1 - 'j i Morgen-Veilage des Wiesbadener Tagbla tts, ==bi
Nr 68. Sonntag, 21. März. ^ lo -
Die drei Schwestern. **»*«,«.
Von Wilhelm Scharrelmanu.
Sie wohnten allein in einem kleinen Häuschen, bas hinter den Büschen eines Vorgartens in einer der Vorstadtstraßen tag. Alles im Hanse und in dem kleinen Garten war von peinlicher Sauberkeit und Akkuratesse, aber alles atmete zugleich den Duft der Altjungferlich- keit und einer lebensfremden Stille. Die Türglocke, die seiten genug in Tätigkeit gesetzt wurde, rasselte mit jener vorweltlichen Unbekümmertheit, die man nur noch in alten Häusern findet, und wenn man die Stufen der hölzernen Treppe betrat, die zu den Zimmern nach oben führte, knarrten und knackten sie so laut durch das stille Haus, daß man unwillkürlich erschrak. In den Zimmern standen alte Mahagonimöbel mit merkwürdigen, verschnörkelten Formen und verblichenen Damastbezügen. Auf Len Schränken standen vergoldete Stutzuhren unter hohen Glasglocken, und vor den Fenstern wuchsen Geranien- und Fuchsienstöcke in altmodischen weistglasierten Porzellantöpfen, die genau ausgerichtet vor den Fenstern standen, vor jedem fünf, der mittelste immer etwas größer als die anderen.
So wie das Haus waren auch die drei Schwestern, die es bewohnten. , >
Jane, die älteste, war ganz das Ebenbild des verstorbenen Vaters, dessen Bild in der besten Stiche über dem Sofa hing. Sie war hoch in den Dreißigern, groß, von etwas knochigem Wuchs, und ging in schwarzen, enganliegenden Kleidern, die einer längst verflossenen Mode airgehörten. Das brünette Haar trug sie über der Stirn gescheitelt, und ihr Gesicht mit den über der 9kase zusanimenstoßenden Augenbrauen, Len ein wcnrg herabgezogenen Mundwinkeln und den Falten auf der Stirn bekam dadurch einen ernsten, beinahe strengen Arisdruck. Mary, die zweite, die um vier Jahre jünger war, ähnelte der älteren Schwester. Aber sie war weniger groß, ihr Wuchs war voller und das .Haar ging mehr ins Dunkelblonde. Und dann war die Jüngste da. Anne war der verzogsne Liebling der beiden anderen, für die sie trotz ihrer neunundzwanzig Jahre noch immer „die Kleine" geblieiben war, wie man sie früher im Hause genannt hatte, als die Eltern noch lebten. Sie hatte das rundliche Gesicht der Mutter geerbt, und das sanfte Braun ihres leise gewellten Haares stand gut zu der frischen Farbe ihres Gesichts. Sie war die Beweglichste und Hübscheste und hatte eine angenehme Stimme. Zuweilen an den Abenden, wenn die stille Melancholie des Hauses drückend in allen Zimmern lag, stimmte sie ein Lied an. das sie leise, mit halb verhaltener Stimme sang, als fürchte sie sich, den Frieden des Hauses zu stören, der seit Jahren wie ein Heiligtum gehütet wurde. Aber e8 kam nicht häufig vor, daß es den Schwestern recht war, wenn sie sang, und ein Blick, eine ungeduldige Bewegung der anderen verschlossen ihr wieder den Mund.
Ruhig und ohne Aufregung vergingen den drei Mädchen die Tage. Verkehr hatten sie fast gor nicht. Nur einige alte Damen, die Papa nnd Mama noch gekannt hatten, kamen zuweilen zu Besuch. Aber diese Besuche
wurden mit den Jahren immer seltener, und der Alltag spann das alte Haus und die drei Schwestern mit grauen Fäden dichter und dichter ein.
Dafür aber hatten sich die drei mit innigster Lieb« aneinander geschlossen. Sie wären unglücklich gewesen, wenn sie sich je entzweit hätten. Außer ihrer schwesterlichen Liebe waren es vor allem ihre Erinnerungen, durch die sie sich unauflöslich verbunden fühlten.
Früher, als Papa noch lebte . . . Papa pflegte ja immer zu sagen . . . wenn ich noch daran denke, als Papa eines Tages . . . Papa, Papa! Das 'war daS große Thema, das niemals zu Ende gebracht wurde in den langen Jahren. Denn Papa war der Abgott aller gewesen, und seitdem er gestorben war. hatte kein Ereignis das Herz seiner Kinder je wieder mit solcher Gewalt bewegt. Es war, als ginge er noch unsichtbar im Hause umher, mischte sich in die Unterhaltung, be» stimmte das Tun und Handeln uird nahm an den stillen, kleinen Überlegungen teil, die «das Leben erforderte. Es lvar beinahe, als wäre er nur auf einige Zeit verreist und müsse jeden Augenblick wieder hereintreten und sagen: „Sieh, da seid ihr ja, Jane und Mary und die Kleine auch! Nein, wie ihr euch gut geholten habt die Zeit, so lange ich weg war. Ach, ihr könnt euch nicht denken, wie glücklich ich bin, wieder zu Hause zu fern!"
Er toar Beamter der Steuerbehörde gewesen und hatte ein genau so abgezirkeltes, ruhiges Leben geführt, wie cs jetzt seine Töchter taten. In seinem Zimmer, oben in der Mansarde, wo er seine Sammlung ausde- tvahrt hatte — er war ein eifriger Sammler von Spazierstockgriffen gewesen — hielten die Mädchen alles genau so imstond, wie es zu seinen Lebzeiten gewesen ivar, als handle es sich darum, das Zimmer eines Großen, an dessen Leben die Nationen Anteil genommen, zu erhalten. Da lehnten die zahlreichen Stöcke an den Wänden, die der Verstorbene gesammelt, Stöcke mit wunderlichen Griffen aus Holz, Elfenbein, Knochen, Silber, Nilpferdzahn, Hirschhorn usw. Das kostbarste Stück der Sammlung aber, das in einem gefütterten Etui aufbewahrt wurde, war ein Stock aus Ebenholz mit Perlmuttereinlagen und einem vergoldeten Knopf, der kunstvoll ziseliert war und ein Eniaillebildchen trug, auf dem ein geflügelter Amor mit Köcher, Bogen und Pfeilen dargestellt war. Auf einem Tischchen stand eine verblichene Photographie deS Verstorbenen, die an jedem Gedenktag mit Blumen geschmückt wurde. Der Sessel stand noch so, wie er am Todestage gestanden batte, und die Stahlfeder, mit der die letzte Eintragung m das Register der Sammlung gemacht worden war, lag noch genau an derselben Stelle.
Nun wäre wirklich nichts Besonderes rm8 dem Leben der drei Schwestern zu berichten gewesen, wenn nicht eines Tages etwas eingetreten wäre, daS alle Verhältnisse im Hanse mit einem Schlage geändert und Bewegung in das stille Leben der drei Schwestern ge» bracht hätte.
