Nr. 53.
Donnerstag, 4. MSrz.
1915 .
Der Roman
Morgen-Beilage des Wiesbadener Tagblalts.
(10. Fortsetzung.)
vore.
Roman von E. Krickeberg.
Nachdruck verboten.
Der Wind schien sich ausgetobt zu haben. Die plötzliche Stille hatte etwas Unheimliches, bleischwer lag der Himmel iiber der Erde, als ob er voll Schnee hing. Am Zaun ihres Gartens trennte sich Heinz von Dore.
„Adieu, Dore! So werden wir also einstweilen weiter wie bisher', jeder allein, unsere Straße wandeln, aber obwohl du mir bitter weh getan hast, verzichtet habe ich darum doch nicht, und ich lasse die Hoffnung vorläufig nicht sinken. Eines Tages werde ich erfahren, was nach menschlichem Ermessen nie eintreffen wird, und was mair vielleicht doch zum Eintreffen zwingen kann. Der Trerre und Standhaftigkeit ist schon manches gelrrngen! Jetzt, da ich weiß, daß es ein Hindernis zu bekämpfen gibt, ehe du mir gehörst, bin lch nur noch fester an dich gebunden, wenn das möglich ist."
Also doch alles umsonst! Alle Selbstverleugnung, der ganze aufreibende Kampf mit dem eigenen Herzen! Und dabei nicht einmal das stählende Bewußtsein zu besitzen, eine Heldentat selbstloser Freundschaft ver- richtet zu haben! Wie groß stand Heinz in seiner unverrückten Pflichttreue neben ihr: bei ihm gab es kein Wanken und Zweifeln, sie dagegen kam aus den Ängsten, dem Erwägen, der Feigheit nicht heraus. Erdachte nur an das Glück der Freundin allein, bei ihrer Weigerung, ihn: zu gehören, spielte die Selbstsucht eine große Rolle. Wenn er zu ihr gekommen wäre mit der Werbung: „Sei mein, ich liebe.dich so, daß ich nicht leben kann ohne dich", dann würde „die kleine einäugige Gärtnerin, die keine passende Frau für den Erbherrn von Luisenwerder war", unbekümmert um die Enttäuschung der Eltern, die Folgen der Mesalliance, das Gerede der Leute, aufjauchzend in seine Arnre gesunken sein, nur dem Wunsch hingegeben, ihn glücklich zu machen! Da endete all ihr Edelsinn! Das .war ihre Charakterkraft! In ihrer Selbstpeinigung erschien sie sich als das erbärmlichste Geschöpf auf Gottes Erdboden
Heinz war, nachdem er Dore verlassen hatte, auf einem großen Umweg nach dem Schloß zurückgekehrt. Wenn er nicht Pflichten gegen den Freund, der erst am Abend wegzufahren beabsichtigte, gehabt hätte, so würde er sich in seinem Zimmer eingeschlossen haben.
Eine Ruhelosigkeit und Bangigkeit ohnegleichen beherrschten ihn; zum erstenmal war sein felsenfester Glaube, den er wie einen Talisman gegen alle Lebcns- stürme mit sich herumgetragen hatte, der Glaube, daß Dore der gute Genius seines Hauses werden würde, erschüttert worden. Er mußte nun einschen, daß es ihr ernst war mit ihrem Nein, aber was konnte das sein, die mysteriöse Bedingung, unter der sie allein sein Weib werden wollte, und die nie eintreffen würde? Er zermarterte sich den Kopf, urst» je mehr er grübelte, uni so ungeduldiger, brennender wurde das Verlangen, den unverhofften Widerstand packen und zertrümmern zu
rönnen.
Plötzlich kam ihm das Bewußtsein, mit welch leiden» schaftlicher Unruhe er an die kleine Dore dachte, und ein Staunen ergriff ihn. Überhaupt — diese ewigen Reibereien und gegenseitigen Mißverständnisse jetzt! Früher hatte es stets zwischen ihnen gestimmt imd nun diese törichten Weitläufigkeiten, wo sich doch alles so glatt und ruhig und selbstverständlich hätte entivickeln können! Anstatt der ruhigen Her-zlichkeit von einst war jetzt ein Vulkan in seinem Innern, — und sie, die arme, kleine Dore, war blaß und elend geworden von allen Aufregungen der letzten Zeit. Er grollte ihr bitter und bemitleidete sie zu gleicher Zeit mit einer Art schmerzlicher Nachsicht — seine Dore, sein Sorgenkind! Einen unangenehmeren, unklareren Zustand konnte es nicht geben, und er durfte nicht einmal Liddy dafür verantwortlich machen, denn schon ehe sie kam, war nicht alles mehr so gewesen wie einst. Aber er hatte doch das Gefühl, als ob er sie mit einer Hand- bewegung fortschieben müsse, wie man eine unrichtige Zahl von der Tafel auswischt.
Graf Schliefen fuhr am Abend ab. Der Wagen der Grenings sollte ihn nach dem Nachbargut bringen, und Heinz wollte ihn ein Stück zu Pferde begleiten. Es war finster und regnerisch, und man riet ihm davon ab, aber er hatte das Bedürfnis nach körperlicher Bewegung. er hätte am liebsten, wie er Dore gesagt, mit dem Wind um die Wette gerast.
Erhitzt und bis auf die Haut durchnäßt kehrte er zurück. In Vestibül kam ihm Liddy entgegen. Sie hatte erspäht, daß Heinz am Nachmittag bei Dore gewesen war, und ihrem scharfen Blick war sein verstörtes Wesen unter der konventionellen Außenseite nicht entgangen. Ihr Spürsinn zog die richtigen Schlüsse daraus: etwas Außergewöhnliches hatte sich zwischen ihm und Dore ereignet — vielleicht etwas Entscheidendes
— und etwas Gutes konnte es nicht gewesen sein nach Heinz' Gennitsverfassung zu schließen. Da war wohl ihre Saat ins Korn geschossen! Jetzt war ihre Zeit gekommen, jetzt galt es, mit Raffinement zu Händen,,
Sie hatte seine Rückkehr erwartet, und nrit einem glückseligen Ausruf der Erleichterung, als ob von namenloser Qual erlöst wäre, eilte sie ihm entgegen. „Gott sei Dank, daß du da bist! Wie habe ich mich um dich geängstigt! Es ist schauderhaftes Wetter, der Wind reißt fast das Dach vom Haus — und diese Finsternis? Und dich draußen zu wissen! Wenn das Pferd gestürzt wäre."
„Nun, so schlimm ist es nicht", sagte er kühl. Liddys Gegenwart war das allerletzte, was er in seiner Stimmung suchte.
„Es scheint doch, du tropfst ja förmlich... O Heinz, lieber, alter Heinz, ich sehe, du zürnst mir noch,
— bitte — bitte, sei wieder gut, du weißt ja, wie kindisch unbesonnen ich oft etwas herausplappere, tvaS ich gar nicht denke. Es kommt auch alles bet mir viel sarkastischer heraus, als ich wünsche ..."
