M fa—a i Morgen-Veilage des Wiesbadener Tagblatlr. i» . m
Nr. 64. Mittwoch. 17. März. 1915.
( 81 . FortsrbunU.)
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Roman von E. Krickebrr«.
Nachdruck v»r-»t«n.
„Ec soll sich heute entscheiden!" hatte Frau von Grening gesagt, — eine Himmelangst erfaßte Dore, wenn die Eltern sie zusammen tanzen sahen!
„Ich bitte dich, Heinz, laß mich..." Da blickte sich Liddy in der Saaltür nach ihnen nm. Sie blieb stehen und betrachtete Dore mit einem spöttisch mitleidigen Mick. In demselben Augenblick hob Dore mit der gleichen energischen und ruhig sicheren Bewegung den Kopf, wie gestern im Gewächshaus. Sie legte die Hand auf Heinz' Arm und ließ sich von ihm in den «Saal sichren.
Ein Taumel der Wut erfaßte Liddy. sie tanzte nicht, sie vaste wie eine schöne Furie durch den Saal. Schliefen hatte nur einmal im Laben mit einer jungen hübschen Zigeunerin drunten in Spanien so getanzt, wie jetzt; fein Mut begann zu sieden, er verlor alle klare Besinnung, weder Heinz' Warnung noch fein eigenes Engagement hielten ihn davon ab. sich Hals über Kopf in das nach ihm ousgeworfene Netz zu stürzen.
Heinz hatte Dore trotz ihres Sträubens fest an sich gezogen, aber während er sich mit voller Seele dem Tanz hingab, vergaß, er nicht einen Augenblick, daß das zarte Geschöpf an seiner Brust der Schonung bedürfe, sein starker Arm trug sie fast Wer das Parkett. —
„Was wird -eine Mutter sagen?" sorgte sich Dvre, als sie hochatmend stehen blieb.
„Sie wird furchtbar schelten", neckte er, „komm, daß wir um Verzeihung bitten!" Aber sie schalt nicht, sie strich dem Pflegetöchterchen leise mit der Hand übers Haar. „Das ist recht, Kind, frühlich sein mit den Fröhlichen."
Und wieder mußte Dore denken, daß eine ganz besondere, bewußte Innigkeit in ihrer Stimme und ihrer Berührung läge.
Die jungen Damen suchten Dore auf, sie waren empört über Liddy, die ihnen mit ihrer Koketterie die Herren wegschnappte. „Sie ist so ganz anders wie ihre Verwandten hier! Jst's denn wahr, daß Heinz Grening sich um sie bemüht? Du mußt's doch wissen, Dore, du bist ja seine Vertraute! Er hat doch offenbar nur mit dir getanzt, um sie zu ärgern, sie war außer sich, kann ich dir sagen! Wenn er sie heiratet, brechen wir den Verkehr mit ihm ab, Manra sagt, sie sähe aus wie eine Halbweltdame. . ." So schwirrte es um Dore herum, daß sie sich hätte die Ohren zuHalten und entfliehen mögen. Endlich nahm die alte Exzellenz sie in Beschlag.
Frau von Bühler, eine leidenschaftliche Blumenlieb- hviberin und Züchterin, hatte von Dores Erfolg auf der Ausstellung gehört und gratulierte ihr in warmen Worten. Es dauerte nicht lange, so waren die beiden initten im Festestrubel in ein Gespräch über Koniferenzucht und FriMeetkuttur vertieft. Herr von Bühler trat hinzu einige ältere Herren und Damen der Nackcharschaft schlossen sich noch an, schließlich war ein großer Kreis von Gartenfreunden und Landwirten
um Dore versammelt, und die kleine Gärtnerin hatte eine vollwichtige Stimme unter ihnen.
Hier waren Titel und Rang Nebensache, hier galten allein Wissen und solide Tüchtigkeit, und darin war Dore den Aristokraten ebenbürtig. Man achtete sie um ihrer selbst willen, und als der alte Herr von Grening, der eine Weile den Ausführungen der Gartenfreunde stillschweigend zugehört hatte, zu seiner Gemahliir trat, meinte er vergnügt: „Vielleicht ist's recht gut, daß es so gekommen ist; sie wird ihren Platz als Frau von Grening in der Gesellschaft schon auszufüllen wissen."
Heinz tanzte so eifrig, wie es die jungen Mädchen nur wünschen konnten, da war mehr als eins, 'das sich heimlich Hoffnungen auf ihn machte, aber als dis Büfettpanse kam, eilte er wieder zu Dore: „Ich hoffe, du erbarmst dich meines Hungers, Dorchen."
Er hatte sie in seinem Leben nie anders als Dore genannt, sie sah ihn ordentlich erschrocken an, und als sie in sein lachendes Antlitz blickte, überfiel sie wieder die ratlose Verlegecrheit, die sie in letzter Zeit Immer verspürte, wenn sie mit ihm allein war.
„Etwas Hummersalat, bitte, amd wenn es sein kann, ein wenig kalte Rebhichnpastete. Ich sorge indessen für den Wein; dort den kleinen Ecktisch habe ich für nns reserviert."
Dore war aufs höchste bestürzt. Das ging doch um die Welt nicht, er provozierte ja geradezu die Gäste seines Hauses: sie war doch nicht eine Respektsperson für ihn oder seine Bra>ut! Aber er war bereits davongeeilt, ihr die Sorge für die Speisen überlassend. Geschah das alles, nm Liddys Eifersucht zu reizen?
Mit zitternden Händen füllte sie die Teller init den gewünschten Sachen, und in jeder Hand einen, suchte sie sich so geschickt wie inöglich durch das Gedränge «m das Büfett zu schieben. Heinz stand bereits an dem bezeichneten Tisch, die Gläser füllend. Er winkte ihr. Unmittelbar hinter Dore kam Liddy; sie sah dak Zeichen, das Heinz Dore gab, im nächsten Augenblick war das weiße Kleid Dores von oben bis unten mit Himbeersaft übergossen.
„© Barmherzigkeit! — Was ist passiert? — Sie haben mich gestoßen, Fräulein Werlich, die ganze Him- beevsauce von meinvnr Teller ist ans Ihr Kleid geflossen! — Was nun? — Das schöne Kleid! Sie werden ja gar nicht in der Gesellschaft bleiben können in diesem Zustand." Und Liddy ricib mit ihrer Serviette hastig an Dores Kleid nncher, nm die Himbeerflecke so breit wie möglich auseinander zu streichen.
Dore war leicherchlaß: „Bitte, lassen Sie das, ich benötige Ihrer Hilfe nicht."
Heinz kam herzugeeilt. „Was ist denn geschehen?" rief er bestürzt, als er die Tränen in Dores Auge sab.
„Bitte, nimm mir den Teller ab, ich muß gleich nach Hause gehen."
„Denke nur, Vetter, wie gräßlich, Fräulein Werlich stieß mich ans Versehen und da . . ."
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