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i«.-■! Morgen-Beilage des Wiesbadener Tagblatts. it—zsü

Nr. 55.

Samstag» 6. Marz.

1915.

(18. Fortsetzung.)

vore.

Roman von E. Krickeberg.

Nachdruck verboten.

Ich will mich ganz kurz fassen und nur die wichtigsten Dinge erzählen. Der Pächter bewohnte das alte In- spektorhaus, während das Schloß für die Familie Grening reserviert blieb, die den Sommer dort ver­lebte. Natürlich hatte Martin bei seinen pflichtschuldi­gen Besuchen im Schloß auch das gnädige Fräulein kennen gelernt. Er war ein etwas schwerfälliger, lang­sam sich erwärmender Mensch, aber wenn er erst ein­mal sein Phlegma abgeschüttelt und sich für etwas be­geistert hatte, so gab er sich mit voller Seele hin. Fräulein von Grening hatte es verstanden, ihn in Flammen zu setzen. Als ich ihn eines Tages besuchte, fand ich den besonnenen, vernünftigen Menschen völlig verändert, aufgeregt, übermütig — rasend verliebt. „Ich werde mich verheiraten", sagte er mir glückstrahlend, aber er nannte nicht den Namen seiner Auserwählten, die Sache sollte^auf den Wunsch seiner Braut noch Ge­heimnis bleiben. Sie hatte also die Gewissenlosigkeit so weit getrieben, sich ihm direkt zu verloben, trotzdem er keineswegs schön und überhaupt ganz und gar nicht ein Mann für eine Dame vom Schlage des Fräulein von Grening war. Aber sie brauchte Geld damals, viel Geld; ihre Mutter hatte Schulden gemacht, die unbe­quem wurden, und Fräulein von Grening wollte nach Paris reisen, eine willkommene Veranlassung, einem ausschweifenden Toilettenluxus zu frönen... Ich habe das alles natürlich erst viel später erfahren.

Eines Tages bekam ich einen Brief von Martin, aber statt der erwarteten Verlobungsanzeige enthielt er eine Bitte um Geld. Er brauchte unbedingt sofort fünftausend Mark, das könne er seinem Vater, den er ohnehin in letzter Zeit stark in Anspruch genommen habe, nicht sagen. Ich möchte doch so gut sein, von un­serem gemeinsamen Bekannten Kurt von Lassen, mit dem er in letzter Zeit etwas zerfallen war, die Summe auf meinen Namen gegen Ehrenwort zu borgen — er hafte dafür. Ein Schuldschein war gleich beigefügt. Es hänge von der Beschaffung der Summe unendlich viel für ihn ab, daher hoffe er, daß ich ihm den Freund­schaftsdienst erweisen würde. Aber Kurt von Lassen befand sich zu der Zeit gerade irgendwo im Orient, und meine Anstrengungen, die Summe anderweitig zu be- schaffen, mißglückten ebenfalls. Lieber Gott, ich war ein Mensch, der gar keine Sicherheit bieten konnte, und so schmerzlich mir es war, mußte ich Martin mitteilen, daß ich ihm nicht helfen könne. Dann hörte ich einige Wochen nichts von ihm, bis ich eines Tages — ich diente damals gerade mein Militärjahr in der Residenz ab — ein Billett von ihm bekam mit der Bitte, ihn in einem bestimmten Lokal um acht Uhr abends treffen zu wollen: Geschäfte halber käme er nach Berlin.

Mein Dienst war an dem Tage früh zu Ende, und gm den Nachhauseweg zu sparen, begab ich mich scholl eine Stunde vor der festgesetzten Zeit in ein neben dem Lokal gelegenes Caf6, um die Zeitungen zu lesen. Ich

saß lesend in einer Nische, als ich plötzlich Martin- Stimme zu hören glaubte, und richtig, da stand er mitten im Zimmer mit einer Dame am Arm und spähte nach einem passenden Tisch uncher. Mir gegen­über nahmen sie Platz, Martin kehrte mir den Rücken zu, der Dame konnte ich voll ins Gesicht blickeil. Sie war berückend schön, aber von der Schönheit des Teu­fels, und ich mußte sofort denken: es ist kein Wunder, daß sich mein harmloser Frelind von diesen raffinier­ten Augen hat sangen lassen. In diesem Moment sah dte Dame höchst gelangweilt und verdrossen aus. Weinr das Martins Braut war, so schien von ihrer Seite die Liebe nicht sehr heiß zu sein — ob er das nicht sah? Er sprach zu ihr dringlich, ja flehend, wie es schien, sie gab halbe Antworten, kaum, daß sie die Lippen öffnete, man sah, daß sie sich entschieden' ablehnend verhielt. Sie zuckte die Schultern, schüttelte hin und wieder mit eigensinniger Beharrlichkeit den Kops und lehnte schließlich mit Halbgeschlossenen Augen in verführeri­scher Pose den Kopf an das Holzpaneel der Wand, es ihm überlassend, sich nach besten Kräften allein zu unterhalten.

Der große, starke, stattliche Mensch fuhr sich mit seinen sonnengebräunten, derben Händen aufgeregt ins Haar, sprach noch eine Weile auf sie ein und stützte dann den Kopf wie verzweifelt in beide Hände. Plötz­lich stand die Dame mit einer spöttisch-verächtlichen Ge­bärde auf, nahm ihren Schirm, und kaum darauf achtend, ob er ihr folge, schritte sie aus dem Lokal.

Zur festgesetzten Zeit begab ich mich in das Restau­rant nebenan, Martin wartete bereits auf mich. Ich erschrak, als ich ihm ins Gesicht blickte, er sah förmlich verfallen aus. An Stelle der ruhigen, vertraireu- evweckeudeu Gleichmäßigkeit von einst und der glühen­den Liebeseligkeit «der letzten Zeit hatte sich eine unstete

f ast seiner bemächtigt. In seinen Augen glühte ein ieber. Er machte den Eindruck eines Spielers, der alles aus eine Karte gesetzt hat und nun voll nerven- zerrüttender Angst aus den Ausgang wartet. „Mensch!" sagt er, nachdem wir uns kaum begrüßt hatten, „ich muß Geld hüben, sofort . . . fünf-, sechs-, zehntausend Mark, je mehr, desto besser! Für meinen Vater wäre es ja eine Lappalie, es mir zu geben, über ich glaube,, er stellt inich unter Kuratel, wenn ich ihm noch einmal komme. Kannst du mir denn kein Geld schaffen?"

Ich fragte ihn, woher ich es denn nehmen solle, und er schlug mir vor, ich möchte zu seinem Vater gehen und das Geld für mich zum Beginn eines Geschäftes oder wozu ich sonst wolle, erbitten, er sei mir ja unter allen Umständen sicher dafür, und mir weigere sein Vater nichts. Aus diesem Anerbieten des sonst so peniblen, gewissenhaften Mannes konnte ich anr besten sehen, in welch zerfahrener Gemütsverfassung er sich befand.

„Aber, Martin, wie kann ich das?" sagte ich, „das wäre eine schöne Dankbarkeit!"