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1 »—t?5i Morgen-Beilage der Wiesbadener Tagblatts, r» -■-=■)

Nr. 72.

Freitag. 26. Marz.

1915.

(2. Fortsetzung.!

Dar adlige Kelhaiir.

Roman von Albert Petersen.

Aber während sie das Fenster geöffnet hatte, »var ein großer „Brummer" in ihr Stübchen geflogen, der surrte und lärmte nun ruhelos an den Scheiben umher, so daß Tante Lisbeth wieder aus ihrem Ruhesessel ein- por mußte. Und während sie beim Öffnen des Fensters jetzt in den Garten hinausblickte, sah sie, daß ihr Groß^ nichtchen Arm in Arm mit einem sauber, aber ärmlich gekleideten Jungen über den Rasen schritt.

„Das inuß aufhören, inuß, muß", und der Gedanke beschäftigte sie so sehr, daß ihr selbst Rosengartens Liebes­lieder keinen neuen Schlummer brachten und die alte Tante schließlich zu ihrer angefangenen Straminavbeit griff.-

Die Kinder liefen lachend durchs Gras.

„Js man gut", sagte der Junge befriedigt, „daß du sagtest, du hättest das getan. Mich hätte deine Tante wohl geschlagen."

„Jung, Henning, bist du so bang?" lachte Grethen- fvaucke übermütig, „aber hier wollen wir weiter spielen; von hier können wir Tante Lisbeths Mittagsruh nicht

stören."

llnd sie «warfen sich gegenseitig den Ball zu und fin­gen ihn auf. Das Mädchen in ihrer graziösen Art, der Knabe unbeholfen, mit plumpen Bewegungen. Henning Tiedemann war seiner Mutter sehr ähnlich. Hervor­stehende slawische Backenknochen, eine schmutzige gelb­liche Haut, stechende schwarze Augen, die bald unange­nehm. abstoßend drohend und Schlechtes verratend blicken konnten, in denen cs zeitweise aber wie weiches, schwärmerisches Träumen schlummerte.

Von den abseits liegenden Stallgebäuden her tönte Wagenrollen. Das Mädchen horchte auf'und lief hin­über, langsam, widerwillig folgte ihr der Knabe.

Ein älterer Mann zog am Halfter zwei Schimmel zu der bereitstehenden Kutsche. Er war schon in weißer wildlederner Hose und glänzenden Lackstulpenstiefeln, nur der Galarock fohlte noch. Das Gesicht war glatt- rasiert und wurde von weißgepuderter Perücke um­rahmt. Er war noch einer von den ganz alttnodischen, der Kutscher Peder Tiedemann, gevccke wie sein alter Herr, der sich auch nicht von Kniehosen, seidenen Strümpfen und dem Zopf trennen wollte. Was ging es diese beiden an, daß schon vor zwanzig Jahren der große Eroberer und seine Generale ahne Zöpfe über Europa hingestürmt waren, daß die deutsche Burschen­schaft auf der Wartburg Perück, Zopf und Schnürleib dem ewigen Feuertode übergeben hatte.

Nein, nein, die beiden ließen sich von den neuen, yeschiuacklosen Moden nicht beeinflussen, und weil es ikben Herr Lorenz Woldsen Wilmsen und sein Kutscher waren, wagte die spottlustige Gassenjugend nicht, ihnen die altmodische Tracht zu verleiden.

„Sollen wir jetzt schon fahren?" fragte das Mäd­chen hastig.

„Zu zwei Uhr hat der Herr befohlen, Mademoiselle', und der Alte ließ von seiner Arbeit ab, um auf wei­tere Fragen zu antworten.

„Mademoiselle", äffte die Kleine ärgerlich nach, griff dann mit übermütigem Lachen nach ihren kurzen Röllchen, als wollte sie eine Schleppe raffen, und sagte, tief knicksend, zum Alten: „Merci, monsietfr Tiede­

mann, merci."

Der Alte verstand die Neckerei; er sollte sie Grethen- fraucke nennen. Aber so etwas weiß ein alter Diener besser als solch Kind. Sein Enkel allerdings, der nichts­nutzige Henning, hatte sogleich davon Gebrauch geinacht, als Demoiselle Wilmsen ihm sagte, er solle sie Grethen» fraucke nennen, wie ihre Eltern und Freundinnen es taten. Der Alte hatte den Jungen zwar schön auf den Trab gebracht, er konnte es aber doch nicht hindern, daß der Knabe von der Vergünstigung Gebrauch machte. Und als ärgerte er sich wieder über den Enkel, rief er barsch: „Faulpelz, stehst hier und guckst zu, wie dein Großvater arbeitet. Marsch, hole das Geschirr."

Der Junge brummte etwas Unverständliches vor sich hin und begab sich in den Stall, aus dem er gleich wieder mit dem Pferdegeschirr herauskam.

„O, schleppe dich doch nicht so ab", rief die Kleine, „komm, ich helfe dir."

„Laß — lassen Sie man, Greth —, Demoiselle Wilmsen", antwortete der Knabe bissig, „ivenn mein Vater sein Geschäft am Zingel hätte und meinem Groß­vater das Freihaus gehörte, brauchte ich es auch nicht zu tun."

Der Alte drehte sich um und versetzte seinem über­raschten Enkel eine schallende Ohrfeige.

„Redest du wieder so'n Zeug", brummte er, „wenn du —, soll dich —"

„Aber Peder", sagte die Kleine vorwurfsvoll.

„Bitte, sub missest um Pardon, Demoiselle, aber der Bengel wird mit jedem Tage frecher."-

Der Wagen hielt vor der Doppeltür des Freihauses. Grethenfraucke war die Treppe zur Galerie hinauf» gesprungen und klopfte an Großvaters Schlafstuben­tür. Aber der alte Herr, welcher nach dem Essen ,/d’un doux sommeil" dormieret hatte, ließ sich bei feiner Toilette gemächlich Zeit, und ungeduldig rutschte das Mädchen das Geländer der Treppe hinab.

Hennig hatte sich am Stalle in die Sonne gesetzt, indem er die Stallmauer als Rücklehne benutzte. Den Hut tief ins Gesicht gezogen, blinzelte er halb im Schlas zu den Faltern hinaus, deren weiße und leuchtend rote Flügel sich scharf vom blauen Himmel abhoben.

Nachdem Grethenfraucke eine Weile das glänzende Fell der Pferde gestreichelt und ungeduldige Blicke ins Innere des Hauses geworfen hatte, lief sie zu dem Jungen.

„Du — Henning — du sagtest vorhin: wenn dein Großvater Besitzer vom Freihaus wäre —, du, was würdest du dann tun?" fragte sie mit einer gewissen Evwartung, weil sie augenblicklich wirklich nicht wußte, wie sie ihre bevorzugte Stellung benutzen könnte, uns der Langeweile Herr zu werden.