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Der Roman. El W

i» —■! Morgen-Beilage des Wiesbadener Tagblatts. >» ._»i

Nr 54. Sreitag» 5. März. 1915.

(11. Fortsetzung.)

Oore.

Roman von E. Krickeberg.

Rachdruck verboten.

Nach dem Frühstück schleuderte Liddy langsam durch den Park und, wie in tiefes Sinnen verloren, Dores Besitztum entgegen, aber noch im Park traf sie mit die­ser selbst lind dem Gärtner zusammen. Dore war ge­kommen, Rittmeier zu bitten, beim Einschobern der Rüben nach dem Rechten zu sehen, sie fürchte, die Schober seien nicht tief genug gegraben.

„Aber „kleine Gärtnerin"," rief Liddy lustig, „ich glaube, das könnte ich Ihnen sogar sagen! Dazu brauchen Sie Herrn Rittmeier? Da sieht man, wie unzertrennlich Sie sind, einer kann ohne den anderen schon gar nicht mehr leben."

Über des Gärtners Gesicht schlug eine Flamme, die Worte waren harmlos, aber iin Ton hatte etwas ge­legen. das sein leicht aufspriihendes Temperament enip-

blich reizte. Es bedurfte aller Selbstbeherrschung, daß er vor dem gnädigen Fräulein den schuldigen Re- spekt wahrte.

„Ja", gab Dore mit einem gewissen freimütigen Trotz zu, „in meiner Unerfahrenheit könnte ich wirklich nicht ohne Herrn Rittmeiers Hilfe fertig werden."

„Rührend liebenswürdig von Herrii Rittineier!" spottete Liddy. „Übrigens scheint ein Zug von ge­heimer Sympathie zwischen Arbeitern im Weinberge des Herrn irnd denjenigen in den Weiichergcn der Men­schen zu bestehen. Auf Birkenhain war es der Sohn des Pastors, der sich unwiderstehlich zu der Tochter des Gärtners hingezogen fühlte."

„Das inuß in allerjiingster Zeit gewesen sein, gnä- dtges Fräulein", bemerkte Rittmeier jetzt mit offenkun­digem Hohn im Gesicht. „Solange ich zu denken ver­mag, besaß Birkenhain nur einen kleinen Blumen­garten, den der Schirmvogt in seinen Mußestunden be­sorgte, und oa dürfte wohl der Vergleich nicht recht passend sein."

„Nun, mein Herr Rittmeier: um Blumen zu pflan- zen und Sträucher zu beschneiden, braucht man ja nicht gerade akademisch gebildet zu sein. Unser Vogt hatte allerdings nicht den Ehrgeiz der „höheren Karriere". Und was den „Vergleich" anbetrifft, so war das über­haupt gar keiner, sondern nur eine allgemeine Bemer­kung. Gott bewahre mich vor einem Vergleich! Jenes Freundschaftsverhältnis nahm einen sehr trüben Aus­gang: der Pastorsohn wurde Knall und Fall entfernt und die Gärtnerstochter von ihrem Vater gcohrfeigt, — Sie sehen also, wie fern es mir gelegen haben muß, einen Vergleich ziehen zu wollen."

Sie lächelte: in den Mundwinkeln und den Fält- chen um die Augen saßen tausend Teufel, während ihr Wesen immer verbindlicher, glatter wurde.

„Apropos, woher kennen Sie denn die Verhältnisse auf Birkenhain so genau? Ich kann nicht annchmen, daß ein „kleiner Blumengarten" sich Ihrer fachmänni­schen Beachtung erfreut."

„Ich stand mit deni Pächter von Birkenhain in enger Verbindung. Martin von Bernbiihler war mein Freund."

„A—ah!" Das kam merkwürdig gedehnt heraus, und unter den gesenkten Augenlidern hervor heftete sich ihr Blick mißtrauisch prüfend auf Klaus Rittmeiers Gesicht. Sie riß im Vorbeigehen achtlos einen Zwei^ von einem Strauch und zupfte in nervwöfer Hast die letzten welken Blätter davon ab: „Dann haben Sic wohl auch manchmal Birkenhain besucht?"

„Ja, gnädiges Fräulein, wiederholt, bis zu Martins Tod."

„So ... so müßten Sie mich doch auch eigentlich gekannt haben, ehe ich hierher kam."

„Ich habe nicht die Ehre gehabt, gnädiges Fräu­lein persönlich zu kennen, ich war im Hause des Amt­manns, nie inr Schloß."

Sic atmete sichtlich mtf. „Er war ein wenig Phan­tast, der Herr von Bernbühler", warf sie hin. „Papa hat sich nie gut mit ihm stehen können."

„Verzeihen gnädiges Fräulein, daß ich widerspreche. Ich habe nie einen Menschen gekannt, der klarer, ruhi- ger, überlegter gewesen wäre als Martin von Bern­bühler, vielleicht war er sogar ein bißchen hausbacken! Aber er besaß sehr empfindliche und strenge Ehr­begriffe."

„Nun, sein . . . ungewöhnlicher Tod weist doch zum mindesten auf eine momentane geistige Trübung hin."

„Nein, gnädiges Fräulein, er heweist gerade jenes sensitive Ehrgefühl. Ein Mädchen, das er leidenschaft­lich liebte, hatte ihn schmachvoll betrogen, er kam sich entehrt vor, und so schoß er sich einer Elenden wegen, die es nicht wert war, daß er noch einen Gedanken an sie verschwendete, eine Kugel ins Herz."

Liddys Gesicht tvar wächsern geworden, zwei scharfe Linien zogen sich an der Nase entlang, die Backen­knochen traten hervor, und in den Augen flackerte cs unstet und lauernd.

„Sie scheinen ebenso empfindsam zu sein!" spottete sie mit nervös zuckenden Lippen. „Wenn die „Elende" keinen Gedanken mehr wert war, so hätte er eben auch die .Kraft hüben müssen, nicht mchr an sie zu denken, und statt dessen flieht er aus dem Leben! Äußert sich das männliche Ehrgefühl so? — Wer war denn die Schöne, die den Ärmsten so schändlich betrogen hat?" Ein so giftiger, niedriger Holm lag in ihren Worten, daß Dore, die sich bisher vollkommen schweigend ver­halten und nur befremdet und verständnislos den gegenseitigen Reibereien gelauscht hatte, plötzlich stehen blieb und das Fräulein Non Grening mit einem un­willig erstaunten Blick maß. Aber Liddy war in einer Stimmung, nicht zu sehen und zu hören, was um sie herum vorging. Sic starrte nur gierig in das voll­kommen beherrschte Gesicht Rittmeiers, als ob sie dessen geheim üe Gedanken erspähen wollte.

„Wer war denn jenes . . . abscheuliche . . . unwür­dige Geschöpf?"

Klaus Rittmeier zuckte dre Schultern. »Ich be- daure, darüber keine Auskunft geben zu können."

„Das heißt, Sie kennen die Dame nicht?"