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Nr. 57. Dienstag, 9. Marz. 191b

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Morgen-Beilage der Wiesbadener Tagblatts.

(18. Fortsetzung.)

Dore.

Roman von E. Krickebcrg.

Nachdruck verboten.

Er war ein jovialer alter Herr mit frischem Gesicht und Augen, denen man es ansah, daß sie Wer dem vielen Leid, das sie in ihrem langen Leben erschaut, die Freude am Guten und Schönen nicht eingebüßt hatten. Dore war sein besonderer Liebling, seine kleine Heldin, wie er sie imnnte. Mit kritischen Blicken musterte er ihr blasses verwachtes Gesicht und das rot umrandete Auge.

„Mail hat sich ja schön heruntergewirtschaftet", pol­terte er mit gutmütigem Tadel, „und geweint natür­lich auch! Daß man diese überflüssigen Sentimentali- täten nickst lassen kann, man ist doch sonst ein tapferes «und gescheites kleines Madcksen. Zeigen Sie Ihren Puls, mein Kindl"

„Ich bin ja gar nicht krank, Herr Sanitätsrat, ein bißchen übermüdet und ein bißchen nervös. Nicht um einen ärztlichen Rat, um einen Freundesdienst möchte ich meinen alten verehrten Gönner bitten."

.Hm!" machte der alte Herr, sie scharf betrachtend. .-Nickst krank? Ist vielleicht die schlimmste Krankheit, die da drin" — und er zeigte mit dem ausgestreckten Finger auf ihre Brust, — „denn wenn ein junges Mäd­chen seinen alten Arzt mit einer solchen Miene um einen Freundesdienst bittet, so handelt cs sich in zehn Fällen neunmal um eine Affektion des Herzmuskels."

„Nlm, so etwas ist's auch . . . freilich, das kann ich nicht bestreiten", gab Dore zu, ihre Verlegenheit hinunter- kämpfend. „Aber cs ist doch anders, als Sie denket,. . . . Sie haben mir ja damals in den schwersten Stun­den meines Lebens so treu beigestanden, Herr Rat, Sie kennen alle unsere Verhältnisse. Was sagen Sie dazu, daß Heinz Grening glaubt, wegen jenes unglückseligen Zufalls, an dem ich so viel schuld bin wie er, lebens­länglich für mich sorgen zu müssen?"

,^st seine verfluchte Pflicht und Schuldigkeit!" knurrte der Alte, „einfache Haftpflicht, fällt unter das Uns-allgesetz . .

„Um Gottes willen, kommen Sie mir nicht mit sol­chen Dingen I" Sie schüttelte sich. „Es handelt sich hier nicht um eine sorgenfreie Existenz allein, Heinz geht so weit, zu glaube», daß er mich . . . heiraten mutzl"

„Das Gescheiteste, was er tun kann!"

„Nein, das Törichteste! — überlegen Sie alles: Standesunterschied, die Hoffnungen und Absichten seiner Eltern, mein äußerer Mangel — überhaupt ich —- eine Frau von Grening — , ich bitte Sie!"

„Ach, papperlapapp! Das sind ja eingebildete Spitz­findigkeiten. Wenn der Junge erst mal ernsthaft will, geben die Eltern nach. Ihr beide seid von jeher unzer­trennlich gewesen, ich sehe nicht ein, warum Sie nicht Frau von Grening werden könnten. Und die Grenings können zufrieden sein, solch gesundes bürgerliches Reis ihren, alten Stammbaum aufzupsropfen. Ihr seid euch gut — also!"

„Nein, wir sind uns nicht gut, das ist's ja eben!" x ^Wollen Sie mich hinters Licht führen, Kleine?"

„Herr Rat, bitte, fassen Sie das nicht scherzhaft auf, cs ist eine verzweifelt ernsthafte Geschichte, die über die Zukunft von zwei Menschen entscheidet. Heinz hat in aller Form um mich angehalten, er will, bas; wir uns sofort verloben . .

„Nun also." I

„Ich liebe ihn aber nicht!"

Der alte Herr tvarf mit zugekniffenen Augen einen einzigen kurzen Blick über sie hin.

„Das glaube ich Ihnen nicht!" sagte er ruhig, „oder ich weiß es wenigstens besser als Sie. Wenn ich Ihnen raten soll, müssen Sie ganz ehrlich sein."

„9hm also, ganz ehrlich! ES kommt auf «reine Empfindung hier nicht an, Tatsache ist, daß Heinz nicht mich, sondern seine Cousine Liddy liebt. Sie kennen sie ja — und trotzdem will er mich aus Pflichtgefühl heiraten. Herr Rat, Sie kommen alle Tage aufs Schloß, Sie müssen selber Heinz' Interesse für seine Cousine bemerkt haben. Können Sie mir da raten, seine Frau zu werden?"

„Hm, kann mir denken, n,au fühlt sich ein bißchen verletzt, dazu kommt der erhabene Cdeliuut . . . man will sich beileibe nicht zwischen die ztuei stellen, —- möchte am liebsten noch hilfreiche Hand leisten, sic zu- sammenkuppeln! Das sieht Ihnen so recht ähnlich, Kleine, nur ja sich nicht aufdrängen und immer hübsch genau den geraden Weg der Pflicht einhalten. Ach, zum Kuckuck mit dieser hypersensiblen Gewissenhaftigkeit! — Wenn ich Ihnen raten soll, so stellen Sie sich erst recht zwischen die beiden, fest und unverrückbar, reißen Sie den Heinz, tvenn's sein muß, gewaltsam von der Birkenhainer — da sehe ich Ihre Pflickst, — sie patzt nicht für ihn „nd ist seiner nicht wert. Glauben Sie mir, das Auge dcs Arztes ist auch in der Seelen- diagnose geübt. Mir ist sie ein greuliches Frauen­zimmer, sie ist geschminkt innen und außen, und der Mann, der sie einmal sein nennt, ist zu bedauern, das sage ich Ihnen."

Dore kannte seine Krastausdrücke und kehrte sich nicht an sie. „Aber er soll sie ja gar nicht heiraten", rief sie, „um Gottes willen nickst! Ich will cs gerade verhindern, das ist's ja eben."

„Und trotzdem soll er auch Sie nicht heiraten? Dar- aus werde der Teufel klug! Haben Sie vielleicht noch eine dritte für ihn in petto?" Er sah, wie Dore sich verfärbte, und unterbrach sich hastig. „Na, nichts für ungut, Kleine! Schütten Sie mir nun mal in aller Umständlichkeit Ihr Herz aus."

„Ta ist nicht viel zu sagen, Herr Rat. Heinz liebt Liddy und darf sie trotzdem nicht heiraten, weil — mm ebeir, ioett sie, wie Sie sagten, geschminkt ist innen und außen. Ich bin, imr die Heirat zu verhindern, gezwun- gen mit Ansprüchen an Heinz heranzutreten, die er. trotz seines Herzenskummers, nüht einen Moment zögern wird, zu erfüllen. Er wird glauben, ich wiA ihn für mich haben . . "