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■) Morgen-Beilage der Wiesbadener Tagblalts. >» —»i

Nr. 63.

Dienstag, 16. Marz.

1913.

(20. Fortsetzung.)

Oore.

Römern von E. Krickebrrg.

Nachdruck verboten.

„Das ist ein wenig eigenmächtig gehandelt, meine Liebe, so weit sind wir Wohl noch nicht!"

Dore hatte schon die Hände an der Ikadel und nestelte mit zitternden Fingern an dem altertümlichen Verschluß herum. , , _

„Ich Hab' das gewußt! Ach bitte, liebe Tante, nehmen Sie mir den Schmuck wieder ab!"

„Wünschest du wirklich, daß sie ihn wieder ablegt, lieber Ottomar?" fragte Frau von Grening ernst, aber es lag viel Zuversicht in ihrem Ton.

„Ja, bitte da — da ist sie", rief Dore.

„Stecken lassen!" knurrte Herr von Grening. „Willst du sie wohl stecken lassen, kleiner Undank) — da ist ja nun doch nichts dagegen zu tun, wcnn's die Frau erst will!" Es sollte zornig herauskommen, aber ein tiefer Herzenston klang durch das Brunrmen hindurch, und er wischte sich hastig Mer Stirn und Augen.

„Ottomar", flüsterte seine Gemahlin, seinen Arm nshmend, „es ist das Recht der Jugend! Gönne es ihnen, wir waren auch einmal jung und glücklich!"

„Nun ja doch, ja doch! Er hat mir ja doch den Dolch auf die Brust gesetzt, der Schwerenöter: entweder — oder, nun, dann doch das zehntausendmal lieber als das andere?

Was stehst du denn da, Kleine, und starrst mich so vorwurfsvoll und bänglich an? Sollst sie ja behal­ten, mal mnjjte sie ja doch verschenkt werden, und an dir sehe ich sie schon am liebsten. Du wirst sie zu schätzen wissen!" Er klopfte ihr im Vorbeigehen zärtlich auf die Wange: „Bist ein kleiner Eigensinn, alles nimmst du gleich übel!"

Dore schritt hinter ihnen nach dem Saal hinüber. Sie wußte nicht, was sie aus Herrn von Grenings Worten machen sollte, und sie fühlte sich im höchsten Grad unbehaglich in dem oktroyierten Schnuickstück, mit dem es doch eine eigene Bewandtnis zu haben schien.

Heinz war bereits im Saal, und gerade, als Herr und Frau vou Grening mit Tore eintraten, kam Liddy von der entgegengesetzten Seite, strahlend in Schönheit und Toilettenglanz, hereingerauscht. Aber Heinz sah nur Dore. Mit ausgestreckten Händen eilte er aus sie zu.

„Liebe Dore, welch reizende Überraschung, daß du da bist! Ich danke — danke dir, wenn ich auch wohl nicht annehmen darf, daß du meinetwegen gekommen bist . . Da sah er auch die Nadel, und er stockte wie sein Vater vorhin, ein leises Not stieg blitzschnell in sein Gesicht, seine Augen strahlten auf. „Mutter!" stieß er hervor, die alte Dame glückselig fragend an- sehend. Diese nickte ihm lächelnd zu, während sein Vater bemüht war, seine Rührung und sein Vergnügen unter der Ddaske widerstrebenden Unmutes zu ver­bergen. Dore sah ratlos verlegen von einem zuni an­dern, und als sich jetzt wie aus Kommando die Augen

aller drei Grenings auf sie richteten, faßte sie unwill­kürlich nach der Nadel und deckte die Hand darüber.

„Was habt ihr denn?" fragte Liddy, neugierig her­zutretend. „Ah, Fräulein Werlich auch da? Der Schmetterling hat einmal seine Puppe verlassen und sieht sich in der Welt um."

„Da kommt Graf Schliefen, Liddy", unterbrach sie der alte Herr kurz, „er will dich begrüßen." Heinz aber ergriff hastig die Hand seiner Mutter und küßte sie bewegt und innig, und als er dann an Dore vorbei- schritt, um Schliefen zu empfangen, flüsterte er ihr schelmisch zu: „O, Dore, heute ist ein großer Tag!"

Liddy flatterte unter den Gästen umher, bald hier, bald da tauchte ihr pikantes Köpfchen mit dem brillant- besetzten Halbmond darüber auf, — nicht Dore, sie war der Schmetterling, der unstet und launenhaft umher- gaukelte. Sie fühlte sich in ihrem Element, ihre Augen glühten und sprühten, ihre Schörcheit war sieghafter denn je.

Zu Anfang hatte sie nur für den einen ihre Reize entfalten wollen, Mer als sie nach seinem Arm gefaßt hatte: „Komm, Heinz, sei nicht sauertöpfisch, wir wollen Frieden machen!" hatte er kühl ablehnend auf seine Hausherrnpflichten hingewiesen, die ihm nicht gestatte­ten, sich nur einer Dame zu widmen, und so kokettierte sie jetzt mit allen, ihm zum Trotz; die Eifersucht sollte ihn packen und ihn zu ihren Füßen zwingen. Sie wollte heute siegen, — nein, vielmehr sie mußte cs, —- sie spielte va bauque.

Als sie ihr trostloses Heini mit den unerquicklichen, häuslichen Szenen, den gvgenseitigeii Gehässigkeiten, dem Mangel ani Nötigsten, den drängenden Gläubigern, das Heim urit aller seiner Hohlheit und Scheinvornehm­heit verlassen hatte, da hatte sie sich einen Eid ge­schworen, nur noch einmal auf kurze Zeit dorthin zurück- znkehren, um pflichtschuldigst die Brautzeit zu Haus» zu verleben. Ihr graute vor diesem Leben, das ein Durchwinden, Durchlügen von einem Tage ans den an­deren bedeutete, sie hatte es satt bis zürn Ekel, sie wollte in ein anderes, wärmeres Nest schlüpfen, iind Luisen- Wender war ihr gerade gut genug dazu. Den Heinz nahm sie schon mit in den Kauf, er war ein allzu gut­mütiger, etwas sentimentaler, philiströser Junge, dazu mit einer tüchtigen Portion Eigensinn begabt, — aber Wenn sie ihn nur erst hatte, ihr Kopf war noch eiserner als seiner, und di? alberne Weichmütigkeit würde sie ihm schon Mgewöhnen. Die edelmütigen, törichtem Prinzipien, das uickequeine Pflichtbewußtsein, sie würde das olles schon unterkriegcn, — nur erst Gewalt über ihn besitzen. Außerdem war es für sie, die keine andere Mitgift als ihre Schönheit besaß, auch die höchste Zeit, einen Mann einzufangen. Sie war Mitte der Zwanzig, und ans ihrer Weißen Stirn zwischen den Augen be­gann bereits ein kleines Fältchcn sich einzunisten, — und dann — die Gesellschaft hatte begannen, sie z« durMchauen, sie fallen zu lassen. So war sie ent­schlossen, an diesem Abend zum Ziel zu gelangen, —