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i . .:-b i Morgen-Beilage des Wiesbadener Tagblatts.

u- Mittwoch, to. März. __ lv> °-

(15. Fortsetzung.)

Dore.

Roman von E. Krickeberg.

Nachdruck verboten.

Liddy war klug genug, sich, nachdem sie am Morgen das Samenkorn des Mißtrauens gegen Dore in das Herz von deren Pflegeeltern zu säen versucht hatte, den Dag über nicht blicken zu lassen. Sie nahm die Ge­legenheit wahr, der Einladung einer Gutsbesitzers- tochter der Umgegend zu einem Familienbesuch zu fol­gen» und kehrte erst am nächsten Vormittag zurück. Zum Diner erschien sie dann wieder mit ganz besonders raffinierter Sorgsalt gekleidet. Sie war ein wenig blaß, und ihr Gesicht trug einen Zug von Abspan- rrung, der ihr einen neuen, eigenen Reiz gab.

Auch Heinz tvar wieder bei Tisch anwesend, und Liiddy begrüßte ihn mit einer unaufdringlichen, harm­losen Herzlichkeit, als ob sie von seiner kühlen Ab- lehnung ihres Kusses nichts gemerkt habe. Sie plau- derte in ihrer alten prickelnd heiteren Art, ohne rhu besonders zu beachten; das söhnte ihn etwas mit ihr mrs, und er machte sich von neuem Vorwürfe, wieder einmal allzu schroff mit dem schönen, leichtlebigen Ge- schöpf gewesen z,i sein. Dagegen erschienen die Eltern merkwürdig verstimmt und zurückhaltend. , ,

Den ganzen Nackmittag verbrachte Liddy mit einem Buch in dein herbstlich öden Park, trotzdem sie erst kürzlich erklärt Iwtte, sie verstände nicht, wie manche Meilschen die Natur in ihrem „bunten Stewekleid schön zir finden und zu bewuiiderii vermöchten und sich Wohl gar Herbstlandsck>aften in ihre Zimmer häng len. Verwesung sei Verwesung und ihr -Anblick inmier peinigend und abstoßend. Schönheit inüßte verlöschen Wie ein Licht, allmähliches Welken lehre die Schönheit hassen. Sie nwchte lieber mit dreißig Jahren im Voll­besitz ihrer Jugendlichkeit vom Blitz erschlagen werden, denn als Siebzigjährige die West mit ihren Runzeln degoutieren. . t

Heut wandert« sie in der Lindermllee auf und ab über das faulende Laub, unter den beinahe kahlen Ästen, an denen nur hier und da noch ein paar welke Blätter wie schmutzige, branngelbe Fetzen hingen, die der Zufall dahin geweht. Und während m ihrem Innern der Ärger wühlte über den langsamen Fortgang rhrer Pläne, der sie zwang, so lange die Langeweile dieses öden Nestes zu ertragen, spähte,i ihre Augen m einer ganz bestimmten Richtung wachsam umher.

Als Heinz von seinein gewöhnlichen Rundgang durch die Ställe zurückkam, mußte er an ihr vorüber. „Wie? Du und der Herbst einträchtig beisammen?' spottete er. und er „rußte unwillkürlich denken, daß dies Zusau,mentreffen wohl nicht ganz zufällig sei.

„Das schölle Wetter hat mich herausgelockt, es ist herrlich mild wie im Frühling, die Sonne vergoldet auch die Vergänglichkeit. Wollen wir riicht einmal wieder nach den Orchideen sehen? Rittmeier meinte neulich, daß in diesen Tagen eine zweite Blüte der prachtvollen >,euen Art — lateinische Namen kann ich mir nun einmal nicht merken — aus brechen würde."

Sie sagte es in halb fragendem, halb bittendem Ton, hxr etwas bescheiden Fügsanres hatte und stark gegen

ihre gewöhnliche keck zuversichtliche Art abstach. Er fühlte sich getroffen von ihrem Benehmen, und ihr Wimsch, eine von jenen „perversen, grotesken" Blumen, die ihr gleichgültig waren, zu sehen, rührte ihn, weil er meinte, sie äußere ihn mir in der Absicht, sich ihm angenehm zu machen. Im Grunde hatte er am aller­wenigsten ein Recht, über sie zu Gericht zu sitzen °, hatte er nicht früher ihre amüsante Oberslächüchkeit und ihren beißenden Sarkasmus gerade interessant gefunden und sie noch darin bestärkt? Alles in allem war sie nun einmal ein lingewähnliches Geschöpf, das mau nicht mit dem Alltagsmaßstab messen durste. So ging er bereit­willig auf ihren Wunsch ein.

Sie hatten nur um eine dichte Fliederhecke herum- zu gehen, daiii, standen sie vor der Tür des Gewächs­hauses; sie war verschlossen. _

„Aber ich weiß gewiß, daß der Gärtner darin ist", sagte Liddy, „er ist vor kaum einer halben Stirude an mir vorübergegangen und nicht wieder heransgekom- men, und er schließt doch irmner erst ab. wenn er das Haus verläßt."

„Nun, so klopfen wir", meintc Heinz harmlos.

Er pochte ein-, zweimal, ohne Erfolg. „Er wird tut hinteren Teil, vielleicht im Ananashanse sein", meinte er und schlug noch einmal heftiger an die Tür. Jetzt knirschte der Kies in, Innern unter schnell nahenden Schritten, im nächsten Augenblick wurde drin das Schnappschloß zurückgezogen, der Gärtner stand vor

„Verzeihung, Herr von Grening, aber der Schlüssel muß doch stecken!" Er sah das leere Schloß, siutzre. blickte suchend nach dem Boden, und als er ihn auch dort nicht fand, glitt sein Blick mit mißtrauischem Forschen über Liddys Gesicht, und er bekam eme rote Stirn. „Das ist sonderbar", sagte er. „ich habe den Schlüssel nicht herausgezogen. Gestatten Sie, Herr von Grening, daß ich nachsehe, ob er vielleicht beim Zuschlägen der Tür herausgefallen ist", und er bückte sich und suchte eifrig aus dem Boden und im Gebüsch

„Lieber Gott, Rittmeier. machen Sie doch nicht so viel Aufsehens um den Schlüssel; lucun er nicht da ist, wird eben ein neuer angeschafft."

Der Gärtner richtete sich auf und ging den Herr­schaften voraus, um eine Gießkanne an die Seite zu stellen, die den Weg versperrte.

Heinz folgte ihm in einer nicht ganz behagliche« Stimmung. Rittmeiers Wesen war eigentümlich ge- titefjcn, und dabei zeigte doch die Röte seines Gesichts von einer inneren Gereiztheit. Und Liddy wieder sah so schadenfroh aus, und jetzt sang sie gar leise vor sich hin:

..ES ist gar arausts. wenn einer so stirbt,.

Wenn jung sein Herz um Freude nach wirbt.

Ick nra« iind will nicht länger cf setz tt,

Das möchte den Kopf rmr schwrudelnd t>erdrch«1 Wer heißt euch mit Fingern zeigen auf Mich?" -