i . Morgen-Beilage der Wiesbadener Tagblati s. £■=» !
Nr. 66. Freitag. 19. Marz. 1915 -
(23. Fortsetzung.)
Dore.
Roman von E. Krickrberg.
Nachdruck verboten.
„Hahaha!" sie lachte schneidend auf, daß es ihm m den Ähren gellre. „Das ist recht, das ist die gerühmte Greningsche Gastlichkeit! Erst setztest du alle Mittel in Bewegung, mich ahne den Willen meiner Eltern herbeizulocken, machst mir Versprechungen und schöne Redensarten, gibst leichtfertig meinen guten Namen Preis, indem du mir vor aller Welt den Hof machst, und gestattest, daß man Kombinationen über eine Verbindung zwischen uns beiden daran knüpft, — und jetzt setzest du dich aufs hohe Pferd und wagst, mir eine moralische Vorlesung zu halten? Das ist ja sehr ritterlich. Was blieb mir anderes übrig, als selber dafür zu sorgen, daß ich nicht schutzlos dastand, wenn es dir be- lickte, dein Spiel mit mir abzubrechen? Danken solltest du mir, Heinz von Grening, daß ich dich so ohne weiteres laufen lasse."
„Pfui!" rief Heinz, sich innerlich vor Ekel schüttelnd, „jetzt zeigst du dich ganz, wie du bist! Du willst eine Grening sein? Pfui — pfui! Du gibst mir eine bittere Lehre . . ."
„Pah, ich mache mir nicht so viel daraus, was du und deinesgleichen über mich denken." Sie schnippte mit dem Finger. ,Hch lache eurer Mehlsuppenmoral, ihr Tugendsimpel! In der Welt wird man nicht nach seiner edlen Gesinnung, sondern nach seinen Erfolgen gewertet, — und ich werde meinen Weg machen auch ohne dich, verlaß dich darauf! Verkrieche dich mit deiner einäugigen Dulzinea meinetwegen in eine Schäferhütte und ersterbt beide in Biederkeit und Philisterhaftigkeit! Weißt du, was der einzige Unter- schick zwischen jenem Mädchen und mir ist? Ich gestehe ehrlich ein, was ich bin und wonach ich strebe, — und sie wühlt wie der Maulwurf im stillen, spielt die edel- mutig Entsagende, weil sie damit den Greningschen Tick, den Moralitätsdusel. am besten ködern kann . . . Hahaha. wie du an ihrem Jaden zappelst! Zum Tot- lacfym ist's" Aber ihr Lachen brach mit einem schrillen Mißton ab. Er hatte vergebens versucht, ihr den
t iund zu verbieten, wie ein Wasserfall stürzten die wrte über ihre Lippen, — jetzt packte er sie ohne weiteres am Arm mit einem so festen Griff, daß ihr ein Schmerzenslaut entschlüpfte: „Schweig, oder ich züchtige dich, wie es eine zügellose Megäre verdient."
Stumm schritt er neben ihr bis zu einer Seitentür des Schlosses, sie schlüpfte hinein, ohne den Blick au ihm zu erheben, und er ging in den Park zurück. Fm Pavillon traf er den Grafen, seiner wartend.
Schliefen hatte inzwischen Zeit gehabt, seine Fassung und seine Überlegung wieder zu erlangen, und er mußte sich eingestehen, daß die Sachlage im höchsten Drade fatal und wenig ruhmvoll für ihn war. Er plhlte sich beschämt und vor sich selber erniedrigt, und es bedurfte einiger Anstrengung, daß er Heinz beherrscht entgegentreten konnte.
Die Unterredung -er beiden Herren war kurz und
hchaltreich.
Schliefen sprach Heinz sein tiefstes Bedauern über die Angelegenheit aus und stellte sich ihm völlig zur Disposition, — nur heiraten würde er Fräulein von Grening nienmls. Heinz verlangte eine Erklärung dafür, und Schliefen sah sich, so peinlich es ifym war, den guten lllamen einer Dame hinter ihrem Rücken anzutasten, gezwungen, unumwunden einzugestehen, daß Fräulein von Grening nicht hoch in seiner Achtung stände. Er habe zwar einen Champagnerrausch gehabt, der sei aber nicht derartig gewesen, daß er den guten Ruf einer Dame seiner Kreise leichtfertig aufs Spiel gesetzt haben würde. Wenn er Fräulein von Greilings Wunsch, Kühlung im Park zu suchen, bereitwillig nach- gekommen sei und sich von ihr bis nach dem Pavillon habe führen lassen, so sei es geschehen in dem Bewußt- sein, daß für Fräulein von Greniilg dabei nichts auf dem Spiel stand. Schon lange habe er Fräulein von Grening von Ruf, und nicht vom besten Ruf, gekannt, ehe er sie auf Lnisenwerder auch persönlich f-cnuen gelernt hätte, und -wenn Heinz nicht ihr Vetter wäre, würde er im Offizierkorps seines Regiments allerlei Pikantes über sie habe hören können. Sie sollte schon verschiedene, nicht unbedingt reinliche Liaisons gehabt haben, aber -das seien nnkontrollieribare Gerüchte, die ein Kavalier nicht zu seiner Entschuldigung anführt.
Im letzten Winter sei in Berlin ein Prinz Brons- koff anfgetaucht, der in den Klubs, auf den Rennplätzen und selbst in den Salons der ersten Gesellschaft viel von sich reden gemacht, den raffinierten Lebemann gespielt und viel Geld ausgegcken habe. „Es hieß, >daß er sich in irgend einer legendären diplomatischen Mission in Berlin aufhalte", fuhr Schliefen fort, „aber ich glaube, er war eher ein Zigeuner. Kurzum, dieser „Prinz" oder Abenteurer hat der schönen Grening auffällig den Hof gemacht, so auffällig, daß eigentlich nur eine Verlobung darauf folgen konnte. Die Verlobung blick aber aus, und eines Tages Uxir Bronskoff ans der Residenz verschwunden. Er soll falsch gespielt und auf den Rennplätzen Schiebungen geinacht haben, -da aber verschiedene hochstehende Kavaliere in die Sache ver- glückt waren, hat man sie still unterdrückt und den famosen Prinzen einfach abgeschoben. Auch Fräulein von Grening verschtvand für eine Weile vom Schauplatz. Das wäre zu verstehen gewesen; für eine feinfühlige Dame mußte es unerträglich sein, den Gegenstand allgemeinen Spottes zu bilden, und sie mußte naturgemäß Vorziehern irgendwo in der Verborgenheit abznwarten, bis die Angelegenheit vergessen tvar. Aber Fräulein von Grening hielt sich aus einem anderen Grund in der Verborgenheit auf, sie lckte in einem kleinen fakhionablen Badeort der Schweiz höchst ungeniert tritt dem „Prinzen" zusammen. Ein Kamerad, der zufällig dorthin verschlagen wurde, hat sie beide gesehen, und er hat konstatiert, daß sie sich als Mann und Frau ins Fremdenbuch einge- tragen haben. Eine Sanktionierung des Verhältnisses durch eine nachträgliche Verbindung hat bis jetzt nicht
