Verlag Langgaffe 21
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Samstag» 13. März 1915.
Abend-Ausgabe.
Nr. 122. - 63. Jahrgang.
Der Nrieg.
Der Tagesbericht vom 13. März. Englische Angriffe bei Ypern zurückgeichlagen. Neue französische Mißerfolge in der Champagne. OerRückzug derNussen beiNugustow.
W. T.-B. GroßesHauptquartier,13. März, vormittags. (Amtlich)
westlicher Kriegsschauplatz«
Südlich von Ipern wurden vereinzelte Angriffe der Engländer mühelos abgewiesen.
Unser, zur Wiedereinuahmc des Dorfes Neuve Ehapelle angesctzter Angriff stieß nach anfänglichem Erfolg auf eine starke englische Überlegenheit und wurde deshalb nicht durchgeführt. Die Engländer entwickelten in dieser Gegend eine rege Tätigkeit mit Fliegern, von denen vorgestern einer, gestern zwei heruntergeschosien wurden.
In der Champagne flackerte an einzelnen Stellen der Kampf wieder auf. Alle französischen Teilangriffe wurden mit st a r k r n B c r l n st e n für den Feind abgeschlagen. 200 Gefangene blieben dabei in unserer Hand. Nebel und Schnee behinderten in den Bvgcfen die Gefechtstätigkeit.
Gestlicher Kriegsschauplatz.
Die Russen wichen aus der Gegend von A u g u st o w und nordöstlich bis hinter den B o b r und unter die Geschützi von G r o d n o zurück.
Am O r z y c nordwestlich von P r a s ch n ü s ch wurde ein russischer Angriff abgewiescn.
Oberste Heeresleitung.
Der Handelskrieg gegen England.
' Neue Opfer!
Ein englischer Hilfskreuzer eingestandenermaßen vernichtet.
W. T.-B. London, 13. März. (Nichtamtlich.) Die Admiralität teilt mit: Der Hilfskreuzer
„B a j a n ist auf einer Erkundungsfahrt unterge- gaugen. Schiffstrümmer, die am 11. März anfgefun- den wurden, lasten darauf schließen, daß der „Bajano" torpediert worden ist. 8 Offiziere und 18 Matrosen sind gerettet worden; die übrige Mannschaft ist wahrscheinlich u m g c k o m m e n. Ter Dampfer „Castle R e a g h" aus Belfast berichtet, daß er am Donnerstagsmorgen um 4 Uhr Schiffstrümmer sichtete, daß er aber durch ein feindliches Unterseeboot, das ihn 20 Minuten lang verfolgte, verhindert wurde, eine Untersuchung anzustellrn.
Der versenkte englische Hilfskreuzer „Bajano" ist ein Dampfer von 6948 Brutto-Registertonnen. Er wurde 1913 erbaut und hatte eine Geschwindigkeit von 13 bis 14 Knoten.
Ein angeblicher Zeppelin-Angriff auf einen englischen Uohlendampfer.
Li-. Amsterdam, 13. März. (Eig. Drahtbericht. Ktr. Bln.) Der „Daily Chronicle" meldet aus Southshields: Der erste Offizier des Londoner Kohlendampfers „Sinhupe", der Freitagnacht in Thne eintraf, berichtet, der- Dampfer sei unterwegs durch ein Luftschiff angegriffen worden. Der Offizier hörte am Mittwochabend das Surren eines Motors in der Luft. Plötzlich tauchte aus ungefähr 1000 Meter Höhe da? Licht eines Scheinwerfers auf, das aber sofort wieder verschwand. Im nächsten Augenblick sauste ein Gegenstand ins Wasser, kaum 6 Meter von dem Schiff entfernt. Das Wasser spritzte hoch auf. Der Dampfer blieb aber unbeschädigt. Der Offizier ist fest davon überzeugt, datz er bei dem Aufblitzen des Scheinwerfers die Umrisse eines Zeppelins erkannte.
weitere Steigerung der Versicherungsprämien!
W. T.-B. London, 13. März. (Nichtamtlich.) Der
Korrespondent des „Daily Telegraph" für Marineversicherung schreibt: Die Kriegsvcrsicherungsvrämien
stiegen gestern beträchtlich. Die Prämien von Walliser- Kohlcnhäfen nach nordfranzösischen Häfen stiegen um 25 Prozent, die übrigen Versicherungen hielte« sich auf ähnlicher Höhe.
Englische Niedergeschlagenheit.
W. T.-B. London, 13. März. (Nichtamtlich.) Die „Morningpost" knüpft Betrachtungen an den Kommentar von Augenzeugen über die deutsche Armee und schreibt: Deutschland hofft, daß, ehe voller Druck seitens der Verbündeten ausgeübt werden kann, Frankreich erschöpft sei und Rußland den Frieden willkommen heißen wird. Deshalb müssen wir jede Anstrengung machen, um den Krieg im Lande vorwärts zu bringen. Erst wenn sie den Feind aus Frankreich, Flandern und Polen vertrieben haben, Kvnen die Alliierten ausatmen. Optimismus ist
jetzt nicht am Platze, er ist gefährlich. Man muß c i n g e st e h e n, daß der Fortschritt langsam ist, und daß Frankreich und Belgien furchtbar leiden. Ihretwegen dürfen wir nicht zögern, sondern müssen alle unsere Kräfte mit m ö glich sr«r Beschleunigung in den Kampf einsetzen. Verstärkung des Ueberwachungsdienstes an der englischen Nüste.
Be. Haag, 13. März. (Eig. Drahtbericht. Ktr. Bln.) Der „Westminster Gazette" zufolge ist der Überwachungsdienst an der englischen Ost- und ' Südküste bisher hauptsächlich durch eine Anzahl Torpedo- bootsgeschwader ausgeführt worden, die jetzt durch drei Unterseebootsdivisionen verstärkt wurden.
Eine Unterhaus-Kritik an Mitzständen in der englischen Armee.
W. T.-B. London, 13. März. (Nichtamtlich.) Im Unterhause brachten die Mitglieder der Opposition Übelstände in der Armee znr Sprache, namentlich auf dem Gebiete der Beförderung und Bezahlung der Offiziere. Lang sagte, er hätte bereits einmal die Frage der Beförderung von Amateursoldaten über die Köpfe der Berufssoldaten hinweg zu hohen verantwortlichen Posten aufgeworfen und bedauert, daß seine Worte auf die Beförderung Seelys zuni General bezogen und als Parteigehässigkeit ausgelegt worden seien. Er bedauere ebenso die Kritik an der Beförderung Lord Salisburys von seiten der Gegenpartei. Seine Bemerkungen galten ganz allgemein der Neigung des Kriegsamtes, den Amateurosfizieren hohe Stellungen zuzuerkennen, während Berufsoffiziere, die sich mit Ruhm bedeckten, zurückstehen müßten. Long tadelte, datz hohe Stellen unbesetzt bleiben und Offiziere niederen Ranges zu höheren Kommandostellen herangezogen würden, ohne dem höheren Rang entsprechende höhere Gagen zu erhalten.
Eine Anfrage lm Unterhause.
Um Bulgariens Gunst.
W- T.-B- London, 12. März. (Nichtamtlich.) Im Unterhause fragte gestern Cowan, ob die brtische, französische und russische Regierung an die serbische Vorstellungen richteten und ihr rieten, Bulgarien sofort gewisse Teile Mazedoniens abzutreien, um eine Basis zu schaffen für ein Zusammenwirken beider Staaten zur Neuberter- lung der Balkangebiete nach dem gegenwärtigen Kriege. Er ffagte ferner, ob, wenn solche Vorstellungen nicht gemacht worden wären, Grey sich an die russische Regierung wenden wollte in der Absicht, solches gemeinsames Vorgehen herbeizuführen. Grey erwiderte in einer schriftlichen Antwort: Die britische, französische und russische Regierung sind weiterhin wie zuvor bereit, gemeinsam zu jeder dauernden und befriedigenden Lösung der die Balkanstaaten betreffenden Fragen mitzuwirken. Die drei Regierungen würden keine günstige Gelegenheit versäumen, um dies Ziel zu fördern.
Ausweichender konnte Grey kaum antworten. Es ist ja auch mißlich, einem Verbündeten zu deutlich zu jagen, datz man die Hilfe eines Staates mit Gebietsabtretungen auf seine Kosten erkaufen will.
Neues zum Zoll Tasement.
W. T.-B. Köln, 12. März. (Nichtamtlich.) In einem Berliner Artikel der „Köln. Ztg." unter der Überschrift „Neues zum Fall Casement" heißt es u. a.: Sir Roger Casement beschuldigte am 14. Februar den britischen Gesandten in Chrisiiania, Findlay, direkt und in nicht mißzuverstehen- der Weise seiner Tat, mit so entschiedenen und klaren Ausdrücken, daß es unmöglich scheint, daß ein Mann, und noch dazu ein Mann in der Stellung Findlays, dazu schweigen könnte. Casement setzte Findlay davon in Kenntnis, daß er sich mit allen feinen Beweismitteln der Rechtsprechung eines norwegischen Gerichtes zur Verfügung stelle, und forderte Findlay auf, dasselbe zu tun. Auch der norwegischen Regierung unterbreitete Casement zuerst indirekt und dann mn 24. Februar direkt die Bitte um Untersuchung der Angelegenheit und sprach seine Bereitwilligkeit aus, mit dem Beweismaterial nach Chrisiiania zu kommen. Er forderte angesichts der Tatsache, daß die Abreise Firrdlays nahe bevorstand, mit Entschiedenheit eine öffentliche amtliche Untersuchung der Anklage, die er gegen Findlay erhebt und die er Sir Edward Grey tn einem Briefe vom 1. Februar ausführlich auseirmndersetzte und begründete, in einem Briefe, der auch der norwegischen ebenso wie den anderen neutralen Regierungen in der Abschrift vorgelegt wurde. Die englische Regierung batte bis jetzt nichts dazu zu sagen, daß einer ihrer Gesandten öffenüich einer Handlung beschuldigt wird, die diesen Gesandten wie die Regierung, die er vertritt, aufs schwerste bloßstellt. Die norwegische Regierung, der es obliegt, eine in Norwegen begangene schwere Gesetzesverletznng zu untersuchen und zu ahnden, wartet wohl noch auf die Schritte, welche die englische Regierung zu tun für gut be- findet. Angesichts de§ von Casement der Welt vorgelegten Beweismaterials werden sämtliche Beteiligten wohl mit der Zeit ein Lebenszeichen geben müssen, Casement hat alles getan, was er konnte, um eine amtliche öffentliche Untersuchung berbeizuführen. Man wird es selbstverständlich finden, daß er jetzt, nachdem seine bisherigen Schritte zu diesem Zweck kein Ergebnis hatten, sich frei betrachtet, so zu handeln, wie es rhni gut scheint.
Nicht der General, sondern der Lord French reist nach Rußland.
W. T.-B- Christiania, 12. März. (Nichtamtlich.) Die Meldung, daß General French Bergen passierte, beruht auf Irrtum. Es handelt sich um Lord Freu ch mit Familie, der über Christiania nach Perersburg reiste.
Eine englische Maßnahme gegen die Verkehrsstockung.
W. T.-B. London, 12. März. (Nichtamtlich) Die Cunard Line hat die Preise für die Überfahrt nach den Vereinigte« Staaten und Kanada aus allen ihren Schiffen für die zweite Kajüte guf 10 Pfund für die Person he r a b g e s e tz t, ebenso die White Star Line, die Dominion Linie und die Amerika- Linie.
Ärztemangcl im englischen Heer.
London, 10. März. (R.-W.-Z.) Das englische KriegAamt erläßt aufs neue einen Aufruf zum Eintritt von Ärzten in den Heeressanitätsdienst.
vom französisch-belgischen Kriegsschauplatz.
Aus den Kämpfen in der Champagne.
Aus dem Felde schreibt ein Offizier, wie wir in der „Nordd. Allg. Ztg." lesen:
Aller Augen wenden sich fetzt in schicksalsschweren Tagen nach Osten. Jubelnd preist man in der Heimat Hindenburg und seine unvergleichlichen Truppen; noch tiefer greift uns Fcldsoldatcn die Dankbarkeit ans Herz, denn wir können cS doch allein recht nach fühlen, Ivas es heißt, neun Tage in Schnee und Eis marschieren und angreifen. Und doch darf auch ein Wort von den Männern im W e st e n in die Heimat dringen. Immer wieder kehren seit Mitte Dezember in den deutschen Berichten die Namen Le Mesnil, Souain, Perthes wieder, immer Mieder liest man von blutig abgewiese- nen Angriffen. Und die Summe aller dieser Kämpfe bedeutet unsägliches Heldentum. Wochenlanges Aushalten im ohnehin nicht behaglichen Schützengraben, im stärksten Granatfeuer, mit dem die Franzosen vor dem Jnfanterie- angriff stundenlang die Gräben und Batterien bearbeiten, Nachts Ausbessern der Schäden, alles das bei stets wechselndem nassen und kalten Wetter. Das sind körperliche und noch weit mehr seelische Strapazen, wie sie nur Truppen bester Art aushalten können. In erster Linie seelische Erschütterungen. Die Stimmung ist beim Angreifer ja immer die bessere: das Verlangen, deü Feind zu fassen, die Wut des Drausgehens und der winkende Sieg machen Gefahr vergessen und geben dem Körper und Geist Schwun^rast. Man hat von einer Belagerung Frankreichs gesprochen, und ohne Frage mit einiger Berechtigung. In Wirklichkeit sind aber feit Monaten nicht w i r die Angreifer, sondern der Feind, loä-hrend wir uns in selbstgewählter Verteidigung befinden. Ständige'kleinere Unternehmungen sorgen für die Erhaltung der A n g r i f f s l u st, und datz diese noch vorhanden ist, beweisen Soissons, Craonne und Mastiges so glänzend. Aber für gewöhnlich heißt es nur, treu aus harren. Man denke: die Leute, die doch zum Teil aus Familienvätern bestehen, führen nun seit Monaten ihr M a u lw u rfs l eben, nachdem sie, schon erschöpft von dem unvergleichlich herrlichen Sturmangriff zur Marne, hier angekommen waren. Wochen verhältnismäßiger Ruhe folgten — bis dann in den: letzten Drittel des Dezember die ftanzösischen Angriffe rinsetzt««. Die Franzosen bedecken vor dem Jnfanterieangrisf die Gräben mit stundenlangem Granathagel. Da sitzen dann die Leute, wenn auch in Deckung, und.lassen wehrlos das fürchterlichste Artilleriefeuer über sich ergehen. Und wer das Krachen und den häßlichen schwarzen Rauch dieser wie schwarze Katzen anfauchenden Ungeheuer kennt, nur der weiß, was es bedeutet, dieses Ausharren. Freilich steht die aufgewandte M u n i t i o n s m a s s e in keinem Verhältnis zur Wirkung; aber nur Männer mit starken Nerven und festester Manneszucht können auf die Dauer standharten. Die Franzosen scheinen ja zu glauben, mit ihrer Artillerie unsere Infanterie erschüttern zu können, aber wenn ihre eigene Infanterie vorkommt, so findet sie fast immer eisernen Widerstand. Gelingt einmal das Eindringen in ein Grabenstück, so wird der Franzose nach kurzer Zeit wieder hinausgeworfen. Ich sah selbst im Dezember, >vie die Stellung eines Regünents von schwarzem Rauch und empor- gcwirbclten Erd- und Holzstücken buchstäblich verdeckt war: ich fürchtete das Schlimmste, und tatsächlich drang der Feind in einen der völlig verschütteten Gräben ein. Nacht? nahmen die Braven ihn dem Gegner wieder fort, und Se. Majestät hat den Heldenmut dieses Regiments persönlich anerkannt. Das geht nun seit acht Wochen so: Man kennt die Tageszeiten, wenn „es losgeht", schon und läßt dann alles über sich ergehen — tapfer, aber auch geduldig oder stumpf. An manchen Stellen unserer langen Front soll es ziemlich still sein; das kennen wir längst nicht mehr. Gott gebe bald den Tag, wo unsere Korps dem Graben entsteigen können, und dann soll's Späne geben! Tie aufgestapelte Wut ist groß genug. Aber bis dahin halten wir in unseren Gräben und an den Geschützen treue, nie wankende Wacht für unfern Rhein! Und wenn dann die Kriegsgeschichte späterer Zeiten von unvergleichlichen Angriffsstegen im Osten zu berichten weiß, so wird sie des stillen Heldentums der Schützengräben vor Perthes und Souain, an dem verzweifelte Wut sich brach, nicht vergessen.
