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Nr. 101. ♦ 63. Jahrgang.
Lin neuer weltwirtschaftskörper.
Von Dr. K. von Mangoldt (Frankfurt a. M.).
Die moderne technische und wirtschaftliche Entwick- lung drängt ins Große, ja ins Riesenhafte, das ist eine bekannte Sache. Die Großindustrie braucht ungeheure Gebiete sowohl für den Absatz ihrer Erzeugnisse wie für den Bezug ihrer Rohstoffe und für die Heranziehung ihrer Arbeiter und Angestellten. Dieser große gewerbliche Überbau erfordert aber auch ernen entsprechend ausgedehnten landwirtschaftlichen Unterbau: ein gewisses, gesundes, gegenseitiges Größenverhältnis zwischen Industrie und Landwirtschaft ist für jedes Volk erforderlich, das nicht in schwere körperliche, wirtschaftliche, gesundheitliche und politische Gefahren und Nachteile geraten will. Ebenso drängen die unge- heure Mannigfaltigkeit der Bedürfnisse des modernen Menschen und das Wesen unserer selbst ungeheure Räume und Entfernungen spielend überwindenden Verkehrsmittel auf die Zusammenballung großer Wirt- schastsgebiete hin. Endlich und vor allem aber sind in Gestalt der Vereinigten Staaten von Nordamerika, von Rußland und mit der Zeit wohl auch noch von anderen Weltgebieten ja bereits einige ungeheure einheitliche Weltwirtschaftskörper vorhanden, die die anderen Teile der Welt wohl oder übel zur Nachfolge nötigen, wenn diese nicht gar zu sehr Zurückbleiben wollen. Es liegt daher nahe zu fragen, ob die gegenwärtige Zeit so gewaltiger Umwandlungen nicht auch für Deutschland und Ost erreich-Ungarn dahin auszu- nutzen wäre, ihrerseits einen ordentlichen Schritt auf der Bahn zur Umwandlung in einen neuen großen, einheitlichen Weltwirtschaftskörper zu »un. Unleugbar bildet weder das Deutsche Reich allein noch Österreich-Ungarn allein einen den eben gestellten Ansprüchen genügenden Weltwirtschaftskörper, zusam- men aber würden sie doch immerhin schon einen recht beträchtlichen Anfang in dieser Richtung darstellen. Es ist an der Zeit, auf diese wichtige Frage immer stärker die allgemeine Aufmerksamkeit zu lenken. Dabei wollen wir bei der vorliegenden Betrachtung das Politische ganz ausscheiden und uns rein auf das Wirtschaft liche beschränken.
Wenn sich Deutschland und Österreich-Ungarn Wirt schaftlich zusammenschlietzen wollen: worin würde ein solcher Zusammenschluß zu bestehen haben? . Sicher einmal in einer weitgehenden z o l l p o l i t i s ch e n gegenseitigen Annäherung und Gemeinsamkeit gegenüber dritten Staaten. Wer zum anderen doch auch noch weit darüber hinaus in der Herstellung einer Ge meinsamkeit, Gleichheit und Einheitlichkeit auf vielen anderen wirtschaftlichen Gebieten, z. B. im Verkehrswesen, im Wirtschaftsrechte, in der Behandlung des Wasserstraßennetzes, in der Sozialpolitik, in der Aus- gleichung der Arbeitskräfte und dergleichen mehr. Kurz, es wären die beiden jetzt getrennten Wirtschaftsgebiete in den Grundlagen, soweit irgend möglich, mehr und mehr als ein gemeinsames großes Wirtschaftsgebiet zu behandeln.
Außerordentlich groß sind die Vorteile, die man sich von einer solchen Umwandlung der Dinge der- sprechen dürfte. Die reichen Naturschätze, nrit denen beide Staaten ausgestattet sind, würden erst bei einer solchen Vereinigung zur vollen Nutzbarmachung und Geltung kommen. Die Bodenproduktion würde sich, namentlich in zahlreichen Teilen von Österreich-Ungarn, ungemein heben, ebenso würden zahlreiche Mineralschätze dann erst zm: vollen Ausbeutung kommen. Der große Kapitalreichtum Deutschlands würde sich befruchtend über Österreich-Ungarn ergießen zum Vorteil der dortigen Volkswirtschaft sowohl wie zum Vorteil des deutschen Kapitals. In vielen Gegenden würde sicher auch eine wesentliche Hebung der Grundwerte eintreten. Zu den Naturschätzen gehören aber gewissermaßen auch die Menschenkräfte. Ein so stark vergrößertes und mannigfaltigeres Wirtschaftsgebiet würde den Talenten viel größere Aussichten eröffnen, zugleich aber würde wahrscheinlich auch die gewöhnliche durchschnittliche Arbeitskraft vielfach eine vorteilhaftere Verwendung erlangen können. Und wieviel großzügiger und vorteilhafter könnte das Verkehrswesen auf einem so großen Wirtschaftsgebiete arbeiten! Man denke an die Eisenbahnen, man denke vor allem aber auch an die Ströme und Kanäle! Wenn schon die Herstellung eines einheitlichen Wasserstraßennetzes für das Deutsche Reich von großem Vorteil wäre, um wieviel mehr würde sich dieser Vorteil noch steigern, wenn man dieses einheft- liche Wasserftraßennetz zugleich auf Österreich-Ungarn ausdehnen könnte, wenn man z. B. vor allem die Wasserstraße des Rheins mit dem gewaltigen Wirt schaftlichen Becken der Donau in Verbindung fetzte und ebenso auch die Donau mit der Oder! Ein weiterer Vorteil eines so großen Wirtschaftsgebietes wäre die allgemeine Erinöglichung weitgehender Großproduktion in der Industrie. Bekanntlich
gilt es für einen der Hauptvorteile der _ Vereinigten Staaten von NordamerÜa, daß sie durch «die ungeheure Größe ihres inneren Marktes ohne weiteres instand ge- setzt sind, jedes Ding, ja beinahe jeden Teil von einem Dinge von vornherein auf der Grundlage einer gewaltigen Massenproduktion herzustellen. Diesen Dorten konnten sich Deutschland und Österreich-Ungarn durch Vereinigung ihrer Wirtschaftsgebiete gleichfalls ver schaffen. Man wird ferner annehmen dürfen, daß man mit derart vereinten Kräften bei handelspolitischen Verhandlungen, bei Handelsverträgen und dergleichen mit anderen Staaten mit ganz anderem Nachdruck und voraussichtlich auch mit ganz anderem Erfolge auftreten könnte, als wenn jeder für sich allein vorgeht. Wir brauchten uns dann vermutlich in Deutschland und Österreich-Ungarn z. B. von Nordamerika längst nicht mehr soviel gefallen zu lassen wie bisher oft. Nicht zu unterschätzen ist auch die bedeutende Erleichterung, die das Leben, insbesondere das Geschäftsleben, durch dre größere Gleichmäßigkeit und Übereinstimmung der wirtschaftlichen Einrichtungen und Vorschriften, z. B. etwa im Tarifwesen, im Postverkehr, im Prozeßver fahren usw. erführe. Weiter würden Deutschland und Österreich-Ungarn bei deni nach dem Krieg ja doch auf alle Fälle wieder einsetzenden Kampfe um den Anteil an der wirtschaftlichen und kulturellen Erschließung und Nutzbarmachung der großen, noch unentwickelten Wirtschaftsgebiete dieser Erde (wie China. Südamerika und der vordere Orient) bei gemeinsamein und einheitlichem Auftreten für beide Teile jedenfalls mehr erreichen als bei vereinzeüem. Endlich aber liegt noch ein besonderer und zwingender Anlaß zu einer starken wirtschaftlichen Annäherung zwischen Deutschland und Österreich-Ungarn darin, daß sehr möglicherweise nach dem Kriege das englische Wirtschaftsreich sich unter sich viel enger als vorher zusammenschließen und daß Rußland und Frankreich auf längere Zeit hinaus er- hcblich weniger aufnahmefähig sein werden als vor her, so daß die beiden Zentralmächte doppelt darauf angewiesen sein werden, sich gegenseitig wirtschaftlich
U ' Gewiß würden mit einem solchen wirtschaftlichen Zusammenschluß auch Nachteile verbunden sein: einmal dauernde, wie z. B. etwa vermehrter Anlaß zu wirtschaftlichen Reibungen und größere Schwerfällig fett eines so vergrößerten Wirtfchaftskörpers, zum an deren aber und vor allem vorübergehende, wie z. 33. zeitweilige Störung oder Benachteiligung einzelner industrieller und landwirtschaftlicher Wirtschaftszweige. Aber diese. Nachteile werden sich einerseits durch gute Ovganisationseinrichtungen und Übergangsmaßregeln sehr verringern lassen, und im Endergebnis würden eben doch die großen Vorteile jedenfalls weit über
wiegen. . , _ . ,
Was wäre nun zu tun, um zu einer solchen Wirt schaftlichen Einigung zu kommen? Das erste und Wichtigste wäre natürlich der feste Wille, überhaupt dieses Ziel zu erreichen und um deswillen auch Opfer auf sich zu nehmen. Was sodann die Maßnahmen im einzelnen anlangt, so würde es sich zunächst um Z.o l I- maßregeln handeln. Hier ist die Bahn jetzt frei geworden. Durch den Frankfurter Frieden mit Frankreich hatte sich das Deutsche Reich bekanntlich gebunden, alle Zollvorteile, die es gewissen Staaten, darunter auch Österreich-Ungarn gewährte, auch Frankreich zuzu wenden; damit ivar einem näheren zollpolitischen Zu sammenschluß zwischen Österreich-Ungarn und Deutschland ein fast unübersteigliches Hindernis entgegengetürmt, das nun durch den Krieg hinweggeräumt, ist. Nun wird man allerdings wohl kaum sofort zu einer vollen Zollunion zwischen den beiden Staaten kommen können, dazu sind die schutzbedürftigen Interessen in beiden Staaten vorderhand noch zu bedeutend, aber was sich wohl erreichen lassen würde, das wäre ein g e m einsam er Zolltarif nach außen und gemein same Verhandlungen und gemeinsames handelspoliti sches Auftreten gegenüber dritten Staaten. Damit würde sich dann eine mäßige und mit der Zeit abzu bauende Zwischenzoll-Linie für eine beschräntte Zahl von Produkten zwischen Deutschland und Österreich- Ungarn wohl vereinigen lassen. Ebenso wichtig wäre aber die wirtschaftliche Annäherung auf anderen Ge- bieten, von der wir schon oben sprachen. Hier hat der M i t t » l e u r op ä i f ch e W i r t s ch a f t s v e r e i n, der schon lange auf derartige Ziele hinarbeitet, in zäher, durch eine ganze Reihe von Jahren fortgesetzter An- strengung bereits wertvolle Vorarbeit geleistet. So hat er, teils mit größerem, teils mit geringerem Erfolge in beut Verhältnis zwischen Deutschland und Österreich- Ungarn bisher u. a. erstrebt: die Verbesserung der Tele Phonverbindungen, die Organisierung des Postüber Weisungsverkehrs, die Vereinheitlichung des Scheck rechtes, die Erwirkung eines Rechtshilfovertrages, die Vereinfachung der Zollformalitäten, ein gemeinsames Zollcecht, eine bessere Organisierung der Saisonwande
rungen der Arbeiter, die Verbesserung des Donauver- kehrs, die Vereinheitlichung der - Gütertransportbedin- gungen und ebenso auch des Rechtes der Gesellschaften mit beschränkter Haftung und der Bestimmungen gegen den unlauteren Wettbewerb und dergleichen mehr. Diese und ähnliche Bestrebungen müßten nun von beiden Seiten mit aller Energie ausgenommen, durchgeführt und auf weitere Gebiete erstreckt werden. Es Ware wünschenswert, zwingende Bestimmungen hierüber bereits in dem gemeinsamen Friedensvertrage nrederzu- legen. Ein weiteres wichtiges Band würde dre Organisation großer gemeinsamer wirtschaftlicher Unternehmungen, insbesondere rm vorderen Orient, in Afrika und in China bilden. Durch planmäßige Anwendungen aller dieser Mittel würbe dann in der Tat allmählich eine weitgehende Wirtschaft- liche Interessengemeinschaft und Gleichmäßigkeit zwi- scheu Deutschland und^Lsterreich-Ungarn eintreten und beide Staaten mehr und mehr zu einem einheitlichen Wirtschaftsgebiet zusammenwachsen.
Indes auch damit wäre die Entwicklung noch keines- wegs als abgeschlossen zu betrachten. Auch zusammen würden Deutschland und Österreich-Ungarn noch langst nicht die wünschenswerte Größe und Unabhängigkeit des Wirtschaftsgebiets besitzen und es wäre deshalb nach dem Anschluß weiterer Staaten zu trachten. In der gegenwärtigen Zeit so gewaltiger Umwandlungen erscheint die Meinung wohl nicht als utopisch, daß da mit der Zeit die Balkanstaaten und dre Türkei ebenso auch wie Holland und die skandinavischen Staaten es in ihrem Vorteil finden könnten, sich dem mitteleuropäischen Wirtschaftsblocke anzuschließen, nach Ausgang der gegenwärtigen Krlegserergnrsse wur- den dazu vielleicht noch andere, bisher feindliche Ge- bietsteile in irgend einer Form treten. Denken wir uns dann dazu noch.sjii großes Stuck von Afrika ms ergänzenden Kolonialbesitz hinzu, so tauchen vor Miseren Augen allerdings die Umrisse eines wahrhaft glanzenden Zukunftsbildes, eines gewaltigen neuen Weltwirtschaftskörpers auf, der bei giwßer Freiheit der Entwicklung und Entfaltung für ferne einzelnen Teile doch allen einzelnen Teilnehmern zu- gleich ungeheure Tätigkeitsfelder und außerordentliche Aussichten eröffnen würde. Preisen wrr uns glücklich, an einer derart gewaltigen Zukunftsaufgabe mit» arbeiten zu dürfen!__________
Der Unlerseebootskrieg.
Deutschlands Antwort auf Wilsons neue Vorschläge.
W. T.-B. Berlin, 1. März. (Nichtamtlich) Die deutsche Antwortnote auf die Vorschläge des Präsidenten Wilson ist heute dem amerikanischen Botschafter überreicht worden.
Die Note der verbündeten an die vereinigten Staaten lautet ablehnend.
BT. Genf, 1. März. (Eig. Drahtbericht. Ktr. Blnh Einer Meldung des „Temps" zufolge lautet die nach Washington zu richtende Antwortnote der Veroundeten hos- lick ablehnend. Die Verbündeten wurden samtnchen neutralen Staaten bekanntgeven, daß alle für Deuffchlcmd bestimmten oder aus Deutschland stammenden Frachtgüter der Beschlagnahme verfallen würden und etwaige Ent- schädigungen dem Prisengericht vorbehalwn bleiben. Leb. hafte Bewegung rief die durch die Beschlagnahme der „Dacia" eingeleitete Entscheidung in der Pariser ameriia. nischen Kolonie hervor, deren Spitzen in der amerikanischen Botschaft anfragten, welche Aufnahme das Nein der Der- kündeten in Washington finden würde.
Die Verbündeten lehnen den ttonvoi ab.
Br. Stockholm, 1. März. (Eig. Drahtbericht. Ktr. Bln.) Svenska Dagbladet" berichtet aus Paris: Es herrscht hrer
die allgemeine Auffassung, daß die Verbündeten kenre Art von Konvoi für Handelsschiffe dulden werden.
weitere feindliche Schiffe von einem deutschen Hilfskreuzer vernichtet.
Turin, ü März. Der „Stampa" wird aus Laudon tele- /xraphiert: Kabeldep eschen der Lloydagenten aus Gon-
cepcion in Chile zufolge habe der deutsche Hilfskreuzer „Prinz Eitel Friedrich" das große französische Segelschiff „Jean" und das große englische Segelschiff „Kildanton" in den Grund gebohrt, nachdem er deren gesamten Mannschaften gestattet hatte, sich in Sicherheit zu bringen.
Der englische ^la^genmiffbrauch.
Weitere holländische Stimmen.
Von der holländischen Grenze, 28. Febr. (K. Z.) Nach
einer abermaligen Erörterung der Ilaggenfrage hebt die „Nieuwe Rotterdamsche Courant" hervor, daß die vorsätzliche Verwendung von neutralen Flaggen auf englischer« Schiffen die niederländischen Schiffe in die Gefahr einer Verwechslung bringe, bei der sie dem Los ausgesetzt seien, das Deutschland den englischen Schiffen Wgedacht habe. Es ständen für die Niederlande größere Internen aus dem Spiel als solche, die bei dem gewöhnlichen KriegswagruS
