i « Morgen-Veil age des Wiesbadener Tagblatts,
Nr. 56. Sonntag, 7. Marz.IMS.
(13. Fortsetzung.)
Dore.
Roman von E. Krickeberg.
Nachdruck verboten.
In dem hinterlässenen Briefe schrieb er mir rn kur- zen Worten, er habe aus bestimmten Gründen — wahr- fcheinlich hatte ihn mein Mißtrauen doch etwas stutzig gemacht — direkt mit dem Vater seiner Bvaut rn Unterhandlungen treten wollen, und er habe ihm das Geld unter einem „triftigen Vorwand, weil er es gerade liegen habe", angeboten; ich denke, wahrscheinlich als Vorausbezahlung des Pachtzinses. Der Herr Oberst hat aber seine Msicht, ihn zu unterstützen, durchschaut, sie als eine Ehrenkränkung aufgesaßt, ihn schroff abgewiesen und sich ein- für allemal jede Einmischung m leine Privatangelegenheiten vevbeten. Martin habe darauf mit der Sprache hevausrücken und in aller Form „m die Hand der Tochter anhalten müssen. Es muß Lanii eine furchtbare Familienszene erfolgt sein, da es sich herausstellte, daß das Geld tatsächlich zur Tilgung der Schulden der Frau Oberst bestimmt war. Und der Schluß? Ein Brief des Fräulein von Grening — mit der kurzen Benachrichtigung, daß sie einen Mann, der einer so taktlosen Handlungsweise fähig sei, niemals heiraten werde. Außerdem dürfe sie wohl den Anshruch erheben, daß .sie in der Ehe weiter leben könne wie bisher, daS könne sie aber nicht als Frau eines Mannes, der nicht einmal das freie Verfügungsrecht über zehntausend Mark besitze. Ihr Ehrgeiz bestände nicht darin, in schlechtsitzenden, billigen Meckern umherzulaufen, zu buttern, Gefliigel zu mästen, Lernen- ti-uhen zu bewachen und des Abends Patience zu legen, wie die Musterfrauen voin Lande!
„Du mußt nicht glaichen, Klaus", schrieb mir mein Freund, „daß mich ihr Treubruch in den Tod getrieben hat. Seitdem ich weiß, daß mein Idol ein ganz ge- wohnlicher kleiner Götze ist, würde ich imstande ge- wesen sein, mein Herz von ihm zu lösen, aber daß ich mit meiner Ehre habe Schacher treiben lassen, die reinsten, edelsten Gefühle meines Innern an eine schmutzige Sache vergeudet, daß ich mich zum Spielzeug in Frauen- Händen erniedrigt habe, das ertrage ich nicht! Ich komme nnr ganz und gar herabgewüvdigt ^ vor, aus Scham vor mir selber gehe ich in den Tod!"
Rittmeier schwieg, von der Erinnerung überwältigt. Nach einer Pause schloß er: .Fräulein von
Grening spricht davon, daß mein Freund im Pacht- zins rückständig geblieben fei. Ihre Mutter hat, da- mals die zehntausend Mark, die der Oberst entrüstet zurückgewiesen hatte, sofort als ein „Darlehen gegen Zinsen" in Anspruch genommen, aber bis heute sind weder Zinsen gezahlt noch ist das Kapital zurückge- geben worden, und das wird auch nie geschchcn, da kein Schuldschein existiert, sondern nur die kurze Notrz in Martins Papieren, seine Schiviegermutter habe das Geld als „Darlehen" erhalten, aber nicht ihr Name. Also bis in den Tod hinein hat er seine Treue und Verschwiegenheit bewahrt . .
Dore, die nicht mit einem Wort seine Erzählung Unterbrochen hatte, aber schon längst stehen geblieben tvar und mit vor Erstaunen und Entrüstung vergrößer
tem Auge an seinen Lippen hing, tat jetzt einen tiefen, schweren Atemzug.
„O pfui — pfui ... so viel Gemeinheit! Aber »st das Mädchen denn auch wirklich Fräulein von Grening? Sie haben nie einen anderen Namen als Liddy gehört, und auch Herrn von Bernbühlers Vater kennt den wahren Namen nicht."
„Ich hatte sie doch im Caf6 gesehen und habe sie sofort wiedererkannt, als sie das erstemal an jenem Morgen zu Ihnen in den Garten trat, die Angelegenheit datiert ja nur vier Jahre zurück."
„Welch ein Abgrund von Niedrigkeit! Einen Mann, der sie mit der aufopferungsfähigsten, reinsten Liebe geliebt hat, nennt sie einen Phantasten,, der geistig getrübt gewesen sei, und über das Grab hinaus besudelt sie seine Ehre! Ich hätte nimmermehr ge- glaubt, daß so viel Schlechtigkeit in deni Herzen eines so liebreizenden Geschöpfes Platz haben kann! Wenn ich sie nur nicht mehr zu sehen brauchte, — ich weiß nicht, wie ich weiter mit ihr verkehren soll."
„Wenn nun aber gar Heinz von Grening seine Collisine heiraten sollte?"
Dore zuckte sichtlich zusammen, ihr Auge irrte entsetzt umher, sie sägte nichts.
„Sollten Sie noch nicht bemerkt haben, Fräulein Werlich. daß sich Herr von Grening für Fräulein Liddy interessiert?"
„Um Gottes willen, er darf sie nicht heiraten! Welch ein Tor tvar ich, das noch zu befürworten: o ja, beneidet habe ich sogar manchmal das schöne Geschöpf! Sie kann so in strahlender Sonne wandeln, dachte ich, und du bist solch ein Schattenpflänzchen. Verachten könnte ich mich deshalb, daß ich geholfen habe, ihre Absichten auf Heinz' Hand zn unterstützen. Was nun?"
„Es gibt jemand, der die Heirat verhindern kann, Fräulein Werlich. . . und das sind Sie." Er sagte nichts weiter, denn er sah, daß sie ihn verstanden hatte.
„Erst dafür und nun dawider, welche Rolle spiele ich da un!d wie werde ich mir selber Vorkommen? ?lber da gibt es kein Überlegen! — Und Ihnen. lieber Herr Rittmeier, danke ich von ganzem Herzen." Sie streckte ihm beide Hände entgegen. „Sie haben vielleicht ein großes Unglück verhütet."
„Ich habe nnr meine Pflicht getan!" sagte er resigniert, aber als er jetzt ihrem treuen Auge begegnete, das mit so viel innigem Vertrauen auf ihn gerichtet tvar, kam ihm plötzlich die Größe des Opfers, das er gebracht hatte, zum Bewußtsein. Er hatte den beiden, die sich längst liebten, den Weg zur Vereinigung ebnen helfen, und er zweifelte nicht, daß sie sich nun finden würden. Es stieg ihm heiß in der Brust empor bis zu den Augen, ein wilder Schmerz . packte ihn, einen Moment verlor er die Herrschaft über sich. Die ganze verschwiegene tiefe Liebe für seine Schülerin brach aus feinem Blick, er preßte ihre Hand in der feinen, daß sie hätte aufschreien mögen.
