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Der Roman.
Morgen-Beilage des Wiesbadener Tagblatts, m
Nr 71.
Donnerstag, 25. Marz.
1915.
Sfl. Fortsetzung.)
Var adlige Zrelhaur.
Roman von Albert Petersen.
Nachdruck verboten.
Draußen im Park sickerte gleichmäßig und vornehmleise ein steter Landregen aus den monoton grauen Wolkenschleusen, die Tropfen bohrten kreisrunde Löcher in den feinen Sand der Wege, hier und da sammelte sich das Wasser an und wühlte sich ein regelrechtes Flußbett, in dem einige Blättchen wie leichte Boote ranzten. Bon den naßblanken Blättern fielen ununterbrochen die Tropfen, glänzend wie Quecksilberkügelchen. Von Rosen und Jasmin verbreitete sich ein Atem würziger Frische.
Gar zu gern wäre Grethenfraucke in den Regen hineingelaufen, hätte die Seereisen der Blattboote verfolgt, wäre über die Miniaturstromschnellen gesprungen und hätte — an versteckter Stelle — das Zünglein ausgestreckt, um die von den Rosen fallenden Tropfen aufzufangen. Zwar hatte sie ein schmollendes Gesicht geschnitten, als Mrchme Lisbeth, welche dem Großvater den Hausstand führte, ihr befahl, sich während des Rogens drinnen zu beschäftigen. Aber da sie nur unter der Bedingung, wirklich artig zu sein, die Ferien im Freihaus verleben durfte, hatte sie gehorcht, denn hier war es doch viel schöner als drüben am Zingel im väterlichen Kaufmannshause mit den dunklen Räumen und schmalen Treppen.
Wer in einem der Zimmer artig auf dem Stuhl zu sitzen, wäre doch zu langweilig gewesen, und jetzt lag Grethenfraucke mit einem mächtigen Bilderbuche auf der Galerie, schaukelte mit den drallen Boinchen, sah auf die bunten Bilder, buchstabierte mühsam halblaut: „H—a—nsel und Gretel bei der Hexe." Dann und wann blinzelte sie durch die Öffnung des Geländerschnitzwerks auf die Vordiele hinab, . wo die beiden Ritter unentwegt ihre Lanzen umklammerten, und bemerkte, daß aus der einen Tür immer wieder ein hagerer, häßlicher Frauenkopf blickte. Das Gesicht war faltig und gelblich. Von dem schwarzen in der Mitte gescheitelten Haar fielen einige widerspenstige Strähnen auf die niedrige Stirn. Me Augen waren stechend und fast schwarz.
„Was Tilde Tiedemann doch immer zu gucken hat", dachte Grethenfvaucke verwundert, „ob sie auf jemand lauert?"
Des alten Peder Tiedemann Schwiegertochter war seit einigen Taigen als Aushilfe für das erkrankte Stubenmädchen im Freihaus beschäftigt.
Grethenfvaucke blickte wieder auf ihr Buch. Ja, Tilde hat wahrhaftig Ähnlichkeit mit der Hexe da, wahrhaftig.
Jetzt wurde unten di« Tür von Großvaters Arbeitszimmer, in dem allerdings nicht mehr gearbeitet wurde, geöffnet. Und die Kleine erkannte den festen Schritt des alten Herrn. Und da — wieder erschien der häßliche Frauenkopf — und dann — dann stand Tilde Tiedemann plötzlich vor Herrn Lorenz Woldsen Wilmsen.
Atemlos wartete Grethenfraucke, was die Frau wohl von Großvater wollte.
„Was will sie schon wieder, Tiedemann, schon wieder Gold?" klang des alten Herrn unterdrückte Stimme.
„Nur einige Mark, Herr", flüsterte die Frau dringend.
„Gibt's nicht. Gehe sie, lasse sie mich in Ruhe", und er wollte an ihr vorüber.
„Hahaha, soll wirklich die ganze Stadt wissen, daß Herr Lorenz Woldsen Wilmsen anständige einfache Leute zum Schmuggeln verführt hat, und wie es war mit Klaus Paulsens Tod?! Jetzt meint alle Welt, Paul- sen wäre allein gewesen, als er ertrank, und Herr Wilmsen sei doch ein mächtig christlich mildtätiger Mann, daß er für Witwe Paulsen so gut sorge. Haha, soll die Stadt Gardby wissen, daß Paulsen beim Überladen vom englischen Segler in die See fiel und nur deshalb keine Rettungsversuche gemacht wurden, weil Herrn Lore uz Woldsen Wilmsen die Waren mehr wert waren als ein Menschenleben?"
„Ammenmärchen. War sie dabei, he?"
„Nein, aber mein Mann hat's mal erzählt, als er krank lag. Da —"
„— lag er im Fieber. Ja. ja, geh' sie jetzt."
„Na, wenn's nicht wahr ist, braucht Herr Wilmsen ja auch keine Angst zu haben. Da kann ich es ja getrost erzählen."
„Halte sie den Mund", rief.der Herr jetzt erregt.
„Sss — es braucht doch keiner zu hören. He, wie ist es mit einigen Mark, Herr Wilmsen?"
Grethenfraucke hörte, wie einige Geldstücke klirrend auf die Fliesen schlugen.
„Gesindel sie —" stieß der Großvater hervor und wollte jetzt ungeduldig vorüber. Doch wieder trat ihm die Frau entgegen.
„Noch eins, Herr Wilmsen. Sie haben mir versprochen, daß nietn Henning bei Ihrem Sohn in die Lohre soll —"
„Ja, ja, zum Kuckuck — das ist doch noch lange hin."
„Stiiumt, Herr Wilmsen, stimmt alles, aber um ein tüchtiger Kaufüiann zu werden, muß er was lernen. Wollen Sie mit Stechenmeister Hensen reden, daß er ihin Prrvatstunden gibt?"
„Zum — was geht mich das an."
„Wollen Sie, Herr Wilmsen?" fragte Frau Tiedemann jetzt drohend.
„Na meinetwegen. Und nun gehe Sie mir aus den: Wege, Gesindel, sonst reißt mir die Geduld."
„Ja, ja, besten Dank, Herr Lorenz Woldsen Wilmsen, küß die Hand, Herr."
Aber er stieß nur knirschend und verächtlich „Hexe" hervor und schob die Frau unsanft zur Seite.
Tilde Tiedemann verschwand wieder geräuschlos hinter der Tür, aus welcher sie gekommen war und fuhr fort, in der Sticke Staub zu wischen. Pinselte mit dem Federbüschel über die silberne Standuhr, welche bei längerenl Hinschauen scheinbar immer schneller, hastender ihren Perpendikel hin und her eilen ließ, fuhr mtt den: Staubtuch über die zierlichen Porzellan-
