Veit« L Rbe«v-Ausg«be. Elftes Blatt»
lursrigen varzuschiechen, doch wurden sie von unserem Feuer fünfmal Kerstreui. Nördlich ArraS, im Gebiete Notre Dame de Lorette, war unser Gegenangriff von vollem Erfolg gefrönt. Am DomierStagaborÄ nnhnren wir eine Kompagnie gefamger. und erbeuteten Maschinengewehre. Am Freitag er- widerten wir einen amen feindlichen Gegenangriff und Harfen die Angreifer bis hinter ihre vorher eingenommenen Stellungen, zurück. Wir nahmen die vorgeschobenen Grabenstücke lvieder ein, die seit zwei Tagen im Besitz des Feindes waren, und machten zahlreiche Gefangene. Reims wurde den ganzen Tag beschaffen. In der Champagne, im Gebiet von Perthes, machten wir merkliche Fortschritte. Am Donnerstag war eine Kompagnie Garde in unseren Linien eingeschlossen und verblieb trotz der Versuche, sie zu befreien, in unseren Händen. Am Freitag gewannen wir Gelände auf der ganzen Front, eroberten Schützengräben nordwestlich Perthes und besetzten im Norden vor demselben Dorfe einen Borsprung, wo wir Gefangene machten. Wir eroberten 600 Meter Schützengraben auf 200 Meter Tiefe jenseits der Kuppe, welche nordöstlich Lesmenil liegt. Wir rückten in den benachbarten Gehölzen vor. Schließlich besetzten wir in diesem mehrere Schützengräben in den Schluchten nordwestlich von Beau-Sejour. Nach dem eigenen Geständnis von Gefangenen sind die Verluste des Feindes äußerst groß. Die Stimmung unserer Truppen ist ausgezeichnet. In den Argonnen machten wir im westlichen Teile des Dorfes Bauouois, dem einzigen Teile, in wÄchem sich die Deutschen noch halten, bedeutende Fortschritte. Im Le-Pretrc-Wald, nordwestlich Pont-L-Mousson, haben wir deutsche Angriffe mühelos zurückgewiesen. Bei Badonviller und Celles rückten unsere Angriffe bis unmittelbar vor die feindlichen Drahthindernisse vor und wiesen einen Gegenangriff im Elsaß zurück. Am Hartmannsweiler Kopf nahmen wir Schützengräben und die Feldbefestigung und erbeuteten zwei Maschinengewehre.
Deutsche Minen an der französischen Küste.
Berlin, 6. März. (.Ktr. Bln.) Nach dem Bericht eines belgischen Journalisten sind gegenwärtig fast alle kleineren Dampfer von Dieppe und Boulogne damit beschäftigt, die von den Deutschen an der französischen Küste ausgelegten Minen aufzufifchen.
Zur Wiederbelebung des französischen Handels.
Br. Genf, 6. März. (Eig. Drahtbericht Ktr. Bin.) Ilm den französischen Handel auf den ausländischen Märkten zu sichern und wieder ca rfxn nehmen und Handel und Industrie xu fördern, hat die Pariser Handelskammer nunmehr den Wunsch geäußert, das französische Parlament möchte das Handeljs.de,rbo>t mit Deutschen unid Österreichern. die in den mit Frankreich verbündeten oder in nouiralen Ländern Europas ihren Wohnsitz haben, aufhebcn.
Unfall eines Zeppelin-Luftschiffes.
W. T.-B. Brüssel, 5. Mürz. (Nichtamtlich) Ein Zeppelin- Luftschiff kehrte gestern von einer erfolgreichen Erckundungs- fahrt zurück. Es landete in der Dunkelheit bei Tirlemvnt, geriet aber auf Bäume und erlitt nicht unerhebliche Beschädigungen, so daß es zweckmäßig erschien, das Schiff abzumontieren, was durch die herbeigerufenen Mannschaften eines Ätftfchiffkommandos mit größter Beschleunigung ausgesührt werden konnte. Das Luftschiff wird in Deutschland wieder zusammengesetzt werden.
Die ttrregrerlebnisse des Antwerpens* Hafens.
Bon unserem Kriegsberichterstatter.
Großes Hauptquartier, am 1. März.
Der Hcftenkommandänt von Antwerpen, Konteradmiral Lauran, hatte die Liebenswürdigkeit, einigen der Kriegsberichterstatter aus dem Großen Hauptquartier seine Ansichten über die Entwicklung Antwerpens unter deutscher Verwaltung mitzuteilen. Der .deutsche Hafenkommandant arbeitet in einem Raume der „Schiffahrtsschule", jenes hochragenden Verwal- tungsgabäudes am Eingänge zum Hafen, welches gleichzeitig das Lotsen- und das Hafenamt und in anderen Zeiten auch das Auswanderungsamt enthält. Von feinem Schreibtische aus kann er, wie von einer hohen Warte, den wichtigsten Teil ,des Hafens und ein Stück der Schelde übersehen, so daß man einen Augenblick .den Eindruck gÄvinnt, von hier aus müsse sich jede ^Einzelheit in den weitverzweigten Hafenbecken mit scharfem Auge kontrollieren lassen.
Der Raum ist geschichtlich nicht nur wegen seiner sonstigen Bedeutung als Zentralnerv des Verkehrslebens von Antwerpen, sondern auch wegen seiner Verbindung mit dem jüngsten Kapitel der Antwerpener
Kriegsbrirfe sus dem Osten.
von unserem zum Ostheer entsandten Kriegsberichterstatter.
Auf den RückjugsKrahen der 10. russischen Armer.
Augustow, 22. Februar.
Auf vielen Straßen und Wegen, an einsamen zerschossenen Dörfern vorbei, durch verlassene gespenstige Städte, >in denen kein Hauch eines Lebens sich bewegte, bin ich nun der Rückzugslinie der 10. russischen Armee gefolgt. Das Bild eines eiligen Rückzuges, das die ersten Tage zeigten, wurde zum Bild der Flucht, und zuletzt war alles Entsetzen und .Grauen der Katastrophe aus den Straßen und in den Wäldern von Augustow. Aus manchem Grunde möchte ich die Erinnerungen des Weges nicht in der Reihenfolge geben, wie sich fie — im Schlitten, im Wagen, im Auto — auffing, ein paar Eindrücke aus dem großen Sieg und der großen Vernichtung seien wie Bilder aneinandergereiht.
In Stallupönen war ich bei grauendem Morgen, ein blasses Licht rann über die grauschwarzen zerschossenen Häuser. Die Truppe schlief noch, es war kein menschliches Wesen auf den Gassen zu sehen, in einer Nebenstraße schrie mit diesem zerreißenden Ton ein sterbendes Pferd. Es roch nach Brand und nach Aas. Man hörte den Widerhall der Hufe meiner Pferde auf dem Steinpflaster und hörte das Knirschen der Räder, wenn sie über Gewehre, Uniformen Stücks von eiligst geschlachtetem Vieh schnitten. Es war wie eine Erlösung, als bei steigender Sonne Scharen von ge> fangenen Russen, die Offiziere an der Spitze, von Kibarty
Wiesdasener Tagblatr. Samstag, 6. März lOlö. Nr. Ile.
Geschichte, mit der Eirmahmc der alten flämischen Scheidestadt durch die Deutschen. Denn hier hatte der belgische Kommandant, General de Guise, die bekannte Unterhaltung mit dem deutschen Parlamentär, in welcher er erklärte, er werde die Festung niemals übergcken. „Wir halten sie bis zum letzten Blutstropfen!" Das war ein starkes Wort, aber die deutschen Kanonen waren stärker. Und schon dreiviertel Stunden später stieg der General unten am Kai in ein Boot, um w eg z ufah ren. Die Stadt wäre ihrem Schicksale überlassen geblieben, wenn nicht die bürgerlichen Behörden mit den Deutschen Verhandlungen angeknüpft hätten, um die Fortsetzung des Bombardements zu verhindern. Schon jetzt ,versuchen solche Leute, welche in guter Sicherheit im Auslände sitzen, den Antwerpener Behörden wegen der Übergabe Vorwürfe zu inochen und sie sogar als Verräter an der Sache Belgiens hinzustellen. Die Stadt hat sich wehren müssen und hat eine Flugschrift in flämischer und französischer Sprache erscheinen lassen, worin die Vorgänge ganz geschichtlich dargestellt sind. Admiral Lauran wies ausdrücklich darauf hin, daß jeder, der die Übergabe miterlebt habe, die in der städtischen Flugschrift angegebenen Tatsachen vollkommen bestäti- gen könne. Antwerpen ist durch den Krieg in einem Augenblick überrascht worden, wo es sich anschickte, nach der ungeheuren Entwicklung, die es als Welthafen durchgemacht hat, einen Anlauf zu neuem Aufschwung zu nehmen. Seine geographische Lage als Hafenplatz ist beneidenswert gut. Auf fünfund- einenhalben Kilometer Länge können die Danrpfer zum Ausladen unmittelbar an die Anlagestellen der Scheldekais hinanfahren. Und was mit Fleiß und Kraft zur Verbesserung des Hafens geschehen konnte, davon ist nichts verabsäumt worden. 66 Kilo- Meter Eisenbahnstrecke vermitteln den Jnnenverkchr zwischen den einzelnen Hafenanlagen. Die gesamten Dampferanlageplätze haben eine Ausdehnung von 25 Kilometer. Schon die alte, 1830 gebaute Seeschleuse war für chre Zeit mustergültig. Die in den Jahren 1905 bis 1908 ausgeführte Royerschleuse läßt Schiffe von 13 000 Tonnen und fast 190 Meter Länge durch. Eine deutsche Firma errichtete ein neues Trockendock von 220 Meter Länge, 26 Meter Breite und 81/2 Meter Tiefe, welches so weit fertig war, daß nur noch der Damm durchstochen zu werden braucht.
Diese riesigen Anlagen sollten noch eine gewaltige Vergrößerung erfahren. Gerade im Juli 1914 war eine Erweiterung der Antwerpener Hafenanlagen von der belgischen Regierung genehmigt worden. Eine nerre große Schleifte sollte errichtet werden, so daß die Schiffe eine Einfahrt und eine Ausfährt hatten und also im Hafen nicht zu wenden brauchten. Und zwar sollte diese Schleuse — Konteradmiral Lauran zeigte uns die im Hafenamte Vorgefundenen ausführ- zeigte uns die im Hafenamte vorgofunldenen ausführlichen entsprechen und bei 270 Meter Länge, 35 Meter Breite und bei niedrigem Wassevstande 11 Meter Tiefe lwben, wozu bei hohem Wasserstande noch 5 Meter Hub kommen. _ Ferner sollten noch größere Docks angelegt werden, die Schelde sollte berichtigt werden — kurz, die weitausschauendsten Pläne waren im Gange. Da trat der Krieg dazwischen.
„Da Sie ja selbst unter den ersten Deutschen waren, die Antwerpen und den Hafen nach der Einnahme gesehen haben, so werden Sie jetzt bei einer Rundfahrt durch die Hafenbecken wertvolle Vergleiche anstellen können", bemerkte der Konteradmiral. Damals war die arbeitsame Millionenstadt wie tot und a u s g e- storben. Im Hafen imd auf der Schelde war der ganze Betrieb unterbrochen. Keine Brücke war vor- Händen, fast alle Dampfer waren demoliert, die Salons ausgeräumt, die Ladungen geplündert. An beinahe sämtlichen deutschen und österreichischen Dampfern waren die Maschinen gesprengt, während man an die Kessel nicht herangegangen war, sei es, daß man keine Zeit dazu mehr gefunden hatte, sei es, daß nmn sich doch scheute, zu großen Schaden zu verüben. Es lagen hier im ganzen 32 deutsche Dampfer, welche dem Norddeutschen Lloyd, der Hapag, der Kosmos-, Hansa-, Hamburg-Südamerika-Levante-Linie usw. gehören. Ferner zwei österreichische Dämpfer, je ein fremder Dampfer und ein fremder Segler, ein belgischer Dampfer, ein belgisches Schulschiff, ein französisches Vollschiff, zwei englische Schoner und eine dänische
Jacht. Sechs deutsche Dampfer wurden in unbeschädigtem Zustande gefunden. Der Dampfer „Ganilon" war der einzige, weicher bei der Beschießung 'der Stadt eine Zerstörung erlitten hatte. Er hatte einen Volltreffer abbekommen.
Eine Bösichtigungskommission hat alsbald sämtliche Schiffe ausgenommen und die Beschädigungen festgestellt. Die zerstörten Maschinenteile wurden heraus- inontiert und zum Nachgießen nach Deutschland geschickt, so daß sie nach dem Kriege, bezw. jetzt schon wieder eingesetzt werden können.
Die Engländer haben bekanntlich bei ihrer Flucht aus Antwerpen versucht, das Fahrwasser der Schelde durch die Versenkung unserer „G n e i s e n a u" zu sperren. Aber da ist uns der S t r 0 in selbst zu Hilfe gekommen. Denn der gewaltige Rumpf sank nicht quer zur Fahrrinne, sondern hat sich parallel zur Flußrichtung gedreht, so daß Schiffe bis zu 13 000 Tonnen beiderseits des Wracks ungehindert durchfahren können. Das Schiff, das jetzt noch einen Wert von etwa anderthalb Millionen Mark darstellt, wäre übrigens gehoben worden, wenn wir über die nötigen Hebewerke verfügten. Solche sind in Holland vorhanden. Aber die holländische Regierung verbietet die Ausfuhr, da sie die Versenkung der „Gneisenau" als eine von England verübte Kriegs-Handlung betrachtet. Wir erkennen diesen Standpunkt an und wissen sehr wohl, daß Holland, welches unter dem Kriege schwer leidet, sich in einer sehr schwierigen Lage befindet. Wir haben nun mit einer deutschen Firma wegen der Hebung der „Gneisenau" verhandelt.
Aus die Frage, wie sich das Verhältnis zwischen Hamburg und Antwerpen unter deutscher Ver- waltung gestalten werde, verwies Konteradmiral Lauran auf Ausführungen im „Hamburger Fremdenblatte", welche mit den Worten schließen: „So blühend sich auch Antwerpen unter deutschen Verwaltung weiterentwickelt, so wird Hamburg doch stets seinen ersten Platz als Nordseehafen behaupten." „Dieser Ansicht," bemerkte der Konteradmiral, „schließe ich niich vollkommen an. Antwerpen ist durch feine Lage sehr bevorzugt. Es verfügt über den kürzeren Überseeweg. Die Verkehrswege nach seinem deutschen Hinterlande sind noch sehr ausbaufähig. Aber es bleiben viele Werte für Hamburg, welche nicht verschoben werden können und Hamburg stets den ersten Platz als Nord- sechafen garantieren werden."
Über die bisherigen Erfolgs der deutschen Verwaltung zeigte sich der Hafenkommandant sehr befriedigt: „Sie werden auf Ihrer Rundfahrt durch den .Hofen den Eindruck gewinnen, daß deutsche Ordnung und Gründlichkeit, die oft im kleinen schwerfällig zu sein scheint, hier wieder eingezogen sind. Die Leute geben anständig an ihre Arbeit, es kommt kein Diebstahl mehr vor. Wir haben einen umfangreichen, scharfen Poßzwang eingeführt. Kein Schiff darf ohne Passagierschein ausfahren, keines ohne ge- naue Kontrolle einfahren. Seit dem Oktober haben wir hier schon einiges erreicht und geleistet. Im allge- meinen haben wir ims bemüht, jedem zu helfen. Und ich glaube nicht, daß sich jemand aus den Antwerpener Schifahrtskreisen über die deutsche Verwaltung beklagt hat."
Über die deutschen Scheldäbefestigungen kann selbst- verständlich nicht gesprochen werden. Mer man darf mit dem deutschen Hafenkommandanten der Überzeugung sein, daß der Gegner, den es einmal gelüsten sollte, hier durchzubrechen. sich an Antwerpen, an dem Antwerpen unter schwarz-weiß-roter Flagge, di« Zähne aus beißen würde.
W. Scheuermann, Kriegsberichterstatter.
von den östlichen Nriegsschauplatzen.
vie deutschen Trfolge in Nordpolen.
Berlin, 6. März. (Ktr. Bln.) Zur Lage auf dem östlichen Kriegsschauplatz schreibt der militärische Berichterstatter eines Schweizer Mattes: Die deutsche Nordarmee hat ihren taktischen örtlichen Erfolg in Masuren so weit ausgenützt, als es die Verhältnisse erlaubten. In rücksichtsloser Verfolgung erreichte sie im Osten und im Süden eine befestigte Flußfront, die nicht im Sturm genommen werde:: konnte. Eine siegreiche deutsche Armee steht in der rechten Flanke der im Weichselbogen von Warschau südwärts versammelten russischen Hauptarmee.
her über den Marktplatz gebracht wurden. Es war wenigstens Leben in dem starren Grauen der toten Stadtz
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Das erste Haus, nach dem ich in Goldap Ausschau hielt, war das meines Wirtes, der mir im Oktober ein paar freund liche Wochen in seinem so wundervoll bürgerlichen Hause ge-, schenkt hatte. Die-eine Seite vom Markt war verbrannt, das Gasthaus, in dem wir die Einnahme von Antwerpen gefeiert hatten. — die einzige Feier, die mir bisher im Felde begegnet ist — war ein Trümmerhaufen. Jetzt bog das Auto um das Rathaus, das den mächtigen Mittelpunkt des Marktplatzes bildet, ich sah eine Brandruine, noch eine, jetzt mußte die Ecke kommen, an der das kleine alte Geschäftshaus gestanden hatte und dahinter das neue große Wohngebäude. Da! Das Häusel stand da, auch das große Haus war unversehrt. Ich fühlte eine Freude hochsteigen, als ob das kleine liebe Haus nicht irgendeinem Manne gehört hätte, dem ich vor drei Monaten erst zum ersten Male in die alten guten blauen Augen gesehen hätte. Mein österreichischer Kamerad sprang aus dem Auto und stürzte in wienerischer Lebendigkeit ans das Haus zu. Aus der Tür kam ihm der alte Herr entgegen. Es war der erste Einwohner, der zurückgekehrt war. In Gumbinnen hatte er auf der Lauer gelegen, die drei Monatelang, da seine Vaterstadt in den Händen der Russen war. Wie ein guter Hühnerhund nach dem Schuß vorwärtsstürzt, die Beute zu suchen, war er m dem ersten besten Wagen da- vongefahren, nachdem die Kanonen den ersten Schuß ostwärts von Stallupönen getan hatten. Wir gingen in die Wohnung, die mit dem schönen echten Hausrat aus vier deutschen Generationen geglänzt hatte. Alte Schränke mit feiner und bunter eingelegter Arbeit hatten hier gestanden, schöne Eichentruhen, Kommoden in dem weichen und letzten bürger
lichen Stil, der noch Tradition bewahrte, hübsche, behagliche Biedermeiersofas. Durch eine Welle von Gestank, einem Wust von Unrat kamen wir über die Schwelle. „Das ist noch gut gegangen", sagte der alte Mann und fuhr mit einem rührenden Lächeln über den schönsten Schrank, dem nur eine Tür ausgebrochen war. Er batte beinahe recht. Es war alles durcheinander geworfen, aber ein paar von den alten Radierungen und Stichen hingen noch an den Wänden, die Kommoden hatten nur ein paar Schubläden eingebüßt, das Spinett ein paar Saiten.
Es war geheizt. Nach Pillkallen und Eydtkuhnen, nach Stallnpönen und Mierunsken hatte ich kaum so viel Woh- nungsmöglichkeit erwartet. Es wird auch wohl das am besten erhaltene Haus in Goldap sein; aus Briefen und Papieren, die noch in wirrer Fülle überall umherlagen, fand ich, daß mehrere russische Stabsoffiziere, ein Oberst unter arideren, rn dem Hause cinquartiert waren. Eine Postkarten-Photo- graphie der Tochter des Obersten lag noch aut dem Schreibtisch: ein sehr schönes Mädchen, im Rcitkleid neben einem kleinen sibirischen Pferde. „Auf Wiedersehen, auf bald Wiedersehen, mein sehr lieber Vater . . ." stand als einzige Unterschrift auf der Karte. Vielleicht war es einer der vielen russischen Obersten, die uns später an der Spitze von Gefangenenkolonnen begegneten, vielleicht war es einer der vielen, die in den Sumpfwäldern hinter Augustow bei dem außerordentlich tapferen und außerordentlich nutzlosen Vorgehen in Kolonnentiefe den Tod fanden. Ich habe das Zählen der Leichen aufgegcben, als ich gestern zu Fuß durch die Wälder bei Augustow streifte. . . .
Wie ein irrendes Geistchen fuhr der Alte, während ich mein Gepäck ordnete und einen Augenblick still vor den Schriftstücken des Schreibtisches stand, durch das HcmS.
