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Verlag Langgasse 81

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Mittwoch, 24. März IMS.

Morgen- Kusgabe.

Nr. 139. - 63. Jahrgang.

Der ttrieg.

Der österreichisch-ungarische Tagesbericht. Russische Stellungen bei Wyezkrow erobert. — Kund 4000 neue Gefangene.

W. T.-B. Wien, 23. März. (Nichtamtlich.) Amtlich wird verlautbart vom 23. März, mittags: Die Kämpfe im Karpathcnabschnitt vom Uzsokcrpaß bis zum Sattel von K o n i c z n a dauern fort. In den^ letzten zwei Tagen wurden wieder starke Angriffe des Feindes zurückgeschlagen und 3300 Russen dabei gefangen genommen.

In einem Gefecht, das um eine Höhe bei W y c z k o w geführt wurde, gelang es, den Gegner aus seinen Stellungen zu werfen und 8 Offiziere und 645 Mann gefangen zu nehmen.

An den übrigen Fronten hat sich nichts Wesent­liches ereignet.

Der Stellvertreter des Chefs des Generalstabs: v. Höfer, Feldmarschalleutuant.

Oie letzten Tage von przemysl.

W. T.-B. Wien, 22. März. (Nichtamtlich.) Der Kriegs­berichterstatter der „Neuen Fr. Presse" meldet über die letzten Tage von Przemysl: Die Ereignisse von Przemysl haben sich schneller abgewickelt, als man allgemein erwartet hatte. Am Freitag unternahm die Besatzung noch einen Ausfall nach Osten. Feldmarfchalleutnant v. T a m a f y muhte sich aber neuerdings überzeugen, daß Przemysl von einem undurchdringlichen russischen Fort» g ü r t e l umgeben war. Die Ruffen griffen nun gestern und vorgestern von Norden und Osten an, wo sie sich im Dezember deS Stützpunktes Nagorasch bemächtigten. Der Angriff wurde von der Besatzung blutig abgewiesen. Unsere Artillerie verschoß noch soviel Munition wie irgend möglich. Unterdessen wurden die wichtigsten Teile der Um» Wallung, soweit die Sprengmittel ausreichten, zer» stört. Heute früh begab sich ein Parlamentär des Festungskommandanten zum Kommandeur der Belagerungs­armee, um die Modalitäten der Übergabe zu vereinbaren. Die Festung hielt sich bis zum äußersten. Schon der letzte Ausfall zeigte eine arge Entkräftung der sparsam ernährten Leute. Krankheiten in der Festung taten das übrige. Die Besatzung bestand ans der Wehrschätzer Honved» divifion von Tamassh und ostgalizischer Landwehr und ober­ungarischem Landsturm, Wiener Festungsartillerie, nieder- österreichischen Landsturmformationen und Festungsartillerie und endlich aus einem Bataillon ungarischer Festungs­artillerie.

Das Verhängnis war in allen Stadien der Opera, tionen das sch l e ch t e Wetter. Ende September und in den ersten Oktobertagen, während die Festung die Rehabili­tierung unserer Armee deckte, indem sie immense russische Kräfte auf sich zog, verschlechterten sich die g a l i z i s ch e n Straßen bis zum Hindernischarakter. Infolgedessen war man während der Schlacht am San gezwungen, die Ver­wundeten und Kranken statt ins Hinterland, zurück nach der Festung abzuschieben. Sie belasteten den Verpflegungsbe« stand, ja man mußte die Feldarmee zum Teil aus den Festungsdepots verpflegen. Eine Eisenbahnverbindung misßte erst hergestellt werden. Die Straße nach S a n o k war nämlich am 3. November schon wieder vom russischen Geschühfeuer bestrichen.

Zum weiten Male war cs in der letzten Januarwoche, wo die all gm ei ne Offensive in den Karpathen unter dem hereinbrechenden furchtbaren Wetter zum Still- stand kam, ehe die russische Flanke noch eingedrückt werden konnte. Die Ruffen fanden Zeit, ihre Massen zusammenzu­raffen. Der Überraschungsmoment ging verloren. Ihre Gegenoffensive war allerdings fruchtlos. Sie konnte Anfang März sogar mit einem neuen Vorstoß unserer Kräfte beant­wortet werden. Gerade als dieser sich am hoffnungsvollsten anließ, trat der harte Nachwinter mit überreichen Schneefällen ein. Die darauf folgende russische Aktion dauert, noch an.

Die Besatzung zerstörte die passiven Vertei­digungsmittel, die Geschütze, die Magazine und die Radio­station, Am 22. März morgens 6 Uhr traf das letzie Radiotelegramm aus Przemysl ein. Gleich darauf sprengte die Besatzung die drahtlose Station. Die letzte Depesche kündigte an, daß ein Bevollmächtigter der Festung Unterbandlungen über den Vollzug der Übergabe begonnen habe. Der militärische Wert von Przemysl ist im Laufe der Zeit immer mehr gesunken. Zuletzt sind die Ruffen, gestützt auf einen eigenen Fortgürtel und gegenüber der kaum mehr ausfallsähiqen Besatzung, mit sehr dünnen Zernierungen ausgekommen.

Wiener Preffestimmen.

W T.-B. Wien, 23. März. (Nichtamtlich) Die Blätter geben ihrem tiefen Bedauern über den Fall der Festung PrzemyÄ Ausdruck und stellen fest, daß nicht der Feind die Kraft der Wälle brach, sondern daß die Verteidiger selbst dem Feinde die Trümmer st ätte überließen. Die Helden von Przemysl, die durch viereinhalb Monate dem Feinde einen starken Widerstand leisteten, haben nicht umsonst ge­

kämpft. Den Zweck, den die Festung Przemysl erfüllen sollte, hat sie ersiillt. Wie ein Pfahl blieb sie durch viereinhalb Moimte im Fleische des Gegners stecken, zog seine Kräfte an und band sie, während auf dem Kriegsschauplatz des Welt­krieges wichtige Ereignisse vor sich gingen. Man mag sich die Lage vergegenwärtigen, wie sie vor der Einschließung PrzemyÄs bestand, und man wird ohne weiteres die Wirkung der Festung erkennen. Damals drangen die Ruffen über dre Karpathen vor und suchten gegen Krakau vorzustoßen; jetzt sind die Karpathenk-ämme fest in unserer Hand und der russische Vorstoß in Westgalizien ist zum Stehen gebracht. PrzemyÄ hat an dieser ganzen Entwicklung keinen geringen Anteil. Die Besatzung leistete bis zur äußersten Grenze menschlicher Möglichkeit aktiven Widerstand, in aufopferndem-' Heldentum dienten die Tapferen von Przemysl dem Plan deS Ganzen. Jetzt, da sie nach Erfüllung ihrer Aufgabe bis zum äußersten die Stätte ihrer ruhmvollen Taten unbesiegt ver­lassen, grüßt sie die Armee und das Vaterland in Bewun­derung und Dankbarkeit. — Die Blätter sagen weiter: So bedauerlich die Tatsache der Übergabe der Festung ist, die bis zum letzten Augenblick ihren Zweck, dem Feinde einen eisernen Wall entgegenzuhalten, erfüllte, so wird dies keinerlei Einfluß auf die allgemeine Kriegslage haben, denn die Entscheidung liegt bei unserer tapferen Feldarmee, und die Monarchie kann nach wie vor mit voller Zuver­sicht dem endgültigen Erfolge cntgegensehen.

Der Eindruck in Wien.

Br. Wien, 23. März. (Eig. Drahtbericht. Ktr. Bln.) Tie Nachricht von der Übergabe Przemysls verbreitete sich in Wien wie ein Lauffeuer. In- neuester Zeit wußte mar- wohl, daß die Belagerten auf Pferdefleisch als Nah? rungsmittel angewiesen waren und daß Mangel an- Brot, Gemüse und Salz verschiedene Krankheiten her­vorgerufen haben, aber niemand glaubte, daß die Entschei­dung in so kurzer Zeit bevorstehe.

Die Auffassung in Ungarn.

W- T.-B. Budapest, 23. März. (Nichtamtlich.) Der „Pester Lloyd" schreibt über den Verlust von Przemysl: In der gegen­wärtigen Phase hat die Festung für uns an Bedeutung verloren. Es war für die Besatzung zum Schluß nur mehr eine Ehrensache, sich bis zum Äußersten zu be­haupten. Das, was jetzt an feindlichen Kräften sür andere Operationen frei wird, fällt nicht mehr ins Gewicht. Przemysl hat seinen strategischen- Zweck vollauf und bis an das Ende erfüllt und eigentlich weiter über das von unserer Heeresleitung vorgesehene Ende. Die Einnahme des Trümmerhaufens von Przemysl ist heute eigentlich ohne jede Bedeutung, weder für die Absichten des Gegners, noch für die Fortschritte unserer Operationen.

Sr. Wien, 23. März. (Eig. Drahtbericht. Ktr. Bln.) Dem „Pest: Hirlap" wirb von unterrichteter Seite mitgeteilt: Die Bedeutung des Falles von Przemysl darf nicht über­schätzt werden. In der Festung hatten wir höchstens 26 000 Soldaten, einschließlich Schanz- und industrielle Arbeiter. Auch über die Zahl des ruffischen Zernierungs­heeres sind übertriebene Gerüchte im Umlauf gewesen. Es waren dort 60 - bis 80 000 Russen.

Lemberg unter russischer Knute.

In Nr. 13 613 schreibt der Wiener Berichterstatter des „Maasbode" über die russische Besetzung Lembergs: Die ganze Stadt hat ein anderes Aussehen erhalten; es wimmelt von russischen Beamten, russischen Gendarmen und ruffischen Geistlichen mit ihnen langen Haare:: und Bärten, während alle anderen sich Mühe geben, wenigstens auf der Straße Russisch zu sprechen. Mit den russischen Herren hat auch die russische Knute ihren „fröhlichen Einzug" in die alte Reichsstadt gehalten. Der Sicherheitsdienst, der früher durch die Bürgermiliz versehen wurde, ist jetzt einem echt russischen Polizeikorps anvertraut worden, b e - rittenen Kosaken mit ihrer Peitsche. Eine Art Geheimpolizei, die Ochrana, eine Anzahl Vertrauens­leute nrit ihren Handlangern und ein Trupp Frauen, die besonders sür Spitzeldienste „abgerichtet" sind, bilden zu­sammen die edle Schar, die Väterchen Zar nach Lemberg ge­schickt hat, um das polniscke Volk zu überzeugen, daß niemand anders als der russische Herrscher der eigentliche Freund und Schuhherr der Polen ist. All diese Freunde und Beschützer belauschen die Gespräche in den Cafes, auf den Straßen, in den Restaurants, bei den Versammlungen, über­haupt überall da, wo sie eine Gelegenheit finden, zu erfahren, wie es in den Herzen der „befreiten Brüder" aussieht. Wehe dem, der nach altem, gut österreichischem Gebrauch einmal seinem Herzen Lust macht. Sogleich droht ihm Verhaftung. Gefängnis, körperlich? Züchtigung, ja selbst Verbannung nach Sibirien. Hier und da verschwindet wohl ein ange­sehener Bürger Lemberg, und wenn man fragt, wo er ist, so antworten seine Freunde mit einem stummen, doch beredten Achselzucken.

General Pan in russischen Diensten?

Br. Wien, 23. März. (Eig. Drahtbericht. Ktr. Bln.) Der Berichterstatter der „Rundschau" meldet: General Pau wird sich längere Zeit in Warschau aufhalten. Es heißt, daß das Militärkommando im Warschauer Rayon ihm provisorisch übertragen werden würde. General Pau soll sür die Zeit dieser Verwendung in die russische Genera­lität eintreten.

3u der Androhung von Gegenmatzregeln gegen russische Plünderungen.

Nur russischer Besitz in Frage.

W■ T-B. Bcuthen (Oberschl.), 23. März. (Nichtamtlich.) Der im Katholiken-Verlag erscheinende „Kurjcr Slgcki" ver- ösfentlrcht an der Spitze der heutigen Nummer nachstehendes: Angesichts der Befürchtungen, die in polnische rg Kreisen über die Ankündigung entstanden sind, für die neuen russischen Greuel in Memel Vergeltung an Dörfern und Gütern in dem von Deutschland okkupierten Gebiet zu nehmen, haben wir uns an das Große Hauptquartier mit einer Anfrage gewandt und darauf folgende Antwort er>> halten: „Der Feind ist Rußland, folglich kommt für

Repressalien nicht polnischer, litauischer oder jüdischer Besitz in Betracht, sondern nur russische r."

Tie Kohlennot in Petersburg.

W. T.-B. Petersburg, 23. März. (Nichtamtlich) Die Ver­waltung der städtischen Straßenbahn weift in einem amtlichen Bericht an das Stadtoberhaupt -darauf -hin, daß mit dem vorhandenen Kohlenbestand die elektrische Straßenbahn in Petersburg nur bis etwa Mitte März alten Stils im Betrieb bleiben könne. Das Stadtoberhaupt hat die Über­weisung eines Teiles der Kohlenbestände der Gaswerke an die Straßenbahnverwaltuiig angeordnet. Außer der bereits jetzt erfolgten Einschränkung der Straßenbeleuch­tung von Petersburg steht dieser Tage eine weitere Ein­schränkung bevor.

Verbotene russische politische Literatur.

Von der russischen Grenze, 22. März. (K. Z.) Das Petersburger Gericht verfügte die Vernichtung von drei jetzt erschienenen Büchern: „Kompendium der politffchen Ökono­mie" von Pawlenko, „Sozialdemokratie und Reichsduma" von Lenin und „Reichsduma und Proletariat" von Dahn.

vom französisch-belgischen V Kriegsschauplatz.

Lin neuer Luftschiffangriff auf Calais.

W. T.-B. London, 23. März (Nichtamtlich.) „Daily Mail" meldet aus Nordfrankreich vom 21. März: Calais wurde am 22. März, abends, zum drittenmal von einem deuffchen Luftangriff hermgesucht. Genau- um Mitternacht wur­den die Schläfer durch schweres KcmoNenseuer geweckt. Die Scheinwerfer spielten nach allen Richtungen. Kleine Flammen­kegel, die in der Lust wahrgenommen wurden, zeigten die Stellen an, wo die Geschosse explodierten. Das Feuer dauerte etwa 20 Minuten, woraus alles ruhig wurde und die Schein­werfer erloschen. Das Luftschiff wurde vertrieben, ehe es über die Stadt gelangte. Bomben hatte es nicht abge­worfen.

Oie französischen Tagesberichte.

W- T.-B. Paris, 23. März. iRichtamtlich.) Amtlicher Kriegsbericht von gestern nachmittag. Nördl:ch Arras, in Notre Dame de L o r e t t e nahm uns ein deutscher Gegen­angriff vorgestern Stücke von Schützengräben ab; wir er­oberten sic gestern zurück. Be: La B oi se ll e nordöstlich Albert dauert der Mtnenkrieg fort. Nachdem wir die feind­liche Galerie gesprengt hatten, besetzten wir einen großen Teil des Erdtrichters. Reims erhielt gestern wieder etwa 60 Granaten. In den Argonnen brachten wir dem Feinde zwei blutige Schlappen be:. Bei Bagatelle brachten wir drei Minen zur Explosion, zwei unserer Kompagnien er­stürmten einen deutschen Schützengraben, wo sie sich trotz starken Gegenangriffs behaupteten, 500 Meter davon brachte der Feind zwei Minen zur Explosion und bombardierte unsere Schützengräben. Er stürmte sodann auf einer Front von 250 Meter vor und nach heftigem Nahkampf wurde der Angreifer trotz Eintreffens von Verstärkungen zurückge­worfen. Unsere Artillerie nahm sie während des Rückzuges unter Feuer und brachte ihnen schwere Verluste bei.

Amtlicher Bericht von gestern abend 11 Uhr. Auf den Höhe von Notre Dame de Lorette halten wir alle während, der letzten Tage unistrittencn Schützengräben, außer einem Stücke, welches in den Händen der Deutschen bleibt. In E p a r g e s unternahm der Feind einige Gegenangriffe, um die von uns eroberten Stellungen wiederzunehmen, erlitt aber eine vollständige Schlappe. Nördlich Badonviller machten wir Fortschritte.

wiedieZranzosen in ihrem eigenen Lande hausen.

Ein amtliches Protokoll.

Der Bürgermeister von Roisy Gustav Guillaume und der Nurschütz vo:: Roisy Cvrille Romagny bezeugen folgeride Taffachen:

Vom 31 August bis 2. September 1914 lagen das fran­zösische Infanterie-Regiment Nr 94 und die Jäger zu Fuß Nr. 8 in Roisy im Quartier. Beinahe alle Einwohner hatten einige Tage vorher die Gemeinde verlassen. Nur einige Greise und wir waren hier geblieben. Wir haben gesehen, daß die Soldaten in großer Anzahl in di« Häuser c indrangen, um zu plündern. Sie durchsuchten die Schränke, um Gelb zu ftnden und die Wäsche auseinander zu werfen, so daß schließlich die Häuser vollständig ausgepl-ändert Ivareu. Sie nahmen Wäsche für ihren persönlichen Gebrauch mit Getränke und Lebensmittel, die sie in den Häusern und Kellern fanden, wurden verzehrt oder fortgetragen. Ern großer Teil der Soldaten war infolgedessen betrunken. Insbesondere hat man die Häuser der Herren Douttez, Barrois und Delonne geplündert. Zwecks Eintritts in das