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Verlag Langgafse 21

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Sonntag. 14. März 1915.

Morgen-- Ausgabe.

Nr. 123. ♦ 63. Jahrgang.

Der Krieg.

von den östlichen Kriegsschauplätzen,

ver österreichisch-ungarische Tagesbericht.

Neue Erfolge in den Karpathen. — 1200 Russen gefangen.

\V. T.-B. Wien, 13. März. (Nichtamtlich.) Amtlich wird verlautbart: In Russisch-Polen und Westgalizien keine Veränderungen. Während des Tages Geschützkampf. Angriffe einzelner feindlicher Abteilungen wurden durch­weg unter Verlusten abgewiesen.

Die Kämpfe an der Straße Cisna-Baligrod in den Karpathen dauern weiter an. Eine Höhe, um die seit Lagen gekämpft wurde, gelangte gestern in unseren Besitz. Im Sappenangriff sprengten einige Truppen Teile der feind­lichen Stellung, warfen im folgenden Nahekampf den Gegner zurück und nahmen über 1200 Mann und mehrere Offi­ziere gefangen. Noch nachts wurden russische Gegenan­griffe auf diese Höhe sowie auf die Stellungen in den an­grenzenden Abschnitten unter schweren Berlusten des Feindes znrückgeschlagen.

An der Gefechtsfront in Südostgalizien und im Raume von Tschernowitz herrschte allgemeine Ruhe.

Der Stellvertreter des Chefs des Generalstabs: v. Höf er, Feldmarschalleutnant.

Die Stimmung in Ruhland nach dem letzten mit schweren Verlusten verbundenen Rückzug der Ruffen aus Ostpreußen ist, wie dem „B. T." aus Wien gemeldet wird, recht gedrückt. Die offiziellen Stellen suchen die Sache so darzustellen, als hätte der russische Gene­ralstab den Deuffchen mit dem Rückzug eine Falle gestellt, in die die Deutschen auch geraten seien, Daher erschöpfen sich die russischen Generalstabsberichte der letzten Tage in Be­richten über große Erfolge auf allen Fronten, die aber in Petersburg selbst skeptisch ausgenommen werden. Die ruffische Behörde hat umfassende Vorsichtsmaßregeln gegen Unruhen getroffen. Besonders fürchtet man. der schlechte Geist könnte auf die verwundeten und kranken Sol­daten übergreifen und damit aus die Armee selbst. Eine be­hördliche Verfügung verbietet, daß in die MilitärspitAer und Heilanstalten andere als die von der Hauptzensur geneh­migten Druckschriften gelangen. Jeder Besucher eines ver­wundeten Soldaten mutz sich genau legitimieren.

Ern neuer Köder für die Polen.

Br. Rotterdam, 13. März. (Eig. Drahtbericht. Ktr. Bln.) Reuter meldet aus Petersburg: Demnächst soll ein wichtiger Was des Zaren über „lokale Autonomie in Polen und die Anerkemrung der polnischen Sprache erlassen werden.

Graf Witte f-

W T--B. Petersburg, 13. März. (Nichtamtlich.)

Meldung der Petersburger Telegraphcnagentur:

Graf Witte ist gestorben.

Graf Sergej Juliewitsch Witte wurde am 17 (29) Juni 1849 in Tiflis als Sohn des Mitgliedes des Rates des Kaukasischen Statthalters geboren. Nach Absol- Vierung seiner Siudien aus der phhsilalisch-matpemaiischen Fakultät der Universität zu Odessa begann Witte seine Be-> amtenlaufbahn in der Verwaltung der jetzigen russischer, Südwestbahnen in Odessa und wurde bald einer der nächsten Mitarbeiter des Direktors der Russischen Dampfschiffahrts- gesellsckaft, des Admirals Tchichatscheff, der auch die Odeffaer Eisenbahnbahnlinie leitete. Während des russisch-türkischen Krieges 1877 bis 1878 erwarb er sich den Ruf eines vorzüg­lichen und umsichtigen Vcrwaltnngsmannes. 1879 wurde Witte auf den Posten des Vorstehers der Wirtschastsabtei- lung der Südwestbahnen berufen und verfaßte in dieser Stel­lung den Entwurf des noch heute in Ruhland geltenden „Statuts der russischen Eisenbahnen". Von 1888 Jbi§ 1888 war er erster Direktor der Südwestbahnen und führte als solcher, und zwar als erster in Rußland, die Beleihung von Getreidefrachten seitens der Bahnverwaltung ein. 1888 er­folgte seine Ernennung zum Direktor des Departements für Eisenbahnangelegenheiten am Finanzministerium und zum Vorsitzenden des Tarifkomitees, im Februar 1892 zum Ver- kehrsminister und schon :m August desselben Jahres zum Leiter des Finanzministeriums, das er bis zum 16. (29.) August 1983 dirigierte. An diesem Tage wurde er Vorsitzen­der des Ministerkomitees. Als erster Friedensbcvollmächtig- ter Rußlands vertrat er sein Vaterland auf der Friedens­konferenz in Portsmouth, die dem russisch-japa­nischen Kriege, vor dessen Ausbruch Witte seinerzeit warnte und deffen Vorgeschichte ihm die Stellung eines Finanz­ministers kostete, ein Ende machte (5. September 1905). Der für Rußland günstige Friedensschluß machte Witte in seinem Vaterland äußerst populär und er erffeute sich von diesem Zeitpunkt an ganz besonders der kaiserlichen G u n st, küe ihm am 8. Oktober >905 den Titel eines Grafen ein­brachte. Nach seiner Rückkehr aus Amerika, in dem Augen­blicke, als die Wogen der revolutionären Erhebung in Ruß­land am höchsten schlugen, sah sowohl die Regierung als auch der gemäßigte Teil der Gesellschaft in Witte den einzigen Kandidaten für den Posten eines Leiters eines tatkräf tigen Ministeriums der politischen Reform, auf dem er auch

nach Ausarbeitung des eine Verfassung verheißenden Mani­festes vom 30. Oktober 1905 berufen wurde. Die von ihm unternommene Ausgabe scheiterte jedoch sowohl an dem Miß­trauen der Liberalen als auch an den Intrigen der Hoflreise und der äußersten reaktionären Kreise, denen man sogar Attentate ans Witte zuschreibt. Am 5. Mai 1906 wurde Witte entlasten, und zwar unmittelbar nach Abschluß einer rus­sischen 500-Millionen-Franken-Anleihe auf dem Pariser Markte.

Die größte Bedeutung Wittes liegt jedoch auf dem Ge- biete der Finanzpolitik, der Wirtschafts- und Währuilgspolitik Rußlands. Im Laufe der elf Jahre seiner Finanzverwaltung hat er in erster Linie das russische Staatsbudget in moderner Weise reformiert, die Staats­schulden konsolidiert und dem ganzen Finanzwesen Rußlands durch Übergang zur Goldwährung einen festen Rückhalt ge­geben. Die riesenhaste Entwicklung des Etats förderte er durch eine Steuerpolitik, die sich hauptsächlich auf in­direkte Steuern und Einnahmen aus Staatsgütern und Domänen stützte. Zu diesem Zwecke führte er das Ver­kaufsmonopol des Staates auf Branntwein ein und begann die Privatbahnen in das Eigentum des Staates überzusührcn, ebenso ein weitverzweigtes Netz neuer Bahnen zu bauen, u. a. auch die große sibirische Eisen­bahn. In wirtschaftspolitischer Hinsicht versuchte Witte die Produktionsfähigkeit des Landes durch Einfuhr aus-, ländischen Kapitals und durch ein System von teilweise sehr hohen Schutzzöllen zu heben, was ihn jedoch nicht hinderte, für eine Handelsvertragspolitik einzutreten. Die Verhandlungen mit Deutschland zwecks Erneuerung des deuffch-russischen Handelsvertrages im Jahre 1904 fanden unter der persönlichen Leitung Wittes statt.

Witte galt, ob mit Recht, mag dahingestellt bleiben, als das Haupt der Friedenspartei, die in einem raschen Friedensschluß und wirffchaftlicher Anlehnung an Deutsch­land das Heil Rußlands erblickte. Wie in ollen Krisen im russischen Staatsleben der letzten 10 Jahre wurde er auch jetzt wieder von vielen als der kommende Mann betrachtet. Seine etwaige Friedenstätigkeit hat nun sein unerwarteter Tod für immer verhindert.

Oer Unterseeboolskrieg.

3um Untergang des englischen Hilfskreuzers „vajano".

Sr. Rotterdam, 13. März. (Eig. Drahtbericht. Ktr. Bln.) Über den Untergang des Hilfskreuzers „Bajano" wird noch gemechet: Der Kohlendampfer „Balmerino" sichtete auf der Reffe von Belfast nach Ayr die überlebenden des „Bchano", die auf Rettungsflößen umherschwcnmnen. Eine Gruppe der Schiffbrüchigen signalisierte mittels eines an- einen: Ruder befestigten Hemdes. Der „Balmerino" rettete 24 Mann:, die nur mit dem Hemd beweibet un­blutig verwundet waren. Alle waren mehr tot als lebendig, zwei liegen im Sterben. Ein bewaffneter Handels- dampfer nahm weitere sechs Überlebende des „Bajano" auf. Sie erwarten, daß das Schiff um 5 Uhr früh torpediert wurde. Die Explosion wäre gräßlich gewesen und habe auch die Rettungsboote zerstört Der „Bajano" ging in drei Minuten unter. Diejenigen der Besatzung, die nicht ge­tötet wurden, rangen im Master um ihr Leben und klammer- ten sich an Wrackstücke fest. Der Kapitän ging auf der Brücke mit dem Schiff unter.

Weitere Schifsstrümmer.

Haag, 12. März. (R.-W. Z.) Der in Boulognc einge­laufene Dampfer „San Malo" berichtet, daß er im Kanal das Wrack eines anscheinend englischen 2000-Tonnen- Dampfers in sinkendem Zustand angetroffen habe. Der Name des Schiffes sei nicht mehr erkennbar.

Was England alles als Konterbande behandelt.

W■ T.-B. London, 13. März. (Nichtamtlich.) Eine Be­kanntmachung in der „London Gazette" erklärt Rohwolle, Zinn, Petroleum, Rizinusöl, Parafin, Wachs, Schmiermittel für militärische Zwecke, brauchbare Häute und Ammoniak für absolute Konterbande.

Größere Machtbefugnis der englischen Zollbeamten.

London, 12. März. (Nichtamtlich) Das Unterhaus nahm in. drei Lesungen den Gesetzentwurf an, den Zollbeamten weitere Befugnis zu geben. In der Begründung wurde ge­sagt, daß neutrale Schiffe englische Häfen verließen mit nicht unter der Ladung angegebenen Vorräten, an denen die deut­schen Unterseeboote Bedarf hätten. Ein Schiff sei kürzlich mit 400 Gallonen Petroleum abgefahren, obgleich es kein Motorboot war, und die Zollbehörde konnte nichts dagegen tun. Um das zu verhindern, soll die Zollbehörde instand ge­setzt werden, die Aufgabe solcher Vorräte durchzusetzen.

Dem E-Boot entronnen.

Die Flucht vor einem deutschen Unterseeboot schildert der Kapitän des englischen Dampfers „Wrexham". der soeben nach Harwich zurückgekehrt ist. Wenn es dem Engländer auch diesmal gelungen ist infolge des Zusanimentrefferw günstiger Umstände zu entkommen, so dürfte seine Erzählung doch dazu beitragen, seinen Gefährten- das Ausfahren zu verleideu.

„Mr verlieben Harwich am Diensiagmorgen," so lautet der Bericht des Kapitäns, „und um 12 35 Uhr. als wir unge­fähr 40 Meilen von der holländischen Küste entfernt waren sichtete ich ein Unterseeboot mit zwei Masten. Das Boot, das

zu treiben schien, fetzte sich sofort in Bewegung und kam auf uns zu. Ich änderte den Kurs des Schiffes und befahl dem Maschinisten, größte Schnelligkeit cmfzu-bietcn. Alle entbehr­lichen Kräfte wurden nach unten geschickt, um die Heizer zu unterstützen, die ficherhaft arbeiteten, um das Letzte aus den Kesseln herauszuholen. Dank den Anstrengungen der Mannschaft konnte die Schnelligkeit von de: bisherigen Höchst­leistung von 1314 Knoten auf 15 Knoten erhöht werden, und diesem kleinen Unterschied verdanken wir unsere Rettung. Obwohl der „Wrexham" langsam einen Borsprung gewann, war die Gefcchr noch keineswegs beseitigt. Infolge der Nähe der Schowen-Sandbank mcrr ich gezwungen, den Kurs von Zeit zu Zeit in nördlicher Richtung zu ändern. Das Unterseeboot setzte die Verfolgung fort, bis wir ungefähr eine Melle vom Maas-Leuchtschiff enffernt waren. Wir wurden ungefähr 40 Mellen weit verfolgt, und der außerordentlich hartnäckige Feind gab das Rennen erst auf, als wir wohlbehalten in holländischen Gewässern angelangt waren. Wenn die Maschi­nisten und die Leute an der Feuerung nicht solch hervorragende Arbeit gelefftet hätten, so wären wir nicht entkommen, denn das Unterseeboot lief reichlich 14 Knoten. 4§s war ein sehr knapper Sieg. Der Führer des Unterseebootes hatte offenbar die Lkbstcht uns auf die Schowen-Sandbank zn drängen, aber es gelang ihm glücklicherweise nicht, uns den Weg abzu- schneiden. Der Umstand, daß die See bei scharfem Nordwäst- tmnd ziemlich hoch ging, dürfte ihn verhindert haben, ein Torpedo a^ufchietzen."

Holland gegen den Zlaggenmrtzbrauch.

W. T.-B. Amsterdam, 13. März. (Nichtamtlich.) Der „Staatscourant" schreibt: Gegen Handelsschiffe

fremder Nationalität, die rm niederländischen Gebiet sich aufhalten und durch Hissen der niederländischen Flagge oder durch internationales Namenszeichen, das einem niederländischen Handelsschiff gehört, oder durch Bemalung mit Namen oder anderen Unter­scheidungsmerkmalen aus dem Schiffsrumpf, den Schornsteinen oder der Takelage den Schein erwecken, daß sie die niederländische Nationalität besitzen oder einer niederländischen Reederei gehören, sollen ge­eignete Maßregeln angewandt werden, um zu ver­hindern, daß sie das niederländische Gebiet v er­lassen oder dasselde durchfahren.

Ein dänischer Dampfer von den Deutschen ausgebracht?

W. T.-B. Kopenhagen, 13. März. (Nichtamtlich.) Das Bureau Ritzau meldet: Die Blätter teilen mit, der dänffche Dampfer „Brüssel" sei von einem deuffchen Kriegsschiff aufgebracht und nach Swine münde geschleppt worden:.

Eine zweite Stiftung für einen versenkten Truppen- transportdampfer.

Sr. Leipzig, 13. März. (Eig. Drahtbericht. Ktt. Bln.) Vor einiger Zeit spendete, wie gemeldet, ein Leipziger Bürger 3000 M. für die Mannschaft desjenigen deutschen Untersee­bootes oder eines anderen deutschen Schiffes, das als erstes einen feindlichen Truppentransport in den Grund bohren würbe. Da diese Summe inzwischen ver­teilt werden konnte, hat der Betreffende neuerdings wieder die gleiche Summe für den gleichen Zweck ausgesetzt. Das Reichsmarinecrmt hat die Genehmigung hierzu gegeben.

vom franzöfisch-belHiWen Kriegsschauplatz.

Nieuport vSMg zerschossen.

Br. Rotterdam, 13. März. (Eig. Drahtbericht. Ktr. Bln.) Nach einer Londoner Depesche des „Äienwen Rvtterd. Courant" ist Nieuport durch die erneute Beschießung aus deutschen Geschützen Mcrschwersten Kalibers nunmehr vollständig in einen einzigen Trüm­merhaufen verwandelt worden. Da die Deckung für die belgischen und englischen Truppen kaum noch in Frage kommt, wäre die Räumung Nieuporks wahrscheinlich, doch würde der Ort im Feuer­bereich der englisch-belgischen Artillerie bleiben.

Oie französischen Tagesberichte.

IV. T.-B. Paris, 13. März. (Nichtamtlich) Amtlicher Be­richt vom 12. März, nachmittags: In Belgien rückten zwei Divisionen der belgischen Armee an verschiedenen Stellen um 400 bis 500 Meter vor, besonders in der Richtung Scho oz - b a k k e, südöstlich Nieuport. Von der übrigen Front ist dem gestrigen Abendbericht nichts hinzuzufügen.

Amtlicher Bericht von gestern abend: Westlich Lom-

bartzyde eroberten wir etwa 100 Meter der vor unseren Schützerrgräbenlinien gelegenen deutschen Feldbefestigung. Östlich Armentieres besetzten englische Truppen das Gehöft Eplnette. In dem Abschnitt Neuve Chapelle machte die englische Armee weitere Fortschritte. Nachdem sie zwei starke Gegenangriffe zurückgeworfen, bemächtigte sie sich eines Telles der zwischen dem Gehöft Pieter und der Mühle dieses Namens gelegenen deutschen Linien und machte dabei etwa 400 Mann, darunter 5 Offiziere, zu Gefangenen. In der Champagne nahmen wir um Donnerstagabend vor der Kuppe nordöstlich Le Mesnil mehrere feindliche Schützen­gräben und machten Gefangene, darunter einige Offiziere. Am Freitag sind wir in demselben Gebiet nicht weiter vorge­rückt. Weiter westlich, parallel zu der Straße von T a h u r e, besetzten wir mehrere deutsche Schützengräben. Auf den Maashöhen wurde das Stück des Schützengrabens, in wel­chem es den Deuffchen gestern gelungen war, Fuß zu fasten, heute morgen von uns zurückerobert. Am Reichsa-cker- kopf warfen wir einen Nachtangriff zurück und rückten un-