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Nr. 62. Sonntag. 14. März. 1915.

(19. Fortsetzung.)

vore.

Roman von E. Krickrberg.

Nachdruck verboten.

Heinz lief mit großen Schritten im Zimmer auf und ob. „Das sind abscheuliche Geschichten", stieß er her­vor, „ich werde sie bis auf den Grund erforschen und dann strenges Gericht halten, verlassen Sie sich dar­auf! Wenn ein anderer mir mit Liesen Anschuldigun­gen gekommen wäre, ich wände nicht geduldig zngehört hoben, aber ich weiß, daß Sie nichts sagen, was Sie nicht verantworten können, und daß Sie uns aufrichtig zugetan sind. Wenn ich nur meinen alten Eltern öte trübe Erfahrung ersparen könnte! Es ist mir schmerz­lich genug, daß Fräulein Werlich mit hineingezogen ist."

„Ich habe nicht ahnen können, daß ich gezwungen sein würde, mit Ahnen selber diese peinliche Angelegen­heit zu verhandeln. Wie die Sachen lagen, mußte ich Fräulein Werlich für die einzige geeignete Persönlich­keit halten, einem schlimmen Einfluß des Fräuleins von Grening zuvorzukommen."

Es war einen Augenblick still im Zimmer, ein drückendes Schweigen, bis Rittmeier wieder das Wort nahm: „So darf ich also znm Ersten nächsten Monats — nein, lieber sogleich — morgen gehen? Der alte Gärtner wird gern einstweilen meine Geschäfte be­sorgen."

Heinz fuhr aus seinem Sinnen empor.

„Müssen Sie, Klaus?" Er sah ihn mit ernstforjchen- dem Blick an, und er las aus Rittmeiers ehrlichen Äugen die schmerzliche Bestätigung, daß er wirklich mußte. Da reichte er ihm mit herzlicher Bewegung die Hand hin.

„So sei es denn, Klaus, obwohl es mir schwer wird. Sie gehen zu sehen. Mein Water, der Sie immer hochgeschätzt hat, wird kaum mit meiner schnellen Zu- sage einverstanden sein, äber ich ahne, was Sie fort- treibt, und Sie tun wohl recht daran, zu gehen. Lassen Sie uns das so auffassen, daß es zu Ihrem Bosten ist, wenn Sie sich bald einen größeren, mehr Ihren Fähig­keiten entsprechenden Wirkungskreis suchen, dann wird uns das Scheiden leichter werden. Daß Lursenwerder Ihnen stets offen steht, wissen Sie, betrachten Sie es als Ihre Heimat und uns als Ihre treuen Freunde und Angehörigen."

Plötzlich siel ihm Dore ein. „Ich mag gar nicht daran denken, tvas Fräulein Werlich dazu sagen wird, daß sie ihren guten Freund und Ratgeber fortan missen soll."

„Ein Ratgeber und Freund ist nicht unersetzlich. Herr von Grening, es ist meine große Hoffnung, daß Fräulein Werlich dafür eine unersetzliche Entschädigung eintanschen wird. Ich bitte, Herr von Grening, sagen Sie Fräulein Dore nichts von meinem Scheiden: erst wenn ich weg bin, bestellen Sie ihr meine letzten Grüße und den innigen Wunsch, daß sie von Herzen glücklich werden möge."

Heinz drückte warm seine Hand. „Was ich dazu tun kann, Klaus, soll sicher geschehen. Lassen Sie mich Ihnen noch danken von ganzer Seele, und seien Sie

versichert, daß nie auch nur der Schatten eines Wer»

dachtes gegen Sie in meinem Innern gewesen ist."

*

Im Schloß rüstete man zum Balle. Es war ein hastiges Hin und Her, das keinen richigen Gedanken au stammen ließ.

t Liddy war den ganzen Tag nicht sichtbar, sie hatte mit ihrer Toilette vollauf zu schaffen. Herr v. Grening, der große Festlichkeiten nicht gern sah und dein dieser Trubel in seiner letzten Stimmung vollends ungelegen kam, schloß sich in seiner Bibliothek vor der Ungemüt­lichkeit im Hause ab, während Heinz von Unruhe, Zwei­fel, Ärger und Ertvartung hinausgetrieben wurde. Die Büchse über der Schulter, den Hund zur Seite, streifte er im Feld umher, aber er dachte nicht ans Schießen, er zermarterte sich den Kopf, wie die widerwärtige Ange­legenheit in der für alle Beteiligten schonendsten Weise erledigt werden könnte. Er kannte jetzt den Grund für Dores verändertes Benehmen gegen Liddy; Rittmeiers Enthüllungen hatten es hervorgerufen, sie hatte den Freund schützen, nicht ihm näher treten wollen. Aber der Ausspruch über ihr „höchstes Glück auf Erden", für den doch keine zwingende Notwendigkeit Vorgelegen hatte? Und in Kummer und Zweifel blitzte doch immer wieder der Hoffnungsfunke aus.

Es war schon dunkel, als Frau von Grening durch den Park schritt, Dores Häuschen zu. Ganz unerwar­tet trat sie bei ihr ein. Sie müßte doch einmal sehen, tvas ihr Pflegetöchterchen mache, das sich jetzt in höchst unkindlicher Weise ihrer Beaufsichtigung entzöge, sagte sie lächelnd, und Dore fand, daß eine ganz besondere Innigkeit und Zärtlichkeit in ihrer Begrüßung lag. „Du vernachlässigst mich jetzt wirklich sträflich, Kleine, mir ist bange nach dir, hörst du wohl?" und sie faßte sie neckend am Kinn und schüttelte es.

„Ich komme jetzt wieder öfter, liebe Tante", sagte Dore mit einer gewissen hastigen Bereitwilligkeit, „im Winter habe ich ja nichts im Garten zu tun."

„O, dieser Garten! Man hat sich leider schon ge- wähnen müssen, ihm den Vortritt zu lassen. Was nähst du da so eifrig?"

Taute Riekchen unterbrach ihr geschäftiges Hin- und Herrennen einen Augenblick. „Denken Sie doch, gnä­dige Frau, sie will ja heut znm Ball aufs Schloß kom- men! Denken Sie doch! Das erste Mal wieder seit so langer Zeit, was sagen Sie dazu? Nun haben wir aber mit Schrecken gesehen, daß ihr Gesellschaftskleid ihr viel zu weit geworden ist, und sie muß es schleunigst einnähen, das arme Kind ist ja so mager und elend jetzt."

„Tante macht mich zu einem reinen Skelett", sagte Dore in halber Verlegenheit.

„Du willst kommen, ganz von selber, ohne daß du auf „höheren Befehl" geholt worden bist, wie in letzter Zeit immer?" Frau von Grening sah ihre Dore freudig erstaunt an. „DaS ist reizend, Kind, ich kam eben gerade, um dich für heute abend zu „befehlen^.