Der Roman.
Nr. 51.
Morgen-Beilage des Wiesbadener Tagblatts,
Dienstag» 2. März.
19,5.
i(8. Fortsetzung.)
Dore.
Roman von E. Krickebrrg.
Nachdruck verboten.
Der alte Herr von Grening war ein großer Orchidecnliebhaber, und Dore hatte ein seltenes Exemplar dieser eigenartig schönen Pflanze hemilrch verschrieben und es in Gemeinschaft mit dem Gärtner un Orchi-deenhause des Schloßpaicks gezüchtet, ^edt hatte sich die erste wunderbare Blüte entfaltet, und der alte Herr sollte mit ihrem Anblick überrascht werden. Dore kam, ihn nach dem Gewächshaus abzuholen.
Im Vestibül des Schlosses traf sie mit Liddy, Heinz und dem Oberleutnant zusammen, der rn LurseMverder über Nacht geblieben war. Sie war Mitten cms ihrer Arbeit geeilt, und mit dein Recht ihrer Famrstenzuge- Hörigkeit hatte sie nur eben ihre große Schurze abge- legt; in ihrem schlichten, mchr praktrschen als eleganten Kleid hätte nwn sie für ern Kammerzofchen halten
Fräulein Werstch — lange nicht gesehen!" «mp- fing Liddy sie, iihr mit gönnerhafter Liebenswürdigkeit in, Vorbeigehen die ^nd entgegenstreckcud. Schlechtes Wetter für Sie! Haben Sre schon fetten Bollen und Rüben eingeerntet?" Sre wartete nicht auf Antwort, sondern schritt, malitios lächelnd, weiter: gerade so pflegte sie, mit den Krndern im Dorf zu verkehren, wenn sie ihr in den Weg liefen. Hernz imt hastig zu Dore. . -
„Wohin willst du, Dore? Zu memen Eltern? ^ch werde dich zu ihnen führen." v .
Sie wehrte «dankend ab: „Entziehe dich mcht demer
^^.Hast ^dll vielleicht wieder solch eigentüniliches Anliegen an Papa wie neulich?"
Sie hatte Herrn von Grening gebeten, ihr dre Erlaubnis, das Wasser zum Gießen ihres Gartens aus dem Schloßteich zu irehmen, notariell beglaubigen zu lassen, nachdem sie bisher ohne Skrupel und Zukunstssorgen davon GÄvauch geniacht hatte. Dvs sei für alle späteren Fälle — sie könnte ja viellercksi emmal den Garten verkaufen wollen — solche Gerechtßune müßten verbrieft »>id versiegelt werden. Es wurde die Existenz des Besitzers des Müllergartens in Frage stellen, wenn ihm plötzlich einmal verboten werden sollte, das Wasser des TeicheS zu benutzen.
„Papa hält das für eine Kaprice,von dir und hat mir lachend erzählt, was für ein vorzügliches Geschäfts- talent du seiest, und daß er drr spaßeshalber den Willen getan hat. Ich glaube aber, da liegt etwas anderes, Ernsteres dahinter . . . warum vor allen Diu- gen mir gegenüber diese Verschwiegenheit?
„Aber Heinz! Diese nichtige Sache!"
Er bewegte nervös die Schultern. „O, ich, scheine dir auch in anderer Beziehmig jetzt so ziemlich eine qaantitä uchrligealsie zu sein. Wir haben uns gestern den ganzen Tag nicht gesehen, Werl du die Einladung Tlr den Abend abgelehnt hast . . . Du »värest müde! aS lasse ich nicht als Entschuldigung galten, denn du ~ nicht nötig, so viel zu arbeiten." sind noch lerser,
eindringlicher fügte er hinzu: „Ich habe Sehnsucht nach dir gehabt."
„O", machte Dore, „wir haben uns jetzt öfter einen ganzen Tag nicht gesehen, daran sind wir doch nun schon gewöhnt."
,^ch glaube, es ist dir ganz angenehm, wenn du mit meiner Gesellschast verschont wirst."
„Es wäre eine Liige, wenn ich das sagte! Ich werde mich immer freuen, wenn ich mit dir zusammen fein darf, aber ich verlange lischt mehr, als mir zu- kommt; du hast jetzt die Pflicht, dich deiner Consine zu widurcu. Uird, Heinz — als deine beste Freundin kann ich dir nur raten, mache ein Ende dom Hangen und Bangen! Du bist nicht glücklich jetzt, aber es liegt in deiner Hand, es zu werden! Fasse zu, solcnrge es Zeit ist; sobald die Entscheidung gefallen ist, wirst du auch wieder ruhig und froh werden."
„Wenn du wüßtest, was du jetzt sagst ..."
„Ich weiß cs ganz genau! Ich seh dir au, luie du dich marterst." Sie brach plötzlich ab und hob lauschend den Kopf nach dom Portal, wo Liddy und der Graf tvar- tond standen.
„Nun, für ein Mädchen aus dem Dorf hat fic ehr merkwürdig gebildetes Benehmen voll Takt und Würde
— und schließlich, die Arbeit schändet doch nicht", sagte der Graf soeben. „Sie ist wohl so eine Art von Fak- toium bei Frau Grening?"
Eine flüchtige Blässe huschte über Dorcs Gesicht, dann wandte sie sich jäh ab und schritt hochcrhobenen Hauptes ins Schloß hinein. Liddy erwiderte achsel- zuckend etwas, das Heinz nicht verstand, das er auch nicht verstehen wollte. ES zuckte ihm in den Fingern, er hätte hinzrrspringcn und den schonen, boshaften Mund züchtigen inögen. Und daneben tönten Dores -Worte in seinem Innern nach: „Du bist nicht glücklich
— ich sehe, daß du dich marterst, — aber fasse zu, solange es Zeit ist!" Er verstand, was sie gemeint hatte, und das Bewußtsein, von ihr durchschaut zu sein, trieb ihm die Schamröte in die Wangen, und doch, wie sie es sich dachte, war es nicht, oder wenigstens nicht mehr. Die blendende Außenseite seiner Consinc halte einige recht häßliche Flecke in seinen Augen bekommen; trotz- dem kam er nicht loS von ihr — welch ein peinliches Wirrsal! Hub Dore? Wie gelassen sie auf ihn vor- zichtete! Sein Herz tat ihm weh bei dein Gedanken, und vor Schmerz, Zorn und Mtlosigkeit packte ihn ein wilder Grimm über sich und seine Schwäche.
Herr und Frau von Grening waren mit Dore aus «dom Sortenportal des Schusses getreten, der alte Herr lebhaft gestikutiereiid, fast jugendlich heiter und sehr gespannt auf die bevorstehende Überraschung, Frau von Grening sich vertraulich auf Dores Arm stützend. Sre klagte ihr, daß es jetzt doch sehr geräuschvoll und lange nicht so gemütlich im Hanse sei, als wenn sie «nt ihrer Dore allein zusammen sein könnten, und, Herr von Greiling meinte, die einzige Dummheit, dre Dore im Leben getan, sei gewesen, ihnen den Irrwisch Liddy m§
