Verlag Langgaffe 21
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Zreitag» 5. März 1915. WO^gEN- KUSgttbE. ttr. 107. . 63. Jahrgang.
Der Urieg.
Vom französisch-belgischen Kriegsschauplatz.
Die Beschießung von Reims.
Br. Haag, 4. März. (Eig. Drahtbericht. Ktr. Bln.) Das „Echo de Paris" teilt mit: Trotz der unbestreitbaren Vorteile, welche die Franzosen durch ihre heftigen Angriffe in der Champagne erzielten, hätten die "Deutschen ihre sehr vorteilhaften «stellurrgen um Reiins zu behaupten vermocht. Es sei zunächst nicht damit zu rechnen, Reims aus dem Feuerbereich der deutschen Artillerie zu rücken. Seit Wochenbeginn seien erneut über 70 Granaten auf Reims nieder- gefallen. Im ganzen seien weit über 100 Häuser der Stadt durch die immerwährenden Artilleriekämpfe zerstört worden.
Ein französisches Spionagemärchen.
Br. Genf, 4. März. (Eig. Drahtbericht. Ktr. Bln.) Die Militärbehörde in A g e n an der Garonne ordnete eine Untersuchung über den Fall eines in Agcu internierten höheren deutschen Offiziers an. Dieser Deutsche hatte sich, so wird behauptet, i.n Frankreich naturalisieren lassen und bewohnte vor dem Kriege französisches Gebiet. Einige Tage vor dem Ausbruch der Feindseligkeiten entfernte er sich und trat in die deutsche A r m e e ein. Er hätte also das Verbrechen der Desertion vor dem Feinde begangen und müsse »ach dem Militärgesetz mit dem Tode bestraft werden.
Französische Zollfrcihcit auf Schienen und Schwellen.
W- T-B. Paris, 4. März. (Nichtamtlich. Meldung der Agencc Havas.) Ein Dekret hebt den Einfuhrzoll aus Schienen und Schwellen aus, die für die Ausbesserung der Eisenbahnlinien, die der Nationalverteidigting diene.ir, bestimmt sind.
Tic Wahrheit in den amtlichen französischen Berichten.
Am 16. Februar und den folgenden Tagen unternahmen die Franzosen bekanntlich int Abschnitt nordöstlich von Reims mehrere Vorstöße, deren Erfolglosigkeit die amtlichen deutschen Berichte gemeldet haben. Joffre benutzte diese Gelegenheit, uni besondere Erfolge für die Franzosen festzustellen. Wie diese „Erfolge" aber in Wahrheit aussehen. geht aus einem dem „Hann. Kurier" zur Verfügung gestellten Briefe eines Teilnehmers an den "Gefechten hervor, aus dem das Blatt folgendes mitteilt: „Am 16. hatten wir ein Gefecht. Nun lese ich in der Zeitung den amtlichen französischen Bericht darüber, Ivo es heißt: „Im Abschnitt nordöstlich Reims rückten wir bei Loivre vor." Das ist nicht wahr. Gewiß rückten sie wohl vor, haben aber vergessen anzugeben, daß wir die Borrückenden zu Gefangenen machten und daß etwa 4 0 9 T o t c vor unserer Front liegen blieben. Unsere Artillerie hat an dein Tage auch gut gearbeitet uiid immer in die französischen Rcscrvekolonnen geschossen. Sechsmal sind die Franzosen ms ihren Schützengräben gekommen und genau so oft Vvn U! s mit'schweren Verlusten zu rück gejagt."
Zum deutsch-französischen Invaliden-Austausch.
Berlin, 4. März. Aus Genf wird berichtet: Die hier durchgekommenen französischen Invaliden zollten den musterhaften deutschen Lazaretteinrichtungen und den hervorragenden Leistungen der deutschen Chirurgen dankbare Anerkennung. Einige sangen in Deutschland erlernte deutsche Volksweise n.
Ein feindlicher Flieger über Rottwcil.
W. T-B. Stuttgart, 4, März. (Nichtamtlich.) Bekanntmachung des stellvertretenden Generalkommandos: Ein
feindlicher Flieger ist gestern über Rottweil erschienen und hat drei Bomben auf die Pulverfabrik geworfen. Der hierdurch entstandene Schaden ist gering und hat dere Betrieb der Fabrik in keiner Weise gestört. Weitere Angriffe des Fliegers sind durch das Schutzkommando verhindert worden.
Die deutschen Zivilgefangenen in England.
W- T-B. London, 4. März. (Nichtamtlich.) Über 799 deutsche Zivilgefaugene sind gestern von den Wohnsitzen bei Southend nach den; Gefangenenlager auf der Insel Man verbracht worden. Die deutschen Gefangenen von dem Passagierdampfer „Royal Sovereign" richteten ein Gesuch an das Kriegsamt, man möge ihnen gestattetr, auf dem Schiss zu verbleiben. — Eine Kommission von Mitgliedern des Abgeordnetenhauses hat mit der Bo-srch- t i g u n g der Gefangenenlager begonnen. .
Die jährlichen Lasten Englands für die Gefallenen und Rriegsinvaliden.
Br. Haag, 4. März. (Eig. Drahtbericht. Ktr. Bln.) Die jährlichen Lasten Englands für Versorgung im Kriege Gefallener und für Pensionen Dienstunfähiger betragen, wie „Daily Citicen" mittcilen, weit über 4 Prozent des Zinsertrags einer Milliarde, nämlich 2 4 Millionen Mark. Die englischen Verluste anVerwundeten, Toten undGefangenen werden bis Anfang März aus 180000 Mann geschätzt.
Englands Rriegskosten einst und jetzt.
Eine interessante Zusammenstellung der Kosten der verschiedenen Kriege, die Großbritannien geführt hat, gibt nach „Pearsons Magazine" der englische Schatzkanzler Lloyd George. Niemals hatte England in einem einzigere Kriegsjahre bisher mehr als 71 Millionen Pfund Sterling, das sind 1429 Millionen Mark, ausgegeben. Das erste volle Jahr des jetzigen Krieges wird dagegen England Mindestens neun Milliarden Mark kosten. Die Nevo- lutions- und Napoleonischen Kriege kosteten England alles zusammen 16 Milliarden 629 Millionen Mark, doch verteilt sich diese für die damaligen Finanzen immerhin recht bedeutende Ausgabe auf etwa zwanzig Jahre. Die Kosten des Krimkriegs beliefen sich auf 1389 Millionen Mark, verteilt auf drei Finanzjahre, das ist in Anbetracht der teuren Transporte in jenem Krieg verhältnismäßig wenig. Die Gesamtkosten des Burenkrieges, des größten, den England tre. neuerer Zeit zu führen hatte, betragen auf vier Etatsjahre verteilt, alles zusammen 4220 Millionen Mark.
Oer Tagesproviant der englischen Söldner.
Mit Wasser und Brot kommt man durch alle Not, sagt ein schweizerisches Sprichwort. Dem britischen Söldner würde das übel gefallen. Der ihm zugeteilte Tagesbedarf umfaßt, wie ruan einem Vortrag im Londoner Hygienischen Institut entnimmt, außer 1% engl. Pfund (566 Gramm) Brot eine gleiche Menge frisches Fleisch, dazu Marmelade 4 Unzen (113 Gramm), Zucker 214 Unzen (63 Gramm) und Speck, Käse, Hafermehl, Gemüse je 2 Unzen (56 Gramm), ferner Tee und Salz. Außerdem muß jeder Mann einen für drei Tage berechneten Bestand von konzentrierten Nahrungs- swffcn und Zwieback 8 Unzen (225 Gramm), Zucker und Schokolade je 3 Unzen (85 Gramm), Speck und Käse je 4 Unzen (113 Gramm) und Tee mit sich führen, für den Fall, daß die regelmäßige Zufuhr ansbleibt. Für besondere Fälle wird noch ein eiserner Bestand an Plasmon und Schokolade mitgeführt.
Gegen die Trunksucht in England.
W. T-B- London, 4. März. (Nichtamtlich.) Wie der „Daily Chronicle" meldet, wird die Maßregel gegen den Alkoholmißbrauch darin bestehen, daß die Wirtschaften im ganzen Lande nur von 10 Uhr morgens bis abends 8 Uhr offen halten dürfen.
Oie deutsche Besetzung und das Wiederaufleben der belgischen Volkswirtschaft.
Die „Nordd. Allg. Ztg." schreibt:
Ein Land von den Wunden, die der Krieg ihm geschlagen hat, zu heilen, bevor der Friede wiederhergestellt ist, das ist sicherlich eine Aufgabe, die ungewöhnliche Schwierigkeiten bietet. Aber der Geueralgouverneur, Freiherr v. Bis s i u g, und die Zivilverwaltuug in Belgien Iteßen sich durch keine Schivierigkeit abhalten, d'ic Wiederbelebung von Produktion, Handel und Verkehr im Lailde auf jede Weise in Angriff zu nehmen. Und wenn nicht auf allen, so fanden sic dock» auf vielen Gebieten die Mitwirkung der einheimischen Behörden und sonstiger Interessentenkreise. Die Hebung der belgischen Industrie angesichts der ungewöhnlichen Verhältnisse ist um so schwieriger, «As diese im wesentlichen von der Ausfuhr lebt, die unter den gegenwärtigen Umständen beinahe vollständig unterbunden ist. Auch laborieren viele ihrer Zweige au der Schwierigkeit der Rohstoffergänzung oder der Beschaffung anderer für die Fortsetzung des Betriebs unentbehrlicher Stoffe. Während sich die Verproviantierung des Landes mit Hilfe der bekannten amerikanischen Kom^ Mission ziemlich glatt abwickelt, begegnet die Herbeischaffung solcher Rohstoffe und Materialien erheblichen Hindernissen. Deshalb ist neuerdings die holländische Handelskammer in Brüssel mit dem Plan hervorgetreten, durch Zufuhr von Otohstosfen aus Holland und Abführung von belgischen Fabrikaten dorthin dem Lande in ähnlicher Weise zu Hilfe zu kommen, wie das Komitee National in der Lebensmittelfrage, Es ist zu hoffen, daß diese Bestrebungen, detieu der Geuera!- gouvcrueur Wohlwollen entgegenbringt, zu Ergebnissen führen.
Während die Kohlenförderung im Januar 1915 noch keine wesentlichen Fortschritte gegen den Vormonat auf- lvies, gestaltete sich die Entwicklung in vereinzelten Industriezweigen schon günstiger. Dies gilt besonders von den Fertig- w a r e n i n d u st r i e n. Eine größere Zahl von Werken der Maschinenindustrie schickt sich au, den Betrieb wieder aufzu- nchmen; zugleich gelang es den Bemühungen einiger führenden Persönlichkeiten, eine nicht unerhebliche Bestellung für die holländischen Eisenbahnen zu sichern. Auch in der Glasindustrie des Bezirks von Charleroi besteht die Absicht, zur Herstellung von Gebrauchswaren und von Fensterglas einige Betriebe wieder zu eröffnen. In den Steinbrüchen wird teilweise lebhaft gearbeitet, da die Militärverwaltung des Etappen- und Okkupationsgebietes zur Besserung der Straßen Schotter nötig hat.
Mit besonderem Nachdruck widmet sich der Generalgouver? neur den Bestrebungen, den L a n d b a u und die Viehzucht des Landes von den Wunden, die der Krieg ihnen geschlagen hat, zu heilen. Das Schlachten von trächtigen Muttcrsckwcineii und weiblichen Kälbern wurdet in der Hauptsache verboten und damit eine Grundlage geschaffen, auf der sich die früher so üppige Viehzucht des Landes wieder erholen kann. Fehlcn- märkte wurden teilweise mit hübschem Erfolg abgehaltcn. Der
Abstellung der Futtermittelnot wird große Aufmerksamkeit geschenkt; da in Belgien ein Teil der Weiden schon im April Viehfutter liefert, so handelt es sich im wesentlichen nur darum, die Viehbestände bis dahin durchzuhalten. Um dieses zu erreichen, hat am 4. Februar die Commission ^gricole cku Comits National de secours ct d’alimentation eine landwirtschaftliche Einkaufsgenossenschaft gegründet, deren Mitglieder die Vertreter der Provinziallandwirtschaftsgesell- schaften, der landwirtschaftlichen Verbände sowie angesehene Landwirte sind. Da die Zufuhr aus Amerika auf Schwierigkeiten stößt, wurden Schritte unternommen, um aus Holland Kraftsuttermittel einzuführcn.
Von besonderer Wichtigkeit war cs, die Vorarbeiten für die Frühjahrsbestellung in Angriff zu nehmen. Der Samenbedarf Belgiens ist in diesem Jahr nicht unbedeutend dadurch gestiegen, daß ein Teil des bisherigen Zuckerrübenareals für Körnerfrüchte und Futtermittel frei wurde. Gegenwärtig schweben aussichtsreiche Verhandlungen, die sich auf die Beschaffung des erforderlichen Saatguts beziehen. Auch zur Erhaltung der in Belgien auf so hoher Stufe stehenden G e m ü s e g ä r t u e r e i wurden rechtzeitig Schritte getan. Erfreulicherweise ist es bei allen diesen Maßnahmen gelungen, die Mitarbeit führender Kreise der belgischen Landwirtschaft zu gewinnen, die richtig erkeuneü, daß cs nicht von Patriotismus, sondern von einem kleinlichen Trotz zeugen würde, wollte man eine etwaige Unzufriedenheit mit der ciu- getretenen Wendung der Dinge die im Lande zurückgebliebene belgische Bevölkerung entgelten lassen.
Die in Belgien zurückgebliebene Bevölkerung.
Der unter dem Schutz des amerikanischen und des spanischen Gesandten in Belgien und unter Aufsicht der deutschen Behörde tätige Unterstützungsausschuß für die belgischen Einwohner schätzt die rm Lande gebliebene Bevölkerung auf 7 Millionen Köpfe, von denen 1,4 Millionen als völlig mittellos zu betrachten seien. Dev Ausschuß hat bis zum 3. Februar 746 099 Kilogramm Weizen, 423 090 Kilogramm Mehl, 42 000 Kilogramm Reis, 98 000 Kilogramm Mais, 668 000 Kilogramm Salz und 34 000 Kilogramm Kartoffeln, 30 000 Kilogramm Bohnen und 13 000 Kilogramm Erbsen eingeführt. . .
Zur Stimmung in Belgien.
Der Kriegsberichterstatter der „New Dörker' Siaatszei- tung", Artur G. Albrecht, veröffentlicht in seinem Blatte diu nachfolgend im Auszuge, wiedergegebene hübsche Skizze aus dem jetzt von Deutschland verwalteten Belgien: Namur.,
Belgien, am Morgen im Dezember 1914t — Ich stand gestern abend im Foyer unseres Gasthofe? und wartete auf einen Kollegen. Da sprach der „Ober" mich an: „Monsieur sind
Amerikaner?" „Jawohl." „Monsieur verzeihen, wenn ich vorlaut bin. Aber ich möchte mir erlauben, Monsieur den Rat zu geben, uicht laut Englisch auf der Straße zu sprechen, das könnte Ihnen übel bekommen." „Wieso, die deutscher, Soldaten wissen, daß es in Deutschland noch eine ganze Menge Amerikaner gibt, und —" „Pardon, Monsieur, vas wissen aber die Belgier nicht. Und wenn sic Sie für einen E n g l ä n d e r halten, dann schlagen sic Sic to t."
Tie Übersiedelung des belgischen Kongoministeriums nach London?
Berlin, 4. März. (Ktr. Bin.) Es habe den Anschein, läßt sich die „Vossische Zeitung" aus Brüssel melden, daß die' belgische Regierung das Kongo- m i u i st e r i 11 nt nach London verlegen will.
Srotzaömiral v. Tirpitz und ttapitän Sirius.
Von Dr. Herz (Marburg).
Connon Doyle, der ans dem Chevalier Dnpin, Edgar Poes lind dem Monsieur Lecocg von Gaborian die weltberühmte Figur des analytischen Detektivs Sherlock Holmes herausdestilliert hat, hat im Juli vorigen Jahres in einer englischen Monatsschrift eine kleine Erzählung veröffentlicht, die jetzt auch in verschiedenen deutschen Zeitungen erschienen ist. Ihr Held ist der Kapitän Sirius von der Marine eines kleines nordischen Landes. Als England diesem Staate den Krieg erklärt, beginnt Sirius mit einer Flottille von 8 Unterseebooten einen schonungslosen Krieg gegen den britischen Seehandel. Er versenkt täglich ahne Rücksicht aus die Gefühle der Neutralen ein paar .Handelsdampfer. Bald traut sich kein Schiss mehr in die gefährdeten Gewässer und nach kurzer Zeit muß England, durch Hungersnot gezwungen, um Fric- den bitten, obwohl seine Flotte die gegnerische vernichtet und die feindlichen Küsten blockiert hat. Ein halbes Dutzend englischer Admirale, denen Doyle seine Erzählung unterbreitet hat, haben mehr oder ininder zugegeben, daß ein solcher Plan nicht ohne Aussicht auf Erfolg durchgeführt werden kann.
Nachdem Englands Überheblichkeit entdeckst hat, daß der berühmte vierte Schornstein der „Emden" auf eine. Anregung Kipplings zurückzusühren ist, wird es vielleicht unseren Unterseebootskrieg gegen England ebenfalls ein Plagiat schelten; wir wollen hoffen, daß der Erfolg ebenso glänzend sein wird als der des
