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| Der Roman, i

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i» ■ Morgen-veilage des Wiesbadener Tagblatts, i» -1

Nr. 69.

Dienstag, 23. Mürz.

IV lü.

tSÄub.)

Die drei Schwestern. ***»«.

Von Wilhelm Tcharrrlmann.

Wenige Tage nach dom kam Annes Bräutigam -um erstenmal auf Besuch.

ES versteht sich, daß die Schwestern ihn nnt außer- ordentlicher Zurückhaltung empfingen. trotzdem ihnen vor Erwartung und Neugier das Herz vernehmlich ge- nug klopfte. „

Besonders Mary hatte bei dieser ersten Begegnung allerhand rührende Svenen, empfindsame, zärtliche und feierliche Worte erwartet, eine Art Bekenntnis sozu- sagen, ein sanftes Flehen in der Stimme des Unbe­kannten. der einsah, wie groß sein Unrecht war. das er Lurch seine Liebe zu der Kleinen aus sich geladen. Zu- gleich war aber auch ein wenig Trost in dem. was ste empfand. Sie erwartete, daß der zukünftige Schwager Jane oder sie um lne Hand Annes bitten würde, die sie doch beide Mutterstelle an der Kleinen vertreten hatten, Jane noch mehr als sie.

Sie hatte sich alles so deutlich ausgemalt. Sie wiirde ihm vornehm und ruhig zuhören und zuletzt, wenn er geendet, würde sie sagen: „Wir sind ge-

wohnt, in allem, was geschieht, eine Schickung zu scheu. Machen Sie Anne glücklich!"

Ihre Enttäuschung war grenzenlos, als von alledem Nichts geschah.

Anne hatte ihn kaum vorgestellt, als er schon nut einem Scherzwort über den Regenguß, der eben einge­setzt hatte und nun rauschend in den Büschen des Gar­tens lag. die Unterhaltung begann.

Mit fröhlichem, ausgelassenem Lachen hing er seinen Hut an der Garderobe auf und trat auf die Einladung Janes in das „beste Zimmer", wo gusirahnisweise zur Feier des Tags der Kasfeetisch gedeckt war.

Er tat wirklich, als wäre er bereits wochenlang hier aus- und eingegangen, und von irgend einer Zer­knirschung oder nur einer leisen Befangenheit war nicht baS geringste zu bemerken.

Mary war wirklich grenzenlos enttäuscht. Sre hatte sich die erste Begegnung mit dem Bräutigam ihrer Schwester doch wesentlich anders vorgestellt.

Auch Jane schien nicht recht zufrieden zu sein. Sie musterte den zukünftigen Schwager mit unverkennbarer Reserviertheit, und lange Zeit führte Kühling die Unterhaltung allein.

Er konnte im Anfang der Dreißiger sein und war noch ein wenig größer als Jane. Seine braunen Augen blitzlen lebenslustig aus seinem schmalen, blassen Ge- sicht. Wenn er lachte, sah man seine wohlgepflogten, weißen Zähire unter dem dunkelbraunen Schnurrbart hervorschimmern. und Jane konnte nicht umhin, zu denken: „Wirklich, ich habe ihn mir kaum so hübsch vor-

Sein Verhältnis zu Anne erwähnte er nnt kemom Wort. Er schien das als eine selbstverständliche Voraus- setzung zu «nrpfindm, ohne die er diesen Besuch nicht machen würde, eine Sache, die keiner Erklärung und keiner weiteren Worte bedurfte.

Da waren Jane und Mary ober denn doch anderer Meinung.

So saßen sie und schwiegen und beschlossen, daS Weitere abzuwarten.

Nach dein Kaffee stand man auf und ging in den Garten hinaus. Der Regen hatte nachgelassen und die Luft war frisch und von dem Dust der Rosen erfüllt, die auf allen Rabatten blühten. Hier imd dort fiel noch ein Tropfen von den dunkelglänzenden Blättern der Stauden und schlug mit leisein Klatschen auf die Blätter des Immergrün, mit dem alle Beete eingefaßt waren.

Fritz pflückte ein paar Nosenblüten und überreichte jeder der Schwestern eine. Jane nahm sie, ließ sie aber nachher in der Laube liegen, sie fühlte sich wirklich zu alt für solche Scherze. Mary steckte sie ein wenig der- wirrt in den Gürtel. Anne aber wollte sie unbedingt Fritz ins Knopfloch stecken. Er iveigevte sich und es gab einen lustigen kleinen Zank, der damit endete, daß Fritz der „Kleinen" ein paar prachtvolle, eben erblühte La France ins Haar steckte, wobei er sich so ungeschickt benahm, daß Mary kommen und helfen mußte.

Nachher stieg man in Papas Zimmer hinauf und zeigte die Sammlung, und die Schwestern wurden merklich aufgeräumter, als sie sahen, welches Interesse Fritz den Spazicrstöcken entgegenbrachte.

Er wurde nicht müde, einzelne Stücke zu loben, probierte diesen und jenen Griff und sagte schließlich: „Du, Anne, .was meinst du, wenn ich mir diesen hier", er hielt einen Stock ans Ebenholz mit seingeschnitztcm Elfenbeingriff in der Hand, „von euch schenken lasse?"

Jane runzelte die Stirn, und Mary bekam Herz- klopfen. ' Anne wurde ein wenig rot und sagte dann:, „Magst du ihn so gern?" .

Verlegen sah sie zu rhren Schwestern hinüber. ,

Aber sie antworteten nicht.

Dann stotterte sie: „Nicht wahr, du wirst ihn recht in Ehren halten? Papa hielt gerade von diesem Stock so viel!"

Die mm folgenden Monate waren die ereignis­reichsten. welche die Schwestern erlebten. Fritz kam joden Tag zu Besuch, speiste mit ihnen, plauderte, scherzte und brachte eine Atinosphäre frischer Natürlich­keit und einen Strom neuer Interessen ins Haus. Es war, als wenn die neue Zeit, die so lange unbeachtet an dem Hanse der Schwestern vorübergeflossen war, plötzlich durch einen schmalen Kanal Zutritt erhalten habe und nuii das Haus mit neuem Leben erfülle.

Anne strahlte vor Glück, und es schien, als wenn ein Widerschein ihrer Seligkeit auch auf die Schwestern falle, die sich merkwürdig zu verändern begannen.

Selbst Jane vergaß zuweilen ihre Würde, konnte hin und wiader laut auslachen, ja ausgelassen werden, und alle drei überboten sich in der Sorge für Frrtz. Die anfängliche Reserviertheit war längst einer Vor- trautheit gewichen, der sich die Schwestern um s» rück- haltloser Hingaben, als sie Jahre hindurch jeden Um-