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Morgen-Beilage des Wiesbadener Tagblatts, i » - >

Nr. 61.

Samstag» 13. MSrz.

1915.

(18. Fortsetzung.)

vore.

Roman von E. Krickeberg.

Nachdruck verbot««.

Einen Augenblick herrschte Totenstille im Zimmer. Man hörte bas hastige Ticken -er Stutzuhr auf dem Kaminsims, und aus einem entfernten Zimmer schallte das mißtönige Geschrei des Papageis herüber, der un­geduldig nach seinem Frühstück verlangte. Frau von Grening blickte starr und bestürzt auf ihren Mann, der in finsterem Schweigen in seinem Lehnstuhl saß. In beider Empfinden kämpfte mit der Überraschung das unbehagliche, wenn auch vage Gefühl: das hättest du eigentlich voraussehen können! Wie war es möglich, daß du daran nicht gedacht hast?

Herr von Grening richtete sich endlich straff auf und faßte den Sohn scharf ins Auge: also eine Mes­alliance wollte er eingchen? Die Dove war ihm ans Herz gewachsen wie ein eigen Kind, und er vermochte sich schlechterdings nicht vorzustellen, wer mit ihm Schach spielen, ihm die Grillen vertreiben und die Zeitungen vorlesen sollte, wenn er im Winter von Podagra ge­plagt war, wenn Dore nicht mehr da sein sollte, und daß diese Frage seines Sohnes in jedem Falle eine völlige Umgestaltung ihres Verhältnisses zu Dore ver­ursachen würde, war klar. Hier handelte es sich um ihr Bleiben oder Scheiden; aber wozu diese ganze Ge­schichte? Trotzdem er ein liberal denkender Mann war, traf es ihn hart, «daß sein Sohn, den Familien- traditionen zum Trotz, ein bürgerliches Mädchen hei­raten wollte. Die Birkenhainerin hatte er längst aus- geschieden, die mochte tun und treiben, was sie wollte, ober der Stammbaum sollte rein bleiben. Für diese Mesalliance lag nach seiner Ansicht weder eine Notwendigkeit noch überhaupt eine Veranlassung vor.

„Hm! Darf man fragen, ob dem jungen Herrn diese sonderbare Idee erst von gestern zu heute gekom­men ist?" sagte er endlich scharf.

,Mie ist mit mir ausgewachsen, Vater."

„Nur uns hat man nicht früher gewürdigt, etwas davon zu erfahren."

„Ich meinte, Vater, es ist selbstverständlich, daß Dore und ich zusammenbleiben müssen/'

„Dagegen habe ich nichts, mutz aber dazu partout geheiratet sein? Ihr habt, solange ihr denken könnt, zusammen gelebt und seid zufrieden und glücklich ge­wesen, warum braucht da nun plötzlich eine Änderung einzutreten? Natürlich habt ihr die Sache schon zwi­schen euch abgekartet! Ich hätte Dore einer solchen Hinterlist und Heimlichtuerei nicht fähig gehalten!"

„Dore hat meine Anspielungen aus die Angelegen­heit immer für Scherz gehalten, und als ich jetzt ernst­lich in sie drang, hat sie mir erklärt, nie heiraten zu wollen."

„Sehr vernünftig, — daS sieht ihr ähnlich. .

„Aber ich hoffe bestimmt, Vater, daß sie ihre Mei­nung ändern wird. Nach dieser perfiden Beschimpfung

3 rer Ehre wird ste mir vor der Welt das Recht geben, 8 ffr Verlobter für ste einzutreten."

„Tw scheinst im Begriff zu stehen, eine große Dummheit zu machen!"

Heinz hob erregt den Kopf, aber da sah er im Ant­litz der Mutter das Wohlwollen für ihn und die Ge­liebte, und aus des Vaters Worten hatte eine mevk- würdige Verlogenheit herausgeklungen. So sagte er, sich zur Ruhe zwingend, mit Berechnung: „Würdet ihr es lieber sehen, wenn ich Liddy heirate?^

Herr von Grening fuhr zornig aus, froh, einen Gegenstand gefunden zu haben, an dem er seine innere Ratlosigkeit austoben konnte. „Zum Kuckuck nicht noch mal! _ Gibt es denn nicht mehr Mädchen in der Welt als diese beiden? Die Birkenhainer? Das könnte mir passen! Tut mir schon lange leid, daß ich mich habe breitschlagen lassen, sie einzuladen, — über das mußte ja ü taut prix geschehen. Nun frage ich, wozu, wenn da nicht bestimmte Absichten Vorlagen."

„Vater, es hat eine Zeit gegeben, in der ich glaubte. Liddy zu lieben. Ich war auch verliebt in sie, das kann ich nicht abstreiten, aber trotzdem habe ich bis jetzt ernst­lich nie daran gedacht, sie zu heiraten; ich habe immer Dore als meine zukünftige Frau betrachtet."

„Und da du gemeint hast, ihrer sicher zu sein, nur zu winken hättest, daß sie dir freudig in die Arme falle, hast du dir gelegentlich eine kleine Abschweifung ge­stattet! Recht schmeichelhaft für Dore! Das müßte ja eine recht harmlose Ehe werden."

„Damals wußte ich noch nicht, daß ich Dore liebe, Vater."

„Das Bewußtsein ist dir Wohl plötzlich über Nacht im Traum gekommen?"

„Ottomar", bat Frau von Grening, „das ist Sache der jungen Leute.'^

„Nun, man wird sich doch Wohl Wundern dürfen über so eine durch und durch verdrehte Geschichte. Er lebt mit der einen mehr als zwanzig Jahre zusammen, ohne zu merken, daß er sie liebt, dafür verliebt er sich Knall und Fall in eine andere, um plötzlich zu finden, daß er diese doch nicht liebt, sondern eigentlich die erste!

. . . Lehre mich einer den Unsinn begreifen!"

„Lieber Vater", sagte Heinz mit einem lächelnden Seitenblick auf die ermutigende Miene der Mutter, „ich bin fest entschlossen, eine von den beiden zu hei- raten, wenn nicht Dore, dann Liddy — aber ich hoffe, du gibst mir Dore!"

Wenn Herr von Grening äußerlich seine vornehme Ruhe einbüßte, so war das stets ein Zeichen innerer Unsicherheit und Verlegenheit, — es galt also, diploma- tisch vorzngehen! Daß der Vater nie seine Einwilli­gung zu einer Ehe mit Liddy geben würde, das ahnte Heinz.

„So, also klipp und klar! Nun . gut, so will ich. ebenso antworten: Die Angelegenheit mit Dore bann ich nicht im Handumdrehen entscheiden, — die Kleine at Rechte an uns. Außerdem hat man sie auch ein ißchen gern. Ich muß mir erst reiflich überlegen, wie wir mit aller Rücksicht und Zartheit, die sie verlangen kann, unserer Pflicht gegen sie Nachkommen können. Aber die Sache mit der Birkenhainerin ist heute schon