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Nr 74.

morgen« Beilage des Wiesbadener Tagblatts.

Sonntag. 28. März.

1915.

(4. Fortsetzung.)

Das adlige Zreihaus.

Roman von Albert Petcrsrn.

Nachdruck verboten.

Während die Eltern sich noch immer gegeneinander polternd, langsam zur Ruhe begaben, lag der Knabe schon im warmen Bett.

Draußen heulte der Herbstwind und warf schwere Regentropfen gegen die Fensterscheiben. In den Bal­ken und Sparren erzählte es ächzend von Wellenwüten und Seenot. Henning wickelte sich fest in sein« Decke und träumte.

Wenn er erst konfirmiert wäre. Dann die Lchr- lingszeit. Pah, bloß drei Jahre. Und — vielleicht lernte er alles so leicht, daß Herr Wilmsen schon früher sah. daß er alles konnte, und dann kriegte er die erste Kontoristenstclle — und dann — dann konnte seine Mutter nicht mehr schimpfen. Dann mußte sie bei ihm Zunl Hausreinmachen kommen, wenn er verheiratet wäre. Ja, eine Frau — Grethenfraucke? Nein, die sah so häßlich aus mit den Narben im Gesicht.

lind der Knabe malte sich aus. wie seine Frau aus- scheu sollte. Sie hatte Grethenfvauckes schlanke Gestalt, ihre dicken goldblonden Zöpfe, die blauen Augen, nur das Gesicht-

Darüber schlief Henning ein.

Die Familie Wilmsen kommi aus der Kirche. Sie sind in Trauerkleidung, der Sohn des Gestorbenen, welcher mit seiner blonden Frau langsam aus der doppelslügeligen Kirchentür die Stufen der Freitreppe hinab steigt; Demoiselle Lisbeth folgt mit Grethcn- fraucke.

Mit ernsten Mienen schritten die vier durch die Gassen. Trotz aller Aufregung hatte Tante Lisbeth es sich nicht nehmen lassen, die ganze Fcmülie zur Besichti­gung der Leiche und zum nachfolgenden Mittagessen zu bitten.

Als das Ehepaar und Dante mit Nichte in das FreibauS traten, kam ihnen ein breitschultriger Mann aus dem Saal entgegen. Er trug einen langen schwar­zen Polonäse-Nock. ein breites weiß seiden es Halstuch mit gestreifter Krause legte sich wie ein Verband um den kurzen, dicken Hals, Die engen Hosen steckten in hohen Lackstulpstiefeln, deren gelblederne Stulpen eigentlich nicht ganz in ein Trauenhaus gehörten.

Er hatte ein feistes Gesicht, das auf den ersten Augenblick große Gutmütigkeit und Weichheit verriet. Die kleinen, in Fettpolsterchen elngerahmten Augen verrieten Spuren von Tränen.

Er machte den Damen eine nicht recht geschickte Verbeugung, schüttelte seinem Vetter kräftig die Hand und nickte den: Mädchen mit freundlichem Ernst zu.

Grethenfraucke mußte in diesen Lagen auf Schritt und Tritt fühlen, -daß der Tod im Freihaus hocke. Run wieder zeigte es der Onkel, der sonst stets so lustig war «nd sie statt Grethenfraucke nur Fraucken nannte.

Friedrich Klasen, ein Junggeselle in mittleren Jahren, war Besitzer der kleinen Gardbyer Schiffswerft,

auf welcher die Schiffer ihre Segler ausbessern und die Halligleute ihre Kutter bauen ließen. Er hätte sehr wohl einen Hausstand gründen können, aber wenn er am Sonntag im Wilmsenschen Hause zu Gast war, wetterte er über die Madames und Demoiselles, über alte und junge Frauenzimmer, fügte dann aber mit artiger Verbeugung gegen die Hausfrau hinzu: „Ja, liebe, verehrte Frau Cousine, wenn Sie noch frei wären —

Dann pflegte Herr Wilmsen ihm jedesmal zu ant­worten: „Lieber Friedrich, du solltest Tante Lisbeth

heiraten", worauf das alte Fräulein wirklich entzürnt antwortete: ,/Ach, die Courtoisie ist aus der Welt ver­schwunden."

Heute ging es bei der Tafel nicht so lustig und leb­haft her. Oben am Tisch stand der rotgepolsterte, erchengeschnitzte Armstuhl leer.

Alle empfanden den Verlust. Er, der dort gesessen, mit schmunzelnden! Lächeln sich den Teller mit Küken oder Kalbsleber gehäuft, mH dem Behagen des ver­ständnisvollen Genießens seinen Wein geschlürft hatte, zu dem Geplauder und Gewitzel gelacht und dann und wann ein leichtfertiges Scherzwort aus seiner Jugend dazwischengeworfen hatte, der alte Herr, welcher so gern gelebt, lag min als Leiche drüben im Saal und würde morgen der alten Erde übergeben werden.

Auch Grethenfraucke mußte daran denken. Sie sah mit leeren, traurigen Augen vor sich hin. Schon der Gedanke an den Tod kann ein Kind ernst und seltsam bewegt machen, und hier — der liebe, liebe Großvater, mit dem sie mehr zusammen gewesen als mit ihren Eltern.

„Sprich das Tankgebet", unterbrach sie die Stimme ihrer Mutier. Sie riß sich aus ihrem traurigen Grü­beln, begann das Gibet herzusagen, ihre (stimme zitterte, der Schluß erstickte in hervorbrechendem Schluchzen. Die anderen taten, als merkten sie es nicht.

„Wohl bekomm's", sagte die alte Dame als Haus- fvau und stand auf.

Friedrich Klasen erhob sich langsam und sah sich suchend um. Herr Wilmsen mußte lächeln; er wußte, daß der Vetter ein Mittagsschläfchen zu den Notwendig­keiten des Lebens zählte.

„Ich wünsche gute Ruh", flüsterte er, „oben in den Fremdenzimmern wirst du schon ein Polster finden."

Dann ging der Kaufherr langsam über die Vordiele zum Saal hinüber. Es war ihm, als müßte er noch einmal Abschied nehmen von seinem Vater.

Mit gesafteten Händen stand er regungslos am Sarg und starrte auf das Antlitz des Toten, welches in Seidenkissen, umgeben von Blüten, bleich und ausdrucks­los dalag.

Wie lange er so .gestanden, wußte er nicht. Er wandte sich um, als er hörte, daß eine Tür leise geoff.