Verlag Langgaffe 21
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Dienstag, 30. März 1915.
Oer Urieg.
ver österreichisch - ungarische Tagesbericht. Scheitern ruffischer Nachtangriffe.
W.T.-B. Wien, 29. März. (Nichtamtlich.) Amtlich wird verlautbart vom 29. März, mittags: Die Kämpfe in den Karpathen dauern fort. Ein gestern durch- gcfiihrter russischer Angriff aus die Höhe westlich Banyavölgy wurde nach mehrstündigem Kampfe unter großen Verlusten für den Feinds zurückgeschlagen. Die Regimenter der 4. Kavallerietruppendivision haben sich wie in den vergangenen Gefechten die Truppen der ersten Landsturm-Jnfanteriebrigade hervorragend geschlagen. Wiederholte überlegene feindliche Vorstöße wurden von ihnen blutig a b gewiesen. Nördlich des U z s o k e r p a s s e s scheiterten Nachtangriffe der Russen im wirksamsten Feuer unserer Stellung.
An der Front in S ü d o st g a l i z i e n Geschütz- kämpse. Russische Kräfte, die östlich Zalszeczyki über den D n j e st r verstießen, wurden nach heftigen Kämpfen über den Fluß zurückgeworfen. I«
R u s s i s ch - P o l en und Wcstga! izien stellenweise Geschützkämpfe. Ein russischer Nachtangriff an der L o s c z i n a in Polen scheiterte vollkommen.
Der Stellvertreter des Chefs des Gcneralstabs: v. H ö f e r, Feldmarschalleutnant.
Ehrenvolle Behandlung der Besatzung von przemqsl.
12V VW Mann russische Verluste vor der Festung.
Br. Mailand, 29. Mürz. (Eig. Drahtbericht. Ktr. Bln.) Der Vertreter der „Sera" telegraphiert, daß der russische Generalissimus Befehl gegeben habe, zur besonders ehrenvollen Behandlung der Besatzung von Przemhsl. Tie Offiziere sollen nicht in die östlichen Gouvernements abgeschoben, sondern in Mittelrußland untergebracht und ihnen auch Vergünstigungen in weitgehendem Maße bewilligt werden. Laut ..Sera" schätzt man die Verluste der Russen vor Przemhsl eiuschlietzlich der letzten Belagerung auf drei Armeekorps oder 120000 Mann.
Eine LoqalrtäLslrundgebung der Prager Kdvokatenkammer.
W.T.-B. Prag, 29. März. (Nichtamtlich.) Bei der ersten Zusammenkunft der tschechischen Advokaten- kammer während der Kriegszeit hielt deren Präsident, der jungtschechische Reichsratabgeordnete Dr. K ö r n e r, eine Ansprache, in der er der Armee, die durch den Krieg eine wahre Volksarmee geworden sei, seinen dankbaren Gruß entbot. Er erklärte: Wir sind uns unserer Pflicht gegen das Reich, in dem wir eine Schutzwehr unserer gesellschaftlichen und Bildungs- Güter erblicken, voll bewußt. Unser Reich trotzt 8 Monate schon mit seiner gewaltigen Wehrmacht, mit seiner wirtschaftlichen Kraft siegreich dem mächtigen Truck seiner gewaltigen Gegner. Wir sind auch weiterhin zu allen Opfern bereit. Der Redner schloß mit einer begeisterten. Kundgebung für den Kaiser, dieses lebendige Sinnbild der Einheit der Völker Österreichs._
Vom französisch-belgischen Kriegsschauplatz.
Oie Gpfer des Fliegerangriffs auf Strahburg.
Sr. Karlsruhe, 29. März. (Eig. Drahtbericht. Ktr. Bln.) Infolge Verletzung durch Bombensplitter bei dem Straßburger Fliegerangriff starben die 1 (/(.jährige und die 15jährige Tochter des Postschaffners Lange. Zwei weitere Kinder der Witwe Weste liegen bedenklich danieder, fünf andere getroffene Kinder befinden sich auf dem Wege der Besserung. Kein französisches Einfuhrverbot für Schweizer Zeitungen.
W. T.-B. Bern, 29. Mürz. (Nichtamtlich.) Wie die Schweizer Depeschen-Agentur von zuständiger Seite erfährt, erließ Frankreich kein Einfuhrverbot für Schweizer Zeitungen, sondern erteilte den Grenzbehörden nur die Weisung, daß die Schweizer Zeitungen nicht am Tage ihres Erscheinens, sondern erst am darauffolgenden Tage hereingelassen werden. Infolgedessen wurde gestern die Sonntagsnummer der Genfer Blätter nicht durchgelasscn. Der Grund zu der Maßnahme der französischen Behörde ist den Schweizer amtlichen Stellen noch unbekannt.
Ein aufsehenerregender belgischer Artikel über die Kriegslage.
Br. Brüssel, 29. März. (Eig. Drahtbericht. Ktr. Bln.) Das in London erscheinende, halbamtliche belgische Regierungsblatt „La Metropole" veröffentlicht einen von Havre inspirierten, aufsehenerregenden Artikel über die gegenwärtige Kriegslage. Der Artikel ist zunächst im Gegensatz zu der bisherigen Siegeszuversicht recht pessimistisch und läßt die Besorgnis durchblicken, daß der Krieg schließlich doch anders enden könnte, als die Dreiverbandsmächte bis-
Morgen - Ausgabe.
her geglaubt haben. Angesichts eines immerhin mög lichen deutschen E n d s i eg e s warnt die »Metro pole", die im Namen der Regierungen in Havre, Paris und London zu schreiben angibt, vor jeder werteren öffentlichen Erörterung der dreiverbandlichen Kr re g s- ziele, insbesondere der so beliebten Aufteilung Deutschlands. Man dürfe Deutschland durch derartige „byzantinische Diskussionen" nicht reizen, denn noch sei der Bär, dessen Fell man verteile, u b e r a u s gefährlich. Der ehemalige belgische Ministerprast- dent Scholaert äußert sich in gleichem Smne und erklärt, Belgien werde, wie immer der Krieg enden möge, jede GÄnetsvergrößerung ablehnen.
Englands verrat au Belgien.
Der stärkste der Verbündeten ist, so schreibt „Washington Post", England, der schwächste Belgien. England ist intakt, Belgien zerstört. Englands Weigerung, den armen Belgiern Nahrung zu senden, ist einer der ruchlosesten Akte dieses ruchlosen Krieges. Es ist auch keine Entschuldigung, daß Deutschland Belgien mißhandele. Deutschland ist der Feind (Dies gilt doch nur mit Einschränkungen. Schristl.) Belgiens. Mer England zieht Vorteile aus Belgiens Opfern, tritt als sein Freund und Beschützer aus. Wie kann es da seinen verhungernden Beibündeten die Nahrungsmittel verweigern? Wenn diese „herzlose Nichtachtung" seiner Verbündeten schon jetzt Englands Politik gestattet wird, was soll da die Welt beim Friedensschluß erwarten? Welche Aussichten hat da Belgien, wenn vielleicht seine Rechte den englischen Interessen zuwiderlausen? Belgien hätte sich retten können, wenn es gegen seine Verpflichtungen so gleichgültig wäre wie England. Deutschland bot ihm doch Schadenersatz und alles sonst an. Aber Belgien blich loyal gegen seine Verpflichtungen. Würde es sich noch einmal auf die Freundschaft und Unterstützung Englands verlassen? Seine Schicksal ist eine Warnung an andere Nationen, sich zunächst auf sich und seine Interessen zu ver- lassen.
Meinungsverschiedenheiten in Flandern.
In der Märznummer der niederländischen Monatsschrift „De Tijdspiegel" teilt ein protestantischer Pastor in Flandern, I. D. Domela Nieuwenhuijs Nyegaard, der während des Krieges bei seiner Gemeinde geblieben ist, einige Beobachtungen aus seiner Umgebung über die dort jetzt zutage tretenden Stimmungen mit. „Erstens", sagt er. „trifft man eine feurige französisch-belgische Richtung an; die Söhne aus diesen Familien werden Kriegsfreiwillige. Eine franskiljonsche (d. h. französisch gesinntes Dame aus Flanderns Hauptstadt sagte zum Beispiel: „Drei Söhne gab ich an Belgiens Heer; aber ich wollte, ich hätte sieben, um sie herzu- gcben". Einer der bekanntesten Genter Professoren, ein Wallone, ließ sich auf dieselbe Weise vernehmen. Damit gepaart geht bei ihm der Glaube an die angeblichen deutschen G r e u e l t a t e n, und ein Haß überhaupt für alles Deutsche, eine Verachtung des Flämischen und eine Erbitterung gegen Holland, welches er ein Land vom 36sten Rang nannte, weil es nicht gegen Deutschland kämpft. Diese antideutsche und teils auch antiflämische und zugleich antiniederländische Richtung kommt viel vor, erstens in den srairzösisch-belgischen Kreisen, aber auch in gewissen anderen, in denen plötzlich eine „belgische" Gesinnung entstanden ist.
Unter dem gewöhnlichen Volk kümmert man sich nicht viel um diese Strömungen; wenn man von den Deutschen Schaden hat, ist man entrüstet, aber vergißt es mit flämischer Gutmütigkeit auch schnell wieder; viele sind ziemlich gleichgültig. Unter dem Volke hört man oft die Bemerkung: „Man kann die deutschen Soldaten besser verstehen als unsere eignen" — damit meinen sie die Wallonen. Ein bekannter Arzt in einer kleinen Stadt sagte mir: „Ms echter Flame danke ich Gott für den Abzug des belgischen Heeres. Das Jahr 1830 ist das größte Unglück für unsere flämischen Provinzen gewesen; mein Sohn ist leider Soldat in der belgischen Armee; wenn nur die belgische-(das ist französische) Regierung niemals zurückkommt!" Eine flämische Dame, deren Sohn ebenfalls Soldat ist, sagte mir: „Als
fromme Katholikin bete ich jeden Tag für den Sieg des deutschen Heeres; für Flandern ist das nötig". Ein dritter Flame, dessen einziger Sohn als belgischer Soldat starb, ließ sich im gleichen Sinne hören; und ein vierter sagte: „Jeder Flame, der über die flämische Sache spricht oder schreibt, bringt nichts hervor als eine lange, beredte Anklage gegen Belgien und die faule Regierung, die nichts als Schlimmes für uns angerichtet hat".
Der Handelskrieg gegen England.
Line ablehnende Antwort der britischenRegierung auf Sen Protest der Neutralen.
Br. Genf, 29. März. (Eig. Drahtbericht. Ktr. Bln. Der Pariser „Herold" meldet aus London, daß auf die letzte Vorstellung der Neutralen und auch Amerikas gegen den englischen Blockadekrieg wider Deutschland und Österreich- Ungarn den Gesandten der Regierungen in London eine ablehnende Antwort der britischen Regierung am 24. März zugestellt worden ist
Nr. 149. ♦ 63. Jahrgang.
Angebliche Rammung des „II 37".
W. T.-B. London, 29. März. (Nichtamtlich. Reuter.) Die Bemannung des Dampfers „2 i z z i e", der am Samstag in Lanelli amgekommeu ist, erzählt über das Rammen eines deutschen Unterseebootes: Die „Lizzie" bekam bei der Frrsel Wight „Il 37" in Sicht, der das Boot mit der Bemannung der torpedierten „Delmira" im Schlepptau hatte. Sobald das Unterseeboot die „Lizzie" sah, durchschnitt es das Schlepptau und fuhr auf die „Lizzie" los, deren Kapitän wendete. Das Schiff fuhr mit Volldampf auf dos Unterseeboot. Dieses verschwand aus dem Gesicht. Eine große Menge Öl kam an die Oberfläche. Die „Lizzie" blieb über eine Stunde in der Nahe, sah aber das Uisterseeboot nicht mehr. lNotiz de? Wolff-Bureaus: Dem Kapitän der „Lizzie" scheint es sehr an der Prämie, die für Unterseeboote rammende Dampfer cmsgeseht ist, gelegen zu sein.)
Eine Begegnung mit einem deutschen Tauchboot.
W. T.-B. Amsterdam, 29. März. (Nichtamtlich.) „Tele- graaf" meldet aus Rotterdam: Der Kapitän des Harvichbootes „B r ü s s e l" nahm am 28. März, nachmittags, aus der Fahrt nach Rotterdam westlich des Maasleuchtschiffes wahr, daß ein Unterseeboot in gleicher Richtung mit ihm fuhr. Der Kapitän gab sofort Volldampf, so daß der Dampfer eine Geschwindigkeit von 17 Knoten erreichte. Er eröfsnete das Feuer und gab etwa 30 Schüsse auf das Unterseeboot ab. Dieses fuhr quer vor den Bug des Dampfers und tauchte, offenbar mit der Absicht, den Dampfer zu torpedieren. Die „Brüssel" folgte mit dem Steuerruder jeder Bewegung des Unterseebootes, dessen Periskop stets sichtbar war. Plötzlich fühlten die Heizer im Kesselraum einen Stoß. Von dem Unterseeboot wurde nichts mehr gesehen.
Oer englisch-französische Schlffsverlust der letzten Woche.
24 Handelsschiffe.
Sr. Mailand, 29. März. (Eig. Drahtbericht. Ktr. Bln.) „Jtalia" und „La Sera" veröffentlichen die Lifte der in der letzten Woche vermißten englischen und französischen Dampfer. Sie enthält die Namen von weiteren 2 4 englischen und französischen Handelsschiffen, von denen die Mehrzahl als torpediert gelten mutz.
Die rlriegskosten Englands.
Laut „Manchester Guardian" vmn 17. März berechnete Air. E. Crammond in einer Vorlesung in der Königlichen Statistischen Gesellschaft die Kriegskosten ftir 12 Monats und für England wie folgt: Direkte Ausgaben 708 Millionen
Pfund, Pensionen und dergl. 300 Millionen Pfiund, 'Verlust der Produktion 200 Millionen Psurrd, Verlust von Einkommen aus der Tätigkeit als Bankiers der Welt 50 Millionen Pfund. Das bedeutet ein Vierzehntel des Nationalwohlstandes des Vereinigten Königreiches und ein Zwanzigstel des britischen Reiches und ist gleich den: Einkommen des Königreichs von 7 Monaten unb des Reichs von 4 Monaten. Die Kosten der beiden Gruppen der Krieg- fübrenden sind ziemlich gleich, aber die Verbündeten sind reicher. (Crammond wird wohl nach dem Ausfall der beiden deutschen Kriegsanleihen sein Urteil ändern müssen. Schristl.) Der dauernde Verlust an Kapital für alle Krieg- führenden wurde aus 4 Milliarden Pfund, an Einkommen auf 5 150 000 WO berechnet.
Die Ansicht eines anständigen Gegners.
London, 29. März. In einem Brief eines englischer Offiziers von der flandrischen Front, den die „Times" veröffentlicht, heißt eS:
„Wenn die meisten von uns auch „glauben", daß einer von unseren Männern drei Deutsche aufwiegt, so müssen wir doch zugeben, daß das, was ihr Generalstab nicht weih, auch mcht wert ist, gekannt zu werden. Ihre Schützengrabenausrüstung ist prachtvoll und ihre Methoden bewundernswert. Ws sie uns einen Lausgrlchcu aufgeblasen hatten, konnten wir unsere Ungeduld nicht bemeistern und wollten drauf lvsstürmen, doch unser Hauptmann hielt uns zurück. Er wollte den Morgen abwarteu; etwas hell war eS ja schon und so beobachtete ich die Deutschen durch mein Periskop und sah sie dann auch bald in den Graben hineinschlüpfen. Kaum waren sic dort so hatten sie auch schon Sandsäcke aufgetürrnt und den Graben wieder befestigt. Auch ihre tragbaren eisernen Schießscharten, die tatsächlich gut sind, waren bald angebracht. All die? war in weniger als einer halben Stunde erledigt. Als uns später gelang, den Graben wiedcrzugewinneu. war er für einen längeren Aufenthalt eingerichtet. Ihre Schützengraben-Mörser sind -em- wunderbare wissenschaftliche Arbeit; sie geben keinen Knall, da die Bombe durch zu sammcngepr etzte Luft geschleudert wird; die unsrigen machen einen Lärm wie eln Donnerschlag. Die Gefangenen, die ich machte, waren gut gekleidet, schmuck und sauber. Die Rationen, dm wir bei ihnen fanden, waren r e i ch l i ch und gut, Brot, Rindfleisch, Schokolade, Kaffee, Zwieback. Auch das Schuhwerk ist gut, so daß Erffierungen vermieden werden. In den Lauf- graben bestreichen sie die Füße mit Öl, tun eine Binide hemm, und bestreichen diese auch mit Öl, ziehen dann zwei Paar Socken an, tonn gestrickte Überzüge und schließlich Gummi- schubc über das Ganze. Sie sind mit Handgranaten und Bomben ausgerüstet, die, glaube ich, jedoch nicht so gut sind wie die nnsrigen, doch sind sie reichlich damit versehen, uNh , in den Laufgräben haben sie die Gewehre festgespannt, was . ein Vorteil ist. Die Leute, die wir grstnrgeu nahmen, waren
