch taftisch fand ich diese Stelle durchaus nnrichtig. Wir waren zu weit vorne, rechts von uns und hinter ans standen die Deutschen. Rechts von uns war Tapiau, links davon mit der Front nach Norden die 26. Division, links von uns nach rückwärts gestaffelt die 27. Division.

In dieser Stellung blieben wir eine Woche, dann gingen wir in eine Stellung an der Me, wo es zur Schlacht kam. Fünf Tage vor der Schlacht waren wir dort eingetroffen. In der Nähe lag das Gut Groß-Plauen, das einem deutschen Offizier gehörte. Der deutsche Offizier hatte seine ganze Dienerschaft zurückgelassen. Wir kamen naß und müde dort an und bekamen sofort ein Frühstück. Ich war so müde, daß ich gar nichts essen wollte und ging gleich schlafen.

Abends wurde wieder gegessen. Die Einrichtung war sehr schön. Alles alte antike Sachen. Die Haushälterin, eine Frau von 28 Jahren, bediente uns. Man sah es ihr an, daß sie irgend einen Kummer hatte, aber trotzdem lachte sie, um nur tapfer zu erscheinen. Die andere, es war die Gonver- nante, war rothaarig, sie gefiel mir mehr. Es sah auch so aus, als ob sic immer lächelte. Ich bewunderte sie immerzu.

Außer diesen beiden war noch ein schwarzhaariges Mäd­chen von siebzehn Jahren da, was sie war, weiß ich nicht, ,ch sah fie nur zweimal.

Ich kann mir die Angst dieser drei Frauen denken, be- sonders wo wir so viele waren und doch jetzt im Kriege Macht uafe nicht Recht herrscht. Wir waren zehn Offnere und

Dienstag, 30. März 191fr.Nr. 149«

und läßt dieDokumente des Fortschritts" fortab als Mertel» jahrsschrift im Verlage von Max Drechsel in Bern erscheinen.

Heer unv Flotte.

Aufnahme deuffcher Offiziere in österreichisch-ungarische» Knrhäusern. Das kaiserliche und königliche Kriegsmimste» riuni hat die stellvertretenden Korpskommandos ange­wiesen, daß Gesuchen deuffcher Offiziere ebenso wie denen österreichisch-ungarischer Offiziere um Aufnahme in die Offizierkurhäuscr der k. k. Gesellschaft vom weißen Kreuz enffprochen werden soll. Außer diesen Militärkur­häusern ist noch eine große Anzahl von Freiplätzen und ermäßigten Kurplätzen vorhanden, die von Privatleute» und anderen Stiftern zur Verfügung gestellt sind. Die Plätze ver­teilen sich über alle österreichischen und ungarischen Kur- und Badeorte und werden gleichfalls gern deuffchen Offi­zieren zugänglich gemacht werden. Nähere Auskünfte über irre Kurorte und die dort zu vergebenden Plätze, Frei- und halben Freiplätze erteilt an jedermann bereitwillig Herr Major Karl Ertl, Leiter der Zentralausknnftsstelle der k. k. Gesellschaft vom weißen Kreuz in Wien, 1, Bräunerstratze 3.

post und Eisenbahn.

Die Zahl der Feldvostbcamten. Nach amklicher Angabe beträgt die Zahl der Feldpostbeamten, die im Felde beschäftigt werden, zurzeit rund 3500. Zur Beförderung stehen neben zahlreichen Feldpostwagen mit Pferden 550 Kraftwagen zur Verfügung. Nach Belgien und Nordfrankreich gehen täg­lich 40 Bahnpost- und Eisenbahnwagen mit Feldpost ab. Die Zahl der in der Heimat aufgegebenen Feldposffsridunzen be- trägt täglich etwa 6 Millionen. In Belgien sind rund 90 deutsche Postämter in Tätigkeit.

kjypotyeken, Pensionen und UurgSste/1

Don Dr. Q.

I.

Wiesbaden hat eine eigenartige Entwicklung durch­gemacht, wie wohl keiner unserer Bäder- und Kurorte. Ursprünglich nur Badeort und Residenz eines kleinen deuffchen Fürstentums, entwickelte es sich dank der Eigenschaften seiner Heilquellen langsam, aber gleichmäßig weiter. Daß der Umstand, eineResidenz" zu sein, dabei nicht hinderlich, aber auch kaum wesentlich förderlich war, bedarf auf Grund der hfftorischen Tatsache keiner Begründung. Nach 66 und der Aufhebung der Spielbank war Wiesbaden allein auf seine» Charakter als Kurort angewiesen, es ist genügend bekannt, daß es auf dieser Basis einen großen, stetig fortschreitenden Aufschwung genommen hat. Allerdings bis zu einer gewissen Grenze!

Durch die Reklamen der Kurverwaltung, die von jährlich 100000, 110000 mild mehr Kurfremden zu berichten wußten, wurde außerhalb Wiesbadens die Entwicklungsfähigkeit des­selben überschätzt. Umgekehrt scheinen diePatienten", die Kurgäste", durch diese hohen Zahlen, die ihnen Schreckensbilder bezüglich ihres Unterkommens, der Preise ustv., Hervorrufen mußten, eher etwas abgeschreckt worden zu sein. Und auf deren Heranziehung hatte es doch zweifellos die Kurverwaltung ab- gesehen! Des weiteren hatte aber diese Hervorhebung einer scheinbar enormen und fast unbegrenzten Kurfvequenz, die kaum anders als einerage des tfombres" (wie man vor dem Kriege gesagt haben würde) zu charakterisiere« ist, die viel­leicht völlig unbeabsichtigte Folge, daß sich viele, zu viel« meist mit unzureichenden Mitteln in Wiesbaden nieder­liehen, um den anscheinend so vielen, immer mehr und in grö­ßerer Menge kommendenKurgästen" eine Unterkunft zu bieten. Wie an vielen Tatsachen nachgewiesen ist, machten diese Pensionen, Hotels usw. sich nicht klar, daß die G e sam t- zahl der sogenanntenKnrfremden" durchaus noch nicht Kurgäste, Erholungsbedürftige oder gar Patienten seien! AS kam hinzu, daß während der Maifestspiele in alle Welt hinauS- posaunt wurde, wie enorm überfüllt Wiesbaden von Fr e m de n

*) Wir können den Ausführungen der Verfassers zwar nicht in allen Stücken zuftnnmen. sie enthalten «Ser doch so viel Beachtenswertes daß wir sie unseren Lesern nicht tot» enthalten wollen Die Schriftl.

wohnten alle an eineui Ende des Hauses. Bei Tisch wurde dann mit diesen Mädchen gesprochen. Es fielen auch Witze. Besonders ftei benahm sich der dicke Hauptmann A. Ihm ge­fiel die Rothaarige. Die armen drei Frauen taten mir leid. Dieser alte Wüstling!

Ich kann sagen, daß der Oberleutnant und wir vre» junge Leutnants uns in jeder Weise vornehm benommen haben. Wir waren sogar zurückhaltend, wie e« sich auch für einen anständigen russischen Offizier geziemt. Besonders, da wir die Eroberer waren und sie die Besiegten. Und all­mählich hatten diese Frauen auch Vertrauen zu uns. Sie ftagten mich auch manchmal um Rat. So lebten wir eine Woche sehr gut, aßen gut und schliefen in sauberen Bette» Besonders viel der Oberstleutnant S . . ., weshalb wir ihn den Kommandeur mit dem großen Appettt nannten.

Da, eines Abends, als wir gemütlich zusammensaßen, kam der Leutnant Profwszki herein mit fünf verwundeten Leuten und teilte mit, dag die Deuffchen uns angriffen. Also morgen wieder Gefecht! Ich ging gleich in die Schützengräben zu meinen Leuten schlafen.

Am Morgen früh begann lebhaftes Gewehrfeuer. Es war starker Nebel. Ich befahl den Leuten, Deckung zu nehmen und sah durch das Fernglas. Da erkannte ich einen deuffchen Ulanen und gab einen Schuß ab. Er verschwand. Ob er ge­fallen war? Das wäre dann der erste Mensch, den ich getötet habe... Da fiel auch die erste deutsche Granate gleich hin­ter uns. Wir gaben eine Salve ab, und es begann der bln- tige Tag. Es setzte heftiger Artilleriekampf ein. Eine schwer Batterie stand auf 700 Meter hinter uns. So ginge» die deutschen und russischen Granaten über unsere Köpfe hin­weg. Schließlich gewöhnt man sich an diese Geschosse, und ich übergab die Führung einem anderen und las die Zeitung. Allmählich fingen die Geschosse an, in unserer Nähe einzu- schlagen. Einen furchtbaren moralischen Eindruck macht di« schwere deutsche Artillerie. Es scheint, als ob alles in tausend Fetzen zerriffen wurde. Die Erde zittert, und in der Lust fliegen tausend Splitter. So lag ich 14 Stunden im Feuer.

Sc lebt man dahin, jeden Augenblick kann der Tod ein- treten, vor und hinter uns schlagen die Geschosse ein. Dieses Gefühl und diese Ungetoißheit machen einem allmählich ver­rückt. Wie sehnt man sich nach dem Sonnenuntergang, noch der Dunkelheit!

Ich bin müde und so znsammengesunken. ich kann nicht mehr schreiben.... Tschun-Tschul.