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Nr. HA

Samstag, 6. März 1915.

Wiesbadener Tagblall.

Plbend-Ausgabe. Erstes Blatt.

Sette 9.

Jntereffante Ziffern aus Rußland.

St. Petersburg, 1. März. (K. V. Z.) Der ungedruckt vor­liegende Bericht des Deputierten Charitonoff über den russi­schen Staatshaushalt 1915 enthält viele interessante Ziffern. Man erfährt, daß sich die Kriegsausgaben bis zum 15. Januar 1915 auf 3020 Millionen Rubel belaufen hatten. Man dürfe auf eine tägliche Kriegsausgabe von 14 Mill. D»bel rechnen, wovon 1,4 Mill. Rubel auf ordentlichem, 12,6

Mill. Rubel auf außerordentlichem Wege aufgebracht werden müssen. Die bis jetzt aufgenommenen Anleihen in ver­schiedener Form belaufen sich auf 2600 Mill. Rubel. Der Banknotenumlauf betragt 2997,8 Mill. Rubel, als Golddeckung seien dafür 1711,1 Mill. Rubel vorhanden, so daß die Deckung mehr als 57 Prozent betrage. Die Beleihung von Waren durch die Reichsbank belief sich gegen Mitte Januar 1915 auf 111,9 Mill. Rubel, mehr als d o p p e l t so viel wie im Vorjahre.

Papiermangel in Warschau.

W. T.-B. Petersburg, 6. Mär,. (Nichtamtlich) Nach Blättermeldungen aus Warschau besteht dort Papiermangel, so daß die Blätter das Format auf nur ein Viertel des früheren reduzierten.

Die deutsche Elektrizitätsgesellschaft in Petersburg sequestriert.

W. T.-B. Petersburg, 6. März. (Nichtamtlich) Die .Rußkoje Slotvo" berichtet aus Kiew, daß die deutsche Elektri- zitätSgesellschaft. deren Besitz auf 10 Millionen Rubel geschätzt fcritb, endgültig sequestriert worden ist.

Bestrafung eines Deutschrusseu.

W. T.-B. Riga, 5. März. (Nichtamtlich.) Stuf admini­strativem Wege wurde der Präsident der baltischen konstitutio­nellen Partei. Nikolaus v. Kloth, mit 3 Monaten Arrest be­straft. Es wurde ihm zur Last gelegt, mit deutschen llntertcmen außerhalb Rußlands Beziehungen unterhalten zu haben, obwohl eine obligatorische Verordnung dies verbietet.

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Ein serbischer kommandierender General im Kerker.

Wie«, 4. März. AuS serbischen Blättern meldet die „Reichspost". daß der General Kondic, der Komman- Metertbe des mißglückten Serbeneinfalls in Syrmien, wobei eine ganze serbische Division aufgerieben wurde, vom Kriegs­gericht zu einem Jahr schweren Kerkers verurteilt wurde.

nahm zwecklos einen Kasten an einer Stelle fort, um ihn ebenso zwecklos an einer anderen Stelle hinzusetzen, er suchte ftach einem alten schmiedeeisernen Schloß, während die Truhe, die er abgeschloffen hatte, doch längst verbrannt war. Er führte mich schließlich zu den Bodenräumen, an die eine Mansardenwohnung anstietz. Da sah ich das Brandgeheim- nis dieser Häuser alle. Mit sorgfältigster Arbeit war eine Jage Papier und Werg und eine Lage Möbel geschichtet, ein paar Petroleumlampen waren oben umgekehrt auf die untere Seite der Polstermöbel gestülpt, die die oberste Lage des Auf. dauS bildeten. Das Aufflammen eines Streichholzes ge­nügte, um das HauS in Brand zu setzen. Es war dies selbst jetzt noch bei einiger Unvorsichtigkeit möglich und der alte Herr war nicht zu bewegen, des Nachts seinen Wachposten vor dem niederträchtigen Scheiterhaufen aufzugeben. Das war russische Kriegsführung. Nicht, daß ein Haus in Flam­men aufgeht, erscheint mir schlimm, sechs Monate Krieg haben mich gelehrt, daß davon nicht viel Wesens zu machen sei, aber daß man die Arbeit von Tagen aufwendet, um beim Abzug systematisch Privateigentum nur der Vernichtung wegen zu zerstören, ist das Zeichen russischer Kriegsführung, und ich kann mir keine härtere und beschimpfendere Bezeich« nung für Mordbrennerei mehr denken, als daß man sagt, man führt Krieg wie die russische Armee des Nicolai Nicolai- jewiffch.

Dem alten Mann in feinem verwüsteten Hause muhte geholfen werden. Ich ging zum Kommandanten und ließ mir ein paar gefangene Russen zur Hausreinigung geben. Sie schrubbten und kehrten und sahen mich bei jedem Dienst aus ängstlichen und willigen Augen an, ob es so recht wäre. Sie brauchten kaum Geräte, es gab nichts, vor dem ihrc King« sich gescheut hätten. Die Verständigung ging mft

Der Krieg im Orient.

vie Beschießung der Dardanellen.

Vas bisherige negative Ergebnis.

Nr. Berlin, 6. März. (Eig. Drahtbericht. Ktr. Bln.) Bon den Dardanellen wird dec „B. Z." gemeldet: Das Er­gebnis der gestrigen Beschießung der Dardanellenforts war

tatsächlich völlig negativ. Die türkische« Batterien find ganz intakt geblieben. Auch Berluste an Mannschaften waren nicht zu beklagen. Offenbar ist es den englischen Schiffen auch gesteru nicht geluugeu» die Stellung de» türkischen Batterien fritzustellen. Ihre Granaten setzten lediglich die Zivilbevölkerung in Schrecken, verletzten aber niemand. Die Stimmung ist nach wie vor zuver­sichtlich. Es wird immer klarer, daß die Engländer kein größeres Risiko eingehen und aus dem Unternehmen möglichst ungeschwächt hervorgehen sollen.

Zwei mißglückte Landungsversuche.

Der türkische Hauptquartierbericht.

V. T.-B. Konstantinopel, 5. März. (Nichtamtlich.) DaS Hauptquartier meldet: Gestern abend in später Stunde ver­suchte eine feindliche Flotte unter verstärktem Feuer an einzelnen Teilen der Küste außerhalb des Feuers unserer Arttllerie bei den Stellungen von Sedil-Bahr und Kum-Kale in Schaluppen Soldaten zu landen. Anfangs ließen wir den Feind gewähren, aber dann erwiderten wir dal Feuer. 60 feindliche Soldaten, welche sich bei Sedil. Bahr ausschifften, flüchteten wieder in die Schaluppen und zogen sich unter Zurücklassung von 20 Toten und Verwundeten zurück. 400 feindliche Soldaten, die bei Kum-Kale an Land gesetzt waren, wurden vertrie­ben, wobei sie etwa 8 0 Tot« verloren. Wir hatten 6 Tote und 25 Verwundete in den beiden Gefechten. Nach dem gestrigen Mißerfolg teilte sich die feindliche Flotte irr mehrere Teile und bombardierte die offenen unvertei­digten Häfen von Dikili, Sarmsak und Aivalik am Ägäischen Meer. Zwei Flieger, die den Golf von Saros überflogen, stürzten ins Meer; der Apparat fiel ebenfalls ins Wasser und verschwand. Von den übrigen Kriegsschau­plätzen ist nichts Wichtiges zu melden.

„stoi!" und „marsch!", mit „alter Hammeldieb" und einigen Handbewegungen sehr gut vor sich. Man konnte sich danach beinahe einbilden, die Wohnung sähe etwas sauberer aus.

Dann bin ich durch die Stadt gegangen. 280 Bewohner waren geblieben. Arme Leute, die das Entsetzen des Krieges bis zur Neige getrunken haben. Am Rathaus stand noch die große russische Inschrift „Goldaper Platz", und an den Türen waren oft drei Inschriften hintereinander zu lesen. So an einem größeren Haus auf dem Wege zum Bahnhof etwa: 3. Okt. 14. Fliegerabteilung der 8. Slrmee; dann eine rus­sische Inschrift, die daS Haus mit Datum 1915 belegte und dann die letzte deutsche Inschrift vom Februar 1915.

Die alte Kirche in Goldap ist, wie ein Blick in die Sakristei und hinter den Altarraum zeigt, ausgeraubt wor­den. Übrigens die einzige Kirche, von der ich dies mit Sicher­heit annehmen konnte.

AIS ich in das Auto stieg, Goldap zu verlassen — diesmal gern, eS ist traurig, in diesen zerstörten ostpreutzischen Städten zu sein und es ist bitter — traf ich zufällig der, Bürgermeister, der das Eiserne Kreuz trug. „Es wird eine schwere Arbeit geben, aber wir werden sie gern tun, wenn . . ." Er sah nach Osten ans die Rückzugsstraße der Russen, und seine Augen ergänzten den Satz. Die Größe des deutschen Sieges wird inzwischen das kleine „Wenn" zum Schweigen gebracht haben.

Sulwalki erschien mir diesmal belebter als im Herbste, da ich zum ersten Male die Stadt mit den drei schönen Kirchen betrat. Die Bevölkerung aber — viele Polen hatten diesmal nicht „fort können" — schien mir unzweifelhaft un- fteundlicher. Vielleicht haben die Russen die Drohung, die sie in Goldap hinterließeu, daß sie in einer Woche wiederkämen, auch hier als schlechtes Alchchiedswort gesagt. Sie hätten es

von den Kauftofusfroni nichts Neues.

W. T.-B- Petersburg, 5. März. (Nichtamtlich.) Dev Goneralstab der Kaukasusarmee meldet: Am 3. März hat att der Kaukasusftont keine Veränderung stattgefundeu.

Eine türkische Stimme über die Gefahr der ruffische» Expansiv».

W. T-B. Konstantinopel. 5. März. «.Nichtamtlich.) Be­züglich des in der „Neuen Freien Presse" erschienenen Artikel» deS Grafen Andraffh über die Dardanellenfrage hebt der „Tanin" hervor, daß sämtliche aus Italien, Griechen­land und Bulgarien erntreffenden Nachrichten dartun, wie sehr diese Nationen durch die Gefahr der russischen Expan­sion beunruhigt sind. Das Blatt meint, selbst Framkreich und England wären eines Tages durch die russische Flut be­droht. Sie glauben vielleicht, daß sie, nachdem sie Deutsch­land zerschmettert hätten, Rußland würden angreifen können; aber sie täuschen sich, denn wenn Rußland sich noch mehr ent­wickelt, würde ihm niemand mehr Widerstand leiste« können. Es gibt viele Nationen, die an den Meerengen i« demselben Grade interessiert sind wie wir,

vie Truppentransporte der verbündeten gegen die vardanellen.

Zürich» ö. März. „Corriere della Sera" erfährt aus Neapel, die Besatzung des dort aus Marseille angekommene« Dampfers „Pattia" berichte, daß Dienstagabend ein Geschwa- der von elf großen Dampfern von Marseille abgefahren sei, die über 20000 Mann an Bord gehabt hätten mit viÄ Kriegsmaterial. Sieben Panzerschiffe hätten die Dampfer begleitet. Ein weiterer Transport von 20 000 Mann werde in Toulon bereitgehalten.

Br. Turin, 6. März. (Eig. Drahtbericht. Ktr. Bln.) Der „Stcrmpa" wird aus Toulon telegraphiert: Ei»

großes, unter dem Oberbefehl des Generals D'Amad« stehendes Expeditionskorps, das aus dem8. und 22. Kolonialregiment und dem 141. Infanterieregiment und Senegalesen zusammengesetzt wird, ist bereits zu Landungsüwecken nach der Türkei verschickt worden. Außerdem sind,3 Divisionen von je 18 000 englischen und englisch-indischen Soldaten, die bisher längs des Suezkanals Verwendung gefunden hatten, hereitgestellt, um zur gegebenen Zeit nach den Darda- nellen gebracht zu werden. Das Oberkommando über die sämtlichen französisch-englischen Truppen hat em bestbewährter englischer General erhalten.

Englische Unverfrorenheit und griechische Nachsicht.

AuS Konstantinopel, 5. März, berichtet die „ÄSfa. Ztg.r Aus Salcmik eingetroffcne Reisende erklären, di« eng. lische Flotte unterhalte einen lebhaften Verkehr mit Salomk. woher sie allerlei Lebensmittel, namentlich Schlacht. Vieh, beziehe, die von einem Ausschuß angekaust würden. Nach, dem auf Ersuchen der Konsuln der Zentralmächte Sie hellenische Ortsbehörde beim britischen Admiral wegen der regelmäßigen Landung englischer Marinemannschaften, die Lebensmittel holten, vorstellig geworden sei, blieben die Eng« länder vor St. Katherina am Eingang der Bucht von SalonLl liegen, wo sie ebenfalls alle Ausbesserungen ihrer Kriegsschiffe vornähmen. Die auSzubeffernden Stelle» seien mit Segeltuch dicht umgeben, außerdem hielten die Mannschaften alle einheimischen Fahrzeuge fern.

Der englisch-russische Interessengegensatz in btt vardanellenfrage.

W. T.-B. Petersburg, 6. März (Nichtamtlich.) Die

Birchewija Wjedsmosti" führt zu den Äußerungen GretzS im englischen Parlament über die Dardanellenfrage aus: Durch die Rede Greys wird der Andruck hervorgerufen, alS wenn Grey die Worte Ssafonows in der Duma absicht­lich nicht verstehen wolle. Ssasonow sprach es in Ver­bindung mit der Rede Goremhkms klar aus, daß Rußland eine große geschichtliche Zukunft an den Ufern deS Schwarzen Meeres und an den Pforten Konstantinopels hätte. Auf diese Weise bekundete die russische Regierung durch den Mund ihrer berufenen Vertreter Een unerschütter­lichen Entschluß. Konstantinopel für Ruß­land zu sichern. Dadurch ist eine andere Deutung der Worte Sfasonows ganz ausgeschlossen. — Der „Petro- gvadSki Courier" erfährt von einem hochstehenden Diplomaten, daß Rußland bereits vor Beginn des Kriege« die Frage dar Dardanellen mit den Alliierten wiederholt verhandelt und niemals die Bedeutung des Besttzes KonftanttnovelS für die russischen Leüensinteressen geleugnet habe. England ant­wortete stets, daß es für diese Ansprüche volles Verständnis habe. Wir haben ganz bestimmte Gründe, anzunehmar, daß die Frage der Dardanellen nach Beendigung des Krieges zwischen den Alliierten in für unS günstigem Saum

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dann sogar gehalten. In der prächttgen zwrebelturmrg«

orthodoxen Militärkirche in der Kasernenstadt von Suwalki waren drei- bis viertausend Gefangene, als ich auf dem Wege nach Augustow vorbeifuhr.

Ein nicht eben hohes Gitter umgibt den Kirchenplatz, den man miffamt der Kirche den Russen eingeräumt hat. S« hocken draußen an kleinen Feuerchen und kochen sich in ihren Kupfergeschirren heißes Wasser und allerlei Fleischrefte. MH gehe an den deutschen Posten vorbei, durch das Treiben, da» wie Zigeunerbiwak anmutet, in die Kirche. Auch hier auf dem Steinpflaster brennen kleine Feuer. Dampf und Rauch wogt in großen Schwaden durch den metallstrotzenden Raum. Hinter dem Altar, in der Sakristei fällt das Licht durch gelbe­rote und blaue Scheiben, es tanzt auf den hockenden, liegen­den, knienden Gestalten. Gelb und golden und dunkelrot flammt es durch den Nebel und Dampf. Es gibt keine« Maler, der den farbigen Reiz der Szene festhalten könnre, denn jeden Augenblick verändern sich die Gruppen, stellen fich zusammen und lösen sich auf, und die dunkelglühenden Far­ben huschen umher und geben allen einen seltsamen Schein von Unwirklichkeit. In allen Sprachen des weißen Zaren spricht es um mich her, man bittet mich um Brot, ftagt, wann es weiterginge, und ob es Zigaretten gäbe. Man fragt viele», was ich nicht verstehe, man spricht Dialekte, die ich nicht ein» mal ihrer Art nach abschätzen könnte. Manche springen auf und salutieren. Ich bin der einzige Deutsche zwischen drei­tausend russischen Menschen, ich könnte meinen, innerhalb der russischen Armee zu weilen. Aber alle diese Augen, die sich fragend und bittend an mich saugen, haben einen gemein­samen Ausdruck: es sind die Angen von Besiegten, voa

Waffenlosen, die für ihr Schrckjal und da» von Rußland, nichts mehr hoffen