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i -—m Morgen-Beilage der Wiesbadener Tagblatts, i-——«i

Nr. 65.

Donnerstag. 18. MLrz.

1915.

(B8. Fortsetzung.)

vore.

Roman von E. Krtckeberg.

Nachdruck verboten.

Er stand vor ihr, überrascht, sprachlos. Diese kleine, sanfte Dore enthüllte ihm immer mehr eine Kraft und Energie, die er nicht im entferntesten in ihr geahnt hätte. Mit welcher Sicherheit sie ihre Stellung ein­nahm, ohne Prüderie oder Prätension, und mit welcher Entrüstung sie wieder das vermeintliche „Almosen" zu- rückgewiesen hatte. Sein Herz tat einen Freuden­sprung: wenn das nicht Liebe wart . . .

,^Jch weiß, daß es dir schwer werden wird, auf Kiddy zu verzichten", fuhr sie fort. „Du hast ihr rn letzter Zeit öfter gezürnt, aber nur um meinetwillen, und du würdest sie längst zu deiner Braut gernacht haben, wenn ich nicht dagÄvesen wäre. Anfangs ist es mir entsetzlich peinigend gewesen, ohne meinen Willen zwischen euch zu stehen, jetzt stelle ich mich gezwungener­maßen dahin; aber glaube nur, daß es nur bitter schwer wird."

„Rittincier muß dir schlimme Dirrge über Liddh ge­sagt haben, daß du dich so weit deines Stolzes ent- außern kannst, Dore!"

„Frage mich nicht, Heinz, ich mag das nicht wieder­

holen."

„Nun, Dore, ich bin kein Kind, und rch werde eines Tages zu wisseir verlangen, tvarmn Liddy eine Un­würdige ist. Nur heute nicht! Ich bin so glücklich, so früh, der heutige Tag hat eine so hohe, so weihevolle Bedeutung für mich, daß er mir nicht mit so abscheu- lichen Dingen beschmutzt werden soll, wenn ich es ver­hindern kann. Viel interessanter als alles andere ist mir augenblicklich, zu erfahren, was du zu tun gedeirkst, nachdem ich dir zu Willen gewesen bin und auf Liddy, trotz meiner unbezwinglichen Liebe z» ihr, wie du üoeißt", er lachte kurz auf. „verzichtet habe. Was wird dann aus uns beiden?"

„Was kommt es bei dem allen auf mich an, Heinz? Ich werde gehen, in die Welt hinaus, wohin, weiß ich jetzt noch nicht, aber mir ist nicht bange, ich tverde auch 4n der Fremde mein Brot verdienen. Jedenfalls bleibe sch nicht länger hier, ich will nicht noch einmal im Leben in die Lage kommen, mich als Bleigewicht an dich hän­gen zu müssen." Ihre Stimme erstarb in einem Auf- schluchzen.

„Es ist, um aus der Haut zu fahren!" sagte er halb belustigt, halb verzweifelt. „Nun, Dore, morgen soll mit all diesen Unklarheiten und Mißverständnissen auf­geräumt werden, ein- für allemal; aber zuvor soll «rein Haus wieder rein sein. Komm jetzt, meine arme kleine, tünchte Dore, quäle dich nicht länger mit Hirngespinsten -und schlimmen Ahnungen, wir kommen ja doch nicht

E das auf, was stärker ist als wir. Gib mir jetzt t Arm, lchne dich fest auf mich, ich bin dein natürlicher Schutz und werde es immer bleiben, das laß dir genug sein für heute. Versprich mir, daß du alles bis morgen ruhen taffen willst, ja? Nicht mehr daran denken? Nicht mehr deinen annen Kopf zerquälen oder gar weinen?"

Er hatte sie fest an sich gezogen, und Seite an Seite schritten sie dahin. Eine süße Beruhigung, ein Gefühl sicheren Geborgenseins kam iiber sie. Erst jetzt fühlte sie, wie müde sie war, ganz gebrochen von dem schweren Kummer der letzten Zeit. So müde, daß sie am lieb­sten ihren Kopf an seine Brust gelehnt hätte zu einem Schlummer, aus deni kein Erwachen ist. Und willen­los litt sie, daß er sogar seinen Arm stützend um ihre Hüfte legte.

„Als ich vorhin mit dir tanzte, Dore", flüsterte er, „das erste Mal wieder nach langer Zeit und so ganz anders als früher, da hätte ich dich aiu liebsten auf meinen Arm nehmen und dahin tragen mögen, wo wir beide ganz allein wären und kein fremder Mensch zwischen uns treten oder uns auch nur mit seinen Blicken treffen könnte. Wie wollte ich dich pflegen und hüten! Kein rauher Windhauch sollte dich treffen, — meinst du nicht, daß du unter so treuer Hut auch endlich ganz gesunden würdest? . . . Fühlst du dich schwach?" fragte er, sich unterbrechend, dringlich, „war die Aufregung zu groß für dich? Seitdem ich weiß, daß du leidend bist, ängstige ich mich halbtot um dich."

Ihr Herz zog sich zusammen in brennender Reue, daß sie diese Angst ohne Grund über ihn gebracht, — doch jetzt durfte sie erst recht nicht die letzte Schranke nisderreißen, die ihn von ihr trennte.

„Ich bin nicht müder als gewöhnlich", sagte sie mit halber Stimme, hastig, um über die Lüge hinwegzu- kommen. „Aber laß mich jetzt allein gehen, Heinz, da ist schon mein Häuschen, und man vermißt dich sicher bereits im Schloß."

„Laß sie doch", sagte er leichthin, und mit einem Seufzer fügte er hinzu: „Ich wünschte, ich brauchte nicht mehr in die Gesellschaft zurück."

Er führte sie bis an die Tür ihres Hauses, und ehe er sie freigab, legte er schnell noch den zweiten Arm um sie, und sie an seine Brust pressend, hielt ec sie einen Augenblick fest umschlungen.

„Gute Nacht, mein Dorchen, inein Lieb!" flüstert« er ihr ins -Ohr. „Weißt du auch, daß du diesen ganze» Abend schon meine Braut dvarst? Meine wirklich« Braut? Siehst du, — und ich gehe heute auch nicht ohne den Verlobungskuß von dir!" Und ehe sie noch wußte, wie ihr geschah, brannten seine Lippen auf den ihren in einem langen, heißen Kuß. „Gute Stacht/ mein Lieb", flüsterte er noch einmal, und dann war er jenseits des Gartenzauns verschwunden.

Er eilte durch den Park dahin mit einem Herzen> das zum Zerspringen voll war von jubelnder Glück-« seligkeit, gegen die kein Zweifel, keine Bangigkeit auf« kommen konnte. Der Gedanke, jetzt zu der heiteren Ge­sellschaft zurückkchreu zu müssen, war ihm unerträglich? er meinte, jeder müsse es seinen Lippen ansehen, daß sie soeben beit ersten Liebestuß geküßt, und die Bück« der Fremden würden ihn treffen wie eine Entweihung.

Er machte einen großen Umweg durch die dunkel­sten Gänge des Parkes. Den Hut in Ser Hand, ließ er

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