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r« -.--T i Morgen-Beilage des Wiesbadener Tag blatts, l »—

Nr. 52. Mittwoch» 3. März. 1915.

(9. Fortsotzunn.1

Dore.

Roman von E. Krickebera.

Nachdruck verboten.

Ec fand .die Dante allein; Dore sei. gleich nachdem sie aus dem Park gekommen, nach Buchwald gegangen, um vom dortigen Kantor Himbeersträucher von einer Besonders guten Art zu kaufen; die sollten noch vor Ein­tritt des Frostes gepflanzt werden.

„Zn Fuß die Meile Weges Bei diesen: abscheulichen Wetter?" entsetzte sich Heinz. „Wie konnten Sie Dore bei ihrem leidenden Zustand gehen lassen, Dante?"

„Sie fragt doch nicht", jammerte die entsetzte alte Dame, nird Heinz mußte ein langes Klagelied über Dores Unvernunft hören, und daß sie so apathisch sei -lind sich über gar nichts freue, nicht eiiunal über die große Auszeichnung, auf die sie früher doch so großen Wert gelegt hätte.

„Eine Auszeichnung?" fragte Heinz.

„Nun ja, die große goldene Medaille für die Kollek­tion Kaktusdahlien, die sie nach der Gartenbau­ausstellung in Dresden geschickt hat. Sie hatte doch schon früher im Pastorgarten so schöne Exemplare ge­züchtet, und Rittineier redete so zu, sie ansznstellen."

„Mir hat sie nichts davon gesagt."

„O, sie hat auch eine Einladung zum Festessen er­halten, und Rittineier hat sie so gedrängt, daß sie hin­fahren sollte, aber sie lachte nur u,rd meinte, wie sie sich wohl unter den anderen ausnehmen würde. Und ihr Bild für die „Gartenbau-Zeitung" will sie auch nicht schicken! Das sei etwas für norniale Menschen, aber nicht für sie. Ich bitte Sie, Heinz, als ob sie nicht ganz niedlich wäre, trotz des Fehlers. Sie hätte sich ja von der gesunden Seite photographieren lassen können."

Heinz stand wie auf Kohlen, die Dante ahnte gar nicht, wie ihre Worte sein Inneres aufwühlten; alle Farbe Nar m>8 seinem Gesicht gewichen, und er nagte die Lippen.

„Aber freilich, sie ist so mager jetzt", fuhr die alte Dan» geschwätzig fort. „Wenn sie auch nie klagt, es kann doch sein, daß sie krank ist . . . das wäre ja auch kein Wunder, so angestrengt wie sic arbeitet, und immer draußen in Wind und Wetter, und abends so todmüde und nicht schlafen können!"

„Ich werde ihr entgegengehcn", sagte Heinz, und in beinahe unhöflicher .Hast eilte er von dannen, ans dem Bereich der ihn marternden Worte. An der Wald­ecke traf er mH Dore zusammen. Schon von weitein sah er. wie sie gegen den sich immer heftiger gebärden­den Wind ankämpfen mußte, der ihr fast die Kleider vom Leibe zerrte. Sie war rot und erhitzt, als sie im Schutz des Waldes ateinholend stillstand.

Heinz sagte kein Wort -des Tadels, er sah sie nur ernst und vorwurfsvoll an, während er den mitgebrach­ten Plaid um ihre Schultern legte. Dann ihre Hand, trotz ihres Widerstrebens, durch seinen Arm schiebend, meinte er: „Daß dieser Gang nach Buchwald überhaupt unnötig tvar. da dir jederzeit unsere Pferde zur Ver­fügung stehen, davon will ich gar nicht sprechen, darin vist du unverbesserlich eigensinnig, aber ich möchte doch

wissen, ob er just heute bei diesem Wetter aiiSgeführi werden mußte."

„Man hat manchmal das Bedürfnis, sich ein bißchen vom Wind Zausen zu lassen, Heinz — kennst du das nicht?"

„O ja, nicht nur sich zausen lassen — mit ihm um die Wette rasen möchte man."

Er war im höchsten Grade erregt, und Dore zitterte vor dem, was kommen würde.

„Du fragst ja gar nicht, rvas mich zu dir führt, —* es ist leider in letzter Zeit so zwischen uns geworden, daß nur einer den anderen aufsucht, wenn ein besonders zwingender Grund dazu vorliegt."

„Das ist nur der imtürliche Lauf der Dinge, Heinz. Das mußte einmal kommen — so wie es ist, lenkt unser Verkehr allmählich in die naturgemäßen Bahnen ein."

„Warum in aller Welt mußte -das denn kommen" Ich sehe keinen Grund dafür! Was ist denn anders geworden von gestern zu heilte?"

„Innerlich sehr vieles — äußerlich wird es geschehen, sobald du dich verheiratest. Meinst du, daß deine Frau einmal eine so enge Vertraulichkeit ihres ManneS mit einer anderen Frau gutheißen würde?"

„Nein, sicher nicht! Und ziunal die Cousine, die ich, wie du ja bereits bestimmt lveißt, zur Gemahlin erkoren habe!" Ein grimmiger Hohn klang aus seinen Worten. Es zuckte schmerzlich in ihrem blassen Gesicht, und die Antwort wurde ihr schwer.

„Nun, da siehst du, wie gut es ist, wenn wir uns schon vorher lind allnrählich fernerrücken."

Sie traten in diesem Aubgenblick aus dem Gebüsch ins freie Feld hinaus, und sofort fiel der Wind sie mit erneuter Gewalt an, so daß Dore förmlich zurück- taumelte. Heinz zog sie schützend dichter an feine Seite, und als sie den ärgsten Ansturm überwunden hatten, sagte er zwischen den Zähnen hindurch: „Dore, du

kannst einem zur Verzweiflung bringen mit deinem ewigen Widerstreben; es gibt Augenblicke, in denen ich dich hassen könnte."

Er fühlte, wie sie zusammcnschauerte. Seitwärts blickte er in ihr von Kummer und Angst zerwühltes Antlitz, über das langsam eine Träne rann. Da tvar sofort all sein Grimm und Zorn verraucht.

„Weine doch nicht, Dore", rief er aufgeregt. „Dn sollst und darfst nicht weinen." Er ließ ihren Arm los und haschte nach ihren Händen, aber sie entschlüpfte ihm. „Höre doch nicht auf meiue Worte! Ich bin außer mir, — ich weiß nicht, ob ich mehr zornig ans mich sel­ber bin oder auf dich! . . . Man hat dich drüben be­leidigt, und .das ertrage ich nicht, — niemand darf dich anrühren, — d» gehörst mir, aber du sollst auch zu mir halten, — * und das tust du nicht! Du läufst in Wind und Wetter über Land, um keine Gefälligkeit von mir annehmcn zu müssen, du heimsest Ehren und Preise ein und sagst mir nichts; du bist krank und elend und klagst nicht; du durchwachst deine Nächte und schüttest mir dein Herz nicht aus ... du weißt, -daß du — dir allein mein